Die expressionistische Prostituierte

Frank Krause hat einen Sammelband zum Thema Expressionismus und Geschlecht herausgegeben

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Hartnäckige Forschungslücke[n]“ sind stets eine Herausforderung für die Wissenschaften – und gerade darum bei Forschenden gerne gesehen. Obgleich sie natürlich nach Kräften daran arbeiten, diese zu schließen.

Eine solche Lücke wurde nun hinsichtlich der „Formen“ ausgemacht, in denen „der Expressionismus auf Probleme der Identitäten und Beziehungen der Geschlechter reagiert“. Den Entdecker (oder sollte es etwa eine Entdeckerin sein) der Forschungslücke selbst auszumachen, erweist sich seinerseits als eine Aufgabe, die es zu lösen gilt. Dies aber ist leicht getan. Denn der Hinweis findet sich zwar in einem anonym publizierten Text, bei dem aber handelt es sich um die Vorbemerkung zu einem zweisprachigen Sammelband mit dem Titel „Expressionism and Gender / Expressionismus und Geschlecht“, der unlängst von Frank Krause herausgegeben wurde. Und was läge da näher als die Annahme, dass es eben der Herausgeber war, der die Vorbemerkung – und auch den ebenfalls anonym verfassten abschließenden Beitrag – geschrieben hat.

Jedenfalls heißt es in den Vorbemerkungen weiter, die „umfassende Erschließung“ des infrage stehenden Themas könne nur in dem Versuch bestehen, „das bestehende Epochenbild mit Hilfe einer Vielzahl kleinerer Schritte in unterschiedliche Richtungen kritisch zu ergänzen.“ Eben dies unternehmen die einzelnen Beiträge des Bandes, indem sie diverse Reaktionen des Expressionismus auf die zeitgenössischen „Probleme der Identitäten und Beziehungen der Geschlechter“ herausarbeiten – und zwar, wie man vorwegnehmen darf, ungeachtet einiger qualitativer Unterschiede, insgesamt erfolgreich. Dabei stellen die meisten AutorInnen zwar insbesondere den literarischen Expressionismus ins Zentrum ihrer Betrachtungen, doch bleiben auch andere Kunstformen, wie etwa der Film oder die Malerei nicht ganz außen vor.

Dass sie „kein einheitliches Bild des Expressionismus zeichnen“ können, versteht sich. Im Ganzen, so resümieren bereits die Vorbemerkungen, lassen es die Ergebnisse der Beiträge sinnvoll erscheinen, das Augenmerk künftig vor allem auf „drei Spielarten der Problematisierung von Geschlechterpositionen im Expressionismus“ zu richten: auf die „symbolisch bedeutsame Überschreitung von geschlechtsspezifischen Handlungsspielräumen“, sodann auf die „Destabilisierung von geschlechtermarkiertem Sinn durch das Ausharren in widersprüchlichen Perspektiven“ und schließlich auf die expressionistische „Darstellung des Sinnverlusts von Sexualität“.

Etliche der Beiträge befassen sich mit expressionistischen Reaktionen auf einen ganz bestimmten Bereich der seinerzeitigen Geschlechterverhältnisse und der Sexualität: die Prostitution. Christiane Schönfeld weist sogar bereits im Untertitel ihres Beitrages darauf hin, dass „the Representation of Prostitutes in Expressionism“ im Zentrum ihres Textes steht. Ulrike Zitzlsperger wiederum thematisiert nicht nur, dass und wie die expressionistische Literatur Prostitution verarbeitete, sondern auch die Darstellung von Prostituierten und Freiern in der bildenden Kunst. Hierzu unterzieht sie Ernst Ludwig Kirchners 1914 entstandenes Gemälde „Potsdamer Platz“ einer genaueren Betrachtung und macht darauf aufmerksam, dass „Kirchners Kokotten trotz ihrer raumbeherrschenden Präsenz nicht von der gesellschaftlichen Disposition, die den Hintergrund – der Platz, die Freier – dominiert, zu trennen [sind].“

Zwar nehmen Überlegungen zur Prostitution auch in den – wie gesagt vermutlich vom Herausgeber verfassten – Nachbemerkungen einen prominenten Platz ein. In seinem namentlich gekennzeichneten Beitrag befasst er sich jedoch am Beispiel „gerettete[r] Mütterlichkeit“ mit der „Symbolik ambivalenter Geschlechter-Inszenierungen in der expressionistischen Moderne“. Ermutigt fühlt er sich hierzu durch einen vor einigen Jahren erschienenen Aufsatz von Christine Kanz, in der die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Tendenzen der literarischen Moderne herausarbeitet, die Mutteridealisierungen betrieben.

Kanz selbst eröffnet den Band mit einem Beitrag, der unter dem Titel „Der Dichter, der Künstler, das Leben und der Krieg“ verschiedene „männliche Gebärphantasien“ bei Ernst Weiß, Ernst Jünger, Franz Kafka und Max Beckmann unter die Lupe nimmt. Der Text fußt auf einigen Abschnitten ihres kürzlich unter dem Titel „Maternale Moderne“ erschienenen Buches über „[m]ännliche Gebärphantasien zwischen Kultur und Wissenschaft“.

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Frank Krause (Hg.): Expressionism and Gender.
V&R unipress, Göttingen 2010.
193 Seiten, 30,90 EUR.
ISBN-13: 9783899717174

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