Vierzehn Tage Tunesien haben die Kunstgeschichte verändert

Ein Buch über Paul Klees, August Mackes und Louis Moilliets Tunisreise im Jahr 1914

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Ereignis der legendären Tunisreise der drei Künstlerfreunde Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet jährt sich nun zum hundertsten Mal. Deshalb werden im Zentrum Paul Klee, Bern, die auf dieser Reise entstandenen oder von ihr inspirierten Werke – erstmals seit über 30 Jahren – wieder vereint gezeigt (bis 22. Juni 2014). Klee schuf im Lauf des zweiwöchigen Aufenthalts im April 1914 in Tunesien 30 Aquarelle und 18 Zeichnungen, Macke 33 Aquarelle und 79 Zeichnungen in drei Skizzenbüchern. Von Moilliet waren in Tunesien 3 Aquarelle und 11 Zeichnungen bekannt, weitere Werke entstanden während seiner späteren Aufenthalte in Tunesien, Marokko und Südspanien. Macke fiel im September 1914 an der Westfront in der Champagne, so dass sein künstlerischer Ertrag der Tunesienreise im Nachhinein verschiedentlich als Vollendung seines Werkes bezeichnet wurde. Für Klee blieb Tunesien bis in die frühen 1930er-Jahre eine wichtige Inspirationsquelle; er hat danach noch mehr als 20 Werke geschaffen, die sich auf das Ereignis beziehen.

Die über die ganze Welt verstreuten Werke der drei Künstler sind also wieder zusammengeführt worden, um den faszinierenden bildnerischen „Wettstreit“ zu veranschaulichen, der vor allem Klee und Macke während ihrer Reise zu künstlerischen Höchstleistungen inspirierte. Nebst umfangreichem Dokumentenmaterial sind in Bern 75 Werke von Klee, 57 von Macke und 20 von Moilliet zu sehen.

Die die Ausstellung begleitende Publikation wird von Ernst-Gerhard Güse, Kurator der Tunisreise-Ausstellung von 1982 in Münster und Bonn, mit dem grundlegenden Beitrag „Das Erlebnis des Orients“ eingeleitet. Er zeigt, wie die drei Tunis-Reisenden zwar in der Tradition der Orientmalerei standen, ihr aber zugleich eine eigene Wendung gaben. Bei Macke gab es schon vor der Tunisreise Orientmotive. Seine „Farbige Komposition“ (1912) ist in ihrer strengen Flächigkeit und ornamentalen Auffassung aus orientalischer Teppichornamentik abgeleitet. Für Macke und Klee bedeutete die Tunesienreise vor allem eine Auseinandersetzung mit dem Licht, der Farbe und auch der Form. Kandinsky dagegen übertrug sein Tunis-Erlebnis von 1905 lediglich in seine bisherige Sichtweise und Farbensprache. Dagegen bot Ägypten 1914 der impressionistischen Sensibilität Max Slevogts neue Reize, dieser sah aber auch die Härte des Lebens am Nil. Oskar Kokoschka reiste noch 1928 nach Tunesien und Algerien, und in der Nachkriegszeit waren es vor allem Jean Dubuffet und Emil Schumacher, die sich wiederholt in Nordafrika aufhielten.

