Drei Bücher, eine Prämisse – und wie man mit ihr umgehen kann

Warum sowohl ,,Bewusstsein – Selbst – Ich“ und ,,Körper, Selbst, Identität“ als auch ,,Denken“ ohne differenzierte geisteswissenschaftliche Intervention konfus bleiben

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Neurowissenschaften und ihr Gegenstand

Wenn man naturwissenschaftlich fundierte Einführungswerke in das für die Menschheit interessanteste Thema überhaupt (sie selbst) – von weltweit anerkannten Psychologen, Neurowissenschaftlern, Physikern und Philosophen verfasst – rezensiert, begibt man sich auf gefährliches Terrain. Naturwissenschaftler messen präzise, beobachten aufmerksam und analysieren konsequent. Einführungswerke, die auf Grundlage dieser Vorgehensweise keine Falschinformation enthalten, sondern in erster Linie als aufschlussreich gelten und Zugang zu hochkomplexen Themen bieten sollen, darf man doch gar nicht bemängeln. Wer die neurowissenschaftlichen Grundlagen des menschlichen Denkens in einem Buch ansprechend aufbereitet und erläutert, kann schließlich nichts falsch machen. Die Natur wird, der Hoheitsstellung der harten Wissenschaften gemäß, erforscht, empirisch durchdrungen, bis in das letzte Atom erfasst. Dem ist nichts entgegenzusetzen, schon gar nicht vonseiten der Humanities, die im Grunde doch überhaupt nichts mit dem Menschen zu tun haben, sondern nur seine kulturellen, medialen, sozialen und historischen Erzeugnisse untersuchen, also zweitrangig sind. Die Naturwissenschaft, so der geläufige Eindruck, geht hingegen an die Essenz. Da kann man Fakten auf Monitoren sehen, die Welt und das Selbst in Bildern und Zahlen begreifen. Wer ein Buch über das menschliche Bewusstsein schreibt, muss unbedingt die Dicke der Großhirnrinde benennen. Und je größer das Aggregat an Messdaten, desto wahrhaftiger ist die Methode und desto wirklicher die Theorie.

Diesem Primat folgen aktuell zahlreiche Veröffentlichungen im Bereich Neurowissenschaft –auch die Publikationen renommierter Geisteswissenschaftler –, wenn es um die Frage geht, was unser Denken eigentlich ist und wie wir zu Bewusstsein gelangen. Wie erklärt man also dem Denkenden sein Denken, dem sapiens sapiens sein sapere? Am besten, indem man möglichst viele mannigfach konnotierte Begriffe wie „Subjekt“, „Selbst“, „Identität“, „Ich“, „Bewusstsein“, „Denken“, „Objektivität“ und „Körper“ an den Anfang der Arbeit stellt, keinen dieser Begriffe klar definiert und auf dieser mangelhaften Grundlage genügend MRT-Schnittbilder menschlicher Gehirne sowie stark vereinfachende Schaubildchen mit Kästen und Pfeilen einfügt, um die Lückenhaftigkeit des Versuchs, dem Menschen den Menschen in fMRT-Studien zu erklären, zu kompensieren.

Richtig ist, dass die Neurowissenschaften dank zahlreicher Erkenntnisse und Fortschritte grundlegende Arbeitsprinzipien des menschlichen Gehirns empirisch erfassen. Dass aber alle geistigen Aktivitäten, die unser Bewusstsein steuern, mit  neuronalen Anregungsmustern einhergehen, ist eine reduktionistische Behauptung, die vom Monitor auf das menschliche Dasein und von den Inhalten der Wahrnehmung auf das Bewusstsein schließt – das ,,Ich“ gibt es in den Daten des Hirnscans nämlich nicht.

Nicht selbst-erklärend, aber selbsterklärend trivial

In Bewusstsein – Selbst – Ich fragen die Herausgeber Rainer Rosenzweig und Helmut Fink sowie dreizehn weitere namhafte Wissenschaftler nach den Möglichkeiten und der Weite der Hirnforschung sowie ihrer zentralen Methoden und Konzepte. Das Buchstellt jedoch trotz dieses kritischen Ausgangspunktes unter Einbezug der Subjektivität Fragen an die Hirnforschung, ohne das notwendige Material zu deren Beantwortung überhaupt in Gänze anzusprechen. Die populärwissenschaftliche Herangehensweise, die, wenn auch ihrem Publikum, leider ihrem Gegenstand nicht gerecht wird, lässt sich auch nicht mehr dadurch kompensieren, dass die Autoren an passender Stelle, wenn gerade Raum dafür ist, anmerken, dass der soziokulturelle Kontext natürlich auch eine Rolle spielt (und viel mehr dazu noch nicht einmal im entsprechenden Kapitel sagen).

