Eine wenig ergiebige Neuauflage

„Geliebter Täter“: Gisela Heidenreichs Buch über den NS-Diplomaten Horst Wagner ist eine eigenwillige Mischung aus Biogramm, Rechercheerlebnissen und persönlicher Vergangenheitsbewältigung

Von Klaus-Jürgen BremmRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus-Jürgen Bremm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach dem ersten großen Bucherfolg über ihre lange verborgene Herkunft aus einem norwegischen Lebensborn-Heim der SS hatte die Münchener Autorin Gisela Heidenreich nach dem Tod ihrer Mutter ein weiteres Buch, dieses Mal über deren – bis dahin sorgsam verschwiegene – Liaison mit einem hohen NS-Diplomaten veröffentlicht. Auch wenn die ungewöhnlichen Umstände dieser Beziehung zwischen Horst Wagner und der jungen Emilie Edelmann mit Geheimnis, Flucht, Hörigkeit und Lügen alle Ingredienzen einer reizvollen, ja spannenden Geschichte aufwiesen, konnte das Buch (Sieben Jahre Ewigkeit) offenbar nicht an den Erfolg der ersten Publikation anknüpfen.

Weshalb die Autorin oder der Verlag jetzt einen zweiten Titel zur selben Thematik herausgebracht haben, lässt sich nur vermuten. Über den ehemaligen SS-Standartenführer und Vortragenden Legationsrat Horst Wagner, der immerhin Verbindungsmann zwischen dem Auswärtigen Amt und Himmlers SS gewesen war, liegt inzwischen auch eine wissenschaftliche Arbeit von Sebastian Weitkamp (Braune Diplomaten) vor. Zudem wird Wagner neuerdings auch in der aufwendigen Studie „Das Amt“ gebührend berücksichtigt.

Für ihr jüngstes Buch hat die Autorin einen beachtlichen Aufwand an Reisen und Recherchen betrieben, ist auf den Spuren ihres Beinahestiefvaters in Italien gewesen, in der Normandie und schließlich sogar im entlegenen argentinischen Bariloche. Dort hat sie zwar einiges über ein deutschtümmelndes Nazirefugium am Fuße der Anden erfahren, aber nur wenig Verwertbares über den flüchtigen Horst Wagner. Dabei irritiert es schon, dass die Verfasserin derart große Mühen und Kosten auf sich genommen hat, um die Odyssee des Geliebten ihrer Mutter mit Hilfe von Zeitzeugen und in ausländischen Zeitungsarchiven zu rekonstruieren, aber nicht in der Lage war, sich das Standardwerk von Hans-Jürgen Döscher über SS und Auswärtiges Amt antiquarisch oder in einer Bibliothek zu beschaffen. Der Osnabrücker Professor hat ihr schließlich großzügig ein eigenes Exemplar überlassen.

Gisela Heidenreichs Buch ist allerdings trotz aller akribischen Recherchen zum Leben und Nachleben Horst Wagners seit 1945 keine wissenschaftliche Studie, eher eine persönliche Reportage, in der sie Tatsachen mit Mutmaßungen mischt und in der auch die Umstände ihrer Nachforschungen und Reisen nicht zu kurz kommen. Nach einem kurzen narrativen Einstieg, in dem eine Schultasche mit den Initialen Horst Wagners erste Fragen der zehnjährigen Gymnasiastin Gisela Heidenreich ausgelöst hatte, schildert die Verfasserin noch einmal Leben und Werdegang des NS-Diplomaten, der trotz seiner geringen beruflichen Qualifikationen mit dem Fingerspitzengefühl eines geschickten Aufsteigers und einer gehörigen Portion Hochstapelei (sein Diplom als Sportlehrer war eine Fälschung) eine beachtliche Karriere in der Hierarchie des „Dritten Reiches“ durchlief.

Dabei kommen naturgemäß viele brisante Themen ins Spiel, die zwar inzwischen an anderer Stelle schon ausführlich untersucht wurden, sich aber im Werdegang und Schicksal Horst Wagners in besonderer Weise kreuzten. Da ist zunächst die mitwirkende Rolle des Auswärtigen Amtes bei der genozidalen Politik des „Dritten Reiches“, dann natürlich die Frage, weshalb sich selbst hoch gebildete oder charismatische Männer (Wagner gehörte eher zur letzten Gruppe) offenbar vorbehaltlos in den Dienst dieser menschenverachtenden Ideologie gestellt hatten, da ist auch die Geschichte der NS-Seilschaften in der Nachkriegszeit und schließlich der erstaunlich reibungsarme Wiedereintritt der meisten Täter in die Wirtschaft und Bürokratie des westdeutschen Verdrängungsstaates.

