Wieviel Krise steckt in der Kunst?

Michel Matveevs Roman „Das Viertel der Maler“ ist noch immer erstaunlich aktuell

Von Francesca GollRSS-Newsfeed neuer Artikel von Francesca Goll

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Das Leben in der Krise liegt mir“, sagt der Erzähler in Michel Matveevs (1892–1969) Roman Das Viertel der Maler, und tatsächlich ist Krise in diesem Text, der das Pariser Maler-Milieu der 1920er-Jahre beschreibt, ein existenzieller Zustand kein – im etymologischen Sinne – kathartisches Moment. Die Hauptfigur, der Erzähler selbst, enthält starke autobiografische Züge Matveevs: Wie der Autor, der eigentlich Joseph Constantinovski hieß und ein franco-russischer Maler und Bildhauer jüdischen Ursprungs war, bewegt sich der Erzähler am südlichen Stadtrand von Paris, zwischen Porte de Versailles und Porte d’Orléans, im legendären Gebäudekomplex „La Ruche“, dem Bienenkorb. Die kleinen Ateliers werden zum Großteil von osteuropäischen Malern bewohnt, die am Rande der Gesellschaft, in einem zwischen ihren Herkunftsländern und Frankreich luftleeren Raum, ihre täglichen Kämpfe austragen.

Vier Hauptthemen ziehen sich durch Matveevs Roman, der zunächst etwas langatmig auf die reellen Lebensumstände in der Malersiedlung eingeht und dann, mit zunehmendem Schwung, die Kunst des Malens, das Verhältnis von Malerei und Wirklichkeit, die existenzielle Schwierigkeit des Künstler-Daseins und schließlich das Aufkommen des Faschismus thematisiert. Der Ton wechselt von der zynischen Hoffnungslosigkeit einer selbstgefälligen Bohème – „Wir, das sind die Gescheiterten, die wir uns das aber nicht eingestehen, wir, die unzähmbaren Idealisten, die ‚Unangepaßten‘, die Ladenhüter der Kunsthauptstadt der Welt“ – zu ätherischen Tönen, die fast pantheistische Züge annehmen: „Ich glaube, daß die Welt voller Wunder ist, daß wir ständig mit dem Wunderbaren in Berührung kommen“. Einige Zäsuren und Brüche antizipieren die Wendepunkte in der Geschichte: die Affäre und das Wiedersehen mit Françoise, der einzigen relevanten weiblichen Figur im Roman, der Brand in der Siedlung, der Aufenthalt auf dem Land und schließlich die Rückkehr nach Paris. In jeder Phase verändert sich das Gleichgewicht zwischen Freiheit und dem Wunsch nach Anerkennung und Stabilität: Sobald er das Herbeigesehnte jedoch erreicht, merkt der Erzähler, welche Verpflichtungen und Freiheiten es mit sich bringt. Er stellt fest: „Denn in Wahrheit sind es die Gescheiterten, die einen freundlich begrüßen und wieder aufnehmen, die vergeben und vergessen, die geduldig sind und menschlich“. Es sind die Spannungsfelder zwischen Freiheit und Erfolg, Anpassung und Individualität, die der Geschichte ihren Rhythmus verleihen.

Gegen Ende des Romans, der 1947 erstmals auf Französisch erschien, klingt das Aufkommen des Faschismus an: Die ersten Demonstrationszüge ziehen durch die Stadt, unbekannte Parolen werden ausgerufen und die Frage kommt auf: „Sind wir Kanaken?“. Erstmalig wird an dieser Stelle Zugehörigkeit als politischer Aspekt angesprochen – nicht in Reiche und Arme, Maler und Kunsthändler, Bildhauer und Sammler, Menschen aus der Stadt und aus der Provinz ist die Gesellschaft geteilt, sondern in Franzosen und Fremde. „Wir haben unsere Herkunft vergessen, wir haben keinen Ort, wohin wir könnten“, äußert der Protagonist, denn nicht die inzwischen längst verblichene Vergangenheit zählt, sondern die Gegenwart in Paris. Die Lächerlichkeit der Ausländerfeindlichkeiten wird erreicht, als man erfährt, dass Françoise, durchgehend als Inbegriff der französischen Frau (und nicht nur aufgrund des Namens) präsentiert, eigentlich Tschechin ist. Trotzdem endet der Roman mit einem ernüchternden Sprung in die politische Realität: Édouard Daladier und Neville Chamberlain fahren nach München, um das Münchner Abkommen (1938) zu unterzeichnen. Die existenzielle und künstlerische Krise weicht der politischen, und doch ist Matveevs Roman, der einige Längen vorweist und nur langsam einen Rhythmus findet, knapp 70 Jahre später immer noch aktuell. „Was wir versäumt haben, ist die Anpassung, wir sind dem französischen Maler in seiner Kunst gefolgt, wie hätten das auch in Bezug auf seine Lebensweise tun sollen“. Zum Glück, so muss man feststellen, ist dies nicht passiert. Was heute wie gestern unsere Kunst und Gesellschaft so interessant und lebendig macht, ist die Vielfalt – daran erinnert uns Matveevs Roman auf eindrucksvolle Weise.

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Michael Matveev: Das Viertel der Maler. Roman.
Mit einem Nachwort von Rudolf Bitter.
Übersetzt aus dem Französischen von Rudolf Bitter.
Weidle Verlag, Bonn 2015.
227 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783938803769

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