Die Aufsätze variieren in Qualität und Tiefgang. Alle bieten verschiedene Zugänge zum Thema des Bandes, so befasst sich beispielsweise Christof Koch mit dem Leib-Seele-Problem im 21. Jahrhundert, während Brigitte Falkenberg neuronalen Mechanismen und ihren Grenzen auf der Spur ist und den Determinismus dabei als einen Mythos präsentiert. Ansgar Beckermann fragt nach dem ,,Selbstbewusstsein ohne Ich“, indem er untersucht, wie kognitive Wesen lernen, sich als der Welt teilhaftig zu betrachten. Andere Fragestellungen eignen sich jedoch in keinster Weise für einen gerade einmal 30-seitigen Aufsatz: Henrik Walter versucht, psychische Störungen, Neurobiologie und die Philosophie des Geistes unter dem Aspekt der dritten Welle der biologischen Psychiatrie auf wenigen Seiten zusammenzufassen und Ulrich Kühnen beschreibt in ,,Kultur und Kognition“ alles, nur nicht Kultur und Kognition. Auch Wolf Singer tut sich keinen Gefallen damit, seinen Aufsatz ,,In unserem Kopf geht es anders zu, als es uns scheint“ zu nennen. Einen Text mit diesem Titel liest niemand, der sich tatsächlich für das menschliche Gehirn interessiert. Singer leitet seine Ausführungen damit ein, dass ein Computer etwas anderes ist als ein Gehirn und daher zum Vergleich nicht diene. Das ist eine triviale, aber richtige Ausgangsthese. Immerhin befinden sich alle Aufsätze auf dem aktuellen Forschungsstand, korrigieren mögliche Missverständnisse und gehen kritisch mit gängigen Prämissen der Neurowissenschaften um. Eine Reduktion der Hauptfragen hätte dem Band indes gut getan.

Über basale Erklärungen reichen die Texte zwar insgesamt nicht hinaus und bieten auch keine erstaunlichen Erkenntnisse, was schade ist angesichts der vielversprechenden Namen der Autoren und des sicherlich großen Potenzials, das ein solcher Sammelband unter den gegebenen Voraussetzungen normalerweise haben könnte. Dennoch muss man dem Buch zugutehalten, dass es Laien tatsächlich einen hervorragenden Einblick in die Methoden der Hirnforschung gibt und alle Autorinnen und Autoren darüber hinaus selbstkritisch die Grundlagen ihrer Thesen beleuchten. Diese Kritik verläuft sich jedoch immer wieder schnell, weil versucht wird, einen Spagat zu schaffen zwischen simplifizierenden Methoden neurowissenschaftlicher Abbildungsmuster und überkomplexen Bewusstseinstheorien. Diesen Spagat auf populärwissenschaftlicher Ebene zu meistern, ist unmöglich. Wie gesagt: Nichts daran ist falsch. Aber es bleibt deshalb auch furchtbar langweilig.

Ein Meilenstein, mit dem man nicht um sich werfen sollte

Der berühmte Kognitionswissenschaftler Stanislas Dehaene hat im selben Jahr seine Theorie des Bewusstseins unter dem Titel Denken veröffentlicht. Genannt wird diese Publikation ein ,,Meilenstein der Gehirnforschung“, ,,brillant“, ,,Pflichtlektüre“ und eine ,,Enträtselung des menschlichen Geistes“. Das ist ein großes Versprechen, und große Versprechen werden selten gehalten. Dehaene gibt in diesem laut Eric Kandel ,,besten Beitrag zur Bewusstseinsdebatte“ tatsächlich einen spannenden und vielfältigen Überblick über die Fortschritte der Gehirnforschung. Der Mathematiker und Psychologe entwickelt sogar eine empirische Theorie des menschlichen Wahrnehmens, Fühlens und Denkens und erläutert ausführlich die damit verknüpften Prozesse der Informationsverarbeitung des Gehirns; er bringt also etwas Licht in das Dunkel. Auch die Frage, was nicht-menschliches Bewusstsein sei, das heißt die neuronale Signatur bei Tieren (oder Maschinen), kommt zur Sprache – ohne deren Verlautbarung uns das Bewusstsein immer noch unerklärlich scheint. Dehaenes Forschungsteam konnte aufzeigen, wie das Gehirn die große Menge an zusammenhanglosen Sinneseindrücken sortiert und verarbeitet.