Auch Wagner hatte sich – trotz seiner Flucht aus der Nürnberger Strafvollzugsanstalt 1948 – Hoffnung auf eine Fortsetzung seiner diplomatischen Karriere unter dem Bundesadler gemacht, sah sich aber stattdessen nach seiner Rückkehr in die Adenauerrepublik Mitte der 1950er-Jahre weiterhin mit dem Vorwurf der Justizbehörden konfrontiert, an der Ermordung von 350.000 Juden beteiligt gewesen zu sein. Erstaunlicherweise enthält Heidenreichs Buch zu diesem Aspekt der Tätigkeit Wagners im Auswärtigen Amt kaum Aussagen, sondern nur Andeutungen.

Es bleibt natürlich die entscheidende Frage, ob Vertreter des Auswärtigen Amtes tatsächlich entscheidend in die Mechanik des Massenmordes eingegriffen haben, oder ob hier nur Mitwissen, Billigung oder gewisse Handlangerdienste vorlagen. Der Autorin scheint dies aber im Falle Wagners schon für den immer wieder erneuerten Vorwurf der Mittäterschaft zu reichen. Die Frage wird auch nicht weiter diskutiert. Stattdessen erfahren wir viel über Wagners Tätigkeiten beim Ankauf und Aufbau eines SS-Pferdegestüts im Rheinland oder über andere delikate NS-Schiebereien mit Beutegut, für die der Vortragende Legationsrat Horst Wagner fraglos ein gutes Händchen besaß.

Als Pferdekenner und ambitionierter Reiter machte er natürlich auch bei seinen zahlreichen Amouren „bella figura“. Obwohl zur Korpulenz neigend, kein Schönling und damals auch schon auf die Fünfzig zugehend (Wagner wurde 1906 in Posen geboren), hinterließ er in den zehn Jahren seiner Flucht offenbar bei vielen Frauen aller Altersgruppen einen bleibenden Eindruck.

Für Gisela Heidenreich, deren Mutter nach Wagners gebrochenen Eheversprechen offenbar nie wieder eine Beziehung zu einem Mann eingegangen ist, war der umtriebige Ex-Diplomat ein „Womenizer“, der scheinbar mühelos selbst zu attraktiven und erheblich jüngeren Frauen amouröse Kontakte herzustellen vermochte. Für die Verfasserin bleibt es bis heute ein Rätsel, weshalb viele Frauen – wie auch ihre Mutter – in der Lage waren, die Untaten ihrer Männer und Geliebten im „Dritten Reich“ einfach zu ignorieren und in ihnen nicht die Täter oder Verbrecher sahen, sondern selbst den Gescheiterten, Überführten und Verurteilten oft noch eine an Selbstverleugnung grenzende Verehrung entgegen brachten.

Es war wohl mehr als nur das berüchtigte Aphrodisiakum der Macht, wie Heidenreich vermerkt, denn Wagner, Amon Göth und all die anderen selbsternannten Herren über Leben und Tod waren nach 1945 eigentlich nur noch traurige Gestalten im Schatten des Landsberger Galgens. Dem aber konnte Horst Wagner noch entkommen. 1972 war sein letzter Verhandlungstag vor einem westdeutschen Gericht. Weitere Termine verhinderten gefällige Atteste und zuletzt eine wirkliche Krankheit. Am 13. März 1977 ist der ewige Bonvivant und Liebling vieler Frauen nach einer Operation an seiner Hüfte im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus nicht mehr aus der Narkose erwacht.

Insgesamt bietet Heidenreichs zweites Buch über den Geliebten ihrer Mutter wenig Konkretes und auch das, was sich über ihn sicher sagen lässt, verpackt die Autorin in einer Mischung aus Vermutungen, allgemeinen Betrachtungen, Gesprächen mit Zeitzeugen und politisch korrekten Kommentaren. Natürlich waren die Verbrechen des Nationalsozialismus entsetzlich und das Entkommen so vieler Täter empörend. Doch muss die Verfasserin das ihren Lesern wie in einer Liturgie dauernd auftischen, ohne dass dabei einmal ein origineller Gedanke auftaucht? Die zahlreichen Perspektivwechsel in ihrer Darstellung erleichtern das Lesen nicht unbedingt und sind sicher auch eine Geschmacksache. Der Ertrag an neuen Einsichten ist gegenüber der ersten Publikation über Wagner eher begrenzt. Man kann ihr Buch als unterhaltsame Ergänzung zu den jetzt endlich vorliegenden wissenschaftlichen Studien über das Auswärtige Amt und seine Protagonisten im „Dritten Reich“ und in der Bundesrepublik lesen, muss es aber nicht.

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Gisela Heidenreich: Geliebter Täter. Ein Diplomat im Dienst der "Endlösung".
Droemersche Verlagsanstalt, München 2011.
349 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783426274323

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