Einmal Osmanisches Reich und zurück

Panait Istratis wiederaufgelegter Roman „Kyra Kyralina“ erzählt vor exotischer Kulisse von Leidenschaften und Abenteuern

Von Daniel HenselerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Henseler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Panait Istrati passt als Mensch und als Autor in keine Schablone. Auch sein Roman „Kyra Kyralina“ aus dem Jahr 1923 sprengt in mancherlei Hinsicht die Grenzen. Istrati wurde 1884 in Brǎila an der unteren Donau geboren, hatte rumänische und griechische Wurzeln, führte ein Wander- und Vagabundenleben und gelangte erst relativ spät zur Literatur. Er schrieb auf Französisch, für ihn eine Fremdsprache, übertrug seine Werke aber auch ins Rumänische. „Kyra Kyralina“ spielt hauptsächlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als große Landstriche des Balkans vom Osmanischen Reich unterworfen oder ihm tributpflichtig waren.

Die Lebensgeschichte führt Stavru, den Protagonisten, durch weite Teile des damaligen Imperiums – über Konstantinopel und Anatolien bis nach Beirut, Damaskus und Armenien. Selbst wenn die Geschichte in einer Gegend ihren Anfang nimmt, die heute zu Rumänien gehört, so ist die Szenerie des Romans weitgehend orientalisch geprägt. Auch Rumänien selbst tritt uns anders entgegen, als wir das heute erwarten würden. Beim Einsetzen der Romanhandlung in den 1850er-Jahren existieren zwei rumänische Fürstentümer: die Wallachei, wo Brǎila liegt, und die Moldau. Erst einige Jahre später werden sie zu einem Fürstentum Rumänien vereinigt, das weiterhin unter osmanischem Einfluss steht. Stavrus Heimatstadt Brǎila wird dementsprechend in ihrer ganzen kulturellen Vielfalt geschildert. Türkisches und griechisches Erbe begegnen dem Leser hier ebenso wie byzantische und rumänische Elemente. Das wird nicht allein in Stavrus Stammbaum sichtbar, sondern äußert sich auch in den Gebräuchen der Menschen, ihren Kleidern und Essgewohnheiten. Addiert man also die farbige Biografie des Autors beziehungsweise Stavrus zur ausholenden Geografie des Romans und der darin evozierten Mischung der Kulturen, so kann man „Kyra Kyralina“ in einem besonderen Sinne durchaus als „Weltliteratur“ bezeichnen.

Am Anfang des Romans steht ein junger Mann namens Adrian, der an einem Juniabend in Brǎila zufällig seinem Bekannten Stavru wiederbegegnet. Adrian bewundert den Protagonisten für sein abenteuerliches Leben, über das er allerdings kaum Genaueres weiß. Sein Interesse für Stavru wird auch dadurch befeuert, dass Adrian mit seinen 18 Jahren selbst von einem ungebundenen Wanderleben träumt. Nun bietet sich unverhofft eine Möglichkeit: Zu dieser Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts ist Stavru bereits um die 60 Jahre alt und bringt sich als Limonadenverkäufer durch. Er plant gemeinsam mit einem Krapfensieder einen Jahrmarkt im Süden der Walachei zu besuchen, um dort etwas Geld zu verdienen. Stavru könnte dabei einen Gehilfen gut gebrauchen. Ohne zu zögern packt Adrian die sich bietende Gelegenheit beim Schopf und schließt sich Stavru, dem Krapfensieder Nikola und dessen Gehilfen Michail an.

Der Roman ist im Folgenden überaus kunstvoll konstruiert. Die drei Kapitel „Stavru“, „Kyra Kyralina“ und „Dragomir“ bestehen jeweils zu einem großen Teil aus den Monologen Stavrus, der Adrian von seinem Leben berichtet. Er tut dies in zwei Anläufen: Die Erzählzeit der ersten beiden Kapitel ist etwa auf das Jahr 1902 zu datieren, als man sich eben auf der Reise zum Jahrmarkt in Slobozia befindet. Diejenige des dritten Kapitels hingegen vier Jahre später, als sich Adrians und Stavrus Wege völlig zufällig in einem Café in Kairo erneut kreuzen. Diese beiden Begegnungen bilden einen klassischen Erzählrahmen. Anders bietet sich die Chronologie der Geschehnisse dagegen in der erzählten Zeit dar: In „Stavru“ berichtet die gleichnamige Hauptfigur von ihrer Rückkehr nach Brǎila nach zwölf Jahren Wanderschaft im Jahr 1867, wohingegen das Kapitel „Kyra Kyralina“ weit in Stavrus Kindheit und früheste Jugend Anfang der 1850er-Jahre zurückreicht. „Dragomir“ erzählt schließlich von den langen Jahren der Wanderschaft zwischen diesen Epochen.