Es werden insgesamt 20 Jahre neurophysiologischer Grundlagenforschung zusammengefasst und um die aktuelle empirische Theorie des Bewusstseins ergänzt. Nichtsdestotrotz erwecken schon zu Beginn viele Formulierungen über das Buch und im Buch selbst den Eindruck, zuweilen etwas verkürzt gedacht zu sein; das fängt schon an bei der Produktbeschreibung: ,,Obwohl wir alle den gleichen Gesamtbestand an Neuronen haben, ist ihre jeweilige Organisation das Ergebnis einer andauernden Entwicklung, die jedes Gehirn anders formt, woraus schließlich unsere jeweils einzigartige Persönlichkeit hervorgeht.“ Da stellt sich die Frage, an wen das Buch gerichtet ist – den Laien, der sich zum ersten Mal Gedanken über Gedanken macht und sich über den freundlichen Schreibstil freut, oder an das Fachpublikum, das aus Dehaenes Forschungsergebnissen wertvolle Erkenntnisse ziehen kann, aber sich möglicherweise an seinem stark simplifizierenden Duktus stören könnte.

An anderer Stelle ist nicht nur der Begriff der Persönlichkeit verflacht, sondern auch der des freien Willens, wenngleich der Autor versucht, die grundsätzlichen philosophischen Positionen bezüglich des freien Willens zu skizzieren. Das große Wort ,,Bewusstsein“ nutzt Dehaene in verschiedenen Kapiteln auf unterschiedliche Weise, was mitunter verwirrend ist. Er kommt, wie in der philosophischen Debatte üblich, schnell vom Bewusstsein auf das Selbstbewusstsein, auf das Verhältnis des Ich zu sich selbst ebenso wie auf das Bewusstsein und die Wahrnehmung von den Dingen, die Qualia. Plötzlich ist es nicht mehr so leicht, aus einer empirisch-neurowissenschaftlichen Erklärung heraus zu beurteilen, was Bewusstsein darstellt. Das weiß auch Dehaene.

Auf welchen neuronalen Mechanismen die Bewusstheit mentaler Ereignisse basiert, beantwortet das Buch deshalb zwar nicht direkt, aber es liefert interessante Wege und Instrumente, der Antwort wenigstens auf neurowissenschaftlicher Basis näher zu kommen. Unter einer Voraussetzung: Denken muss man vorsichtig und geduldig lesen. Wer mit der Einstellung an das Buch herangeht, der leicht populärwissenschaftliche Duktus und die weitestgehend voraussetzungslosen Erklärungen Dehaenes seien ein Garant für eine unkomplizierte, schnelle Wissensvertiefung, wird enttäuscht. Der Kognitionswissenschaftler weiß nämlich, wie man komplizierte Bücher schreibt, ohne es kompliziert zu machen – dafür aber aufregend. Er übernimmt den Bewusstseinsbegriff in seiner Kernbedeutung als bewusste Zugriffsmöglichkeit auf abfragbare mentale Phänomene, das heißt Gedanken oder Perzeptionen. Das Unbewusste ist ein dementsprechend riesiger Raum, dem Kognitions- und Neurowissenschaften große Aufmerksamkeit widmen. Bildgebende Verfahren, reverse engineering und experimentelle Versuchsanordnungen zeigen auf eindrucksvolle Weise, was bewusst und unbewusst in den Gehirnen der Versuchspersonen geschieht. Im klinischen Einsatz sind diese Ansätze und die Ergebnisse der vorgestellten Untersuchungen durchaus zu gebrauchen. Bewusste Verarbeitung ist laut Dehaene nur dann gegeben, wenn ausgedehnte kortikale Netzwerke während der Reizverarbeitung eine spontane parallele, rekursive Aktivität aufweisen, was der US-amerikanische Mediziner und Molekularbiologe Gerald Maurice Edelmann allerdings bereits Jahre zuvor festgestellt hat. Der Vorteil gegenüber Edelmann liegt darin, dass Dehaene tatsächliche empirische Nachweise dort vorlegen kann, wo all seine Vorgänger nur Vermutungen anstellen konnten.

