Die Reise findet statt, um brennende Fragen zu lösen

Zur Neuauflage von H. G. Adlers Roman "Eine Reise" nebst einer Anmerkung zu W. G. Sebalds "Luftkrieg und Literatur"

Von Marcel AtzeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Atze

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Die zwei ältesten Menschen, die mit Transporten ankamen", schreibt H. G. Adler über die Lagersituation, "waren Hundertjährige und starben hier. Manche Greise von über 80 und selbst 90 Jahren lebten lange in Theresienstadt und überdauerten sogar die Befreiung. Ohne sonst eigentlich senil zu sein, begriffen sie oft nicht recht, was mit ihnen vorging, und das konnte ihre Widerstandskraft stärken. Sie nannten die Deportation eine ´Reise`, fragten nach den Zeitungen, die sie hier lesen könnten, oder hielten Margarine und Ersatzkaffee für Gebirgsbutter und Bohnenkaffee."

Es ist nicht der Romancier Adler, den man hier zu den Symptomen des "Einlieferungsschocks", insbesondere bei Greisen, vernehmen kann. "Die Flucht aus der Gegenwart", bemerkt Adler in seinem bis heute gültigen wissenschaftlichen Standardwerk "Theresienstadt 1941-1945" von 1955, "die Repression in die Kindheit, die Trübung des Wirklichkeitssinnes waren Zeichen leichter und schwerer psychischer Schäden." Die Vokabel "Transport" aber wurde mit den im Sommer 1941 einsetzenden Deportationen als "das schrecklichste Wort", wie an gleicher Stelle erläutert wird, nicht nur von alten Menschen gemieden und durch den vermeintlich positiv besetzten Begriff "Reise" ersetzt. "Kinder sind im Zug an der Leine zu halten", liest man beim Erzähler Adler im kalten Ton der Verwaltungsmaschinerie. "Das Ziel der Reise wird rechtzeitig erreicht, die Hinrichtung kann pünktlich stattfinden. Deshalb haben die Soldaten ihre Gewehre mitgenommen. Teilnahme an der Reise bloß auf eigenes Risiko. Es wird nur den Befehlen gehorcht, Angst ist überflüssig."

Kennt der Wissenschaftler noch die Gänsefüßchen-Reise, so entfallen die Anführungszeichen in der literarischen Transponierung des Motivs. Schon die Erklärung für den Titel und das Hauptmotiv in H. G. Adlers nun nach 37 Jahren wieder aufgelegtem Buch "Eine Reise" weisen auf ein Phänomen hin, das in der deutschsprachigen, ja womöglich in der Weltliteratur, seinesgleichen sucht. Mit dem Schaffen Adlers ist uns ein "Gesamtkunstwerk" (Jürgen Serke) überliefert, das in außergewöhnlicher Komplexität die diskursive wissenschaftliche Erforschung wie die literarische Verarbeitung von Lager und Vernichtungsdrohung miteinander zu verbinden sucht. Dafür wurden griffige Schlagworte gefunden, die Adler etwa als "den ersten Holocaustforscher" (H. Ritter) oder als den "jüdischen Dichter der Verfolgung" (Klaus Briegleb) vorstellen. Hermann Broch sprach sogar, Hannah Arendt gegenüber, einmal vom "KZ-Adler". Dieser Begriff war keineswegs abfällig gemeint, starb doch Brochs Mutter in Theresienstadt und war Broch nicht zuletzt deshalb sehr an Adlers wissenschaftlicher und literarischer Reaktion auf die Lagerzeit gelegen. Broch war zudem darüber informiert, daß Adler im Februar 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war und später auch die Lager Auschwitz-Birkenau, Niederorschel und Langenstein-Zwieberge überlebt hatte.

