Vieles weiß man, aber es gibt doch staunenswertes Neues

Neue Bücher über Hermann Hesse, der am 9. August vor 50 Jahren gestorben ist

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für die einen ist er der Autor des „Eigensinns“, der Suche nach dem eigenen Weg und der Rebellion gegen hohle Autoritäten. Der sich immer wieder gegen die vorherrschenden Meinungen stellt, gegen Kriegsbegeisterung und Antisemitismus. Sich auch immer wieder aus alten Rollen befreit, immer wieder verwandelt hat. Für die anderen ist Hesse ein rückwärtsgewandter, eine private Innerlichkeit zelebrierender Autor, dessen Gedichte epigonal und peinlich, dessen Romane oft kitschig sind bis zur Schmerzgrenze und der nur noch von pubertären Geistern gelesen wird. Und dann kennt man noch die hübschen, harmlosen Aquarelle und natürlich die weltweite und ziemlich offensive Vermarktung durch den Suhrkamp Verlag. Ja, den Hesse, den kennt man. Auch dass er nicht einmal ein richtiger Vorzeigedeutscher ist, hat sich inzwischen wohl herumgesprochen: Hermann Hesse wurde am 2. Juli 1877 in Calw als russischer Staatsangehöriger geboren, war von 1883 bis 1890 Schweizer, bis 1923 Württemberger, ab 1923 bis zu seinem Tod Schweizer Staatsbürger.

Man kennt ihn aber nicht. Nicht genau jedenfalls. Denn Hesse hat sich auch stilisiert, und seine Biografen haben ihm dabei kräftig geholfen. Vieles, was man zu wissen glaubt, beruht auf Halbwahrheiten oder ist gar, wie in Hugo Balls erster Biografie zu Hesses 50. Geburtstag, von Hesse selbst beeinflusst. Zum Beispiel, dass er Hesses zweite Frau nur im Vorbeigehen erwähnt, als „Königin der Gebirge“ in einer Erzählung, und dass er sich von seinem guten Freund diktieren ließ, wie die erste zu erscheinen habe, nämlich als gemütskranke Frau, als Schizophrene, vor der sich Hesse retten musste. Und so wurde es auch fortgeschrieben.

Auch beim Thema Hesse und die Frauen: Schon in seinen Romanen kommen nicht viele vor, und wenn, dann eher nebenbei, Hauptrollen spielen sie keine: In „Siddhartha“ ist die einzige Frau eine Kurtisane, bei der Siddharta einige Zeit lebt, in „Demian“ gibt es eine mythische Muttergestalt, in „Narziß und Goldmund“ gibt es ein paar Sexgespielinnen, im „Steppenwolf“ bringt die Geliebte dem Helden das Tanzen bei und wird am Schluss von ihm umgebracht, und das Kastalien im „Glasperlenspiel“ ist eine reine Männergesellschaft. Alice Schwarzer jedenfalls möchte man Hesses Romane nicht empfehlen.

Auch in seinem richtigem Leben war Hesse ein, böse und pointiert gesagt, egomanischer, selbstherrlicher, um sich selbst kreisender, oft abwesender und oft auch abweisender Mann, der mit Frauen eigentlich nicht viel anfangen konnte. Das jedenfalls kann man aus dem Buch von Bärbel Reetz schließen, das jetzt zum 50. Todestag erschienen ist. Detailliert listet sie viele Einzelheiten aus Hesses Beziehungen und Ehen auf, dass es einen manchmal schaudert. Schon das Verhältnis zu seiner ersten Frau, der neun Jahre älteren Maria (Mia) Bernoulli aus einer alteingesessenen Basler Familie, ist kompliziert. Schon vor der Heirat hat er sich mal wochenlang nicht gemeldet, sie bedrängt ihn immer wieder, er antwortet nicht, bis sie ihn in einem Brief voller „Demut und Resignation“ (Reetz) schreibt: „Du kannst mit mir tun was Du willst, ich werde nie anders als in Liebe an Dich denken.“

Das erste Haus muss Mia allein suchen, als sie ihr zweites Haus bauen, reist Hesse erst nach München, dann ins Tessin und lässt seine Frau und den kleinen Sohn allein mit Architekten und Handwerkern verhandeln. Hesse flüchtet, so oft er kann, und sie lässt sich alles gefallen: „Mias Briefe sind ohne jede Klage. Immer ermutigt sie Hesse, sich zu erholen, nicht zu sorgen, versichert, dass sie seine Korrespondenz überwacht, beantwortet oder nachsendet. Sie schickt ihm saubere Hemden und Socken, packt Körbe mit Gemüse, bringt sie zur Post, erzählt in ihren Briefen von den beiden Kindern“ (Reetz). Monatelang ist er unterwegs, und wenn er wiederkommt, „betrachtet er die Söhne mit ‚Verwunderung‘: Sie machen Lärm, Heiner versucht sich im Sprechen, Bruno, den sie Butzi nennen, ‚ist viel unartig und fängt nun so allmählich auch das Lügen an‘.“ Als sein dritter Sohn geboren wird, fährt er mit einem Freund für einige Monate nach Indien. Schließlich drängt er sie sogar mit der Hilfe seines Analytikers J.B. Lang, sich in die Psychiatrie zu begeben.

