Was einmal in der Akte ist, ist auch in der Welt

Über Matthias Zafts Studie „Narrative in den Akten der deutschen Fürsorgeerziehung“

Von Heinz-Jürgen VoßRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heinz-Jürgen Voß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Bedeutung von Matthias Zafts Buch „Der erzählte Zögling“ erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Aber gerade daher lohnt es sich, sich dafür Zeit zu nehmen, um auch in eigenen Forschungsarbeiten zu neuen Sichtweisen gelangen zu können.

Der Autor des Buches, ausgewiesener Erziehungswissenschaftler und Wissenschaftshistoriker aus Halle (Saale), wendet sich der deutschen Fürsorgeerziehung zu. Wo andere Forschende oftmals einfach nur interessiert Akten lesen, um nachzuvollziehen, welches Kind wann und wo eingewiesen wurde und welches Schicksal ihm widerfahren ist, dort schaut Zaft genauer hin. Er nimmt in den Blick, welche Handlungen überhaupt den Weg in die Akte schafften, und wie eine einmal festgestellte Handlung in den Akten stetig wiederholt und aufbereitet wurde, bis sie schließlich als ,wahr‘ geronnen war.

An einem Beispiel wird das Werden eines Akten-Tatbestandes deutlicher: Isst ein Kind einen Apfel vom Baum einer Nachbarsfamilie, ist das zunächst nur eine Handlung. Dadurch, dass diese Handlung auffällt und eventuell angezeigt wird, wird aus ihr eine problematische Handlung. Isst im Folgenden das Kind dennoch auch weiterhin und immer wieder Äpfel vom Baum, kann daraus ein problematischer Tatbestand werden, der geeignet ist, ein grundsätzlich schlechtes Bild von dem Kind zu zeichnen: Es treibe sich herum, stehle. Die Eltern könnten das Kind folglich nicht im Griff haben, es drohe möglicherweise zu verwahrlosen. Ausgehend von einer Lappalie und überhaupt von einer Handlung, die unter anderen Umständen keiner Rede wert wäre, entstanden so Situationen, in denen über die Fürsorgeunterbringung eines Kindes nachgedacht wurde.

Aber nicht nur für die Diskussion um die Einweisung eines Kindes in eine solche Erziehungseinrichtung sind diese Aktenaufzeichnungen bedeutsam – auch für den weiteren Verlauf der Unterbringung des Kindes und den Verlauf seiner Erziehung. Ist erst einmal der Eindruck in der Welt – in der Akte –, dass ein Kind sich viel herumtreibe, dass es verwahrlost sei und dass es stehle, so wird diese gleiche „Diagnose“ immer wieder neu aufgerufen – auf allen Stufen, die ein Kind in einem Heim durchlebt. Bevor das Kind in einer neuen Unterkunft ankommt, ist die Akte immer schon da, aus der „das Notwendige“ gelesen werden kann und gelesen wird. Auch für eine neue medizinische Untersuchung zum Geistes- und körperlichen Zustand des Kindes zeigt sich durch die gründliche Lektüre der Erzählmuster der Akten, wie der Mediziner für seine „unvoreingenommene Diagnose“ des Zustandes des Kindes auf genau die gleichen Erzählfetzen zurückgreift, die schon in der Akte stehen. Das Kind treibt sich eben herum, stiehlt und ist verwahrlost.

Das führt zu der „abstrusen Situation“, dass einem Kind schon allein deswegen die von ihm erzählte Version zum Ablauf eines Geschehens nicht geglaubt wird, weil ja bekannt ist, dass es sich herumtreibt, stiehlt und verwahrlost ist. Erzählt es dann, dass andere – größere – Kinder mit ihm Schabernack getrieben haben und es daher in der Nähe des Tores des Heimes aufgegriffen wurde, so ist diese Geschichte eben schon auf Grund der in den Akten geschriebenen Tatbestände nicht glaubhaft. Das Kind habe selbstverständlich weglaufen wollen, wie es schon geschehen ist und auch in der Akte steht. Das Kind muss also lügen und kann dafür bestraft werden.

Was hier kurz dargestellt ist, macht Matthias Zaft minutiös für drei Kinder deutlich, die zum Ende der Weimarer Republik und zum Beginn der Nazi-Zeit in Fürsorgeeinrichtungen eingewiesen wurden. Er arbeitet am vorliegendem Material und der Analyse sich wiederholender Erzählmuster heraus, wie diese Kinder als problematisch hergestellt wurden und wie sich schon auf Grund der Aktenaufzeichnungen gar keine Chance ergab, dass einmal ein anderes Bild der Kinder hätte gezeichnet werden können. Einmal als problematisch erkannte Handlungen verfolgten die Kinder, wo sie auch hinkamen. Was einmal in der Akte ist, ist auch in der Welt.

Dabei tritt mit der Analyse von Matthias Zaft die beschränkte Position der Kinder noch deutlicher hervor, als es sonst meist geschieht. Oft wurde den Kindern in solchen Einrichtungen doch eine gewisse Autonomie zugesprochen – durch eine „Besserung“ ihres Verhaltens oder durch neue sich darstellende Interessen hätten sie (in engen Grenzen) auch Einfluss auf Aufzeichnungen und ihre Entwicklung nehmen können. Hier ist nun eine Fragezeichen zu setzen: Wenn nämlich auch bei den neuen Diagnosen stets auf die bereits geschriebenen Tatbestände zurückgegriffen wird, wenn die Aktenaufzeichnungen dem Kind immer schon vorauseilen, dann sind die Möglichkeiten des Kindes durch das eigene Verhalten die erneuten Untersuchungen und Aktenaufzeichnungen zu beeinflussen, eingeschränkt. Vielmehr werden die bereits vorhandenen Erzählfäden in der Akte aufgenommen und gegebenenfalls weitergeführt und fortentwickelt – unter anderem soweit, dass aus dem „Stehlen“, „Herumtreiben“ und „Verwahrlost-Sein“ in der Nazi-Zeit „Asozialität“ oder „Schwachsinn“ diagnostiziert und die Sterilisierung des Kindes empfohlen werden konnte.

Neben der detaillierten Darstellung der Ergebnisse für die drei Kinder an Hand der Aktenaufzeichnungen, vollzieht Zaft in seiner Studie auch die weitere gesellschaftliche Einbindung und stellt seinen ambitionierten sprachtheoretischen Methodenapparat vor. Damit legt Zaft eine sehr grundlegende Ausarbeitung vor, die über den begrenzten Zeitrahmen und die eingeschränkte Fallzahl hinausweist. Vielmehr liefert er das Methodenrepertoire und die exemplarische Ausführung, um nacharbeiten zu können, wie die umgebenden Umstände konkret auf zwangsuntergebrachte Menschen wirken und ihre Handlungsmöglichkeiten beeinflussen. Und es wird klar, wie Entscheidungsträger die eigene Diagnose und Beurteilung über bereits aufgeschriebene Tatbestände absicherten oder sie gar erst daraus zogen.

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Matthias Zaft: Der erzählte Zögling. Narrative in den Akten der deutschen Fürsorgeerziehung.
Transcript Verlag, Bielefeld 2011.
401 Seiten, 35,80 EUR.
ISBN-13: 9783837617375

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