MenschlichKeit™ = schwer zu finden?

George Saunders’ Erzählband „Zehnter Dezember“ lässt an der Suche nach Glück in einer brutalen Welt teilhaben

Von Sandra TähtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sandra Täht

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Ich bemerkte, dass sich Rogan eine Ratte auf den Hals hatte tätowieren lassen, eine Ratte, die gerade mit einem Messer durchbohrt worden war und weinte. Doch selbst unter Tränen erstach sie noch eine kleinere Ratte, die bloß überrascht dreinschaute.“ Die Verlierer und Verlorenen, Krankhaften, Unzufriedenen, von der Gesellschaft Ausgebeuteten und Ausgestoßenen, ihrem Schicksal überlassene, machtlose Lebensversäumer stehen im Mittelpunkt der saunderschen Fiktion. Der spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft unterworfen, zeigen sie ihre Zerrissenheit: auf den ersten Blick scheinen sie nur dazu fähig, andere Benachteiligte ausnutzen zu können, dennoch zeigen auch sie Mitleid und Liebe gegenüber anderen Menschen. Manchmal schauen sie sogar über das eigene Schicksal hinweg und reichen eine helfende Hand. Der Kontrast zwischen den hässlichen und minder hässlichen Seiten des Menschseins lockt.

Die Experimentatoren einer huxleyschen Anstalt rechnen in einer Geschichte des Bandes nicht mit der Empathie und Menschlichkeit des Ich-Erzählers Jeff. Als Strafe für einen Mord wird Jeff in die Anstalt eingewiesen, die ihre Häftlinge unter Drogen setzt, um die Liebe zu erforschen. Drogen, die Liebe (oder zumindest Verliebtheit) erzeugen oder auslöschen sollen. Die Versuchsleiter meinen, ein moralisch wertvolles Projekt durchzuführen: „Oder angenommen, wir haben zwei Diktatoren, die sich auf den Tod nicht ausstehen können. Angenommen ED289/290 entwickelt sich auch schön in Pillenform, dann tu ich jedem von ihnen einfach was davon in den Drink. Schon bald stecken sie sich gegenseitig die Zunge in den Hals, und Friedenstauben kacken ihnen auf die Epauletten.“ Jeff aber wird sich seiner Eigenverantwortung bewusst und wehrt sich gegen die Autorität, indem er entscheidet, sich selbst zu opfern, bevor er gezwungen wird, seinem neu entdeckten Rechtssinn zuwiderzuhandeln.

Surrealität, die auf die Realität trifft und umgekehrt, wird hier, wie in weiteren Geschichten des Bandes, auf die Spitze getrieben. Was die Sammlung geradezu ingeniös macht, ist aber die Art, wie sie durch ihre erzählten Welten die Gegenwart des Lesers beleuchtet, die auf den zweiten Blick von dem in der Fiktion Dargestellten gar nicht mal so verschieden erscheint.

„Zehnter Dezember“ stellt Brutalität aus, die in der Gesellschaft fast als normal wahrgenommen wird, und mag dadurch im Leser die Frage aufwerfen, hinter welchen Normalitäten sich die Inhumanitäten der eigenen Gegenwart tarnen. Ob der Einzelmensch je das System verändern kann, wenn er bereit ist zu tun, was er für richtig hält, trotz der Möglichkeit, dass er in seinem Kampf allein stehen könnte? Inmitten aller Brutalität tauchen in den Geschichten Figuren auf, die in sich die Kraft finden, die Unmenschlichkeit zu hinterfragen und sich gegen sie zu wehren. Wie Kyle, dessen Eltern ihm einreden, sich nicht in die Angelegenheiten anderer Menschen einzumischen. Die Konditionierung, an die Kyle unter der Kontrolle seiner Eltern gewöhnt ist, hindert ihn fast daran, einem in Gefahr schwebenden Menschen zu Hilfe zu kommen. Das Motto dieses Menschen bestimmt am Ende Kyles Handeln: „Um etwas Gutes zu tun, musst du nur beschließen, etwas Gutes zu tun.“

Der 55-jährige George Saunders, dessen Kurzgeschichten im Laufe seiner 18 Jahre langen Schriftstellerkarriere bereits mit mehreren Preisen gewürdigt worden sind, lehrt zurzeit an der Syracuse-Universität Kreatives Schreiben. „Zehnter Dezember“, sein vierter Erzählband, der jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt, wurde Anfang 2014 mit dem zum ersten Mal verliehenen Folio Preis (ein Preis, der eine Alternative zum Man-Booker-Preis bieten soll) ausgezeichnet. Nach seinem Erscheinen im Frühjahr 2013 erlangte der Band großes Ansehen in den USA, was nicht zuletzt dem Urteil der „The New York Times“ zu verdanken ist – Saunders habe das beste Buch des Jahres geschrieben. Auch die begeisterten Kommentare seiner Schriftstellerkollegen Zadie Smith, Thomas Pynchon, Jonathan Franzen und David Foster Wallace mögen zu Saunders´ Erfolg beigetragen haben. Obwohl Saunders in Deutschland zu den weniger bekannten amerikanischen Autoren zählt, stieß sein neuer Band auch hierzulande bisher auf positive Resonanz. Unter anderem ist dies der virtuos feinfühligen Übersetzung von Frank Heibert zu verdanken. Gewandt transferiert er die Sprache von Saunders´ Erzählern und Figuren, hinter deren Oberflächlichkeit tiefgründige Fragen und Probleme sowie die Tragik hinter der Satire aufscheinen.

