Reflexions- und Heißspornphilosophen

Verschiedene Nachdrucke und Erstdrucke zeitgenössischer Texte und Briefe erfreuen die Mainländer- und Pessimismusforschung

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte der Pessimismus Hochkonjunktur. Nicht etwa der abtrünnige Schopenhauerschüler Friedrich Nietzsche, der den Übermenschen ersann und die Liebe zum Schicksal predigte, sondern ein anderer Proselyt des grantelnden Willensmetaphysikers mit dem Backenbart war der meistgelesene Philosoph seiner Zeit: Eduard von Hartmann, der es auf, wenn vielleicht auch nicht überzeugende, so doch eigenwillige und originelle Weise unternahm, Arthur Schopenhauer und dessen optimistischen Antipoden Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu verbinden.

Heute ist er allerdings ebenso wie die anderen Schopenhauer-SchülerInnen weithin vergessen und nur noch gelegentlich befasst sich eine Neuerscheinung mit einem von ihnen. Daher ist es zu begrüßen, wenn nun ein kleines Büchlein aus dem Ende des 19. Jahrhunderts neu aufgelegt wurde, das „Eine Trias von Willensmetaphysikern“ vorstellt. Gemeint sind von Hartmann, Julius Bahnsen und Philipp Mainländer. Letzterer dürfte heutzutage wohl noch der Bekannteste der drei Schopenhauerschüler sein, was zweifellos nicht zuletzt dem Gründer und Vorsitzenden der „Internationalen Philipp Mainländer Gesellschaft“ Winfried H. Müller-Seyfarth zu danken ist, der zudem vor nunmehr einem guten Dezennium eine vierbändige Mainländer-Ausgabe auf den Weg brachte.

Verfasst hat die, wie es im Untertitel heißt, „populär-philosophischen Essays“ über das pessimistische Dreigestirn von Hartmann, Bahnsen und Mainländer Susanna Rubinstein. Tatsächlich bietet die offenbar mit der Welt- und Daseinsverneindenden Anschauung sympathisierende Autorin weithin keineswegs schlechte Einführungen in das Denken der drei Willensmetaphysiker. Als „populär-philosophische Essays“ würde man sie heute allerdings schwerlich gelten lassen.

Rubinsteins erstes Kapitel widmet sich Eduard von Hartmann, genauer gesagt, seiner „Philosophie des Unbewussten“. Nach den ersten Zeilen erwartet man eine nur schwer erträgliche Hagiografie, wird von Hartmann dort doch „als hervorragendster der Willensmetaphysiker“ gerühmt, der „vom Glanze einer seltenen harmonischen Lichtmacht umstrahlt“ sei, ein „imposantes naturwissenschaftliches Wissen“ besitze und „im jugendlichen Alter von 22 Jahren die ‚Philosophie des Unbewussten‘ zu schreiben begann, in welcher „eine so grossartige Tiefe und Kraft des speculativen Construirens, ein solch mächtiger Reichthum naturwissenschaftlicher Kenntnisse und eine solche scharfe und umfassende Zergliederung des Lebenswerthes niedergelegt ist.“ Doch weit gefehlt. Vermutlich sind derlei Überschwänglichkeiten vor allem Rubinsteins Hang zu Superlativen anzulasten. Denn die Autorin referiert von Hartmanns Philosophie (und die der beiden anderen Willensmetaphysiker) nicht nur voller Bewunderung, sondern spart auch nicht mit Kritik, wenn sie ihr vonnöten scheint. So findet sie es gleich „doppelt bedenklich“, wie von Hartmann den „unbewussten Willen zur Empfindung der Unseligkeit“ kommen lässt. Auch pflege er kurzerhand zu ignorieren, „was nicht in seine Richtung stimmt“.

