Erzählungen als Lernfundus

Über den Umgang mit Erinnerungen und Erzählungen aus der Nazizeit informieren Christian Gudehus Buch „Dem Gedächtnis zuhören“ sowie „Heldenkinder – Verräterkinder“ von Eva Madelung und Joachim Scholtyseck

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Einem sehr speziellen Thema wendet sich Christian Gudehus in seinem Buch „Dem Gedächtnis zuhören. Erzählungen über NS-Verbrechen und ihre Repräsentation in deutschen Gedenkstätten“ zu. Gudehus interessiert sich für die ,Erzählungen‘ der Führerinnen und Führer (,Guides‘ nennt er sie in seiner Untersuchung) in den Gedenkstätten, die die nationalsozialistische Vergangenheit, zumeist an den Orten des Terrors, den Konzentrationslagern, thematisieren: „Ich habe Menschen zugehört“, erläutert er einleitend, „die offiziell mit der Aufgabe betreut sind, Geschichte zu erzählen.“ Diese „Führungserzählungen“ aus den Gedenkstätten in Ravensbrück, Dachau, Neuengamme sowie dem Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin hat Gudehus aufgezeichnet und analysiert. Neben naheliegenden Fragen nach den Inhalten der „Führungserzählungen“, der Art ihrer Erzählweise sowie ihrem Verhältnis zur „zeitgenössischen Gesellschaft“, steht der Aspekt der „Führung als Ort des kulturellen Gedächtnisses“ im Mittelpunkt des Untersuchungsinteresses.

Gudehus bettet die Analyse der „Führererzählungen“ in den Kontext einer Betrachtung zur Bedeutung der Gedenkstättenarbeit und den Formen ihrer Arbeit ein. Für die Repräsentanz in Form der Führungen benennt er Rahmenbedingungen, zu denen beispielsweise die „Angemessenheit in Bezug auf das Thema“, die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit gegenüber den Gedenkstätten oder auch das jeweilige Selbstverständnis der Guides gegenüber den Besucherinnen und Besuchern („Ich bin Experte!“) gehören.

Alle von Gudehus analysierten Führungen enthalten in unterschiedlicher Gewichtung drei „Kernerzählungen“. Da ist zunächst die „Erzählung des Geschehens in den Lagern“. Mit ihr verbunden ist die „erklärende Darstellung des Holocaust/Nationalsozialismus“. Ein drittes Element ist die „Erzählung der Repräsentation“. Gemeint sind hier die Verweise auf die Dokumente, Fotos, Filme, Mahnmale, Gebäude, rekonstruierte Baracken und anderes mehr, mit denen die Gedenkstätten sich präsentieren.

Gudehus schärft mit seiner Untersuchung den Blick auf die gängige Praxis der Gedenkstättenarbeit. Sie liefert insbesondere den Fachleuten Material zur kritischen Überprüfung derselben.

Eine ganz andere Bedeutung haben die Erzählungen aus der nationalsozialistischen Vergangenheit für die Nachkommen der in dieser Vergangenheit lebenden Menschen. Führte noch die aggressive Forderung der ersten Generation der Nachkommen nach Informationen zum Verhalten ihrer Eltern in der Nazidiktatur zu einer Verhärtung der Verdrängungshaltung, so wurde für die Jüngeren vielfach eine anderen Entlastungsformel populär: „Mein Opa war kein Nazi!“

Insofern diese individuellen Entlastungserzählungen Teil eines gesellschaftlichen Einverständnisses waren, wurden sie zu einer weiteren Belastung für die Nachkommen der Opfer. Sie gerieten allein durch ihre andersgeartete Erinnerung in eine latente Rechtfertigungssituation.

Das betrifft auch die Kinder, deren Eltern im Widerstand gegen die Nazis aktiv waren. Der Titel des Buches von Eva Madelung und Joachim Scholtyseck, das 15 Interviews mit Kindern von Widerständlern versammelt, macht deutlich, in welcher Polarität sie ihre Erinnerung und damit ihre Identität zu behaupten hatten: „Heldenkinder – Verräterkinder“.

Die Interviews wollen zunächst auch, so führt Eva Madelung zum „Verständnishintergrund“ des Buches aus, „Dokumente der Zeitgeschichte“ sein. Aus Sicht des Historikers erläutert deshalb Joachim Scholtyseck in einem weiteren Kapitel, wie diese „Informationen aus zweiter Hand“ quellenkritisch einzuordnen sind.

Vor allem wollen die Interviews aber „einen Überblick über die psychischen Zusammenhänge“ in den Familien verschaffen. Der familientherapeutische Ansatz, den die Interviews verfolgen, kann dabei, anders als die das Individuum ins Zentrum rückende Psychoanalyse, einen „Bindungszusammenhang innerhalb einer Familie oder einer größeren Gruppe“ hervorheben. So können „innere Haltungen und Verhaltensweisen“ betrachtet werden, die „verhindern, dass Hass- und Rachegefühle über Generationen weitergetragen werden und neues Unheil stiften.“

Mit diesem Anspruch verfolgen die Interviews auch eine politisch-aufklärende Funktion. Die subjektive Erinnerung wird Teil einer Erzählung, die das Vergangene kritisch aufzuarbeiten in der Lage ist, um daraus – durchaus auch in einem pädagogischen Sinne – Lehren ziehen zu können.

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Christian Gudehus: Dem Gedächtnis zuhören. Erzählungen über NS-Verbrechen und ihre Repräsentation in deutschen Gedenkstätten.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2006.
256 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-10: 3898615685
ISBN-13: 9783898615686

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Titelbild

Eva Madelung / Joachim Scholtyseck (Hg.): Heldenkinder Verräterkinder. Wenn die Eltern im Widerstand waren.
Verlag C. H. Beck, München 2007.
308 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783406563195

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