Büro ist immer

Zu dem großartigen Roman von Johannes Jacobus Voskuil „Das Büro“

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Johannes Jacobus Voskuil ist in den deutschsprachigen Ländern ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Dies wird sich mit dem vorliegenden ersten Band mit knapp achthundertfünfzig Seiten aus dem Romanzyklus „Das Büro“ schlagartig ändern. Der Übersetzer Gerd Busse hat sich an die beschwerliche und – wenn man diesen ersten Teil des Romanzyklus gelesen hat – lohnenswerte Aufgabe gemacht, dieses in den Niederlanden so überaus erfolgreiche Werk in die deutsche Sprache zu übertragen. Auch hat sich mit dem C. H. Beck Verlag ein kompetenter Verlag gefunden, der ein so umfangreiches Werk auch betreuen kann. Schon hier sei den Beteiligten Dank ausgesprochen für dieses mutige Unternehmen. Nimmt man aber die Lektüre auf, scheint es gar nicht mehr so mutig, denn man hat ein grandioses Stück Literatur in der Hand, dessen Qualität auch durch die hervorragende Übersetzung im Deutschen sichtbar wird. Kein Buch also, bei dem man auf Sofia Carmina Coppolas Film „Lost in Translation“ verweisen muss.

Worum geht es? Eigentlich um nichts Besonderes. Handlung gibt es in diesem Roman kaum. Dreh- und Angelpunkt, der Titel des Buches lässt es fast vermuten, ist ein „Büro“. Es liegt in Amsterdam in der Nieuwe Hoogstraat Nr. 17 und beherbergt ein wissenschaftliches Institut zur Erforschung der niederländischen Volkskultur. Dort arbeiten unter der Leitung des Direktors Beerta ungefähr ein Dutzend Angestellte, die sich, wie gesagt, mit der Erforschung der Volkskultur in den Niederlanden beschäftigen. Der Protagonist der „Handlung“ ist der wissenschaftliche Mitarbeiter Marteen Kooning. Sein Blickwinkel auf den Büroalltag bestimmt die Erzählung des Romans. Er durchlebt seinen Arbeitsalltag in einer Mischung von Gleichgültigkeit und Hoffnung. Dabei zielt die Hoffnung auf den Wunsch nach einer geistig erfüllenden Betätigung und nicht nach einem Tagesablauf zwischen Büro-Eingangskorb und geistigem Vakuum. Trotzdem ist dieses „Biotop“ der Sinnlosigkeit, in dem Dinge erforscht werden, die letztendlich den privaten Hobbies der Institutsdirektoren entsprechen und nur marginale gesellschaftliche oder wissenschaftliche Relevanz haben, der Lebensraum einer Beamtenschaft, deren Protagonisten kaum als Vorbilder für verantwortungsvolle Ausübung einer Tätigkeit gelten können.

Daher passiert bei Voskuil auch noch weniger als in vergleichbaren Büro-Fernehserien wie „The Office“ oder „Stromberg“. Johannes Jacobus Voskuils Roman hat einen eigenen Rhythmus, er hat eine sympathische Hauptfigur und er lässt viel Spielraum für empathisches Mitempfinden. Marteen Kooning ist einer von uns – und über die Beschreibung von neuen Jahren Büroalltag von 1957 bis 1965 im ersten Band – gelingt Voskuil schon, was er in den sechs Folgebänden noch fast erfolgreicher fortsetzt: Literatur.

Er hat mit dem umfangreichen Werk sicherlich eines der wichtigsten Werke des 21. Jahrhunderts geschrieben – obwohl kurz vor der Jahrtausendwende verfasst. Dass dabei zwar auf der Sprachebene – da es sich um eine Übersetzung handelt – vielleicht nicht die ganze Wirkungsmächtigkeit der Sprache, wie sie Voskuil in den volkskundlichen Sprach- und Sachregistern vermittelt, wiedergegeben werden konnte, ist nicht weiter schlimm. Vielleicht verstehen einige niederländische Leser mit Kenntnissen der niederländischen Dialekte – wenn eine Figur etwa im „Amsterdamer Dialekt“ spricht – die eine oder andere Formulierung besser als der „normale“ Leser, aber dies mindert nicht das Lesevergnügen, auch nicht in der deutschen Übersetzung. Denn das „Büro“ ist ein, fast, universelles Paradigma, das die Büro-Erfahrungen von Generationen von „An-den-Schreibtischen-Sitzern“ bündelt und auf hohem literarischem Niveau erzählt.

In seinem Roman beginnt Voskuil, die Welt in einem Büro zu spiegeln. Er erzählt von alltäglichen Geschehnissen und begleitet seine Protagonisten mit einer einfachen, direkten Sprache. Und er vergisst auch nicht die Details, die den Alltag begleiten. Immer wird Genever getrunken. Fragen wie „Willst du etwas trinken?“ werden immer mit „Ja“ beantwortet und man nimmt neben dem Allgemeingültigen in der Prosa auch einen Eindruck von den Sechzigerjahren mit – die seltsam gegenwärtig und gar nicht so entfernt wirken wie in manch anderen Beschreibungen. Aber man sollte die Einfachheit der Schilderung nicht unterschätzen, entbirgt sie doch in der Abfolge des Nichtgeschehens eine Welt, konzentriert und detailliert, literarisch dicht und paradigmatisch, wie man es nur in einem herausragenden literarischen Werk finden kann. Ein ebensolches ist „Das Büro“, vielleicht allerdings erst auf den zweiten Blick.

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J. J. Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Gerd Busse.
Verlag C. H. Beck, München 2012.
848 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783406637339

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