In Julius Bahnsen erkennt Rubinstein einen „einheitlicheren Willensmetaphysiker“, der zwar ein „ungemein scharfsinniger“ und „höchst origineller Denker“ sei, sich jedoch in „spitzfindigen Windungen“ verliere. Ihn lobt sie vor allem dafür, „unter allen Willensmetaphysikern die beste und klarste Erklärung der Characterverschiedenheit geliefert“ zu haben. Eben darum gilt Bahnsen noch heute als der Begründer der Charakterologie. Bedauerlich wenig erfährt man aus Rubinsteins Darstellung über Bahnsens Philosophie der einander ewig widerstreitenden Willenshenaden, die für Bahnsens „Realdialektik“ doch von zentraler Bedeutung sind.

Auch Philipp Mainländer und seiner „Philosophie der Erlösung“ attestiert Rubinstein einen „wundervollen Tiefsinn“, obgleich die „ontologische Darlegung“ nicht eben ein „Glanzpunkt seiner Philosophie“ sei. Im Unterschied zu dem „vornehmen Reflexionsphilosophen“ von Hartmann handele es sich bei Mainländer um einen „erregbaren Heissspornphilosophen“. Rubinstein schätzt insbesondere „einige Punkte seiner Erkenntnistheorie“, während sie seine „metaphysischen Abweichungen“ von Schopenhauer „schwerlich als Verbesserungen gelten“ lässt. So wie bei der Darstellung der Philosophie Bahnsens die Willenshenaden werden in dem Essay über Mainländer die Funktionen, welche der „Freien Liebe“, der „Virginität“ und dem „idealen Staat“ auf dem beschwerlichen Weg zur Erlösung zukommen, allzu knapp abgehandelt.

Nun könnte der Gedanke nahe liegen, dass Rubinsteins dies in ihrer zwei Jahre zuvor unter dem Titel „Ein individualistischer Pessimist“ erschienenen Monografie über Mainländer dafür umso gründlicher unternommen hat. Doch dies lässt sich allenfalls für die Behandlung des „idealen“, sprich sozialistischen Staates sagen, in dem Mainländer ebenso wie in der „Freien Liebe“ gewissermaßen notwendige Stufen auf dem Weg des Menschen zur Daseinsverneinung sieht.

Neu aufgelegt wurden die beiden Bücher Rubinsteins im Severus Verlag, der hierbei – und das ist das Beklagenswerte an den Neuausgaben – nicht sehr viel Sorgfalt an den Tag gelegt hat. Es lässt sich nicht einmal sagen, dass die Texte lieblos ediert wären, denn sie sind gar nicht ediert. Vielmehr handelt es sich um schlichte Faksimile der ursprünglichen Ausgaben, von denen Bibliotheksexemplare kopiert oder eingescannt wurden. Der Mühe, das Ergebnis noch einmal durchzusehen, hat sich offenbar niemand unterzogen. Nur so lässt sich erklären, das mehrere Textverluste in „Ein individualistischer Pessimist“ unbemerkt, zumindest aber unkommentiert blieben. Die editorische Eigenleistung besteht einzig darin, den beiden Texten jeweils einige dürre biografische Angaben zur Autorin angehängt zu haben.

Zu Mainländer ist allerdings noch eine weitere Neuerscheinung zu vermelden. Es handelt sich um eine Edition der bis vor kurzem unbekannten Briefe seiner Schwester Minna Batz-Mainländer an Otto Hörth, den sie als Herausgeberin des postum erschienen zweiten Bandes von Mainländers „Philosophie der Erlösung“ um Hilfe bei der Edition bat.

