Im Dickicht der Mimesis

Eva Axer unternimmt mit „Eros und Aura“ ein close reading von Walter Benjamins Denkbildern

Von Malte VölkRSS-Newsfeed neuer Artikel von Malte Völk

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Verfasserin benennt in der Einleitung ihrer Untersuchung ein Problem, das im Umgang mit den dichten und beziehungsreichen Texten Walter Benjamins oft auftrete: „affirmative Interpretationen“ – ein eigentümlicher Ausdruck – seien „geneigt, sich in eine heikle Nähe zu den Texten zu begeben, in der sie Gefahr laufen, vor lauter Material und Details den Überblick zu verlieren“.

Das ist natürlich für die Leser etwas ungünstig. Und leider ist auch Eva Axer wenig erfolgreich darin, ihr Material nachvollziehbar zu strukturieren und Schwerpunktsetzungen durchzuhalten. Zwar sind die einzelnen Analysen, vornehmlich von Benjamins Kurzprosa, meist schlüssig und besonders auch philologisch exakt, jedoch entgleitet immer wieder der Gesamtzusammenhang. Dass einzelne Kapitel zum Teil weniger als eine Seite umfassen, zeugt von der zerfaserten Struktur der Abhandlung, zumal diese Kapitel selten miteinander verbunden werden. Es bleibt oft beim Aufblitzen von partikularen Beobachtungen.

Eros, Aura, Nähe, Ferne, Sprache, Erfahrung, Mythos, Moderne – alles durchzieht immer wieder die Argumentation, ohne doch je recht auf den Begriff zu kommen. So fällt zum Beispiel folgender Satz aus der Einleitung beim Lesen gar nicht weiter auf: „Aura und Eros sind […] für Benjamin Erfahrungen eines Moments, in welchem etwas Fernes trotz seiner Ferne und als Fernes ‚erscheint‘“`. Das geht beim Lektorat offenbar glatt durch, weil zumindest der Benjamin-Sound getroffen wurde – und solche mangelnde Präzision ein Merkmal der Arbeit insgesamt ist.

Einen Schwerpunkt bildet Benjamins Verhältnis zu Lebensphilosophie und Jugendbewegung, das hier mit einer Abgrenzung zu Ludwig Klages in den Blick gerät. Die Arbeit „widerlegt“ „die These einer theoretischen Nähe der beiden“, wie die Verfasserin selbst feststellt.

Dass Benjamin keine Affinität zu Klages aufweist, ist nicht neu oder überraschend. Da jedoch die Abgrenzung auch über eine literarische Besetzung der dem Namen nach gemeinsamen Begriffe wie Eros und Aura vorgenommen wird, bietet dieser Ansatz immerhin die Möglichkeit, nach dem Charakter des Literarischen in Benjamins Texten zu fragen; danach, wie zum Beispiel sein sprachphilosophisches Denken sich in allegorisch-literarischen Ausgestaltungen niederschlägt. Das sind denn auch die stärkeren Momente der Untersuchung, wenn etwa gezeigt werden kann, wie Personen bei Benjamin als eine Mischung aus literarischen Figuren, philosophischen Denkfiguren und mythischen Gestalten lesbar werden. Aber die Ausführungen zur Bedeutung dieser und anderer Bezüge verflüchtigen sich stets schnell wieder, weil sie nicht in einen übergreifenden Zusammenhang gestellt werden.

So ist etwa die Betonung der Notwendigkeit einer stärkeren Gewichtung von Benjamins Sprachphilosophienachvollziehbar und spannend. Aber dann kommt schon das Kapitel über den „Namen“ gleich wieder ohne einen Bezug zu dieser Sprachphilosophie aus, in der doch der Name als eine ins mystische Sprachverständnis hineinragende Kippfigur so wichtig ist. In der Schlusszusammenfassung heißt es, der „Witz“ sei als ein bisher kaum beachtetes Element von Benjamins Sprachphilosophie erschlossen worden. Tatsächlich wird die Unmittelbarkeit des richtenden Wortes, des Urteils, mit Äußerungen Benjamins zu Karl Kraus in Verbindung gebracht, wozu auch ganz kurz auf die psychoanalytische Witz-Theorie verwiesen wird. Dies geschieht jedoch derart knapp, dass nicht einmal unterschieden wird – was der Bezug auf Freud nahelegen müsste – zwischen einem befreiend-humoristischen Witz und dem bloß als Witz verkleideten Urteil („Wer ihm in den Arm läuft, ist schon gerichtet“).

Oft wird man von der Verfasserin schlichtweg allein gelassen. So zum Beispiel im letzten Kapitel mit dem vielversprechenden Titel „Das Gebet der Aufmerksamkeit“. Auf gut einer Seite handelt Axer die von Benjamin so geliebte Figur des „bucklicht Männlein“ ab. Am Ende heißt es: „Und weil in dieser Aufmerksamkeit wiederum Hoffnung liegt, ist das Männlein nicht ‚bucklig‘, sondern ‚bucklicht‘“. Was soll aber nun dies bedeuten? Eine nähere Erklärung gibt es nicht. Ist ‚licht‘ kursiv gesetzt, weil auf das Licht im Sinne von Helligkeit angespielt werden soll? Etwa so, wie bei Leonard Cohen: „There is a crack, a crack in everything / That’s how the light gets in“ –?

Sicher, seit Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen weiß man, dass in der Zukunft jede Sekunde die Pforte ist, durch die der Messias treten kann. Wollte Benjamin also durch die enge Pforte eines bis vor gar nicht so langer Zeit eben allgemein gebräuchlichen Adjektivsuffixes ein Licht der Hoffnung einschmuggeln? Wo er doch das „bucklicht Männlein“ selbst nur aus dem alten Kinderreim zitiert, so wie er in der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ von Clemens Brentano und Achim von Arnim eben überliefert ist? In Thomas Manns „Buddenbrooks“ muss Johann, der kränkliche und empfindsame Sohn von Thomas Buddenbrook, immer weinen, wenn er das Gedicht vom bucklichten Männlein liest – aus Mitleid mit dem Männlein. Hat er das mit dem Licht vielleicht nicht verstanden? Allzu viele Fragen bleiben offen, weil sie nicht gestellt wurden.

Nahezu unlesbar ist der abschließende Teil von „Eros und Aura“. Dieser wirkt weniger wie ein Buchkapitel, sondern eher wie eine Art Gutachten über die Arbeit, und zwar ein reichlich lustlos erstelltes Gutachten. Die Formulierung, „die Arbeit“ oder „die vorliegende Studie“ habe dieses oder jenes „zeigen“ oder „nachweisen“ können, findet man auf knapp sieben Seiten kaum variiert 43 mal. Dieses summarische Auflisten von Ergebnissen verpasst die Möglichkeit, abschließend noch einmal alle losen Enden zu verbinden. Auch hier mangelt es der Gewichtung und der Diskussion von Zusammenhängen.

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Eva Axer: Eros und Aura. Denkfiguren zwischen Literatur und Philosophie in Walter Benjamins "Einbahnstraße" und "Berliner Kindheit".
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2012.
190 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783770553952

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