Erzählen konnte sie das niemandem

Walter Kappacher seziert in „Rosina“ die Arbeitswelt der 1970er-Jahre und liefert ein Bravourstück subtiler Introspektion

Von Julia IlgnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Julia Ilgner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Aus Rezensionen habe ich, glaube ich, nichts gelernt; später haben die nur noch die Handlung nacherzählt, Sprache spielt ja gar keine Rolle mehr heutzutage.“ Dieses wenig erbauliche Resumée zog der österreichische Schriftsteller Walter Kappacher in einem Radioporträt des ORF, Rückschau haltend auf die Wahrnehmung seiner Werke in der Öffentlichkeit.

Umso erstaunter dürfte der 70jährige Autodidakt gewesen sein, als die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung im vergangenen Jahr gerade den „poetischen Realisten“ Kappacher „für seine hoch musikalische, feinst komponierte und trotzdem gelassene, gleichsam atmende Prosa“ auszeichnete. Dass beides, Inhalt wie Form, sich nicht ausschließen, nicht feindlich gegenüber stehen muss, sich vielmehr bedingt und im Zusammenspiel zur Perfektion gerinnt, zeigt sich bereits in seinen frühen Erzählungen. Zu diesen zählt die Geschichte Rosinas, die erstmals 1978 im Klett-Cotta Verlag Stuttgart erschien. Dass „Rosina“ in leicht veränderter Fassung und mit einem Nachwort von Armin Ayren versehen eine Chance zur Wieder- beziehungsweise Neuentdeckung erhält, ist dem Deuticke Verlag zu verdanken, der derzeit die im Buchhandel vergriffenen Werke Kappachers neu auflegt. So erweist sich die Lektüre „Rosinas“ in doppelter Weise als reizvoll, gilt es doch nicht nur, nach dem „Fliegenpalast“ (2009) endlich einen „Neuen Kappacher“ zu lesen, als vielmehr den heutigen Schriftsteller als Jungautor überhaupt kennenzulernen.

Beides kann die Novelle leisten, insofern sie als Geschichte um Selbstverlust und Innewerdung eines Menschen thematisch an andere Romane anknüpft, in ihrer eindringlichen Schilderung eines seelischen Verfalls jedoch von bisher seltener Tiefe und Intimität ist – und das, obschon die Fabel rasch erzählt ist. Rosina Schindlauer, Protagonistin und titelgebende Figur, wächst als Tochter einer alleinerziehenden Mutter in Saalfelden im ländlichen Pinzgau auf. Zur jungen Frau gereift, wird ihr Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit immer größer. So lässt sie ihre behütete Heimat hinter sich und zieht in die Stadt, die unschwer als das Salzburg der 1970er-Jahre zu erkennen ist. Nach eher kläglichen Anfängen in einem Reisebüro erhält sie eine Anstellung als Bürokraft bei „Ford-Fellner“ und avanciert in Kürze, dank der zweifelhaften Interessen des Firmenchefs, zur persönlichen Assistentin desselben.

Einmal erwählt, setzt sie alles daran, die Stellung und die allmählich, nicht zuletzt durch ihre Affäre errungene Autorität zu behalten. So mutiert der Rat Fellners, „Machen Sie sich unentbehrlich“, zur Obsession. In ihrem Wahn, alles selbst erledigen zu wollen, reißt sie zunehmend mehr Aufgaben an sich. Bald überfordert die Tätigkeit sie völlig und eine langjährige Leidensgeschichte beginnt, die nur jäh und durch Zufall ihr Ende findet.

In einzelnen Etappen zeichnet Kappacher das Psychogramm einer Frau, die nur noch für den Beruf lebt und daran psychisch und physisch zugrunde geht. Als pathologisches Stück, das unverhohlen vorführt, was ein Mensch bis zum Äußersten zu leisten im Stande ist, schreibt sich „Rosina“ in eine Tradition literarischer Vorbilder ein. Analogien bestehen sowohl zum weiblichen Entwicklungs- und Bildungsroman, der eine gescheiterte Emanzipation (oder den Versuch derselben) aufzeigt – zu denken wäre etwa an die Romane Irmgard Keuns („Das kunstseidene Mädchen“, 1932) – als auch zu den klassischen Geschichten des „gefallenen Mädchens“, von Gustave Flauberts „Madame Bovary“ (1857) bis zu Arthur Schnitzlers „Therese“ (1908). Überhaupt fühlt man sich bei dieser minuziösen Schilderung der Büro- und Arbeitswelt des florierenden Nachkriegsösterreich, wie sie etwa auch bei Thomas Bernhard oder Walter E. Richartz Niederschlag findet, unterschwellig an die sozialkritischen Gesellschaftsdramen der Jahrhundertwende erinnert.

