„Ihr Hunde, warum tragt ihr diesen Firlefanz?“

Chil Rajchmans Augenzeugenbericht über das Vernichtungslager Treblinka

Von Christian RinkRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christian Rink

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Beim Lesen dieses schmalen Bandes läuft man Gefahr, ohne die Flucht in Metaphern und Metaphysik den Glauben an den eigenen Verstand zu verlieren. Was lässt sich über eine Erzählung schreiben, die einen in der sprachlichen Ausformung des Unbeschreiblichen und dennoch Realen trifft? Das Buch „nimmt einem den Atem und raubt einem die Stimme“, wie es ein Leser im Internet festhält. Wie kann man etwas besprechen, das einen verstummen lässt?

Chil Rajchmans Augenzeugenbericht schildert aus der Perspektive eines ehemaligen Häftlings Leben und Sterben im Vernichtungslager Treblinka. 1914 in Łódź geboren, wurde er 1940 ins Warschauer Ghetto gesperrt, aus dem ihm die Flucht nach Ostrów Lubelski gelang. Von dort wurde er jedoch im Zuge der „Aktion Reinhard“, ebenso wie die restliche jüdische Bevölkerung des Ortes, nach Treblinka gebracht. Rajchman hat seine Erinnerungen der nahezu einjährigen Gefangenschaft im Vernichtungslager wohl Ende 1943 nach seiner Flucht im Zuge des Häftlingsaufstandes im August 1943 aufgezeichnet. Das Manuskript blieb lange unveröffentlicht. Nach seinem Tod 2004 verwirklichten seine Söhne Rajchmans Wunsch, seine „Aufzeichnungen für die Nachwelt“ der Öffentlichkeit zu übergeben. 2009 wurde das Buch endlich in elf Ländern publiziert und seitdem als ebenso authentisches wie klar und nüchtern geschriebenes Zeitdokument gewürdigt.

Sein Bericht ist in kleine Kapitel unterteilt, die Auskunft geben über den Aufbau des Lagers und das Ausmaß eines Alltags der Demütigungen, Qual, Entmenschlichung und des Mordes. Rajchman wurde dazu gezwungen, als „Friseur“ und „Zahnarzt“ zu fungieren: was das bedeutet sollte jeder vernünftige Mensch selbst im Buch nachlesen, wie ohnehin jeder das Buch lesen sollte.

Die Szenen, die in dem Buch beschrieben werden, vor allem das ständige Auspeitschen, reihen sich ein in eine immens große Anzahl an erschreckenden Bildern und Schilderungen des Vernichtungsfeldzugs NS-Deutschlands, die den Leser nicht loslassen. Er wird wohl niemals die Fotografien schwangerer Frauen, Mütter und Kinder vergessen, die in der Schlucht von Babi Yar nackt und hilflos fotografiert und verhöhnt wurden, bevor sie erschossen und verscharrt wurden. Man kann die Stimme Hans Hofmeyers, Richter im Frankfurter Auschwitzprozess, niemals wieder vergessen, der in der Urteilsbegründung unter Tränen vom Tod kleiner Kinder berichtet und daran scheitert, mit Worten zu schildern, was sich hinter den Begriffen Konzentrationslager, Vernichtungslager und Auschwitz verbirgt. Was kann man aus diesen Worten, Bildern und aus Rajchmans Buch lernen? Wie berechtigt ist die Hoffnung, daraus mehr lernen zu können, als dass es eine Totalität des Verbrechens gibt, die sich jedem Verständnis widersetzt. Gleichzeitig haben wir als Nachgeborene diesen Schrecken zu bewahren und seine Ausmaße offenzulegen und zu kontextualisieren. Wer aber kann die Tat erklären, die die folgenden Sätze aus Rajchmans Bericht beschreiben: „Er hält einen Häftling an, der gerade vorbeikommt, und schneidet ihm mit einem Messerhieb ein Ohr ab. Das Blut fließt, der Jude schreit, aber er muss sofort mit der Trage weiterlaufen.“ Wer kann erklären, wieso Menschen derart gequält, gepeitscht und verhöhnt werden?

Rajchmans Bericht ist wertvoll, weil er die Wirklichkeit schonungslos und nüchtern und damit mit großer Sprachmächtigkeit schildert und sie so – auch durch die von der Herausgeberin beigefügten lehrreichen Abbildungen, Lagerplänen und Fotos – aus der metaphysischen Unschärfe herausholt und beschreibbar macht. Begreifbar jedoch nie. Als Firlefanz bezeichneten die Wachleute in Treblinka übrigens tote Kinder.

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Chil Rajchman: Ich bin der letzte Jude. Treblinka 1942/3. Aufzeichnungen für die Nachwelt.
Übersetzt aus dem Französischen von Ulrike Bokelmann.
Piper Verlag, München 2009.
155 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783492053358

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