Die Nachwirkungen der Vergangenheit

Yûichi Seirai erzählt in „Ground Zero Nagasaki“ von den Folgen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki

Von Evelyn SchulzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Evelyn Schulz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima am 6. August und Nagasaki am 9. August 1945 sind Urkatastrophen in der Geschichte des modernen Japan, die bis heute nachwirken. Für die Literatur ist die Darstellung und Verarbeitung des durch die Bombenabwürfe verursachten vielfältigen Grauens und Elends eine große Herausforderung. In der Nachkriegszeit bildete sich mit der so genannten genbaku bungaku („Atombombenliteratur“) ein japanspezifisches Genre heraus, das sich, unter Auslotung sprachlicher und ethischer Grenzen der Repräsentation, aus unterschiedlichsten Perspektiven mit den Folgen der Atombombenabwürfe auseinandersetzte. Der Begriff der Atombombenliteratur wird häufig mit Tamiki Hara (1905–1951) und Sankichi Tôge (1917–1953) verbunden, die beide Augenzeugen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima waren und für unterschiedliche Schicksale stehen. Hara beging später Selbstmord, Tōge verstarb an den gesundheitlichen Folgen der Strahlenbelastung. Während ihre Werke auf der unmittelbaren Erfahrung der Katastrophe basieren, verfassten Hayashi Kyōko (geb. 1930) und Ibuse Masuji (1898–1993) aus einer Perspektive des Rückblicks wegweisende Werke für die Verarbeitung des Traumas. Kyôko Hayashi überlebte den Atombombenabwurf auf Nagasaki und begann ab den 1960er-Jahren darüber zu schreiben. Masuji Ibuses Schwarzer Regen (1965) basiert unter anderem auf Informationen, die Ibuse aus Tagebüchern von Überlebenden bezog; er selbst ist nicht Zeuge der Katastrophe gewesen.

Zu der jüngeren Generation von Schriftstellern, welche die Erinnerung an die Katastrophe wachhalten, zählt der 1958 in Nagasaki geborene Akitoshi Nakamura. Dieser ist unter dem Pseudonym Seirai Yûichi ein bekannter Schriftsteller, der sich in vielen seiner Werke mit den Folgen des Atombombenabwurfs auf Nagasaki befasst. Seirais Leben, noch mehr aber das seiner Familie ist zutiefst von der Katastrophe geprägt. Seine Eltern überlebten den Atombombenabwurf auf Nagasaki, sein Großvater väterlicherseits auch den auf Hiroshima. In seiner Kindheit lebte Seirai in einem Haus in der Nähe des Hypozentrums der Explosion in Nagasaki. Begegnungen mit von Keloid- und Brandnarben entstellten Opfern gehörten in seiner Kindheit und Jugend zum Alltag. Seirai studierte in Nagasaki, 2005 wurde er Leiter der städtischen Sektion für Friedensförderung und 2010 Direktor des Atombombenmuseums von Nagasaki. Daneben betätigt er sich sehr erfolgreich als Schriftsteller. Für sein Erstlingswerk Jeronimo no jūjika (Jeronimos Kreuz), eine 1995 publizierte Kurzgeschichte, erhielt er den Preis der Literaturzeitschrift Bungakukai. Diese wurde in die Sammlung Seisui (Heiliges Wasser) aufgenommen, für die er 2001 den renommierten Akutagawa-Preis erhielt. Der Erzählband Ground Zero Nagasaki liegt seit 2014 in einer deutschen Übersetzung von Nora Bierich vor; das japanische Original erschien 2006 unter dem Titel Bakushin und wurde mit zwei bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet, dem Itō-Sei-Preis und dem Tanizaki-Jun’ichirō-Preis.

Ground Zero Nagasaki enthält sechs Erzählungen, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und in unterschiedlicher Intensität die sichtbaren und unsichtbaren Verletzungen, Narben und Traumata beleuchten, welche die Katastrophe bei Überlebenden und Nachgeborenen hinterlassen hat. Seirais Erzählungen gehen daher weit über eine unmittelbare Reflexion auf die Katastrophe hinaus und zeigen vielmehr auf, wie sehr diese die Lebenswelt nachfolgender Generationen prägt und bis heute eine verstörende Unterströmung im Alltagsleben und den Vorstellungswelten der Menschen bildet. Die Erzählungen spielen zum Teil in der Trümmerwüste Nagasakis, zum Teil aber auch Jahrzehnte danach.

Ungeachtet großer inhaltlicher Unterschiede zwischen den Erzählungen gibt es wichtige Gemeinsamkeiten. Sie spielen alle in und um Nagasaki, also an Orten, die durch die Atombombe zerstört wurden oder in irgendeiner Form davon betroffen waren beziehungsweise noch immer sind. Daneben ist allen Erzählungen gemeinsam, dass sie menschliche Grunderfahrungen und Situationen thematisieren, die überall vorkommen können, allerdings durch den Atombombenabwurf und dessen Folgen eine Zuspitzung erfahren. Dazu zählen Traumata durch Zerstörung und Auslöschung sowie Krankheit und Tod, die Suche nach Identität, die Erfahrung von Devianz, Stigma, Ausgrenzung und Einsamkeit. Einen wichtigen Hintergrund für das Verständnis der spezifischen Situation in Nagasaki ist die Auseinandersetzung mit religiösen Fragen, insbesondere dem Christentum. Nagasaki ist sehr vom Katholizismus geprägt; in fast allen Erzählungen ist die Frage nach Gott angesichts der Katastrophe ein wiederkehrendes Thema, wobei dieses auch mit buddhistischen Vorstellungen der Kausalität und Wiedergeburt kontrastiert wird. Die Figuren nehmen hierzu unterschiedliche Haltungen ein – vom starken Festhalten am Glauben bis hin zur Desillusionierung.

