Von geschlossenen und offenen Räumen

Beiträge zu einer öffentlichen Literaturdidaktik

Von Nicola KönigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nicola König

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Literaturdidaktik ist eine Disziplin, die sich zwischen den Stühlen bewegt, indem sie versucht, zwischen Text und Leser zu vermitteln und ein Verständnis anzubahnen. Die diesen Stühlen zugeordneten Wissenschaften sind zunächst die Sprach- und Literaturwissenschaften und ihre jeweiligen Didaktiken. Aber auch Perspektiven der Medienwissenschaft, der Theaterwissenschaft, Psychologie und Pädagogik werden zur Vermittlung zwischen Text und Leser herangezogen. Demnach greifen philologische und pädagogische Perspektiven ineinander, wenn eine Literaturdidaktik gleichermaßen den Gegenstand wie den Lernenden in den Blick nimmt.

Literaturdidaktik bewegt sich demnach schon seit jeher im Grenzbereich verschiedener Wissenschaften und versteht sich nicht als abgeschlossenes System. Obwohl das traditionelle Betätigungsfeld der Literaturdidaktik der schulische Kontext ist und die Adressaten der Literaturdidaktiken, derer es eine große Anzahl auf dem Buchmarkt gibt, in der Regel Lehramtsstudierende sind, findet eine Auseinandersetzung mit Literatur immer auch im öffentlichen Raum statt. Wenn im Zentrum der Auseinandersetzung mit verschiedenen Werken als zentrale Fragestellung steht, wie sich Literatur vermitteln lässt, dann handelt es sich hierbei um einen Prozess, der unter anderem SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen, BildungspolitikerInnen und Studierende einschließt. Thematisch handelt ein literaturdidaktischer Diskurs dabei Aspekte der didaktischen Reduktion aus und nimmt davon ausgehend methodische Umsetzungen in den Blick. Die Bandbreite, die in diesem Zusammenhang abzudecken ist, reicht von der Leseförderung bis zur Mediendidaktik, von der Kinder- und Jugendliteratur zur Literaturgeschichte, von poststrukturalistischen und hermeneutischen Methoden zum szenischen Interpretieren.

Der Titel des von Dieter Wrobels und Christine Otts herausgegebenen Buches Öffentliche Literaturdidaktik mutet zunächst missverständlich an, scheint doch das skizzierte Feld der Literaturdidaktik bereits umfassend und komplex genug und vor allem in Bezug auf die Adressaten sowie die teilnehmenden wissenschaftlichen Disziplinen offen; auch werden bildungspolitische Diskurse generell überaus öffentlich geführt. Den Herausgebern und Autoren der Grundlegungen dieser neuen Ausrichtung der Literaturdidaktik geht es aber um etwas anderes, nämlich die Öffnung, die sowohl den Raum als auch die Adressaten betrifft. Literatur und ihre Aneignung findet – glücklicherweise – nicht ausschließlich im schulischen Kontext statt, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung aber fokussiert – so die Diagnose der Herausgeber – beinahe ausschließlich auf diesen und lässt unter anderen die Dimension des Theaters, der Bibliotheken und der Museen außer Acht. Ziel des Bandes ist es, das Lernen über, an und durch Literatur zu beschreiben. Um dieses weite Feld darzustellen, wählen die HerausgeberInnen einen sechsstufigen Weg: Ausgehend von den Zielen, den NutzerInnen und den Institutionen werden Inhalte, Orte sowie Methoden und deren VermittlerInnen dargestellt. Die Auswahl der Beiträge gleicht dabei einem Gang durch blühende literarische Landschaften: Vom Literaturmuseum der Moderne in Marbach über Steirische Literaturpfade nach Dresden zu Uwe Tellkamps Der Turm vermitteln die AutorInnen einen Eindruck über die Vielfalt des literarischen Lebens und der Vermittlungsansätze.

