„Der Mensch, das kranke Tier“

Pornografie und Politik: Susan Sontags erstmals vollständig übersetzter früher Essayband „Gesten radikalen Willens“

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die 1960er-Jahre waren eine laute Zeit. Gerade in den USA, vor dem Hintergrund von Vietnamkrieg, Rassen- und Studentenunruhen und einer aufblühenden Popkultur. Zahlreiche Protest- und Bürgerrechtsbewegungen kämpften gleichzeitig um Gehör. Ein großes Getöse also – in dem sich auch eine junge Essayistin zu Wort meldete und an den Wert des Schweigens in Kunst und Philosophie erinnerte. Denn gerade die Absage an die Gesellschaft, der selbstgewählte Rückzug ins Schweigen sei paradoxerweise eine „höchst gesellschaftliche Geste“, wie es in dem Text „Die Ästhetik des Schweigens“ heißt.

Die „Entscheidung, dauerhaft zu schweigen, […] verleiht dem, was abgebrochen wurde, rückwirkend zusätzliche Kraft und Autorität – das Abrücken vom Werk wird zu einer neuen Quelle der Gültigkeit, einem Zertifikat für unanfechtbaren Ernst. […] Schweigen ist die umfassendste Erweiterung jenes Widerstrebens, in Kommunikation zu treten, jener Ambivalenz gegenüber einem Kontakt mit dem Publikum, die eines der zentralen Motive moderner Kunst ist, […] durch Schweigen befreit […] sich (der Künstler) von der servilen Knechtschaft der Welt gegenüber, die als Auftraggeber, Kunde, Konsument, Antagonist, Schiedsrichter und als Ursache der Entstellung seines Werks erscheint.“

Nur wenige der darin genannten Künstler und Denker hätten sich für immer in die Stille zurückgezogen, räumt die Verfasserin dieser Schrift ein, viele hätten bald schon um so mehr veröffentlicht. Auch die junge Susan Sontag war zum Schweigen viel zu produktiv und ehrgeizig. Der bedeutendste Teil ihres umfangreichen Werkes sind ihre frühen Essays, die zu viel beachteten Wegmarken des intellektuellen Diskurses wurden.

„Styles of Radical Will“ – „Gesten radikalen Willens“ – überschrieb sie 1969 ihre zweite Essaysammlung, die nun erstmals vollständig auf Deutsch übersetzt vorliegt. Sie war nicht minder einflussreich wie ihr berühmtes Debüt „Against Interpretation“ (auf deutsch unter dem Titel „Kunst und Antikunst“). Ende der 1950er-Jahre war Sontag als allein erziehende Mutter nach New York gezogen. Mit ihrem unstillbaren Erfahrungshunger und einer schier grenzenlosen Energie eroberte sie die dortige Kunst- und Literaturszene im Sturm. Ihre Texte elektrisierten und provozierten das intellektuelle Establishment gleichermaßen. Die im Jahr 2004 verstorbene Essayistin polarisierte, weil sie die Spielregeln der Hochkultur verletzte: Ihre Texte begeisterten sich, damals unerhört, für Phänomene der Massen- und Subkultur und verbanden Film- und Literaturkritik mit politischem Engagement.

Geradezu revolutionär war etwa Sontags Text über „Die pornographische Phantasie“. In den puritanischen USA galten die Konsumenten von Pornografie als therapiebedürftig, pornografische Werke als Schmuddelkram, der keiner eingehenderen Beschäftigung wert war. Daher war Sontags Behauptung, dass es eine anspruchsvolle pornografische Literatur gebe, die ästhetisch aufregender sei als Werke der Hochkultur, fast schon tollkühn. Einer ganzen Generation verstockter amerikanischer Literaturkritiker erteilte sie Aufklärungsunterricht und erklärte ihnen, warum die Lektüre von Romanen wie „Die Geschichte der O“ nicht nur ausgesprochen lustvoll, sondern auch intellektuell wertvoll ist: weil solche Werke über das Medium der Sexualität Fragen nach Identität, Selbstbewusstsein und ihren Abgründen auf radikalere Weise thematisierten als viele Romane großer Autoren. Dabei weiß man erst seit der Veröffentlichung der frühen Tagebücher Susan Sontags, wie sehr diese Fragen auch ihre eigene Sexualität prägten.