Noch im Jahr der Einlieferung begann Adler, der im Prag der dreißiger Jahre unter anderem Soziologie studiert hatte, Unterlagen für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem "Vorzeigeghetto" der SS zu sammeln. Der mit Adler befreundete Gelehrte Leo Baeck - er überstand Theresienstadt - konnte die von Adler zusammengetragenen Materialien bis nach Kriegsende verstecken. Auch die ersten Gedichte Adlers, die er unter dem vielsagenden Titel "Theresienstädter Bilderbogen" zusammenfaßte (sie finden sich in dem von Jeremy Adler herausgegebenen Band "H. G. Adler: 'Der Wahrheit verpflichtet'" von 1998), entstanden noch 1942. Die kaum faßbare Bewußtheit, mit der Adler als Lagerinsasse an die Erfüllung seiner sich selbst gestellten Aufgabe, nämlich zu überleben und Zeugnis abzulegen, heranging, formuliert auch eine der wenigen Erzählerpassagen in "Eine Reise": Wenn sich die Forschung um die Reisenden bemüht, erfährt man da, "sind sie auch schon wieder vorübergegangen. Und so geht alles vorüber. Eben wird es gerade gehalten, aber da ist es schon ungehalten, und dann ist nichts mehr bekannt."

Adler aber will bekanntmachen. Nach Beendigung der ersten Niederschrift seiner Monographie über Theresienstadt (1947/48) erlebt er einen gewaltigen Ausbruch an literarischer Kreativität. In kürzester Zeit schreibt er mehrere Romane, die sich größtenteils dem Holocaust und dem Überleben widmen. Bis heute sind lediglich "Panorama" (entstanden 1948/erschienen 1968), "Eine Reise" (1950-1951/1962) und der Roman "Die unsichtbare Wand" (1954-1961/1989) erschienen. Der komplementäre Charakter von Adlers wissenschaftlichem und literarischem Oeuvre erschließt sich bereits bei oberflächlicher Betrachtung. Der wissenschaftliche Diskurs dient dem Autor als theoretische Durchdringung des Stoffes, was sich vor allem in der dichterischen Motivik widerspiegelt. Außer am Titel sei dies nur an einem weiteren Beispiel aus "Eine Reise" erläutert. Adlers Reflexion über die "Leistungsfähigkeit" von Krematorien in seinem Standardwerk bricht der Literat auf zynische Weise in einem fiktiven Werbetext für die "Aschenfabrik": "Unsere Hinrichtungen finden auf schnellste Weise gleich im Krematorium statt. Nach Entkleidung werden die Patienten auf Marmorfliesen von hinten abgeschossen, alles sauber, alles mit der nötigen Schonung zur Vermeidung unliebsamer Zwischenfälle. Der Leichnam wird mittels einer Schwenkvorrichtung sofort auf den Rost des Verbrennungsofens befördert, ohne daß der entseelte Körper mit einer Hand in unmittelbare Berührung gelangt. Dadurch wird die Ansteckungsgefahr auf ein Minimum herabgesetzt. Diät einwandfrei! Erfolg garantiert."

Man kann sich vorstellen - gleichwohl nicht nachvollziehen -, daß das für deutsche Verlage in den Jahren des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders eine erhebliche Zumutung war. So soll Peter Suhrkamp, wie Jeremy Adler im Nachwort berichtet, ausgerufen haben: "So lange ich lebe, wird dieses Buch in Deutschland nicht gedruckt." Adlers Versuche, einen Verleger zu finden, waren lange Zeit zum Scheitern verurteilt: so sagten Hanser und Kösel ab, auch S. Fischer schickte nach drei Jahren Bedenkzeit im September 1960 eine Ablehnung. Diese Odyssee verarbeitete Adler - sei es vorausschauend, sei es nachträglich eingefügt - auch im Roman selbst. Dort lehnt zunächst eine Zeitung die Geschichte von Paul Lustig, dem einzigen Überlebenden seiner Familie, mit der Begründung ab, daß ein KZ-Erlebnis nicht an die Leser zu bringen sei: "´Nein, kein Kaninchenfleisch. Die Leute sind schon satt und wollen anderen Lesestoff. Vielleicht ein Buch daraus gemacht. In einer anderen Stadt wohnt ein Mann, der Bücher druckt.` Der Mann hört sich die Geschichte schweigend an und seufzt. ´Das ist unmöglich. Das ist Wahrheit, das ist keine Dichtung. Für Wahrheit ist mein Haus nicht eingerichtet.`" Knut Erichsons heute nahezu unbekannter Verlag Bibliotheca christiana (Bonn) nahm sich der Wahrheit an und Adlers Buch im Jahr 1962 ins Programm.