Doch nun zum eigentlichen Plot des Romans, den Stavrus Lebensgeschichte ausmacht: Der Protagonist wächst unter dem Namen Dragomir in einem von vielfältigen kulturellen Einflüssen geprägten, wohlhabenden Elternhaus in Brǎila auf. Der Vater und sein älterer Bruder sind Geschäftsleute, die allerdings am anderen Ende der Stadt wohnen. So sind Dragomir, seine Mutter und seine Schwester Kyra meistens alleine zu Hause. Die beiden hübschen Frauen sind jedoch keine Kinder von Traurigkeit: Sie geben Feste, bei denen Verehrer ihre Aufwartung machen. Sie sorgen für Speis und Trank, lassen Musikkapellen aufspielen und führen elegante Tänze auf. Dragomir steht dabei stets am Fenster Wache: Denn sollten Vater und Bruder auftauchen, drohten Ungemach und Schläge. Einmal eskaliert die Situation tatsächlich, sodass sich die Mutter, Kyra und Dragomir veranlasst sehen, zu fliehen. Die Mutter wird allerdings am Auge verletzt und trennt sich von den Kindern, um sich operieren lassen. Kyra und Dragomir ahnen freilich, dass sie sie nie mehr wiedersehen werden. Kyra sinnt unterdessen auf Rache an Vater und Bruder und spannt dafür ihre zwei Onkel ein: Diese bringen den Bruder um, doch der Vater kann entkommen.

Für Kyra und Dragomir wird es in Brǎila immer gefährlicher. Da fallen sie auf die Lockrufe eines türkischen Geschäftsmanns namens Nazim-Effendi herein, der sie nach Istanbul bringen will, denn – so argumentiert er – ihre Mutter sei sicherlich dort in Behandlung. Kyra und Dragomir wissen kaum etwas von der Welt; sie haben noch nie Geld gesehen, sind vertrauensselig und naiv. Damit beginnt ihre Leidensgeschichte: Kaum in Istanbul angekommen, wird Kyra in einen Harem verschleppt. Dragomir gelingt zwar die Flucht, doch da er nicht die geringste Menschenkenntnis besitzt, wird er wiederholt betrogen und ausgeraubt und landet schließlich als Gesellschafter und Lustknabe bei einem reichen Bey. Auch aus dessen Villa am Bosporus kann er bald fliehen. Es folgen lange Wanderjahre, die nur von einem geprägt sind: von Dragomirs Sehnsucht, seine Schwester Kyra wiederzufinden. Über Smyrna und Beirut gelangt er nach Damaskus, wo er seine Schwester einmal zu sehen glaubt, dann aber gleichwohl nicht finden kann. Für ein paar Jahre zieht er gemeinsam mit einem griechischen Händler namens Barba Janis durch das Osmanische Reich. Als Janis stirbt, beschließt Dragomir nach zwölf Jahren des Umherziehens ins heimatliche Brǎila zurückzukehren. Er ändert seinen Namen und hofft, durch eine Heirat zur Ruhe zu kommen. Er findet zwar eine Frau, die ihn liebt. Doch sein Vorhaben misslingt. Wegen Dragomirs unterdrückter Homosexualität gerät die Hochzeitsnacht zum Fiasko. Er wird öffentlich als „Päderast“ gebrandmarkt, und seine Frau ertränkt sich in der Donau.

„Kyra Kyralina“ ist eine Abenteuergeschichte voller Leidenschaften, von Sehnsucht und tiefen Gefühlen geprägt. Dass dies gleichwohl nie kitschig oder antiquiert wirkt, mag zu einem großen Teil das Verdienst von Oskars Pastiors Übersetzung sein. Diese erschien 1963 zum ersten Mal. Pastior hatte dazu die rumänische Fassung als Grundlage gewählt, die ihrerseits noch von Panait Istrati selbst nach dem französischen Original angefertigt worden war. Pastiors Sprache wirkt auch heute noch überaus frisch und gegenwärtig. Sie ist geradezu zeitlos: Man merkt ihr weder Stavrus, noch Istratis, noch Pastiors eigene Epoche an. Der Verlag hat daher ganz richtig entschieden, als er für eine deutsche Neuauflage von „Kyra Kyralina“ auf die Übersetzung Oskar Pastiors zurückgriff. Als Alternative hätten immerhin gleich mehrere deutsche Übertragungen aus dem Französischen zur Verfügung gestanden.

