Eine Ahnung von Glück

Ralf Meyer und Werner Makowski zeigen, wie lebendig die Gattung Sonett ist

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwei Dichter, zweimal 22 Sonette über die Liebe; also Ungewöhnliches genug in einem schmalen Band. Ungewöhnlich ist erstens die Arbeitsgemeinschaft der beiden Lyriker. Ralf Meyer und Werner Makowski haben über Jahre hinweg ihre Gedichte miteinander besprochen, sich Ideen und Verse überlassen, und dennoch sind zwei Zyklen entstanden, die bei gleichem Thema, gleicher Gattung und gleicher Grundhaltung doch sehr unterschiedlich sind.

Zweitens die Gattungswahl: Die strenge Form des Sonetts, die Widersprüche ausstellt, austrägt und schließlich auf höherer Ebene aufhebt, wird – soweit sie überhaupt vorkommt – meist nur parodistisch gewendet. Gerade Dichter, die sich als progressiv verstehen, setzen die Regeln der Form mit autoritärer Gängelung gleich. Dazu schreibt aber Ralf Meyer in seinem Vorwort: „Man darf sich die Gattungen nicht als starres Regelwerk vorstellen, eher als Prinzipien.“

Das Prinzip des Sonetts, die Aufhebung der Widersprüche, ist auch das der dialektisch sich entfaltenden Geschichte. Freilich ist das Gedicht eine kleine Form, die nicht auf gesellschaftliche Totalität zielen kann. Das Sonett mit seinen vierzehn Versen stellt das beispielhafte Einzelne vor, nicht das Ganze. In diesem Fall ist es die Liebe, die in zeitgenössischen deutschen Büchern sonst eher trist vor sich hin dämmert. Die Gefühle täuschen, der Sex wird mechanisch und lustlos vollzogen und vermag eine existentielle Leere bestenfalls für Minuten zu verdrängen – so erscheinen die Restbestände von dem, was mal Liebe war, in der Literatur. Dies geschieht zuweilen in kritischer Absicht, wohl häufiger automatisch, weil es eben der Zeitstil ist.

Das Ungewöhnlichste in den Gedichten von Meyer und Makowski ist, dass Liebe noch einmal schön sein darf und sie etwas wie dauerhaftes Vertrauen und dauerhafte Nähe gestalten. Dabei färben sie nicht schön und leugnen keine Konflikte. Zwar droht auch in ihren Gedichten häufig Entfremdung; nur gibt es eben die Chance, sie zu überwinden.

An keiner Stelle lauert die Gefahr von Kitsch, die sonst manchmal bei dem Schreiben über gelingende Liebe droht. Dazu trägt die außerordentliche sprachliche Disziplin beider Dichter bei, die jedes Klischee meiden und Zuwendung (wie auch Distanz) stets an konkreten Einzelheiten anschaulich machen. Vor allem aber erscheint Liebe immer als gesellschaftlich. Die Brombeerhecke, die dem Band seinen Titel gibt, liegt in einem Garten: Der Garten ist künstliche Natur. Die Liebe der beiden Gedichtzyklen mag autobiografisch begründet sein, doch vor allem ist sie dichterische Liebe.

Als solche ist sie Gegenbild einer miserablen Gesellschaft. In Meyers 22 Sonetten wird die Geschichte einer Liebe erzählt, die sich gegen Widerstände behauptet. Makowski setzt abstrakter ein und markiert die Liebe als Ideal, an dem gemessen die Gegenwart sich verstecken muss. Andererseits ist Makowski politisch konkreter, indem er den Sieg des Kapitalismus 1989 als einschneidendes Datum benennt.

Beide Dichter aber leisten Widerstand durch Positivität. Sie bilden nicht zum tausendsten Male naturalistisch das schlechte Bestehende nach, sondern gestalten das gute Mögliche. Die Lektüre, begleitet von den Illustrationen Frank Hauptvogels, vermittelt eine Ahnung von Glück.

Kein Bild

Werner Makowski / Ralf Meyer: Sonette bei den Brombeeren. Gedichte.
Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2013.
79 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783898129947

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