„Irgendetwas an der Sexualität des Menschen, zumindest an der des zivilisierten Menschen, ist nachweislich von Grund auf widersprüchlich und verwirrend. Der Mensch, das kranke Tier, spürt in sich einen Drang, der ihn in den Wahnsinn treiben kann. Dieses Verständnis der Sexualität als einer Macht jenseits von Gut und Böse, jenseits der Liebe und jenseits der geistigen Normalität, der Sexualität als Quelle der Qualen und Mittel zur Überwindung der Grenzen des Bewusstseins ist das Kennzeichen der französischen Bücher, von denen hier die Rede war.“

Sontags scharfsinnige, stilistisch glänzende Essays über Film oder Theater zeigen das immense Wissen der leidenschaftlichen Cineastin. Scheinbar mühelos werden von ihr die damals neuesten Arbeiten von französischen Avantgarderegisseuren mit Theoretikern der deutschen Stummfilmära kurzgeschlossen. Diese Texte sind aber ebenso Teil von Sontags Gesellschaftskritik. Politik und Kultur der USA waren für diese Verehrerin europäischer Kunst wenig mehr als ein Anlass zur Scham. Sontag betrachtete die für die Welt gefährliche Aggressivität der USA nur als die Kehrseite der herrschenden Trivialkultur. In dem Text „Was in Amerika geschieht“ beschreibt Sontag eine barbarische Supermacht, deren Grundlage der Völkermord an den Indianern und die Versklavung der Schwarzen ist. Und die tödlich erkrankt ist an Moralismus, den Glauben an Gewalt und ein unheilvolles Sendungsbewusstsein. Diese mit Blick auf die Politik der Bush-Regierung verblüffend aktuell anmutende Analyse wurde zu einem Gründungsdokument der amerikanischen neuen Linken. 1968 besuchte die Friedensaktivistin Nordvietnam. Dort allerdings musste sich Sontag eingestehen, wie schwer ihr das Leben im kommunistischen Hanoi fiel und wie sehr sie doch selbst ein Geschöpf der westlichen Kultur war.

„Nach diesen ersten Tagen zu urteilen, glaube ich, dass es hoffnungslos ist. Es gibt eine Barriere, die ich nicht überwinden kann. […] Mein Bewusstsein, das in jener ‚großen‘ Kultur ausgebildet wurde, ist ein Geschöpf mit vielen Organen, gewöhnt daran, von einem Strom kultureller Güter genährt zu werden, und infiziert mit Ironie. Während ich nicht meine, dass es mir an moralischem Ernst fehlt, weigere ich mich, mir meinen Ernst glattbügeln zu lassen; ich weiß, dass ich mir reduziert vorkäme, wenn darin kein Platz wäre für seine Widersprüche und Paradoxien, ganz zu schweigen von seinen Ablenkungen und Zerstreuungen. Auf diese Weise halten mich die gefräßigen Gewohnheiten meines Bewusstseins davon ab, mich mit dem zufrieden zu geben, was ich am meisten bewundere, und binden mich – bei all meinem Wüten gegen Amerika – fest an das, was ich verdamme. Was für eine ‚amerikanische Freundin‘!“

Es sollte eine ganze Weile dauern, bis diese „amerikanische Freundin“ Zugang zu einer Gesellschaft gewann, die anders als die westliche nicht auf Schuld, sondern auf Scham basiert. Susan Sontag entdeckt herzliche Menschen, die trotz des amerikanischen Bombenhagels Hass nicht zu kennen scheinen. Und die sich offenbar ehrlich darüber wundern, warum ihr Gast für sein Heimatland nicht ebenso patriotische Gefühle hegt wie sie für das ihre.

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Susan Sontag: Gesten radikalen Willens. Essays.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2011.
345 Seiten, 9,99 EUR.
ISBN-13: 9783596189458

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