Der Gefahr, die dem Sujet sowie dem schematischen Handlungsraster innewohnt („Hübsches, junges Mädchen vom Land erliegt den Verführungen großstädtischen Lebens“), begegnet Kappacher mit erzählstrategischer Umsicht. Er vermeidet es, die Retrospektion als intim-emotionale Erinnerung gänzlich aus der Sicht der betroffenen Figur zu schildern. Einer Monoperspektive in Ich-Form wird ein personales Erzählen entgegengesetzt, das zwar mittels erlebter Rede Annäherung und Einfühlung erlaubt, jedoch zugleich Distanz zur Figur und deren Selbsteinschätzung wahrt. Auch erfolgt die Rückschau nicht rein chronologisch in linearem Erzählfluss. Vielmehr vermischen und verwischen sich die Zeitebenen und ältere Erinnerungsbilder schieben sich vor jüngere. Mitunter scheinen Träume auf und Reflexionen treten hinzu, sodass sich die Erinnerung im Fragmentarischen zu verlieren droht. Dabei bleibt der Erzähler immer präsent, als ein Spielleiter, der hinter den Kulissen souverän die Fäden zieht. Die Wirkung beim Leser, der Eindruck, dass sich in der Erinnerung die Jahre zu einem Bündel des Leidens verdichten, ist einem narrativen Kunstgriff zu verdanken, den die Literaturwissenschaft als „iterative Frequenz“ bezeichnet.

Rosinas Qual resultiert aus der Permanenz ihrer Überlastung und der Gleichförmigkeit ihres Alltags. Die Tage verschmelzen in ihrer Monotonie in eins. Kappacher verzichtet allerdings darauf, die ewig gleichen Abläufe wieder und wieder zu schildern. Vielmehr wählt er Einzelnes aus, um dieses einmal oder von Mal zu Mal präziser und plastischer zu gestalten. Einzelne Episoden gewinnen so an ungewohnter Suggestion. Scheinbar nebensächliche Schilderungen von Details und Situationen sind hochgradig semantisiert. Etwa wenn Rosina, nachdem Fellner sie rituell „immer donnerstags nach seinem Tennismatch […] den Trenchcoat über dem Dress“ besucht, allein in Ihrem Apartment zurückbleibt und ihren Gedanken nachhängt: „Wenn er gegangen war, war es leer im Raum, sie spürte noch seine Hände an ihrem Leib, sein Geruch war noch in der Luft, sie knipste dann den Fernseher an. Liebte er sie? War das die Liebe? Wie unerfahren sie war! […] Im Bad steckte in einem Glas eine Zahnbürste, noch in Cellophan, die hatte sie für ihn gekauft, aber er hatte sie nie benutzt“.

Mit dem Motiv der einzelnen, unberührten Zahnbürste gelingt dem Erzähler ein Stimmungsbild, das die ganze Tristesse von Rosinas Dasein einfängt. Es gerinnt zum Symbol ihrer Einsamkeit, ohne Rosinas Stimme die Skala klagender Larmoyanz erklimmen zu lassen. Das szenische Erzählen als Ausleuchten einzelner Momente kommt darüber hinaus den Figuren selbst zugute. Weder wird Rosina als tragende (und tragische) Figur verabsolutierend individualisiert, noch geraten die übrigen Akteure zu bloßen Stereotypen.

So ist der zweifellos wenig altruistisch handelnde Fellner auch nicht auf die Rolle des Täters und Ausbeuters zu reduzieren, unter dessen Joch „Röslein“, wie er sie nennt, zu leiden hat. Angebote, in die sich durchaus echte Sorge mischen, lehnt sie kategorisch ab: „Immer wieder hatte Fellner ihr gesagt, sie arbeite zu viel, sie solle abends nicht so lange in der Firma bleiben. Einmal hatte er gefragt: Schaffst du es auch allein? Warum hatte sie damals nichts gesagt“.

