Kühne Thesen

Ein Sammelband zu den Beziehungen zwischen Lebensreform und deutscher Literatur um 1900

Von Alexandra PontzenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexandra Pontzen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bereits in der Antike machen sich Unbehagen an der Kultur –  vielleicht wäre die Vokabel „Zivilisation“ treffender – und der Wunsch bemerkbar, ein Leben zu führen, das für natürlicher gehalten wird als das, welches die Menschen in einer städtischen Umgebung zu führen gezwungen sind. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wird dieser Wunsch wieder manifest und begleitet seitdem die abendländische Mentalitätsgeschichte. Besonders wahrnehmbar artikuliert er sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der sogenannten Lebensreform. Deren Einfluss auf Kunst und Literatur in Deutschland kann schwerlich überschätzt werden, vor allem jedoch zeitigt sie in der Lebenspraxis Veränderungen, die bis heute nachwirken.

Darüber ist man seit längerem gut informiert. Zu empfehlen ist der anlässlich einer Ausstellung auf der Darmstädter Mathildenhöhe 2001 erschienene üppig ausgestattete zweibändige Katalog Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Auf insgesamt 1231 Seiten bietet er eine schier unübersehbare Menge von Abbildungen und daneben 147 Textbeiträge, die gelehrter und umfangreicher sind, als von einem Ausstellungskatalog gemeinhin zu erwarten ist (vgl. die Rezension in literaturkritik.de, August 2002).

Angesichts einer solchen Vorgabe muss sich die vorliegende Aufsatzsammlung mit Ergänzungen begnügen; außerdem widmet sie sich nicht allen Aspekten der Lebensreform, sondern begrenzt sich auf deren Verhältnis zur Literatur, wobei allerdings der Literaturbegriff weit gefasst ist. Unter ihm werden anspruchsvolle Zeitschriften wie Ferdinand Avenariusʼ Kunstwart, der sich bis heute ein gewisses Ansehen bewahrt hat und dem Thorsten Carstensen einen Aufsatz widmet, ebenso subsumiert wie Publikationen des völkischen Pädagogen Wilhelm Schwaner, den Felix Saure vorstellt, oder Gymnastikanweisungen in Die Morgentoilette der Berufstätigen von Reinhold Gerling, dessen Ratgeberliteratur zur Körperkultur Christiane Barz dem Vergessen entreißt. An Kuriosem herrscht in der Lebensreform kein Mangel.

Neben heute vergessenen Randgestalten finden Mainstream-Autoren einschlägige Beachtung (Gerhart Hauptmann, Stefan George, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Franz Kafka und verblüffenderweise auch Heimito von Doderer). Leider dienen einige Beiträge weniger der Vermittlung von Wissen und Einsichten als den Originalitätsbestrebungen ihrer Verfasser. So z. B. betitelt Paul North seinen Beitrag „Kafkas Lebensverform“, und das ist kein hässlicher Druckfehler. Was genau gemeint ist, bleibt inmitten von wenig luziden, letztlich inkommensurablen Ausführungen unklar. Auch scheint der Verfasser letztlich an Peter Sloterdijks anthropologischer Schrift Du mußt dein Leben ändern, die in der Tat mit der Lebensreform in einen gedanklichen Zusammenhang gebracht werden könnte, interessierter als an Kafka.

Von dessen Verhältnis zur Lebensreform handelt Ekkehard W. Harings Beitrag über „Die Naturheilanstalt Jungborn als Ort des Schreibens und der Selbst-Reform“. Kafka besuchte sie im Sommer 1912. Von ihr geht der Blick zum Tessiner Monte Verità, wo sich der Bohème affine europäische Intellektuelle ein Stelldichein gaben. Dagegen stimmt skeptisch, wenn Davos zu einem Ort der Lebensreform erhoben werden soll. Dort spielt der berühmteste Sanatoriumsroman der Weltliteratur, Thomas Manns Der Zauberberg (erschienen 1924), der gemeinhin als Dokument der Dekadenz, also des Gegenteils von gesundheits- und vitalitätsorientierter Lebensreform, wahrgenommen wird.

Mit Hilfe einer ebenso kühnen wie umwegreichen Argumentation, deren Angelpunkt der Ort Davos ist, will Marcel Schmid ihn in die Nähe der Lebensreform rücken. In Davos fand 1929 eine viel beachtete Disputation zwischen Martin Heidegger und Ernst Cassirer statt. Schmid konstruiert eine Analogie zwischen dieser Disputation und den Streitgesprächen zwischen Naphta und Settembrini, wobei Heidegger die Rolle Napthas, Cassirer die Settembrinis zugewiesen wird; er schränkt dann aber seine These so stark ein, dass von ihr wenig übrig bleibt. Eigentlich geht es in seinem Beitrag um Davos als einen Ort des internationalen geistigen Austausches, wo „Facetten des Wandels modelliert“ werden, bis hin zum Weltwirtschaftsgipfel.

Seriöser, weil näher an den behandelten Texten, sind Aufsätze über Hauptmann, Rilke und Hesse. Peter Sprengel bringt mit der Frage „Konversion eines Apostaten?“ Hauptmanns zeitlebens zwiespältiges Verhältnis zur Lebensreform auf eine griffige und fruchtbare Formel. Erich Unglaub verfolgt anhand von Liebesgedichten Rilkes dessen changierende Liebeskonzepte, die den Bereich des Autobiographischen verlassen und zukunftsorientierte poetische Botschaften werden. Kathrin Geist konzentriert sich auf Hesses biographisch inspirierte Erzählung In den Felsen, welche die Botschaft vermittelt, dass eine Lebensreform, die der Physis den Vorrang einräumt vor der Psyche und dem Geist, unbefriedigt lässt.

Der Sammelband ist auf Grund eines von den beiden Herausgebern ergangenen Call for Papers zustande gekommen, was erklären mag, dass er etwas zufällig und zusammenhangslos wirkt und die qualitativen Unterschiede zwischen den insgesamt sechzehn Beiträgen erheblich sind. Mitunter drängt sich der Eindruck auf, dass ein bereits vorhandenes Material für das obligatorische Thema „Lebensreform“ nachträglich zurechtgebogen worden ist. Auch hätte eine sorgfältige Redaktion, die u. a. die Literaturangaben und die über tausend Fußnoten besser hätte aufeinander abstimmen können, dem Band gutgetan. Hilfreich wären auch ein Sach- und ein Personenregister, um das Buch, das nicht unbedingt zu einer kontinuierlichen Lektüre einlädt, für nur an Einzelfragen Interessierte bequemer nutzbar zu machen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

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Thorsten Carstensen / Marcel Schmid (Hg.): Die Literatur der Lebensreform. Kulturkritik und Aufbruchstimmung um 1900.
Transcript Verlag, Bielefeld 2016.
346 Seiten, 39,99 EUR.
ISBN-13: 9783837633344

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