Dem Wahnsinn ähnlich?

Eine Textsammlung von John Sallis umkreist Martin Heideggers Suche nach der Wahrheit

Von Franz SiepeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franz Siepe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In Martin Heideggers „Vom Wesen der Wahrheit“ ist zu lesen: „Der Mensch irrt. Der Mensch geht nicht erst in die Irre. Er geht nur immer in der Irre, weil er ek-sistent in-sistiert und so schon in der Irre steht. Die Irre, durch die der Mensch geht, ist nichts, was nur gleichsam neben dem Menschen herzieht wie eine Grube, in die er zuweilen fällt, sondern die Irre gehört zur inneren Verfassung des Da-seins, in das der geschichtliche Mensch eingelassen ist. […] Die Irre ist das wesentliche Gegenwesen zum anfänglichen Wesen der Wahrheit. Die Irre öffnet sich als das Offene für jegliches Widerspiel zur wesentlichen Wahrheit. Die Irre ist die offene Stätte und der Grund des Irrtums. Nicht ein vereinzelter Fehler, sondern das Königtum (die Herrschaft) der Geschichte jener in sich verwobenen Verstrickungen aller Weisen des Irrens ist der Irrtum.“

Der Text wurde 1943 im Verlag Vittorio Klostermann erstmals gedruckt und geht zurück auf einen Vortrag, der ab 1930 – mehrfach überarbeitet – auch in Marburg gehalten wurde, und zwar am 5. Dezember 1930 vor der theologischen Fakultät. Wer wäre nicht gern dabei gewesen und hätte die Gesichter des Publikums studiert, wie sie es aufnahmen: „Die Irre ist das wesentliche Gegenwesen zum anfänglichen Wesen der Wahrheit“! Schmunzelte eines? Signalisierte ein offener Mund Nichtverstehen? Fuhr ein Zeigefinger zur Schläfe und schlug dort dreimal an?

John Sallis, US-amerikanischer Philosoph mit einem Heidegger-Schwerpunkt befasst sich in einem Aufsatz des hier zu besprechenden Buches ausführlich mit „Vom Wesen der Wahrheit“ und beschließt seine Gedanken mit der Aufforderung: „Bedenken wir also, ob das, worum es bei der Frage nach der Wahrheit geht, nicht letztlich dem Wahnsinn ähnelt.“ Wohlan denn.

Das Ausgangsproblem lässt sich vielleicht mit einem Blick in § 44 von „Sein und Zeit“ folgendermaßen skizzieren: Seit Aristoteles wird Wahrheit als Zuständigkeit eines Urteils, als Übereinstimmung von Sache und Verstand (adaequatio rei et intellectus; Korrespondenztheorie der Wahrheit), gedacht. Heidegger bemerkt jedoch, dass der Qualität dieser im Urteil ausgesagten Übereinstimmung nie nachgeforscht worden ist. Diesen Mangel möchte er beheben: „Was ist in dem Beziehungsganzen – adaequatio intellectus et rei – unausdrücklich mitgesetzt? Welchen ontologischen Charakter hat das Mitgesetzte selbst?

Genau besehen, ergebe sich, dass eine Aussage wahr ist, wenn sich in ihr ein Seiendes, eine Sache so zeigt, wie sie selbst ist, wenn sie sich ent-deckt. Und hier kann Heidegger auf die Etymologie des griechischen Wortes aletheia („Wahrheit“) hinweisen, das eigentlich „Unverborgenheit“ bedeutet. Weil aber das Dasein in seinem Entdecktsein sich in der Sprache darstellt, kann sich Wahrheit auch in Urteilen zeigen. So jedenfalls habe ich es verstanden, zumal in „Sein und Zeit“ steht: „Die Entdecktheit des Seienden rückt mit der Ausgesprochenheit der Aussage in die Seinsart des innerweltlich Zuhandenen. Sofern sich nun aber in ihr als Entdecktheit von … ein Bezug zu Vorhandenem durchhält, wird die Entdecktheit (Wahrheit) ihrerseits zu einer vorhandenen Beziehung zwischen Vorhandenen (intellectus und res).“ Nach diesem Weg scheint also der ontologische Status der Adäquation aufgeklärt zu sein, und zwar ausdrücklich nichtmetaphysisch: Wahrheit als „Übereinstimmung zwischen innerweltlich Vorhandenem“.

Derart könnte Wahrheit als Korrespondenz gesichert sein, selbst nachdem philosophiegeschichtlich nicht mehr möglich ist, was mittelalterlich als Ermöglichungsgrund von Wahrheit immer mitgedacht war. Im oben genannten Aufsatz „Vom Wesen der Wahrheit“ erklärt Heidegger die vormoderne Situation so: „Die Möglichkeit der Wahrheit menschlicher Erkenntnis gründet, wenn alles Seiende ein ‚geschöpfliches‘ ist, darin, daß Sache und Satz in gleicher Weise ideegerecht und deshalb aus der Einheit des göttlichen Schöpfungsplanes aufeinander zugerichtet sind. Die veritas als adaequatio rei (creandae) ad intellectum (divinum) gibt die Gewähr für die veritas als adaequatio intellectus (humani) ad rem (creatam). Veritas meint im Wesen überall die convenientia, das Übereinkommen des Seienden unter sich als eines geschaffenen mit dem Schöpfer, ein ‚Stimmen‘ nach der Bestimmung der Schöpfungsordnung.“

Sallis stellt in seinem Vorwort fest, dass die Entfaltung der Wahrheitsproblematik, wie sie in „Sein und Zeit“ vorgenommen wird, von späteren Ausdeutungen Heideggers revidiert, mehrfach „wiedereingeschrieben“ wird. In „Vom Wesen der Wahrheit“ begreift er die Unwahrheit als gleichsam einen Aspekt der Wahrheit. Dazu schreibt Sallis: „Wenn die ursprüngliche Wahrheit jedoch einmal als Unverborgenheit bestimmt worden ist, muss Unwahrheit als jene Verbergung gedacht werden, die nicht bloß das einfache Gegenteil von Wahrheit ist, sondern der Wahrheit anhaftet, ihr in unvermeidlicher Weise zugehört. Anders gesagt: Das Unwesen der Wahrheit ist dem Wesen der Wahrheit nicht diametral entgegengesetzt, sondern in einer Art windschiefem Gegensatz – so nämlich entgegengesetzt, dass das Unwesen zum Wesen dazu gehört.“ Die „Un-Wahrheit“ des Verbergens kann entweder die Gestalt des „Geheimnisses“ oder die der „Irre“ haben. Während im Geheimnis das Verbergen beziehungsweise das Verborgene taktvolle, man man möchte sagen: schamhafte Achtung erwiesen bekommt, geht derjenige in die Irre, welcher meint, sich die Wahrheit der Dinge in grober, unvermittelter Zudringlichkeit verfügbar machen zu können. Eventuell wirft dieser Gedanke ein kleines Licht auf die anfangs zitierte Passage? Der – überraschende – Kern aber ist: „Das Wesen der Wahrheit enthüllt sich als Freiheit.“

Die letzte „Wiedereinschreibung“ der Wahrheitsanalyse findet sich in Heideggers „Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)“. Hierbei handelt es sich um Notate, die, zwischen 1936 und 1938 niedergeschrieben, zu Lebzeiten des Autors jedoch unveröffentlicht blieben. Nun heißt es, es sei falsch gewesen, das Wesen der Wahrheit als „Lichtung für die Verbergung“ zu fassen. Statt dessen kommt es nun zu Wendungen wie „West Wahrheit und warum? Weil nur so Wesung des Seyns. Warum Seyn?“ oder „Die Wahrheit im Wesen zuerst entfalten als lichtende Verbergung (Verstellung und Verhüllung).“

(Ich weiß nicht, wie gründlich schon dem dem Heidegger’schen Wortgebrauch bei der Wahrheitsanalyse eigenen erotisch-metaphorischen Beiklang nachgespürt worden ist. Dauernd begegnet man Ausdrücken wie „Verborgenes“, „Entborgenes“, „Verdecktheit“, „Entdecktheit“ et cetera. Oder es ist die Rede von „Offenständigkeit“ und vom „Offene[n] und dessen Offenheit, in die jegliches Seiende hereinsteht“. Und dann jenes Unglaubliche: „Indem das Geheimnis sich in der Vergessenheit und für sie versagt, läßt es den geschichtlichen Menschen in seinem Gangbaren bei seinen Gemächten stehen.“

Womöglich verhält es sich ja wirklich so, wie es Hartmut Scheible einmal über die ersten Jahrzehnte des europäischen 19. Jahrhunderts schrieb, dass nämlich, wo das Leben in Verdinglichungen erstirbt, allein noch die Sexualität dafür einsteht, „daß der Strom des Lebens noch nicht ganz versiegt ist“. Immerhin kann ich mich gut in die Vorstellung hineinfinden, es gebe da ein männliches Seiendes: den Verstand, und ein weibliches Seiendes: die zu erkennende oder zu begreifende Sache, die miteinander in schöner Freiheit Wahrheit machen.)

John Sallis liefert keine systematische Abhandlung des philosophiegeschichtlichen Phänomens „Heidegger und der Sinn von Wahrheit“, sondern umkreist es in zehn voneinander unabhängig entstandenen Texten, die bis auf einen (von 2004) aus den 1990er-Jahren stammen und von Tobias Keiling aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt worden sind. Man wird sich diese Arbeit wohl nicht anders als eine herkulische zu denken haben. Das Resultat klingt – wir sehen hier von dem Lektorat anzulastenden Flüchtigkeitsfehlern ab – durchgängig heideggersch, mitunter etwas angelsächsisch moduliert, ergo nicht eben leicht verständlich: „Durch das Opfer des Verstandes und das Vordringen ins Nichts verlängert die Vorlesung [„Was ist Metaphysik?“] den Weg nach unten über das Seiende hinaus, sie bricht so mit dem Anspruch des Verstandes, alles Negieren und Absprechen zu kontrollieren, sogar dessen Ursprung zu sein. Die Vorlesung dringt in ein Sprechen über die Weise der Negation vor, und die Gewalt dieses Sprechens zerstört jeden Anspruch dieser Art. Es ist die Rede von der ‚Härte des Entgegenhandelns und (der) Schärfe des Verabscheuens‘, vom ‚Schmerz des Versagens und (der) Schonungslosigkeit des Verbietens‘, der ‚Herbe des Entbehrens‘. Doch in diesem Drängen nach unten kreist die Vorlesung zugleich nach oben zurück, zum Sein – sie schwebt mitten zwischen den Wegen.“

Zu guter Letzt der letzte Absatz des Buches, das demjenigen warm ans Herz zu legen ist, der sich der vergleichsweise kleinen Gruppe von Lesern zugehörig fühlt, die Sallis hier im Auge hat: „[D]ie Wenigen, die die Gründung des Da-seins auf sich nehmen, werden damit Gründer des Abgrundes sein. Gerade wenn sie den unsagbaren Überschuss der ganz und gar fremden Wahrheit des Seyns gründen und bergen – untergehend, während sie, wachsam, mutig nach dem göttlichen Feuer greifen.“

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John Sallis: Heidegger und der Sinn von Wahrheit.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Tobias Keiling.
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M. 2012.
252 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783465041399

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