Ich werde plötzlich dumpf, erbreche draußen

Armin Mohler berichtet über seine Jahre mit Ernst Jünger

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt Bücher, die sind so überflüssig wie erhellend, und beides aus dem gleichen Grund. Armin Mohlers Tagebuchaufzeichnungen aus den ersten Monaten seiner Zeit als Sekretär Ernst Jüngers ist ein solches Buch.

Man kann leicht sagen, weshalb dieses Buch überflüssig, ja stellenweise unangenehm ist. Wo, wie in diesem Fall, äußere Geschehnisse weitgehend fehlen, kommt es um so mehr auf die Substanz der Gedanken an - seien es die des Tagebuchschreibers, seien es die der Personen, denen er begegnete. Hier indessen sind private Nebensächlichkeiten gesammelt, die selbst den voyeuristischen Teil der Öffentlichkeit kaum interessieren dürften. So begab sich am Sonntag, dem 25. Oktober 1949, folgendes: "EJ verlor am Morgen Socken im Zimmer in unserem Hotel. Sucht lange vergeblich. FGJ kommt und findet sie sogleich."

Erfährt man hier immerhin, wie nett Friedrich Georg Jünger dem Bruder Ernst half, so bleibt vieles gattungsbedingt derart vage, dass der Informationswert gleich Null ist: Zum Beispiel bei der Lektüre Benns scheint Jünger "doch Einzelnes gefunden zu haben. Spricht von einzelnen Sätzen, die ihn berührt." Aber was? - Ebenso wie solch ein Bekenntnis zu grammatischen Fehlern spricht für Mohlers Ehrlichkeit, dass er politisch bedenkliche Äußerungen seines Idols nicht unterschlägt. Da heißt es etwa: "EJ: er könnte kein Buch mit hebräischen Buchstaben in seiner Bücherei brauchen, es würde ihm alles durcheinander bringen." Oder: "Großes Gespräch über Atombombe als notwendiges Dezimierungsmittel. [...] Zwischendurch Bemerkung, Nazis hätten viel Richtiges gestreift (anläßlich Dezimierungsdiskussion)." Doch ist hier an die bruchlose Karriere Mohlers zu erinnern, der sich 1942 als Schweizer über die Grenze nach Deutschland schlich, um sich bei der SS zu bewerben, und der heute eine der wichtigsten Verbindungsfiguren zwischen Nationalkonservativismus und der extremen Rechten ist: Was offene Wiedergabe scheint, ist möglicherweise doch nur Rückzugsstellung, um die gegenwärtige Meinung aus vermeintlich guter Deckung publizieren zu können.

Jedenfalls geht es nur selten so deutlich zur Sache. Häufig wird orakelt: "Es warte noch viel zu Entdeckendes auf uns; der Tod werde uns noch viel zeigen"; häufiger noch wird gesoffen: "Nachtessen im Waldhorn zu dritt. 1 Flasche schwerer Franzosenwein (letzte Flasche), darum im Hotel Hildenbrand weiter, wo noch 4 Flaschen Château Neuf du Pape [...] Ziemlich angeschlagen zwischen drei und vier Uhr nach Hause." So geht 's fast im Wochenrhythmus und führt denn auch folgerichtig in den Zustand, den das hier titelgebende Zitat umreißt.

Wider Willen zeichnet Mohler das Bild eines tristen, nüchtern kaum erträglichen Daseins bei Ernst Jünger. Immerhin kann der junge Sekretär nun die Kasinogespräche nachholen, die ihm zunächst, als die SS ihn nicht wollte, entgingen; Erinnerungen, wie nach "Abenteuern" "Bericht" zu erstatten war: "jeder muß über seine Erfahrungen mit den Mädchen berichten." In solcher Stimmung lässt sich endlich auch Hitler verstehen: "Das Flache wohl vom Vater. Königliches Trigon in seinem Horoskop." Bei anderer Gelegenheit ist dann Jünger durchaus bereit zum Zugeständnis, dass er Hitler, den er nach einem Traum "Kniébolo" nennt, falsch eingeschätzt hat: "EJ erzählt, daß er, gestützt auf den Bericht in Lossbergs Buch, über das energische Eingreifen Kn. beim Zusammenbruch des Angriffs in Rußland doch das Urteil über diesen etwas geändert habe."

Das Reflexionsniveau solcher Gedanken ist so erbärmlich wie Mohlers Zeichensetzung. Die wenigen besseren Passagen besitzen inhaltliche Entsprechungen in Jüngers Essayistik und Tagebüchern, dort freilich präziser formuliert. So bleibt zu begründen, weshalb Mohlers Tagebuch dennoch auch erhellend ist: Man kann es, gegen die hagiographische Absicht des Verfassers, als ungewollte Analyse eines Sozialcharakters lesen. In dieser Hinsicht ist es geeignet, liebgewordene Vorstellungen zu relativieren.

Ein verbreitetes Klischee ist der soldatische Mann Theweleit'scher Prägung, der spätestens in der Kadettenanstalt lernte, sich zu panzern, und dem Emotionen nur noch als unwillkürliche Gewaltimpulse unterlaufen. Anders jedoch hier: Von straffer Haltung ist bedauernswert wenig zu merken. Die Nachbarschaft von angemaßter Höhe und peinlicher Vertraulichkeit zeigen der Vorbericht eines sonst ungenannten "P.W." und die abschließenden Ergänzungen Edith Mohlers, der Frau des Verfassers. In P.W.'s Sprache plaudert man nichts aus, sondern man "indiskretiert"; und Mohler ist kein bloßer Sekretär, wie bisher der Einfachheit halber behauptet wurde, sondern "Secretarius". Am Ende ist die Würde futsch, und Mohler zum "Arminio" geschrumpft, offenbar ein Cheruskerheld aus plumper Gattinnenperspektive.

Viele Leute saufen, kotzen und reden dummes Zeug. Manche davon führen auch Tagebuch. Erfreulich wenige publizieren es. Überhaupt verweist das Detail, mit dem hier der Leser belästigt wird, auf einen erschreckenden Kontrollverlust. Das 'Ich' weiß sich nicht mehr zu halten, und an die Stelle der Kampfgemeinschaft, die generationsbedingt bald schon auch in Erinnerungsform kaum mehr wiederhergestellt werden kann, tritt die Gemeinschaft rechtsintellektueller Schlüssellochgucker mit dem Veteranen, der ihnen die beste Blickmöglichkeit zeigt. Es ist, als habe die 68-er-Parole, dass das Private politisch sei, in herabgesunkener Form nun endlich die Rechte erfasst, die davon aber noch weniger vernünftigen Gebrauch zu machen versteht. Zur Lust am Exhibitionismus gesellt sich konsequent Wichtigtuerei: Der Veteran gibt sich, als wolle er mit dem zum Glück schmalen Bändchen seine eigene historisch-kritische Werkausgabe edieren. Getreulich lässt er sogar zwölf Tageseintragungen drucken, die den Leser informieren, dass sich nichts Neues bzw. nichts Besonderes ereignet habe - so, als dürfe kein Mohler'scher Buchstabe je verlorengehen.

Das nun ist ein Irrtum.

Titelbild

Armin Mohler: Ravensburger Tagebuch : meine Zeit bei Ernst Jünger 1949/50. Mit einem Nachtrag von Edith Mohler In Wilflingen 1950 - 1953.
Karolinger Verlag, Wien 1999.
111 Seiten,
ISBN-10: 385418090X

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