In "Eine Reise" erzählt H. G. Adler die Deportationsgeschichte der Familie Lustig von Stupart (Prag) nach Ruhenthal, wie Adler das Theresienstädter Ghetto nennt. "Einmal ist eine Familie gewesen", heißt es im Märchenton. "Sie hatte ihre Wohnung in einem Hause. Dort ging man hin, es war selbstverständlich. Alles stand bereit. Wenn man die Glocke läutete, wurde aufgetan. Es war der Tisch gedeckt. Ein jeder Teller war vertraut." Das Personal aber ist nicht erfunden. Dr. Leopold Lustig und dessen Frau stehen für Adlers Schwiegereltern Klepetar, die Geschwister Zerline und Paul Lustig für das Ehepaar Adler. Alle, bis auf Paul, überleben das Konzentrationslager nicht. Dies mutiert zum "Märchenschloß", seine Mauern "sind ein guter Schutz, ein Trost für die Gesellschaft der Guten, Stachellager sind unser Erbarmen, sie sehen nicht so übel aus von fern, trotzige Festungen, gespenstische Märchenschlösser mit stolzen Türmchen und Zinnen und Wällen." Adler bedient sich in dem trotz der autobiographischen Fundierung hochartifiziellen Text noch zahlreicher Anspielungen aus der Märchenwelt, die vermittels sarkastischer intertextueller Bezüge umgesetzt werden. Zum "Aschenputtel" etwa wird der verbrannte Leichnam des Dr. Leopold Lustig, als die noch lebenden Angehörigen wahnwitzigerweise um die Freigabe seiner Asche bitten.

Das Motiv der Reise ist das Zentrum eines kunstvoll angelegten Gewebes, zu dem auch das Motiv der Rechtlosigkeit gehört. Adler thematisiert die zunehmende Ausgrenzung der Juden, der "Gemeinschaftsfremden", so der Nazi-Jargon, aus der sogenannten "Volksgemeinschaft". "Es wurden die Wege verboten, der Tag wurde verkürzt, und die Nacht verlängert, doch auch die Nacht wurde verboten, und der Tag war gleichfalls verboten. Die Geschäfte wurden verboten, die Ärzte, die Krankenhäuser, die Fahrzeuge und die Ruheplätze, sie wurden verboten, verboten." Schließlich wird auch der Mensch verboten: der Verbots-Befehl zur "Endlösung" ist mit dem Diktum "Wir alle sind verboten" umschrieben. Einmal verboten, wird der Mensch überflüssig wie Abfall: ein weiterer wichtiger Bestandteil in Adlers engmaschigem Motivnetz. Als "Abfallgreis" arbeitet Leopold Lustig, als Abfall wird er entsorgt. "Es braucht nur einer", schreibt Adlers Freund Heinrich Böll 1966 in seinen "Frankfurter Vorlesungen", "wie Adler es getan hat, [...] etwas so scheinbar Harmloses wie Müllabfuhr zu beschreiben, und schon wird etwas Unheimliches daraus."