Wie Müller-Seyfarth und Mitherausgeber Thomas Regehley im Vorwort der Briefedition anmerken, bieten Batz-Mainländers Schreiben einige „rezeptionsgeschichtlich wertvolle Hinweise“. Auch werden „Auseinandersetzungen mit dem Verleger und seinen Editionsvorgaben“ benannt. „Die Briefe von Minna Batz bezeugen vor allem aber ihre Einsamkeit, ihre Stellung in der Familie und ihr Wirken für das Werk ihres Bruders“, wie Fabio Ciracì in seinem Einleitungstext bemerkt, der von einer gründlichen Kenntnis sowohl des Werkes von Mainländers wie auch von dessen Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte zeugt. Ciracìs Quellenverweise sind allerdings nicht immer zufriedenstellend. So nennt er als Quelle eines bestimmten Zitates etwa: „P. Mainländer, Die Macht der Motive, in: P. Mainländer, Schriften, a.a.O., Bd. IV, S. 326.“ Tatsächlich aber ist das Zitat nicht dem genannten Theaterstück entnommen, das zwar in dem Band enthalten ist und ihm auch den Titel gab, sondern dem ebenfalls in Band IV aufgenommenen autobiografischen Text „Aus meinem Leben“. Doch dabei handelt es sich nicht um mehr als eine Quisquilie.

Mainländers Schwester wird von Ciracì als Frau charakterisiert, „die sich dem Kultus ihres Bruders hingab“ und auf „die Errichtung einer eigenen Existenz“ verzichtete. Die von ihm konstatierte „Sonderbarkeit“ Minna Batz’ und ihre „bizarren grillenhaften Ideen“ prägen auch die Briefe, so dass es ohne weiteres nachvollziehbar ist, wenn Hörth eine über die Edition des zweiten Bandes der „Philosophie der Erlösung“ hinausreichende Zusammenarbeit „nicht verlockend“ fand.

Minna Batz-Mainländers Briefe „können nur schwer gedeutet werden“, wie Ciracì zurecht anmerkt. Denn in ihnen „vermengen sich […] viele chaotische unkoordinierte Auskünfte, persönliche Fragen und Gefühle, zahlreiche Abschweifungen und romantische Tiraden mit verkürzten, oft unverständlichen Namen und kryptischen, oft mehrsprachigen Zitate“. Dies alles fließt der Briefschreiberin in schier endlos dahinmäandernden Sätzen aus der Feder. Selbst wenn sie einmal etwas „In Einem Worte“ sagen will, liest sich das folgendermaßen: „Ich kann und werde niemals meines Bruders ‚Horatio-Paulus‘ sein können, – niemals meine ‚philosophische‘ Unfreiheit und Verstocktheit so weit überwinden können, um ohne die hörbar nachschleifenden Ketten der tiefsten subjectiven Trostlosigkeit zu stehn, die das Apostolat einer Philosophie des Trostes und der Erhebung in meinem Munde zur reinsten Lüge und Blasphemie gestalten müssten! – niemals mit gutem Gewissen, d.i. aus ehrlichem Herzensgrunde irgend Einem Menschen rathen können, meinen Fußstapfen auf dem Wege, der mich zum ‚Heile‘ geführt, auch nur aus der weitesten Entfernung nachzugehen, in wie hellem Licht auch dieses Weges Anfang gelegen, und in so gewisser Gestalt mir an seinem Ende auch die ‚Erlösung‘ winkt…“

Mag sich mit dem Erscheinen der Briefe auch eine Lücke der Mainländer-Forschung geschlossen haben, so sind sie doch nur für die hartgesottensten Mainländer-ExpertInnen wirklich von Interesse. Dies gilt – erweitert um von Hartmann- und Bahnsen-Forschenden – sicher nicht minder für die beiden Neudrucke der Bücher Rubinsteins.

Titelbild

Susanna Rubinstein: Ein individualistischer Pessimist. Beitrag zur Würdigung Philipp Mainländers.
Severus Verlag, Hamburg 2010.
115 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-13: 9783942382694

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Susanna Rubinstein: Eine Trias von Willensmetaphysikern. Populär-philosophische Essays.
Severus Verlag, Hamburg 2010.
95 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-13: 9783942382700

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Titelbild

Winfried H. Müller-Seyfarth (Hg.): Neun Briefe von Minna Batz-Mainländer an Otto Hörth. (1878).
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2011.
84 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783826046513

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