Im Hinblick auf die Ziele einer öffentlichen Literaturdidaktik verweist Sigrid Thielking in ihrem Beitrag „Wir sind mit Grund überzeugt, daß ein Leben und eine Gesellschaft ohne Literatur und Kunst arm sind“ darauf, dass Literatur sich nicht allein auf einen „engen und normierenden“ schulischen Kontext beschränken dürfe: Literatur habe gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, Literaturdidaktik beträfe demnach alle Lebensalter. Das impliziere auch eine Öffnung zur Kulturdidaktik. Dass diese Öffnung eine Klärung des Literaturbegriffs erforderlich macht, zeigt Ott in ihrem Beitrag „Literatur als Therapeutikum“ auf, indem sie die Zwecke der Literatur zwischen Leseförderung und psychoanalytischem Erkenntnisakt, zwischen Genussfähigkeit und kultureller Teilhabe verortet.

Einen Blick auf die Nutzenden der Literatur eröffnet Ursula Klingenböck mit ihren Gedanken zur „Gen App – Überlegungen zu einem dynamischen Konzept der Literaturvermittlung am Beispiel mobiler Anwendungssoftware“. Sie stellt sich die Frage, wie eine Generation, die mit der Präsenz mobiler Endgeräte aufgewachsen ist – die sogenannte Generation App –, Literatur wahrnimmt und welche technischen Möglichkeiten sich im Rahmen einer Vermittlung ergeben. Beispiele über Apps zum Verfassen von Gedichten oder zum Erschließen von Hintergrundinformationen zeigen mögliche Arbeitsfelder. Klingenböck weist zu Recht darauf hin, dass eine literaturdidaktische Diskussion über Fragen, wer was wie durch welche Anwendung lernt, noch aussteht – selbst die Inhalte gilt es noch zu verhandeln. Die Brisanz dieser Frage, die in diesem Zusammenhang leider nur kurz gestreift wird, zeigt sich im Hinblick auf die Bildungsoffensive für eine digitale Wissensgesellschaft.

Heike Gfrereis nimmt die Institutionen in den Blick. Sie skizziert Konzepte der Literaturvermittlung des Literaturmuseums der Moderne in Marbach und thematisiert damit die entscheidende Frage der Literaturdidaktik, wie sich das Lesen von Literatur im Prozess des Sehens verändert. In diesem Beitrag geht es weniger um Aspekte der Leseförderung oder –animation als um ein Nachvollziehen der Schreibprozesse und eine literaturtheoretische Reflexion: „Im Idealfall lesen wir im und durch das Original genauer, sorgfältiger, Wort für Wort und Satzzeichen für Satzzeichen, weil wir es so lesen können, wie es geschrieben worden ist, Schwung für Schwung, Linie für Linie, Punkt für Punkt, Lücke für Lücke, Geste für Geste.“

Dass Gfrereis andere AdressatInnen anspricht und damit unterschiedliche Intentionen verfolgt als beispielsweise Stephan Feldhaus, der über QR-Code-Technologie zur Erweiterung von Gedenktafeln im öffentlichen Raum referiert, oder Raphaela Knipp, die kulturtouristische Aspekte von Literaturspaziergängen beschreibt, liegt auf der Hand. Daraus resultiert jedoch eine Inhomogenität der Ansätze, die es dem Leser nicht immer einfach macht, den Intentionen dieses initiierten Diskurses zu folgen. Das große Verdienst des Werkes ist seine Öffnung des Verständnisses von Literaturdidaktik, das Aufzeigen der Präsenz von Literatur im öffentlichen Raum und damit verbunden der entsprechenden Vermittlungspotentiale. Das ist informativ und regt zu weiteren Entdeckungsreisen an. Dabei stellt das Werk eine Bestandsanalyse dar, die Handlungsfelder öffnet und den Weg für eine Systematisierung und Theoretisierung bahnt.

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Dieter Wrobel / Christine Ott (Hg.): Öffentliche Literaturdidaktik. Grundlegungen in Theorie und Praxis.
Erich Schmidt Verlag, Berlin 2018.
358 Seiten, 49,95 EUR.
ISBN-13: 9783503176991

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