Beeindruckend ist schließlich auch das Kompositionsverfahren: Adler legt den Roman wie eine Partitur an, die eine Vielfalt an Stimmen zu Wort kommen läßt. Durch einen "stream of consciousness" werden beispielsweise die Erfahrungen der ganzen deportierten Familie bis zur Befreiung Pauls repräsentiert. Beim ständigen Wechsel von Anrede, innerem Monolog und direkter Rede wendet Adler moderne Techniken kunstvoll an, um dadurch seelische Zustände der Lagerinsassen plastisch zu erzeugen. Daß diese Polyphonie die Stimmen nahtlos ineinander übergehen läßt, scheint mir eine besondere Stärke der künstlerischen Anlage zu sein und fordert einen aufmerksamen Leser, wie auch Heinrich Böll konstatiert: "Daß Adlers Buch von der Literaturkritik fast unbemerkt geblieben ist, mag daran liegen, daß es keine Inhaltsangabe ermöglicht, jeder Satz in ihm für sich spricht." Denn die Gedanken der Opfer werden auch von den inneren Monologen der Häscher unterbrochen: "Nur fahren sollt ihr schon endlich! Vergessen habt ihr was? Das wird schon nicht so wichtig sein. Schreibt Briefe von dort, wir werden alles bestellen. Wir sind verläßlich. Seht ihr es nicht unseren Gesichtern an? Unsere Augen müssen euch unsere Treue verraten! [...] Noch einen Augenblick, dann rollt ihr eurem Glück entgegen." Die Leistung der erzähltechnischen Anlage kann als solche kaum überschätzt werden. Und dies nicht nur aus der Sicht eines Literaturwissenschaftlers, sondern nicht zuletzt auch, wie Adler der Zuschrift einer ehemaligen Insassin entnehmen konnte, "im Hinblick auf die seelische Strapazierung, die Sie durch die Niederschrift erlitten haben mögen".

Für die Deportationsgeschichte der Familie Lustig war die Zeit wohl erst im Jahr 1962 reif: Eichmann war verhaftet, und die deutsche Justiz bereitete in Frankfurt den Auschwitz-Prozeß vor. Der Holocaust drang mit der zunehmenden Berichterstattung in den Medien immer mehr ins öffentliche Bewußtsein. Daß Adlers Buch trotz gewichtiger Rezensionen und so prominenter Fürsprecher wie Elias Canetti oder Heimito von Doderer kaum Beachtung fand, mag auch daran liegen, daß er lange vor dem Erscheinen der Arbeit von Alexander und Margarete Mitscherlich im Jahr 1967, den Lesern einen Spiegel vorhielt, in dem für jeden - der Augen hatte zu sehen -, die Konturen der weit verbreiteten "Unfähigkeit zu trauern" deutlich zu erkennen waren. So zeugen die Stimmen der Einheimischen von der allgemeinen Kenntnis der Judenvernichtung: "Aber seid versichert, wir haben euer Schicksal erraten, wenn schon nicht gewußt. Die Zeitungen haben es deutlich genug durchblicken lassen, daß man euch von hier nur wegnahm, um uns das widerliche Schauspiel eurer Vernichtung zu ersparen." Auf den Befehlsnotstand berief sich nicht nur Adolf Eichmann in Jerusalem, sondern auch diverse innere Monologe ziehen sich auf diesen Standpunkt zurück: "Lebt wohl, ihr Verbrecher, aber seid nicht bei uns, verschont uns mit eurer Anwesenheit! Doch ihr behauptet, man habe euch Unrecht getan? Mag sein, das können und wollen wir nicht untersuchen, doch die Obrigkeit hat es befohlen, also ist es geschehen." Schließlich ist von den Mitläufern sogar das Eingeständnis eines Mordes zu hören: "...wir wissen, es war Mord und nicht zum Vergnügen. Da konnten wir nichts machen, das ist der Lauf der Welt. Fahren und fahren, Sommer und Winter, durch Frost und Glut, hin und her, ohne Licht und Luft, zu sechzig abgezählt oder zu einhundert und in eine Schachtel geknäult, verpackt, versiegelt, ohne Futter und Wasser. Da mußtet ihr sterben, doch wer es aushielt, der wurde aus der Schachtel gezerrt und weggeschmissen." Die Mörder selbst gestehen nicht: "Zur Rede gestellt, beteuern die Täter, es sei nicht gewesen, es sei zumindest anders gewesen; die schmutzige Verblümtheit der Furcht glättet mit schlauer Gebärde, was seine Verhüllung gern erträgt. Wer aber von den Entkommenen spricht, wer den Mut zur Sprache sich abringt, offen Klage zu führen, den hören Unheilsüchtige zwar mit wollüstigem Erschauern als Fabelerzähler an, doch nicht lange, schon birst die Geduld [...], die Scharte des Hasses zieht sich bedrohlich zusammen." Adler zeigt sich aber keineswegs als Anhänger der Kollektivschuldthese. Doch spürt man seine tiefe Trauer, daß auch individuelle Schuld, wie der Erzähler endlich bilanziert, nicht eingeräumt werde: "Niemand kann hören und fühlen, was einen anderen betrifft, die Schuld wird nicht angenommen, die einem anderen getan wird. Nur wer sich schuldig fühlen will, nimmt sich die Schuld, doch zuerteilen läßt sie sich nicht."

Adler formuliert an keiner Stelle Schuldzuweisungen und verrechnet die Untaten der Nazis auch nicht mit zu verurteilenden Taten seiner Befreier. Dieser Gedanke ermöglicht es, eine prima vista überraschende Verbindungslinie von Adlers Buch zu einer anderen Neuerscheinung zu ziehen: W. G. Sebalds Züricher Poetik-Vorlesungen, mit dem Titel "Luftkrieg und Literatur". Auf seiner Suche nach einer "Naturgeschichte der Zerstörung" beklagt Sebald, daß das "wenige uns in der Literatur Überlieferte sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht in keinem Verhältnis zu den extremen kollektiven Erfahrungen jener Zeit" stehe. Die Frage, ob der Luftkrieg in der deutschen Literatur nach 1945 aber in der Tat unterrepräsentiert ist, müßte einer nochmaligen gründlichen Prüfung unterzogen werden. Uwe Johnson berichtet in den "Jahrestagen" nicht nur von den Bombardements der US-Luftwaffe in Vietnam, sondern auch Jerichow schien aufgrund des Fliegerhorstes gefährdet: "Wie es in Rostock Schuljungen gab, die Lübeck den ersten Platz in der Bombardierung nicht gönnten, so ärgerten sich Jungen in Jerichow, daß die Briten und Amerikaner ihren Platz nicht einmal eines leichten Angriffes für wert hielten." Dieses Desinteresse fand sogar Eingang in den Volksmund, wie man bei Johnson erfährt: "Hamburg, Lübeck, Bremen, / die brauchen sich nich zu schämen; / Jerichow ist væl to lütt: / dor schitt keen Düvel, wenn he nich mütt -" (7. April 1968). Müritz, ein anderer Ort in Mecklenburg, entgeht den Fliegern in Ernst Augustins Roman "Der amerikanische Traum" jedoch nicht. Eine B 52 Lancaster mit dem aufgemalten Namen DEATHDEALER geht mit drei Mann Besatzung auf Jagd, "die machten mit Gebrüll jede Kuh auf der Wiese aus", schreibt Augustin, "zwei hatten sie an diesem Nachmittag schon erlegt. [...] Dann war da noch der kleine Güterbahnhof von Müritz gewesen mit den vier abgestellten Waggons mit Zuckerrüben, die nach allen Seiten spritzten, und das kleine Scheißhaus am Ende des Bahnsteigs war regelrecht auseinandergeplatzt. Aber sonst. Der Traktor auf dem Feld und der Mann im blauen Kittel, der mit hocherhobenen Armen übers Feld gelaufen war. Und der kleine Schulhof zwischen den gedruckten Dächern hatte sich mit explosionsartiger Geschwindigkeit entleert. Flink waren sie ja, die Hasen. Ach ja, und dann waren da noch die lächerlichen Gesichter von zwei alten Werkspolizisten gewesen, die in dem Gestänge des Siloturms standen und ihnen mit grauem Entsetzen entgegensahen, als sie schnurgerade auf sie zudonnerten. Und offensichtlich ihr Schicksal nicht begriffen."

Daß Sebald die Texte zweier bekannter Autoren nicht berücksichtigt (die Liste ließe sich fortsetzen), verdeutlicht die Problematik: Denn inwieweit er sich bei seiner Recherche auf die brachliegenden Felder der nichtkanonisierten Literatur gewagt hat, ist nicht erkennbar. So besteht Sebalds Textpool lediglich aus Bölls "Der Engel schwieg", Kasacks "Die Stadt hinter dem Strom", Nossacks "Nekyia" (aus "Interview mit dem Tode") und de Mendelssohns "Die Kathedrale". Er erwähnt zwar die Tagebücher von Fritz Reck-Malleczewen und Victor Klemperer, unterschlägt jedoch etliche andere, etwa Margret Boveris "Tage des Überlebens", um nur ein Beispiel zu geben. Um auf dieser schmalen Grundlage zu dem Schluß zu gelangen, daß es für den Luftkrieg keine "öffentlich lesbare Chiffre" gebe, daß die "in der Geschichte bis dahin einzigartige Vernichtungsaktion [...] in die Annalen der neu sich konstituierenden Nation nur in Form vager Verallgemeinerungen eingegangen" sei, die "kaum eine Schmerzensspur hinterlassen" habe, also von einer kollektiven Traumatisierung zu sprechen, scheint mir vorschnell und gefährdet Sebalds interessanten Ansatz. Kaum hilfreich ist auch eine der Thesen, zu der Sebald auf der Suche nach einem Erklärungsmodell für das von ihm angenommene Phänomen gelangt. Eine öffentliche Debatte um die desaströsen Luftschläge der Alliierten habe es in Deutschland, so Sebald, nicht gegeben, "vor allem wohl deshalb nicht, weil ein Volk, das Millionen von Menschen in Lagern ermordet und zu Tode geschunden hatte, von den Siegermächten unmöglich Auskunft verlangen konnte über die militärpolitische Logik, die die Zerstörung der deutschen Städte diktierte. Zudem ist nicht auszuschließen, daß nicht wenige der von den Luftangriffen in Mitleidenschaft gezogenen [...] die riesigen Feuerbrände, trotz allen ohnmächtig verbissenen Zorns über den offenbaren Wahnsinn, als eine gerechte Strafe, wo nicht als Vergeltungsakt einer höheren Instanz empfanden, mit der nicht zu rechten war."

Man kann darüber streiten, ob dem wirklich so ist. Doch wirkt Sebalds nur mit einiger Mühe hergestellter Zusammenhang von Luftkriegsführung und Judenvernichtung gezwungen, kennt er doch keinen Text, der eine solche Kohärenz aufweist. Leider ist ihm ein Werk, das diese Zusammenhänge aufzeigt und das innerhalb der Vorlesungen zweifelsfrei einen zentralen Part beansprucht hätte, entgangen: H. G. Adlers Roman "Eine Reise". Der überlebende Paul Lustig erreicht nach seiner Flucht aus dem Konzentrationslager das zerstörte Unkenburg. Dieser fiktive Ort steht für Halberstadt. "Die ausgebrannte Stadt begehrt Bedacht," sagt Lustig. H. G. Adler, der aus dem nahen Lager Langenstein-Zwieberge, wo die Häftlinge übrigens in den gefürchteten unterirdischen Stollen Flugzeuge für die Luftwaffe fertigten, geflohen war, versuchte in den Ruinen von Halberstadt wieder zu Kräften zu kommen.

Exakt vier Wochen vor Kriegsende war die an Baudenkmälern reiche Stadt von den alliierten Bombern in Schutt und Asche gelegt worden. Auch Alexander Kluge hat, wie man bei Sebald erfährt, den air raid in "Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945" literarisch verarbeitet. Mit Hilfe von Adlers Text hätte Sebald die unmittelbare Kohärenz zwischen Luftkrieg und Holocaust nicht nur als theoretisches Konstrukt ins Feld führen können. Sein Postulat aber müßte er gründlich überdenken. So erzählt Adler das, was man ohnehin schon weiß: Tausende der in Berlin, in Hamburg oder in Dresden zerstörten Wohnungen waren ja eigentlich die ehemaligen vier Wände jüdischer Vorbesitzer. Doch das Recht auf Besitz wurde ihnen bald aberkannt: "´Du sollst nicht wohnen!`", lautet das von den Nazis vorgegebene Gebot in "Eine Reise". "Das war die gedruckte Meldung, die sie übermittelten. Die Menschen warteten schon auf das Unheil, das sie wußten, und darum waren die Wohnungen bereits zerstört, bevor sich das starke Geschoß eines Fliegers ihrer erbarmte. Die Flieger kamen viel später, den ausgehöhlten Schutt zur Ernte aufzuknacken, aber nicht um die Entführung der aus den Häusern Verbannten zu rächen, von denen sie kaum etwas ahnten, und die den Fliegern gleichgültig waren, wenn sie nach Meßblättern den Ausschnitt einer Stadt bestimmten, den sie vernichten wollten. Hart dröhnten vom nächtlich durchdonnerten Himmel die rasenden Maschinen herab und ließen ihre mörderische Fracht auf die Vergänglichkeit fallen, die derart ihrer erst inne wurde, da sie plötzlich in sich zerbarst. Es waren also keine Wohnungen mehr, die das Verderben erreichte, es waren verlassene Brutstätten, ausgeplünderte Höhlen oder unrechtmäßiges Gut, das im Besitz von Räubern nicht gedieh. Doch dies ereignete sich viel später und erreichte die zuerst Betroffenen nicht mehr, denen man längst verkündet hatte: ´Du darfst nicht wohnen!`"

Paul Lustigs Erfahrungen mit den ausgebombten Städtern stehen Sebalds These diametral entgegen: Hier ist nicht die Rede von schlechtem Gewissen oder gerechter Strafe, keine Spur von Traumatisierung. Wie muß das Lamento einer Einwohnerin auf den Überlebenden eines KZ's wirken? Sie kommentiert die Zerstörungen ihrer Heimatstadt wie folgt: "Barbarisch! Die wunderbaren Zeugen unserer großen Vergangenheit! Man schont nicht einmal mehr die Steine! Und das sollen Menschen sein?" Und weiter: "Was haben wir denn alle getan, daß man unsere Stadt verwüstet hat? Wir waren friedlich und wollten mit der Welt nur in Frieden leben! Ein Land der Ordnung und Gerechtigkeit! Ein Wohlstand, der die Frucht des Fleißes war! Mit Neid und Haß hat man uns verfolgt. Was wir in tausend Jahren aufgebaut, war in einer Stunde weg! Schutt wie eine Burg aus Sand, die Kinder bauen und zerstören. Mit welchem Rechte tat man das? Uns alles, alles weggenommen!"

Müßte nun nicht das Gefühl der Rache emporsteigen? Denn durch das Überleben erst war Paul Lustig mit einem Mal "auferstanden und erlaubt". Doch Adlers alter ego denkt anders: "Die toten Häuser sind die Ausweise lebender Menschen, die sind, auch wenn sie nicht mehr wohnen dürfen. Die einen hat man weggenommen aus den Häusern, die noch waren; den anderen, die noch sind, nahm man die Häuser weg. Ist das die Rache?" Nein, Paul Lustig empfindet keine Genugtuung, er liest die Wandzeitungen der Überlebenden des Luftangriffs: "Oh welcher Jubel, daß ihr seid!"

So will ich mit Elias Canetti schließen, der nach der Lektüre des Manuskripts an Adler schrieb: "Die furchtbarsten Dinge, die Menschen geschehen können, sind hier so dargestellt, als wären sie schwebend und zart und verwindlich; als könnten sie dem Kern des Menschen nichts anhaben. Ich möchte sagen, daß Sie die Hoffnung in die moderne Literatur wieder eingeführt haben."

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Hans G. Adler: Eine Reise.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 1999.
320 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3552049290

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Winfried G. Sebald: Luftkrieg und Literatur.
Carl Hanser Verlag, München 1999.
184 Seiten, 17,40 EUR.
ISBN-10: 3446196617

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