Bellt der Hund umsonst des Mondes Fackel an?

Ein Projekt in Graz machte „Aspekte der Religion zu Bildern der Kunst“ deutlich

Von Helmut SturmRSS-Newsfeed neuer Artikel von Helmut Sturm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Alte Testament überliefert an zentraler Stelle als zweites der Zehn Gebote das so genannte Bilderverbot („Du sollst dir kein Bildnis machen…“ Ex 20,5; Dtn 5,8). Dem zugrunde liegt die Einsicht, dass das Unsichtbare sich nicht in der Sprache des Visuellen adäquat fassen lässt. Freilich wird bereits in der Tora das Unfassbare in Kategorien des Visuellen beschrieben. Seither steht die Frage der Angemessenheit bildhaften Sprechens im Kontext von Religion und Gott im Raum.

Unter der Leitung von Johannes Rauchenberger und Birgit Pölzl hat das Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz in einem Projekt Literaten, Theologen und Kunstwissenschaftler aus verschiedenen Ländern Europas eingeladen, „Texte über Bilder aus der Kunstgeschichte zu verfassen, denen sie zutrauen, dass sie eine bestimmte Idee von Religion verdeutlichen oder eine neue Idee von Religion markieren.“ Was dabei unter „Religion“ verstanden wird, bleibt zwischen den nicht gerade konkreten Polen „umfassender Horizont bildlichen Weisens und Bedenkens“ und „Herzensangelegenheit“ im visuell Nebulösen. Dennoch dokumentiert der vorliegende Begleitband zur Ausstellung eine Vielzahl betrachtens- und lesenswerter Beiträge, die zusammen den ersten Satz des einleitenden Vorworts, „Bilder der Religion scheitern und sind gleichzeitig für deren Vorstellung notwendig“, trefflich charakterisieren.

Die Schriftsteller und Wissenschaftler (aus dem Bereich der Wissenschaft konnte keine Frau zur Teilnahme an dem Projekt gewonnen werden) haben Kunstwerke von der Antike bis zur Gegenwart von der Skulptur bis zur Videoinstallation als Gegenstände ihrer Auseinandersetzung ausgewählt. Einer, der Philosoph Eckhard Nordhofen, überschreibt seinen Artikel mit „Das wahre Bild“ und verzichtete konsequenterweise dabei auf die Präsentation einer Darstellung. Der Scherenschnitt, der trotzdem vor seinem Aufsatz abgedruckt ist, kann nur als ironische Illustration seiner These gelten – „Es gibt ein einziges wahres Bild. Die semantische Singularität schlechthin. Sie entspricht dem göttlichen Singular. Nur hier fallen das Dargestellte und das Darstellende zusammen.“

Prosa und Poesie, Erinnerung und Vision, Diskursivität und Nichtdiskursivität – die Texte zeigen einen spannenden Bogen von Möglichkeiten des Umgangs mit dem Thema. Da ist Navid Kermanis Lesart der Tafel neun der „Legende der heiligen Ursula“ (um 1492-1496). Der habilitierte Orientalist, dessen Betrachtung von Guido Renis „Kreuzigung“ Auslöser für die Turbulenzen um den Hessischen Kulturpreis waren, spürt den Emotionen Ursulas nach, die „erst zehn Freundinnen und dann elftausend Jungfrauen um sich scharte, sie zum Christentum bekehrte und im Kriegsdienst ausbildete“. Er fragt sich, ob der Name Ursula „damals schon so harmlos und hausbacken klang“. Von Ursula, die „sehenden Auges in die Katastrophe ging, sehenden Auges ihre Freundinnen mitnahm“ – so Kermanis Resümee – „sagt der Maler, was ihre Zeit, wir oder jedenfalls ich, […], mit fremden Regeln des Anstands und komischen Hosen, an ihr nie begreifen“. In vielen der Beiträge wird Bezug genommen auf das hermeneutisch Offene des Visuellen. Friederike Mayröcker schreibt zu zwei Bildern von Mimmo Paladino (aus „l’opera su carta 1970 – 1992“). Ihr Text dazu besteht aus zwei nummerierten Absätzen, die das Beschränkte des (An-)Blicks poetisch verdichtet paradox auch als ein Offensein für das Unendliche benennt. In ihrem ersten Absatz dominiert das Wort „vielleicht“ und endet mit der Aussage: „die Hunde bellen den Mond an, meinen, er will ins Haus steigen“. Der zweite Absatz Mayröckers ist geprägt durch ein „vermutlich“ und dem in Klammern festgehaltenen Ergebnis der Bildbetrachtung „der Hund bellt nur umsonst des Mondes Fackel an“. Da aber auch davon das Bild nichts zeigt, fehlt wieder alle Sicherheit. So ist es mit der Religion – das könnte die Aussage der Wiener Lyrikerin sein.

Der Grazer katholische Theologe und Kurator von „Kunst-Raum-Kirche“ in Innsbruck Gerhard Larcher schreibt über „Ein Tag in Tausend Jahren“, einer Rauminstallation in der Stiftskirche Wilten, Innsbruck, die am 7./8. Januar 2006 von Elke Maier und Georg Planer vorgestellt wurde. Er stellt fest, dass es sich dabei „um eine sehr wichtige und seriöse Aufstörfunktion zeitgenössischer Kunstkonzepte gegenüber der Tradition der Kirche“ handelt. „Aufstörfunktion“ fasst die Intention des gesamten Projekts gut zusammen. Es gelingt ihm zu zeigen, dass diese Funktion Religion und Kunst gemeinsam ist, und wir sie nicht übersehen sollten.

Kein Bild

Johannes Rauchenberger / Birgit Pölzl (Hg.): Mein Bild - Meine Religion. Aspekte der Religion zu Bildern der Kunst.
Wilhelm Fink Verlag, München 2007.
173 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783770545643

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