Zugutehalten darf man der Publikation außerdem, dass sie Linien durch sowohl natur-, geistes- als auch kulturwissenschaftliche Bereiche zieht, wenn auch die eingeschobenen Zitate von Dante Alighieri, Charles Darwin, Sigmund Freud, Friedrich Nietzsche und Marcel Proust etwas willkürlich wirken und mehr Weitläufigkeit andeuten als tatsächlich im jeweiligen Kapitel vorhanden ist. Dehaenes repräsentationalistische Auffassung von Sprache nach Noam Chomsky ist dagegen klar verständlich und gut vereinbar mit den Ausführungen auf neurowissenschaftlicher Ebene. Außerdem durchzieht sie konsequent die gesamte Publikation.

Dennoch: Wahrscheinlich, oder hoffentlich, werden die Neurowissenschaftler in einigen hundert Jahren müde über die niedlichen kreisförmigen und quadratischen Kritzeleien lächeln, mit denen Autoren heutzutage versuchen, Denkprozesse und Wahrnehmungssysteme verständlich zu machen. Dehaenes Buch ist deshalb eine weit strahlende Stirnlampe in der Dunkelheit der Neurowissenschaften, aber noch lange nicht die von so vielen Seiten gepriesene Sonne der Bewusstseinsforschung oder gar -philosophie.

In ,,Körper, Selbst, Identität“ klärt Holger Hagen keinen dieser drei Begriffe – und ist trotzdem allen voraus

Angemessen über das Denken zu philosophieren hieße vielmehr, präzise begrifflich zu unterscheiden und diese begrifflichen Unterscheidungen gleichermaßen auf ihre Brauchkarbeit, Anwendbarkeit und ihren spezifischen Zweck hin zu überprüfen. Kann Holger Hagens philosophische Dissertation, das Manko der beiden weiter oben besprochenen Bücher noch kompensieren? Leider erwartet den Lesenden auch hier eine Enttäuschung. Denn wenn man Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Neurowissenschaften durcheinanderwirft, sollte das eigentlich unter der Voraussetzung geschehen, dass Hegel nicht alles ist und die Neurowissenschaften mit Hegels Philosophie des Geistes zum aktuellen Zeitpunkt nicht viel zu tun haben. Hagen versucht eine Symbiose aus beiden.

Die Dissertation erschlägt die Lesenden zunächst mit einer gigantischen Gliederung, deren einzelne Kapiteleinteilungen für je eine Dissertation genügen würden. ,,Geist in der kognitiven Neurowissenschaft“, ,,Der Dualismus von Körper und Geist“, ,,Die Aufklärung des Materialismus“ und ,,Hegels Aufhebung des Diskurses“ bilden die vier Oberpunkte, denen je mindestens vier umständlich in allen Varianten untergliederte Unterkapitel folgen. Der Schock lässt jedoch beim Lesen der Einleitung nach – Hagen schildert sehr genau sein Vorgehen bei der Klärung der Frage nach dem ,,Selbst“ und dem Verhältnis dieses Selbst zu unserem Körper. Nur folgt er diesem Plan nicht.

Richtig ist zunächst, dass Hagen sich in seiner Arbeit gegen die verbreitete These stellt, das seit Jahrhunderten diskutierte Leib-Seele-Problem sei heutzutage durch die Naturwissenschaft gelöst und der Mensch nichts anderes als der in seinem Kopf gelegene Teil des zentralen Nervensystems. Er weist damit die Hirnforschung, die unter dieser Voraussetzung den Materialismus unterstellt, als Leitwissenschaft für andere Disziplinen von sich. Dualismus und Materialismus werden erläutert, verglichen und systematisch aufeinander bezogen, jedoch auch kritisch hinterfragt als widersprüchliche Theoriegebilde, deren ursprüngliche Struktur ebensowenig wie deren Weiterentwicklungen (beispielsweise der Eigenschaftsdualismus) frei von fragwürdigen Prämissen sind. Das ist ein enorm wichtiger Ansatz, der in zukünftigen Veröffentlichungen möglichst beibehalten werden sollte und den besprochenen Vorgängern um einiges voraus ist. Nun stellt Hagen die Theorie auf, dass all die von ihm präsentierten unterschiedlichen Positionen als Stufen einer Selbstreflexion verstanden werden müssen, innerhalb derer der moderne Mensch sich auf dingliche Weise je verschieden denkt: Das ist mit der verdinglichenden Selbstreflexion im Titel der Dissertation gemeint. Auf die Kritik dieser Selbstverdinglichung folgt Hagens Anspruch, einen aristotelisch-hegelschen Neuansatz zu liefern.

Das klingt vielversprechend, doch die Lesenden erwartet etwas völlig anderes. Nicht nur wiederholt Hagen die wichtigsten Grundpositionen auf knapp 400 Seiten so häufig in gleichbleibender Oberflächlichkeit, dass der Lesefluss gehemmt wird. Seine Kritik am Materialismus bleibt zusätzlich gerade an zentralen Stellen unverständlich und verliert sich in abstrakten Referenzen auf Hegel, die einer präziseren Erläuterung bedürften, sie wird also an falscher Stelle ungenau. Die interessanteste Frage, nämlich die der Selbstreferenz, findet zwar Erwähnung, aber mehr nicht. Hegels Philosophie des Geistes fungiert in Hagens Dissertation insgesamt als zu abstraktes Beiwerk, das umständlich erläutert keinerlei klare Verbindung zu neurowissenschaftlichen Ansätzen eingeht und damit für die von Hagen angestrebte Entwicklung eines Neuansatzes defizitär bleibt.

Die Widerlegung der Phrenologie durch Hegels Phänomenologie ist dagegen sehr gelungen dargestellt und auch die einzelnen Hauptpositionen sind so beschrieben, dass man Hagens Dissertation als lehrreiches Nachschlagewerk nutzen könnte, wenn man etwa den psychophysischen Monismus, den eliminativen Materialismus oder den neurobiologischen Konstruktivismus verstehen möchte. Hagen verfügt also über einen sehr breitgefächerten Blick, scheitert aber an dessen Vermittlung in Form einer Symbiose. Was eigentlich der Körper, die Identität und das Selbst sind, bleibt außerdem bis zum Ende unklar. Auch Hegels Auffassung von Geist und Ich wird erst sehr spät erklärt, was der Darstellung an sich wenigstens keinen Abbruch tut, für das Verständnis der vorangehenden Kapitel jedoch hilfreich gewesen wäre.

Einen Vorzug hat Hagens Publikation gegenüber den anderen allerdings: Als einziger Autor kritisiert er konsequent die Heranziehung bildgebender Verfahren zur endgültigen Aufklärung geistiger Phänomene und deren Funktionalität, da diese keine konzeptuellen Kategorien wiedergeben können und lediglich phänomenologisch bleiben. Dass dieser Ansatz zu befürworten ist, bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Neurowissenschaften zurück auf das Niveau der frühneuzeitlichen Naturwissenschaften sinken müssen. Den Mut aber, ohne Gehirnscans über das Denken zu sprechen, haben nicht mehr viele Wissenschaftler, was auf lange Sicht fatale Konsequenzen für das allgemeine Menschenbild haben muss und wird. Der Kultur-, Literatur- oder Kunstwissenschaftler hätte es vermutlich nicht besser gekonnt – aber zumindest einen Platz am Tisch der Neurowissenschaftler verdient, um den gefährlichen Spagat, der in den hier besprochenen Werken versucht wird, ein wenig zu erleichtern. Auch Hagen hätte einen stärker vergleichenden Blick annehmen sollen, anstatt René Descartes als Anfangspunkt und Hegel als vermeintlichen Gipfel einer Philosophie des Geistes herauszustellen, ohne andere Meilensteine der Philosophie und der verwandten Disziplinen in gleicher Weise zu würdigen. Dass am Ende mehr die Unlösbarkeit der Frage und das Problem der Aporie im Raum steht als ein tatsächlicher Neuansatz, war abzusehen.

Hilary Putnam sprach zu seinen Lebzeiten von „kognitiven Werturteilen“, ohne die Forschung nicht möglich ist – Einfachheit, Kohärenz, Vorhersagekraft. Begriffe müssen gebildet und genutzt werden, die Wissenschaft braucht Modelle und nicht zuletzt auch Mut. Das theoretische Problem, dem sich die vorgestellten Publikationen widmen, liegt in seiner Gänze trotzdem nicht allein in der Reichweite der Neurowissenschaften – 100 Milliarden Neuronen sind eben auch nur 100 Milliarden Neuronen.

Titelbild

Helmut Fink / Rainer Rosenzweig (Hg.): Bewusstsein – Selbst – Ich. Die Hirnforschung und das Subjektive.
mentis Verlag, Münster 2014.
292 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783897854185

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Titelbild

Stanislas Dehaene: Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft.
Übersetzt aus dem Englischen von Helmut Reuter.
Knaus Verlag, München 2014.
476 Seiten, 24,99 EUR.
ISBN-13: 9783813504200

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Titelbild

Holger Hagen: Körper, Selbst, Identität. Die verdinglichende Selbstreflexion des modernen Subjekts von Descartes bis zur Kognitiven Neurowissenschaft.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2015.
421 Seiten, 49,80 EUR.
ISBN-13: 9783826057557

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