Die erste Erzählung des Bandes, Nägel, thematisiert unterschiedliche Formen von Verlust. Eine ältere Tante hatte in ein Bergdorf eingeheiratet, das durch die Atombombe völlig zerstört wurde. Sie selbst überlebte, aber jedes ihrer vier Kinder kam dabei um. Sie suchte die Nähe zu ihren Neffen und Nichten, wobei einer der Neffen psychisch erkrankte, was sich unter anderem in seiner notorischen Eifersucht zeigte. Nachdem die Ehe des Neffen daran zerbrach, kehrte er zu seinen Eltern zurück und verkroch sich in dem alten Schuppen, in den die Tante eingezogen war, nachdem ihr Dorf durch die Atombombe zerstört wurde. Der Sohn verlor den Verstand, seine Eltern dadurch ihren Sohn.

Im Mittelpunkt von Steine steht ein übergewichtiger und geistig zurückgebliebener Mann mittleren Alters, der von einer sexuellen Beziehung mit einer für ihn unerreichbaren Frau träumt. Sein Scheitern setzt er in Bezug zu Menschen, die aufgrund der unvorstellbaren Hitze durch die Atombombe zu Stein geworden waren, und fragt sich, ob es nicht eine gute Lösung wäre, wenn er auch zu Stein würde.

Insekten stellt die Frage von Inklusion und Exklusion der Überlebenden. Eine 75-jährige Frau blickt auf ihre traumatischen Erlebnisse vom 9. August 1945 zurück. Zwar hat sie überlebt, aber sie hat eine Beinverletzung davongetragen, die sie lebenslang als Atombombenopfer stigmatisiert und es ihr unmöglich gemacht hat, einen Partner zu finden. Einzig ein ebenfalls entstellter und schwer traumatisierter Überlebender, der „in einem einzigen Moment seine Eltern und seine fünf Geschwister verloren hatte“, interessierte sich für sie.

In Honig beabsichtigt eine gelangweilte Hausfrau Mitte 30 aus ihrer Ehe auszubrechen, indem sie einen wesentlich jüngeren Mann verführen möchte. Die einzige Gelegenheit, die sich ihr dazu bietet, ist die Zeit, in der ihre Schwiegereltern aus dem Haus sind, ausgerechnet am Tag der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki.

Muscheln befasst sich mit dem Verlust von Menschen, die durch den Atombombenabwurf ums Leben kamen oder an einer Krankheit verstarben, und den Verbindungen, die aufgrund solcher Ereignisse zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen entstehen. Ein Mann mittleren Alters verkraftet nicht den Tod seiner vierjährigen Tochter Sayaka, die  aufgrund einer zu spät erkannten Lungenentzündung verstarb. Er fühlt sich schuldig und wird depressiv, woraufhin ihn seine Frau verlässt. Er trifft auf einen älteren Mann, dessen Schwester Sayaka kannte und die wie diese am 10. August des vergangenen Jahres verstorben war. Die Schwester, die namenlos bleibt, litt lebenslang unter dem Trauma, dass sie ihre beiden jüngeren Geschwister nicht aus der Hölle von Nagasaki retten konnte. Die furchtbare Erinnerung daran hat sie ihr Leben lang nicht losgelassen: „Bis zu ihrem Tod ist die Atombombe immer wieder ihn  ihr gefallen.“

Vögel schließlich thematisiert die Frage von Herkunft, Identität und Erinnerungslosigkeit. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der als Säugling von einer Frau in den Trümmern von Nagasaki gefunden wurde, die ihn mit nach Hause nahm und großzog. Seine Herkunft konnte nie ermittelt werden, und obwohl sich zwischen ihm und seiner Pflegemutter ein enges Verhältnis entwickelte, wird er weder von seinem Pflegevater, der während des Krieges in der Mandschurei stationiert war, noch von seinem Schwager als vollwertiges Mitglied der Familie akzeptiert. Die Erzählung schließt mit folgender Erkenntnis: „In meinem Familienregister ist die Spalte für die Namen meiner Eltern leer, es steht nichts da. Dort liegt meine gesamte Erfahrung als Atombombenopfer begraben, ich war gerade erst geboren.“

Seirai zeigt eindrücklich auf, wie sehr die Vergangenheit über Generationen hinweg in den Seelen der Menschen nachwirkt und dass ein Ausweg aus ihr kaum zu finden ist. Er beschreibt tief traumatisierte Persönlichkeiten, deren Leben, auch wenn sie erst viel später geboren wurden, seit 1945 von einem einzigen Tag bestimmt wird. Seirais Psychogramme sind in einer präzisen und unprätentiösen, die Alltäglichkeit der Situationen unterstreichenden Sprache verfasst, die Nora Bierich kongenial ins Deutsche übertragen hat.

Mit der Havarie des AKW Fukushima Daiichi im März 2011 hat Japan ein weiteres atomares Trauma erlitten, dessen Auswirkungen erst allmählich (be-)greifbar werden. Mittlerweile hat sich eine umfangreiche „Post-Fukushima-Literatur“ herausgebildet, die ähnlich wie die Atombombenliteratur die Auswirkungen der Katastrophe auf vielfältigste Weise beleuchtet. Auch vor diesem Hintergrund erfahren die Themen, die in Ground Zero Nagasaki angesprochen werden, erneute Aktualität und verdeutlichen, dass die Auseinandersetzung mit dem Atomaren eine Grundstruktur der modernen Literatur Japans ist.

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Yuichi Seirai: Ground Zero Nagasaki.
Übersetzt aus dem Japanischen von Nora Bierich.
Angkor, Frankfurt 2014.
212 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783936018875

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