Alle zehn Geschichten aus dem vorliegenden Band sind bereits in Zeitschriften wie „Harper´s“ oder „The New Yorker“ in einer Zeitspanne von 17 Jahren veröffentlicht worden. Trotzdem findet man in der Komposition der Geschichtensammlung einen roten Faden, der in Form und Thema gleichermaßen die nebeneinandergestellten Erzählungen schlagkräftiger wirken lässt, als sie alleinstehend wirken können.

Hier leben scheinbar hoffnungslose Menschen: Mörder, Vergewaltiger, an posttraumatischem Syndrom leidende Kriegsveteranen, mental und moralisch verfallende Unternehmer und Arbeiter, verschuldete Familien, Kinder, die an den fragwürdigen Wertvorstellungen ihrer Eltern leiden. Der unmittelbare Blick in die facettenreich dargestellte Innenwelt dieser Figuren, vermittelt durch innere Monologe und erlebte Rede, erschüttert und amüsiert zugleich. Unter dem Einfluss von Verbaluce™, einer Droge, die die „Sprachzentren boostet“, leiden die Figuren unter einer abstrusen, grotesken, ja misslungenen Sprache. Aber es ist genau diese Sprache, durch die Saunders die Figuren zum Leben erweckt – von ihrer Umwelt entfremdet ist ihnen der Zugang zu anderen Menschen erschwert. Der Autor lässt sie authentisch wirken – zum Beispiel in der rudimentären Formelhaftigkeit umgangssprachlicher Tagebucheinträge eines Familienvaters, der sich seiner Eingeschränktheit unbewusst ist und bleibt: „Duft von Roastbeef + Topfklappern, Tellergeklirr = ansprechend.“ Auch in den Handlungen, die immer weiter weg von den Träumen der Betroffenen zu führen drohen, weiß Saunders meisterhaft die zerbrechliche Menschlichkeit darzustellen, die vom sozialen Kampf um Ressourcen verdrängt wird. Den Figuren bleibt die naive Hoffnung, zumindest auf der Oberfläche: „Beschließe hiermit, mein Leben auf neue, kraftvolle Weise zu leben, und zwar AB JETZT SOFORT (!).“

Was den Rezipienten an dem Erzählband am meisten herausfordert, ist aber nicht Saunders´ kunstfertige Gestaltung der Erzählungen. Nicht nur ihre Mannigfaltigkeit und Originalität auf formaler und thematischer Ebene können den Leser in Verlegenheit bringen. Vielmehr ist es Saunders´ Fähigkeit, die Aufmerksamkeit des Lesers in einer gleichzeitig humoresken und grausamen Weise auf die unangenehmen Fragen des Lebens und der Gesellschaft zu richten. Innerhalb weniger Seiten macht Saunders dem Leser seine Figuren so vertraut, dass man sie am liebsten warnen würde – vor ihnen selbst. Den Unglücklichen werden von der demoralisierten Gesellschaft kaum Möglichkeiten geboten, um sich aus ihrer Niederlage zu befreien. So fragt ein Vater in seinem Tagebuch: „Wann werde ich genug Freizeit/Geld haben, um auf Heuballen sitzen und in aufgehenden Mond schauen zu können, während Familie in Luxusvilla schläft? Hätte dann Gelegenheit zu tiefschürfenden Gedanken über Sinn des Lebens usw. usf.“ Seine Bemühungen, in der gesellschaftlichen Hierarchie hochzuklettern, könnten einen am Anfang zum Lachen bringen. So schafft der Vater sich sogenannte SGs zur Gartendekoration an, eine Art Statussymbol, Surrogate für immaterielle Werte, die ihm wegen seiner Ignoranz unerreichbar scheinen. Erst später wird klar, dass SGs Immigranten aus Somalia, Moldau, Laos und den Philippinen sind, die mit einer Mikroleitung durch das Hirn anästhesiert und miteinander verbunden werden: „SGs hängen jetzt, ca. ein Meter über Boden, lächelnd schaukeln sie in der Brise.“ Die einzige Hoffnung auf Besserung hinterlässt die Tochter der Familie, die die Dehumanisierung hinterfragt, die SGs befreit, und somit gegen das Gesetz der Gesellschaft verstößt.

Wenn Saunders mit seinem Band auf Flannery O´Connors „A Good Man Is Hard To Find“ antworten müsste, würde er sagen: „Schwer, aber nicht unmöglich.“ Dass nicht alle Menschlichkeit verloren ist, zeigt die Titelgeschichte, die den Band abschließt. Eber, der Mann mit einem Gehirntumor, glaubt, Selbstmord begehen zu müssen, um seine Würde zu bewahren und seine Familie nicht weiterhin belasten zu müssen – bis er von einem Jungen daran gehindert wird und seinen Lebenswillen wiederentdeckt: „Weil, okay, die Sache war die –  […] wenn ein Mensch am Ende auseinanderfiel und schlimme Dinge sagte oder tat oder Hilfe brauchte, in ganz beachtlichem Maße Hilfe brauchte? Na und? […] Warum sollte ihm nicht die Scheiße an den Beinen herunterlaufen? Warum sollten die Menschen, die ihn liebten, ihn nicht hochheben und beugen und füttern und abwischen, wo er dasselbe mit Freuden für sie tun würde?“ Die kompromisslose Meisterhaftigkeit von Saunders´ Prosa spricht für sich selbst. Es lohnt sich, sie auf sich wirken zu lassen – und vielleicht auf diesem Weg einen revidierenden Blick auf die eigene Menschlichkeit zu werfen.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

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George Saunders: Zehnter Dezember. Stories.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englischen von Frank Heibert.
Luchterhand Literaturverlag, München 2014.
272 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783630874272

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