Mit dem Erlebnis der Farbe bei Macke beschäftigt sich Ursula Heidenreich. Seine Bildmittel – die Transparenz der Farbe als Licht, die Struktur der Blattfläche als Fenster zu einer anderen, neuen Wirklichkeit – hatte Macke schon vor der Tunisreise ausgebildet. Im Aquarell gelangte er zu seinen reifsten und freiesten Formulierungen. Von Anfang an hatte er sich um eine Verbindung von Abstraktion und Gegenständlichkeit bemüht. Für seine Stilentwicklung bedeutete die Tunisreise keine Unterbrechung, stellt die Verfasserin fest, wohl aber einen „begünstigten Augenblick“ reicher Entfaltung. Erich Franz beschreibt dann Mackes Tunis-Aquarelle. Die Untersuchungen des Psychologen Friedrich Schumann zur „wandernden Aufmerksamkeit“ haben Macke zu den linearen, frei stehenden Gittern etwa in dem Triptychon „Großer Zoologischer Garten“ (1913) inspiriert. Gegen die Gleichförmigkeit wollte er den Rhythmus setzen. Die Tunis-Aquarelle „breiten dann ihre Motive, Anordnungen und Farben gleichwertig über die gesamte Fläche des Blattes aus“. Einige Aquarelle bilden fast ein teppichartiges Raster. Der „Teppich“ verwandelt sich in Raum, Bewegung und Licht. Die momenthafte Balance zwischen Spontaneität und szenisch entwickelter Einheit bei den Tunis-Aquarellen sieht Franz als einzigartig an. In einem weiteren Beitrag untersucht Ursula Heiderich die Tunis-Zeichnungen in Mackes Skizzenbüchern. Hier überwiegen Figurenskizzen von der Straße, ausgeführt mit schwarzer Kreide oder Kopierstift. Mehrere der formklärenden „Kompositionszeichnungen“ wurden nach der Rückkehr zu Gemälden ausgearbeitet.

Mit dem „kunsthistorischen Mythos“ von Paul Klees Reise nach Tunesien setzt sich Michael Baumgartner auseinander. An Klees in den Monaten vor der Tunisreise entstandenen Aquarellen wird deutlich, dass das Spektrum der bildnerischen und farblichen Möglichkeiten, das dann in Tunesien zur Entfaltung kam, bereits vor der Reise erarbeitet wurde. Die Farbmacht der Bilder Mackes, in der Delaunays Vision einer Malerei der reinen Farben und des Lichts bereits verwirklicht war, beeindruckte Klee und verlieh ihm entscheidende Impulse. Er hat seine künstlerische Arbeit in Tunesien im Rückblick als folgerichtigen Entwicklungsprozess bewertet, der von der Wiedergabe des visuellen und atmosphärischen Eindrucks zur bildnerischen Reduktion und Abstraktion führte. Seine frühzeitige Abreise aus Kairouan und die schnelle Rückkehr nach München verweisen darauf, dass sich Klee von der nachträglichen Auseinandersetzung mit den in Tunesien gewonnenen bildnerischen Ansätzen mehr versprach als von der weiteren Arbeit vor dem Motiv. Beispielhaft für diesen Prozess der Retrospektion steht das Bild „Teppich der Erinnerung“, das Klee 1914 begonnen hatte, 1921 jedoch überarbeitete und in seine gegenwärtige Form brachte.

Anna M. Schafroth behandelt Louis Moilliets Tunesienreise. Moilliet hat sich zwischen 1908 und 1929 insgesamt mehr als zwei Jahre in Nordafrika aufgehalten. 1909 betrieb er die Ölmalerei auch im Freien und verwendete direkt Natureindrücke. Die tunesische Landschaft verwandelte sich bei ihm in eine reichhaltige, von den Primärfarben Rot, Blau und Gelb dominierte Farbsymfonie. Er hat dann auf der Tunisreise 1914 mit Klee und Macke zwar „nur“ 3 Aquarelle gemalt, aber das flüchtige, rasche Erfassen des Sujets und der starke Farbkontrast mit Gelb und Blau ergaben eine vom Gegenstand losgelöste, abstrakte Flächigkeit. Um 1920 schuf Moilliet Aquarelle, die zu seinen reifsten Arbeiten in dieser Technik gehören. Sie geben mit ihren sinfonischen Farbkompositionen nicht Teile der marokkanischen Stadt wieder, sondern den Farb- und Formklang des wahrgenommenen Stadtbildes, der zu einem Echo der Realität wird. Der Künstler beschritt den Weg – nach der Fragmentierung der Farben in der Natur und der Erkenntnis, dass diese autonom seien –, seine Aquarelle immer mehr zu Bildern des farbigen Lichts werden zu lassen, um sich dann in letzter Konsequenz dem Glasgemälde zuzuwenden.

Christine Hopfengart beschreibt die Tunisreise als geglücktes Modell einer Gruppenreise. Im Rückgriff wurde aber aus der Tunisreise noch mehr. Sie mutierte zum Stilbegriff – dem des „Tunis-Aquarells“. Es entstand ein ungewöhnlicher Dialog aus Anregung, Abgrenzung und individueller Selbstbehauptung. Und es kam zu einer unterschiedlichen Rollenverteilung. Mackes und Klees Aquarelle aus Tunis haben noch wenig Ähnlichkeit miteinander. Aber in St. Germain geriet Macke dann in einen Dialog mit Klee. Er nahm die stereometrische Gliederung wieder auf, setzte aber Klees konsequenten Exerzitien seine eigene, freiere Variante entgegen. Moilliet dagegen verzichtete auf lineare Gliederung und konzentrierte sich mit flüssigem Farbauftrag radikal auf die Wiedergabe von Licht und Atmosphäre. In Kairouan übersetzte Klee die Landschaft in orthogonale Farbfelder, während Macke eine Verbindung von Bildordnung und Erzählung anstrebte. Moilliet dagegen ging nahe an das Motiv heran, löste die Einzelheiten aber in eine weiche Farbigkeit auf.

Roger Benjamins Beitrag heißt „Schöne Aquarelle“. Klee hatte im April 1914 in Kairouan volkstümliche maghrebinische Blätter erworben, Aquarelle mit Fantasiearchitekturen, die zur Dekoration maurischer Cafés und Barbierläden bestimmt waren. Auch Moilliet erwarb solche Aquarelle, die aber verloren gingen. In diesen Kairouaner Veduten fand Klee ein wirkungsmächtiges Vorbild für viele seiner – vor allem architektonischen – Erfindungen späterer Jahre.

Aufzeichnungen Klees zur Tunisreise im Tagebuch III, Postkarten und Briefe der drei Künstler über die Tunisreise, Fotos Mackes von der Tunisreise beschließen nebst einer Chronologie der Tunisreise und einer Werkliste der ausgestellten Arbeiten den reich mit Abbildungen und Fotografien ausgestatteten Band.

Warum diese vierzehntägige Reise der drei Künstlerfreunde Kunstgeschichte geschrieben hat, soll noch am Beispiel von Paul Klee wenigstens angedeutet werden. Denn dieser spürte nicht nur der Aneignung von Fremdem und dessen Verarbeitung zu Eigenem 1914 in Tunesien nach, sondern vollzog auch die Wende zur ungegenständlichen, abstrakten Malerei. Auf seiner Tunesienreise, in der Welt des Orients, hatte Klee die Farbe für sich entdeckt, und die Farbe wiederum löste seine Malerei weitgehend vom Gegenständlichen. Er entwickelte eine ureigene künstlerische Sprache, in welche die Zeichen und Symbole seiner märchenhaft-spielerischen Bildwelt Einzug fanden. Aus der Meditation über die Natur und die Welt entstand die Vorstellung von rhythmischen Grundstrukturen des Raumes, des Wachsens, der Statik und Schwerkraft, der Dynamik des Schwebens und Fliegens, und aus diesen Grundstrukturen wurde durch die Gestaltung unversehens wieder Natur – nicht deren Abbild, sondern deren Wesen. Die Magie einer geometrischen Ordnung wurde zum Spiegelbild kosmischer Ordnung schlechthin.

Klees prophetisches Wort von 1915, „je schrecklicher die Welt wird, desto abstrakter wird die Kunst“, ist auch deshalb so bemerkenswert, weil es Klee dann in den 1930er-Jahren darum ging, die Katastrophe des ihn bedrohenden Todes und des Zusammenbruchs der Welt zu verarbeiten. So konnte der Künstler lernen zu leben und damit den makabren Totentanz überdauern.

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Die Tunisreise 1914. Paul Klee, August Macke, Louis Moilliet.
Herausgegeben von Zentrum Paul Klee.
Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 2014.
333 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783775737623

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