Kein schönes Bild, das Reetz hier entwirft. Ein Macho, der mit einer gleichberechtigten Ehefrau völlig überfordert ist. Und es ist immer das gleiche Muster: Er verliebt sich, er will nicht heiraten, er heiratet dennoch, er flüchtet. Nur das Ende seiner dritten Ehe ist anders: keine Scheidung. Allerdings gibt es hier ein eisern eingehaltenes Arrangement, unter dem seine Frau zeitweise stark litt: getrennte Wohnungen, wenn auch nebeneinander, und er wird in Ruhe gelassen, wenn er es wünscht. Manchmal kommunizieren Hesse und seine Frau Ninon, die ihn seit ihrem 16. Lebensjahr angehimmelt und verfolgt hat, nur noch durch Zettel miteinander. Die Literatur und seine Ruhe gehen eben vor, für beide. Nur selten und mit zunehmenden Alter häufiger erkennt man bei Ninon, wie sie manchmal darunter leidet, auch wenn sie sich immer wieder die Freiheit nimmt, alleine wegzufahren.

Auch eine andere Facette ist neu: die des politischen Menschen. Immer wieder hatte Hesse betont, dass er kein politischer Mensch sei, dass er sich nach innen und an den Einzelnen wende. Eine Ausnahme gab es im Ersten Weltkrieg. Wie viele Autoren hatte auch Hesse den Krieg als eine Art Befreiung zunächst begrüßt, ist aber schnell davon abgerückt. Entsetzt war er von der Zerstörung der europäischen Kultur, entsetzt war er auch von Autoren, die bis zum Schluss den mörderischen Krieg feierten, den Nationalismus für sich entdeckten, andere Autoren beschimpften und von der französischen Kultur überhaupt nichts mehr gelten ließen. Schlimm fand er außerdem, wenn Kollegen begeistert von der Front schrieben, selbst aber sicher an ihrem Schreibtisch zu Hause saßen. Er selbst engagierte sich, da er vom Kriegsdienst wegen seiner extremen Kurzsichtigkeit freigestellt war, wie man weiß, in der Kriegsgefangenenhilfe. Hesse versorgte deutsche Kriegsgefangene mit Literatur, gab auch eine Zeitung heraus. Das alles weiß man seit langem.

Neu ist, dass Hesse, der damals in Bern lebte, „seit Sommer 1915 mit Unterstützung der Deutschen Gesandtschaft eine Geheimmission aus(übte)“, die er immer verschwiegen hat. Vor allem stellte er den Kontakt her zwischen dem liberalen Stuttgarter Landtagsabgeordneten Conrad Haußmann, der auf deutscher Seite einen Verständigungsfrieden anstrebte, und französischen Mittelsmännern, vor allem Emile Haguenin, dem Leiter des französischen Pressebüros in Bern: „Alles mit Wissen und Billigung der deutschen Regierung, aber völlig inoffiziell“, schrieb Hesse. Natürlich musste das scheitern, weil die deutschen Militärs bis zum Schluss auf einem Siegfrieden bestanden, aber es ist doch eine interessante neue Facette, sie ist einem erst kürzlich publizierten Briefwechsel mit Conrad Haußmann zu entnehmen.

Gleich drei Biografien sind übrigens jetzt erschienen, zum 50. Todestag. Neben der von Reetz, die ausschließlich über seine Frauen schreibt (und dabei unter anderem das staunenswerte Faktum streift, dass Hesse sich hat sterilisieren lassen), noch eine kritische, abwägende, präzise (von Gunnar Decker), und eine emphatische, apologetische und oft romanhafte (von Heimo Schwilk) – auch diese beiden gehen auf Hesses Stil kaum ein, sondern heben fast ausschließlich auf das Inhaltliche ab. Den unleugbar oft kitschigen Stil zu verteidigen, traut sich wohl doch niemand. Sie bieten ab und an interessante Interpretationen seiner Werke, aber kaum Neues. Ebensowenig die Neuauflage eines Wanderführers auf Hesses Spuren. Und noch ein Kuriosum am Rande: Auf Facebook hat der Verlag eine Seite eingerichtet: „Hermann Hesse antwortet“ – auch das ist bereits als Buch erschienen.

Titelbild

Hermann Hesse / Conrad Haußmann: Von Poesie und Politik. Briefwechsel 1907 - 1922.
Herausgegeben von Helga Abret.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011.
408 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783518422588

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Gunnar Decker: Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten. Biographie.
Carl Hanser Verlag, München 2012.
700 Seiten, 27,90 EUR.
ISBN-13: 9783446238794

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Heimo Schwilk: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers.
Piper Verlag, München 2012.
432 Seiten, 22,99 EUR.
ISBN-13: 9783492053020

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Titelbild

Hermann Hesse: Hermann Hesse antwortet … auf Facebook.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.
8 Seiten, 5,00 EUR.
ISBN-13: 9783518463765

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Bärbel Reetz: Hesses Frauen.
Insel Verlag, Berlin 2012.
426 Seiten, 16,99 EUR.
ISBN-13: 9783458358244

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Titelbild

Wilfried Setzler: Mit Hesse von Ort zu Ort. Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg.
Silberburg Verlag, Tübingen 2012.
216 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783842511651

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