„Kyra Kyralina“ ist zum einen ein Roman über das Ausbrechen. Kyra und ihre Mutter können sich mit ihrem langweiligen Leben nicht abfinden und richten Feiern aus, die nicht den herrschenden Gepflogenheiten entsprechen. Adrian und Dragomir wollen die engen Grenzen durchbrechen, die ihnen durch ihre Herkunft gesetzt sind. Immer wieder werden im Roman verschlossene Räume gesprengt: Dragomir bricht aus dem Salon seiner Mutter aus, er flieht später von Nazim-Effendis Schiff, einem „schwimmenden Käfig“, oder aus Mustafa Beys Villa. Dem gegenüber steht die große weite Welt, die sich nicht auf nationale Kategorien reduzieren lässt und in der sich Menschen verschiedenster Herkunft mischen. Dies ist auch der Hintergrund, auf dem Dragomirs Ringen um die eigene Identität stattfindet. Dragomir / Stavru scheitert an seiner Homosexualität, die freilich von Panait Istrait – entsprechend den damals herrschenden Konventionen – im Roman nur zaghaft angedeutet und mit folgenden, Dragomir in den Mund gelegten Worten letztlich zurückgewiesen wird: „Ich bin einer von jenen, die dieses perverse Leben verstümmelt hat. Alles in meinem Leben war Widernatur, Gewalt und Laster. Unter dem Hauch dieser dreifachen Verderbtheit bin ich aufgewachsen. Obwohl ich nicht die geringste Anlage dazu hatte“.

„Kyra Kyralina“ erzählt aber auch vom Streben nach dem Guten und Schönen, wie Mircea Cǎrtǎrescu in seinem Nachwort ausführt. Der Roman ist im Übrigen nicht von ungefähr nach Kyra benannt – denn Dragomirs Sehnsucht, die ja räumlich so weit ausgreift, kristalliert sich zuallererst in der Suche nach seiner Schwester. Kyra bleibt für lange Zeit der Leitstern, der Dragomirs Lebensweg bestimmt. Und so paradox dies einem zunächst vorkommen mag: Neben dem Ausbrechen geht es im Roman immer auch um das Heimkehren. Denn auch wenn der verzweifelte Dragomir mitunter scheinbar planlos durch das Osmanische Reich streift, so befindet er sich doch stets auf der Reise zurück zum Anfang: zum Ursprung und zur Unschuld der Kindheit.

In Panait Istratis Werk spielen immer auch soziale Fragen eine Rolle, selbst wenn diese in „Kyra Kyralina“ gegenüber einem Roman wie etwa „Die Disteln des Bǎrǎgan“ eher in den Hintergrund treten. „Kyra Kyralina“ zeichnet nicht unbedingt ein Porträt der Unterdrückten und der kleinen Leute, der soziale Aspekt klingt hier vielmehr in grundsätzlichen Fragen an: Warum sind die Menschen so, wie sie eben sind? Welche Konventionen legen uns nahe, das eine für gut zu halten, das andere aber für schlecht? Romain Rolland, der als Entdecker von Panait Istrati gilt, hat diesen in seinem berühmten Vorwort zur französischen Erstausgabe von „Kyra Kyralina“ als einen neuen „Maxim Gorki des Balkans“ bezeichnet. Das trifft sicher zu, beschreibt aber dennoch nur eine Dimension von Istratis Werk. Mit Blick auf die Abenteuergeschichten und das orientalische Kolorit darf man getrost auch Karl May als einen von Istratis literarischen Paten betrachten.

„Kyra Kyralina“ in der Übersetzung von Oskar Pastior nimmt den Leser mit auf eine Reise durch den Balkan und ins Osmanische Reich des 19. Jahrhunderts. Die exotisch anmutende, von vielen Kulturen geprägte Kulisse und das Abenteuerhafte an Stavrus Wanderleben, aber auch die tief empfundenen Leidenschaften sowie die zeitlose Sprache machen Panait Istratis Roman zu einem beglückenden Stück Weltliteratur.

Kein Bild

Panait Istrati: Kyra Kyralina.
Mit einem Nachwort von Mircea Cartarescu.
Übersetzt aus dem Rumänischen von Oskar Pastior.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2016.
160 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783803132789

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch