Ein Potpourri von Trivialitäten, unterhaltsamen Geschichten und geistreichem Spott

Elmar Wilhelm übersetzt „De nugis curialium“ des Walter Map

Von Dorothea HeinigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dorothea Heinig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„The De nugis curialium was the commonplace-book of a great after-dinner speaker; and if one is entirely sober when one reads it, it is easily misunderstood“ – so resümieren die Herausgeber des lateinischen Originals das Werk Walter Maps. Aber auch in nüchternem Zustand ist die Lektüre dieser Zusammenstellung unterhaltender und belehrender Geschichten oder exempla empfehlenswert, wobei das klassische delectare et prodesse immer ein erklärtes Ziel des Autors ist. Jedoch läßt dieses etwas launige Fazit außer acht, daß Walter Maps Erzählungen oft auch eine dunkle Seite voller Gewalt und Betrug haben.

Walter Map (*1130/35, †1209/10) entstammt einer vornehmen Familie aus der Umgebung von Hereford und studierte nach einer ersten Ausbildung in Gloucester ab 1154 in Paris Theologie. Seit 1162 findet man ihn im Umfeld des Bischofs von Hereford, Gilbert Foliot (~1110-1187), ab 1173 nimmt er am Hof König Heinrichs II. von England (1133-1189) juristische Aufgaben wahr und reist 1179 zum 3. Laterankonzil, wo er sich unter anderem mit den Waldensern auseinandersetzt. Von seinen beiden Dienstherren erhielt er einträgliche Pfründe, die ihm eine großzügige Haushaltsführung erlaubten. Nach 1189 zieht er sich vom Hof zurück. 1186 wird er Kanzler in Lincoln, 11896/97 Archidiakon in Oxford, zwei Versuche, ihn 1199 beziehungsweise 1203 zum Bischof zu erheben, scheitern jedoch. Da er immer wieder von historischen Ereignissen, aus seinem Leben und von seiner Karriere berichtet, kann De nugis curialium in die Zeit zwischen 1181 und 1193/1194 datiert werden. Diese erfolgreiche Laufbahn war damals nicht ungewöhnlich, denn die wachsenden Kanzleien der weltlichen und geistlichen Herrscher boten Beschäftigung und Aufstiegschancen für ehrgeizige junge Kleriker. Als Gelehrter und Staatsbeamter war Walter Map so eine charakteristische Figur seiner Gesellschaft und seiner Zeit.

Den literarisch Interessierten des späteren Mittelalters galt Walter Map als Verfasser französischer arthurischer Romanzen und lateinischer satirischer Gedichte, als deren Urheber ihn die moderne Forschung nicht mehr sieht. Heute hingegen wird er geschätzt für ein Werk, das im Mittelalter so gut wie unbekannt war und ihn als geistreichen Erzähler unterhaltsamer Anekdoten zeigt, der dabei mühelos von Thema zu Thema springt. Dies zeigt sich schon an der Überlieferungssituation: De nugis curialium ist nur in der Handschrift MS Bodley 851 (3041) der Bodleian Library in Oxford erhalten, einer vor 1388 entstandenen Sammelhandschrift mit Ergänzungen des 15. Jahrhunderts, die in der Benediktinerabtei Ramsey in Huntingdonshire kompiliert wurde. Ein Namenseintrag verweist auf den Benediktinermönch John Wells (†1388) als Vorbesitzer. So konnte das Werk zwar keine anderen späteren Sammlungen von Geschichten und Satiren beeinflussen, doch Themen wie Herrscherkritik, habgierige Mönche, böse Frauen und törichte Männer waren allgemein bekannt und beliebt. Da sich der bibelfeste und umfassend klassisch gebildete Autor aus dem unerschöpflichen Fundus europäischer Erzähltradition bedient, sind diese und andere Motive und Figurenkonstellationen nicht nur hier, sondern auch beispielsweise bei Chaucer und Boccaccio zu finden.

De nugis curialium ist in fünf Bücher oder distinctiones gegliedert, als Adressat wird ein gewisser Galfridus genannt (vielleicht Geoffrey Ridel, seit 1174 Bischof von Ely, † 1189), später auch König Heinrich II. von England, der als Auftraggeber erscheint. Im ersten Buch befasst sich Walter Map zunächst mit den Zuständen am königlichen Hof, die er aus eigener Anschauung kennt und schreibt so als Höfling für Höflinge – gewissermaßen ein eingebetteter Autor. Dabei kritisiert er besonders das von Intrigen, Neid und Misstrauen geprägte Verhalten der Höflinge. Die Unrast und Hektik am Hof wird nur noch von der des sagenhaften britannischen Königs Herla übertroffen, der die Wilde Jagd anführt. Die Qualen, die man am Hof erleidet, gleichen denen, die die Bewohner der antiken Unterwelt erleiden. Walter befindet sich hier in guter Gesellschaft, denn auch Johannes von Salisbury (1115/20 -1180) hatte in seinem Fürstenspiegel Policraticus sive de nugis curialium et vestigiis philosophorum (1156-59) harsche Kritik am aus seiner Sicht inhaltsleeren und ruhelosen Hofleben geübt, genau wie Peter von Blois (1135-1204) in seinen Briefen: Die Hofkritik ist ein weitverbreiteter Gemeinplatz dieser Zeit, gespeist auch aus dem angespannten Verhältnis von Klerus und Krone. Danach wendet er sich mit Vehemenz gegen falsche Mönche, die das wahre und lobenswerte Mönchstum verraten und in Verruf bringen. Hier hat er besonders die Zisterzienser im Visier, wo nach vorbildlichen Anfängen in der Gründungszeit dieses Reformordens nun Heuchelei und geradezu pathologische Raffgier florieren – neben anderen Lastern. So haben sich die Zisterzienser zwar mit großer Frömmigkeit und großem Fleiß um die Urbarmachung des Landes verdient gemacht, doch dann haben sie ihre Ideale verraten und bereichern sich nun schamlos auf Kosten ihrer Nachbarn; Bernhard von Clairvaux hält er sogar für einen Schwindler und schreckt in seiner bissigen Kritik auch nicht vor Anzüglichkeiten zurück. Nachdem er sich in den folgenden Kapiteln Sekten wie den Waldensern gewidmet hat, schließt er mit einer exemplarischen Geschichte über drei Einsiedler, die in urchristlicher Einfachheit leben. Buch II handelt von wunderbaren Geschehnissen, die einzelnen Personen widerfahren sind, denen Walter Map selbst begegnet ist. Diese Berichte von Wunderheilungen und anderen Merkwürdigkeiten führen den Leser über die fremdartigen Verhaltensweisen der Waliser zu phantastischen Erscheinungen und Geschichten von vampirhaften Untoten und Gespenstern. Dazwischen findet sich noch die abenteuerliche Lebensgeschichte des Ritters Gado. Buch III fasst Paargeschichten in Novellenform zusammen: Zunächst wird die Freundschaft von Sadius und Gado beziehungsweise Parius und Lausus auf die Probe gestellt, dann erhält die böse Frau des Raso ihre verdiente Strafe und zuletzt wird die Gemahlin des Rollo nur durch die Tugendhaftigkeit des von ihr vergeblich begehrten Reso vor der Sünde bewahrt.

Die Schwierigkeiten im Verhältnis von Männern und Frauen wird nicht nur in der Geschichte von Sadius und Galo verhandelt (letzterer muss sich der Avancen seiner Königin erwehren), sondern ist ein durchgehendes Thema in De nugis curialium. Die Schlechtigkeit der Frauen ist für Walter ein Fakt, sie verkörpern eine Art Gegenwelt zur männlichen Sphäre des Rittertums und der Politik. Sie sind lüstern, machtgierig, schlechte Ratgeberinnen und üben auf ihre Männer und Söhne ganz allgemein einen schlechten Einfluss aus. So ist die Sittenlosigkeit Eleonores von Aquitanien (ca. 1122-1204), der unter anderem ein Verhältnis mit ihrem späteren Schwiegervater Gottfried von Anjou (1113-1151) nachgesagt wird, verantwortlich für das Elend ihrer Nachkommen; Kaiserin Mathilde (1102-1167) ist ihrem Sohn Heinrich II. eine schlechte Ratgeberin, auch war sie verantwortlich für die Sünden ihres ersten Mannes, Kaiser Heinrich V. (1086-1125).

Dieses Thema wird in Buch IV weitergeführt, das vor dem verderblichen Einfluss der Frauen warnt – ein weiteres wichtiges Anliegen Walters, mit dem er sich in eine lange und blühende Tradition klerikaler Frauenfeindlichkeit einreiht. Ausführlich abgehandelt wird dies im Brief des Valerius an seinen Freund Ruffinus (Dissuasio Valerii ad Ruffinum philosophum ne uxorem ducat), in dem er ihn inständig bittet, nicht zu heiraten, damit er nicht ins Verderben renne: Das Eheleben ist ein fortwährendes Unglück! Dieser Text war in Mittelalter und Renaissance beliebt und als Einzeltraktat weit verbreitet (aktuell sind 162 Textzeugen bekannt). Offensichtlich war dem Autor die Vorstellung der höfischen Liebe ganz fremd, denn die Dissuasio ist eine der schärfsten frauenfeindlichen Satiren des Mittelalters. Zwar gibt es tugendhafte Frauen wie Bathseba, Lucretia und Penelope, doch die vollkommene Frau ist seltener als der Vogel Phönix, am Ende bringen sie Verderben (natürlich ist vor allem ihre Sexualität hochgefährlich) und Bosheit ist ihr Ziel. Einziges Heilmittel ist die Ehelosigkeit – oder ein Ableger jenes Baumes, an dem sich schon drei Ehefrauen des Pacuvius erhängt haben. Buch V zeigt dem Leser in oftmals unhistorischer Darstellung sagenhafte Herrscher und zeitgenössische Könige, denn die Gegenwart hat genauso viele bemerkenswerte Männer hervorgebracht wie die Vergangenheit. Es finden sich darunter sowohl vorbildhafte als auch abschreckende Exemplare, besonders gelobt wird König Heinrich I. Beauclerc (1168/69-1135), der lange und glücklich regierte und den Walter „Vater Englands“ nennt. Das hält Walter Map aber nicht davon ab, über seinen illegitimen Sohn Robert, den Earl von Gloucester (1100-1147), eine Anekdote zu verbreiten, die impliziert, dass sein Verhältnis zu einem Gefolgsmann mehr als eng gewesen sein könnte. Untrennbar mit der Hofkritik verbunden ist die Herrscherkritik, hier besonders am Beispiel Heinrichs II. und des angevinischen Hofes, der als wahres Inferno dargestellt wird, ein Ort der Pein, bevölkert von Menschen, die der Ehrgeiz verdorben hat. Der König in seiner Arglosigkeit bemerkt dieses üble Treiben gar nicht. Das gesamte Elend wird am Ende nochmals ausführlich geschildert.

Wie sehr Walter Map erzählerisch auf der Höhe seiner Zeit ist, zeigt die Geschichte von Sadius und Galo (De societate Sadii et Galonis) über den Wert wahrer Freundschaft, die von R.E. Bennett im Jahr 1941 sehr treffend so beschrieben wird: „the finest of Latin chivalric romances – a civilized and polished narrative, urbane, sophisticated and vigorous.“ Diese Rittergeschichte hat in Aufbau und Motiven (wie etwa dem Tausch der Identitäten) viel gemeinsam mit einigen Romanen Chrestiens de Troyes, den französischen Lais der Marie de France, der lateinischen Geschichte von Amicus und Amelius oder der Comoedia Lidiae. Dem wird die Geschichte von Parius und Lausus gegenübergestellt, deren Freundschaft durch Neid und Missgunst zerstört wird und mit dem Tod der Protagonisten durch Mord endet. Leider ist Walter als Erzähler nicht immer so stringent wie in diesen Geschichten – manchmal erscheint er sogar recht sprunghaft. Das kann ein persönlicher Stil sein oder daran liegen, dass uns kein ausgearbeitetes Werk vorliegt. So sieht er es auch selber, wie sein Freund Gerald von Wales berichtet: Walter begreift sich als einer, der viel zur Unterhaltung in der Volksprache geredet hat, während Gerald auf Latein geschrieben hat, was löblicher ist und langwährenden Ruhm einbringen sollte.

Dieser Überblick zeigt, dass die Bezeichnung nugis für diese Sammlung ganz passend ist, denn nugae sind poetische Kleinigkeiten, Spielereien oder Bagatellen, im weiteren Sinn auch Dummheiten, Scherze, Lappalien und Possen. Dies entspricht durchaus dem vorläufigen und unfertigen Charakter des Werks, dem der Autor keine endgültige Form mehr gegeben hatte. Die Reihenfolge der verschiedenen Teile stammt wohl nicht von Walter Map selbst, sondern einem späteren, nicht sehr sorgfältigen Kompilator, der mit einer halbgeordneten Zettelsammlung gearbeitet haben muss. Der Autor selber formuliert es ähnlich, wenn er sich, einen Bescheidenheitstopos nutzend, lediglich als Rohstofflieferanten sieht: „Jeder Leser möge aus dem vorgesetzten Rohmaterial ein Bildwerk schnitzen, damit es durch ihren guten Fleiß mit gutem Aussehen in die Augen der Öffentlichkeit tritt. Ich bin Euer Jäger: Ich bringe Euch das Wild, macht Ihr ein gutes Gericht daraus!“

Die erste deutsche Übersetzung von Elmar Wilhelm versteht sich als Möglichkeit, das Werk Walter Maps einem größeren Leserkreis bekannt zu machen und idealerweise auch eine wissenschaftliche Lektüre anzustoßen. Es wird eine gut lesbare und lebendige Übersetzung geboten, die durch einen bequem zu benutzenden knappen Kommentar in Fußnotenform weiter erschlossen wird (für ausführlichere Kommentare sei auf die lateinisch-englische Edition verwiesen). Eine Einleitung gibt dem Leser eine willkommene Einführung in Leben und Werk des Autors, eine kluge Auswahlbibliographie Anregung für weitere Beschäftigung mit dem Werk und dem Umfeld Walter Maps. Aber auch das schwierige, mitunter sogar unklare lateinische Original, das in der hochgelobten Edition von M.R. James et al. vorliegt,1 wird mit der deutschen Übersetzung leichter zugänglich. Dort vorzufindende kleine Ungenauigkeiten (der Schamhaftigkeit der englischen Übersetzer angesichts zotiger oder frivoler Wortspiele geschuldet und daher heute eher ein spätviktorianisches Zeugnis der Rezeptionsgeschichte) werden elegant beseitigt, wenn nötig auch kommentiert und irritieren den modernen Leser nicht mehr. Beide Ausgaben ergänzen sich auf diese Weise hervorragend, eine empfohlene parallele Benutzung bietet nur Vorteile und neue Einsichten.

1 Walter Map: De nugis curialium. Courtiers’ Trifles. Edited and translated by M.R. James, revised by C.N.L. Brooke and R.A.B. Mynors. Clarendon Press (Oxford Medieval Texts), Oxford 1983 u.ö.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Walter Map: Die unterhaltsamen Gespräche am englischen Königshof. De nugis curialium. Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Elmar Wilhelm.
Hiersemann Verlag, Stuttgart 2015.
XXX, 333, 224,00 EUR.
ISBN-13: 9783777215051

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