Die authentische Darstellung auch der Nebenfiguren verdankt sich also einer Erzählweise, die auf Differenzierung setzt. In Rosinas Rückschau werden ihre Mitmenschen, seien sie aktiv Beteiligte oder lediglich stumme Zeugen ihres Niedergangs, lebendig, indem sie respektive der Erzähler ihnen Stimmen verleiht. Rosina erinnert sich – an Situationen, geschäftliche Unterweisungen, intime Gespräche und Kommentare von Dritten. Und sie erinnert sich nicht nur an die gewechselten Worte und Inhalte, sondern lässt durch die Wiedergabe des Salzburger Idioms, das für urbanen Chique einsteht, die dialektale Färbung der Provinz oder das Fachvokabular der Bürowelt die jeweiligen Vertreter akkustisch hervortreten. So wird etwa in Fellners indiskret-vertraulicher Frage an seine junge Angestellte „Was würdest Du sagen, wenn ich dich besuchen käme? Er habe gedacht… Magst du mich denn ein bisschen, Röslein?“, die Scham und der Intimitätsverlust offenbar, den Rosina durch das unzweideutige Angebot erleidet.

Mit ihrem Einverständnis und der Liebesbeziehung zum Chef, die schon nach kurzer Zeit alles Geheime und Reizvolle einer Affäre verliert, setzt eine Entwicklung ein, an dessen Ende der totale Ichverlust der Haupftigur steht. Die Verquickung von Beruf und Privatem dynamisiert noch den Zustand permanenter Überlastung. Am Ende ist Rosina selbst Teil des allgemeinen administrativen Beschleunigungsprozesses. Der Stress lagert sich in ihrem Verhalten und in ihrer Persönlichkeit ab. Schmerz wird ein ständiger Begleiter, den sie immer öfter mit Medikamenten und bald auch mit Alkohol zu betäuben sucht. Alles wird nun unter dem rigiden Diktum des Uhrzeigers betrachtet, selbst die Beziehung zu Fellner bleibt davon nicht unbelastet: „Auch der Chef hatte Zeit verschwendet. Wenn er ihr umständlich etwas erklärte, hatte sie ihn unterbrochen und ihm das nächste Schreiben vorgelegt. […] Er nannte sie im Büro nicht mehr seinen Sonnenschein oder Engel, berührte auch nicht mehr ihre Knie, und sie fand das in Ordnung, Zeitverschwendung vertrug sie nicht.“

Dass Rosina immer wieder auch Momente des Innehaltens hat und ihre Situation reflektiert, legt die eigentliche Tragik der Geschichte offen. Sie fügt sich keinesfalls naiv-treuherzig, ja kritiklos in die Rolle der ewigen Geliebten, versucht wiederholt, ihrer Rolle und dem oktroyierten Verhaltensmuster zu entkommen. Doch alle Pläne, ihr Leben zu ändern, erweisen sich schließlich als Traumgespinste: „Sie dachte daran, eine große Reise zu machen, eine Studienreise, vielleicht nach Frankreich zu den Loire-Schlössern – öfter hatte sie schon gehört, dass man auf solchen Reisen Menschen kennenlernte.“ Doch nach Frankreich gelangt Rosina nie.

Die ganz und gar ambivalente Zeichnung der Figur ist es, die Rosinas Geschichte vom Einzelschicksal ins Paradigmatische hebt. Im Zusammenspiel von innerer Zerrissenheit und gleichzeitig unerschütterlicher Leidensbereitschaft ersteht ein Seelenbild von seltener Intensität, das Kappacher zum pathologischen Stück formt. Dass ihm dies trotz der Nähe zu Sentimentalismus und Rührstück gelingt, ist der Rolle zu verdanken, die seine Sprache spielt. Bei Walter Kappacher eine ganz große.

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Walter Kappacher: Rosina. Erzählung.
Mit einem Nachwort von Armin Ayren.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2010.
128 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783552061477

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