Wahrhaftig und belehrend

Ernst Friedrichs neu aufgelegtes Buch „Krieg dem Kriege“ zeigt den Krieg als Massenmord

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ernst Friedrichs Buch „Krieg dem Kriege“ erschien erstmals 1924. Ein Jahr zuvor hatte der Autor unweit des Alexanderplatzes in Berlin, in der Parochialstraße 29, ein kleines baufälliges Haus erworben, das er nach provisorischen Renovierungsarbeiten zum Zentrum seiner Friedensarbeit machte. Hier richtete er sein berühmtes Anti-Kriegs-Museum ein. Was Friedrich dort zeigte, diente einem Zweck: den Krieg so zu zeigen, wie er wirklich ist. Das war mutig in einer Gesellschaft, die die Schrecken des Ersten Weltkrieges durch Idealisierung und Verherrlichung des Krieges zu verleugnen suchte. Kein Wunder, dass in solcher Stimmungslage Friedrichs Anti-Kriegs-Museum hasserfüllte Ablehnung entgegenschlug. 1933 dann, der Reichstagsbrand diente Hitlers Schergen als Vorwand, konnten sie endlich das Museum zerstören. Das Haus wurde zum Sturmabteilungs-Heim. Ein Foto zeigt SA-Männer Mitte des Jahres 1933 breitbeinig vor dem Haus stehend. Aus einem kleinen Dachfenster weht die Hakenkreuzfahne, die Fassade zur Straße hin zeigt noch die Zerstörungen der neuen Hausherren, aber über dem Schaufenster ist trotz ihrer wütenden Anstrengungen immer noch der verhasste Schriftzug zu ahnen: „Anti-Kriegsmuseum“.

„Krieg dem Kriege“ ist im Wesentlichen ein erweiterter Katalog der Ausstellung. Das Buch ist seitdem zu einem Klassiker der Friedensliteratur geworden. Und trotzdem erfuhr es, darauf verweist Gerd Krumeich in einem einführenden Beitrag zur Neuauflage, die das seit 1982 an anderer Stelle in Berlin wieder existierende Anti-Kriegs-Museums herausgibt, nie die ihm gebührende Wertschätzung. Zwar war die öffentliche Aufregung um Friedrichs Buch erheblich, aber es fehlt bis heute an einer fundierten Beschäftigung mit Friedrichs Werk insgesamt und seinem Leben. Der Enkel Friedrichs, Tommy Spree, Leiter des Anti-Kriegs-Museums, und Patrick Oelze machen in einem kurzen Text zur Biografie Friedrichs ebenso auf diese Fehlstelle aufmerksam.

Die Bedeutung des Buchs erkannte freilich unter den Zeitgenossen Kurt Tucholksy. Der Text „Waffe gegen den Krieg“, den er als Ignaz Wrobel im Februar 1926 für die „Weltbühne“ verfasste, ist ebenfalls der Neuauflage beigefügt. In diesem Text empfiehlt er den Leserinnen und Lesern  eindringlich, das Buch „in einem oder mehreren Exemplaren zu kaufen und für seine Verbreitung zu werben“. In den „Fotografien der Schlachtfelder, dieser Abdeckereien des Krieges“ und den „Fotografien der Kriegsverstümmelten“ erkannte er ein einmaliges Dokument der „Wahrhaftigkeit“ und „Belehrung“.

Wahrhaftigkeit und Belehrung – zwei Grundlagen zur Friedenserziehung, mit denen Tucholsky den pädagogischen Impuls aufgriff, der ein zentrales Motiv für Friedrichs Friedensarbeit war. Seine Zielgruppe waren dabei vor allem Kinder und Jugendliche. Bereits 1919 hatte er die „Freie Jugend“ gegründet, eine „freie Vereinigung der anarchistischen Jugend“. In Berlin gründete er eine Wohnkommune, in der etwa 40 Jugendliche wohnten. Herrschaftsfrei, ohne Konventionen, naturverbunden – alles als Teil einer nachhaltigen Erziehung zu Frieden und Gewaltlosigkeit. So auch das Museum: „Warum nicht ein Haus des Friedens, das unsere Kinder frühzeitig unterrichtet, wie schrecklich der Krieg ist und wie schön das Leben sein könnte, wenn die Menschen endlich aufhören würden, sich gegenseitig zu hassen und zu töten.“

Und so beginnt denn auch das in vier Sprachen (deutsch, englisch, französisch und niederländisch) verfasste Buch Friedrichs nach einer proklamatorischen Einleitung „Menschen aller Länder!“ mit Fotos von ‚Kinderspielzeug‘: „Wie die Kinder durch Soldatenspielzeug für den Krieg vorbereitet werden!“ Das Buch ist ein Fotobuch und die Gegenüberstellung kriegsverharmlosender und -verherrlichender ‚offizieller‘ Fotos mit solchen, die den Krieg als dreckige Grausamkeit zeigen, erzielt bis heute anschauliche Wirkung. Und bis heute wissen die Kriegsbefürworter und -strategen um diese Wirkung: deshalb streben sie danach, den Krieg sauber und ohne Opfer zu zeigen; als Joystick-Technik, mit der der Krieg als harmlos-digitales Bildschirmabenteuer präsentiert wird. Sie fürchten seit jeher die „wahrhaftige“ Berichterstattung über den Krieg.

Zur realitätsnahen Darstellung des Krieges gehört das Kapitel „Das Antlitz des Krieges“. Die hier gezeigten Fotos von verstümmelten Menschen, Opfer der modernen Kriegstechnologien, schockieren. Krumeich weist in seiner Einleitung darauf hin, das Friedrich mit der Darstellung der zerstörten Gesichter, der „gueules cassées“ (zerschlagenen Fressen) der Soldaten ein archaisches Tabu berührt: Mit dem Gesicht zerstört der Krieg nicht nur die Individualität des Menschen sondern mehr – sein Gesicht macht den Menschen zum Ebenbild Gottes. Tatsächlich sind die Bilder der zerstörten Gesichter peinigend. Und es ist kein Trost, dass der medizinische Fortschritt heute möglicherweise die Folgen solch grausamer Verletzungen erträglicher gestalten kann. Es bleibt der Skandal, dass der Krieg sich anmaßt, Menschen zu verstümmeln und zu töten.

„Zeigt diese Bilder allen Menschen, die noch denken können. Wer dann noch diesen Massenmord bejaht, den sperre man ins Irrenhaus, den meide man, wie man der Pest ausweicht!“ schreibt Friedrich zu Beginn seines Buchs. Auch wenn sein Ansinnen, der Schock möge lehrhaft sein, unerfüllt blieb, bleibt doch als Mindestanforderung an uns heute bedeutsam, was er 1924 mit seinem Buch anschaulich machte: Zeigt den Krieg wahrhaftig!

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Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege.
Neu herausgegeben vom Anti-Kriegs-Museum Berlin. Mit einer Einführung von Gerd Krumeich.
Ch. Links Verlag, Berlin 2015.
242 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783861538288

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