Das leise Geräusch einer explodierenden Landmine

In seiner post mortem erschienen Kurzgeschichtensammlung lässt Denis Johnson noch einmal sein ganzes literarisches Können aufblitzen

Von Karsten HerrmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karsten Herrmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit der mittlerweile legendären Kurzgeschichtensammlung Jesusʼ Son schaffte Denis Johnson 1992 den literarischen Durchbruch. Wie in seinen großen späteren Romanen Schon tot oder Ein gerader Rauch zeigte sich Johnson hier als ein expressiver Meister des Abgründigen, des Skurrilen und Geheimnisvollen, als Chronist der Gescheiterten und Abgehängten in Amerika und anderswo. Im Mai 2017 starb Denis Johnson als einer der wichtigsten Autoren seiner Generation im Alter von 67 Jahren an Leberkrebs. Post mortem ist jetzt als literarischer Abschied seine Kurzgeschichtensammlung Die Großzügigkeit der Meerjungfrau erschienen.

In den versammelten fünf Kurzgeschichten, die zuweilen Novellencharakter annehmen, kann man ihn noch einmal hören, den typischen abgeklärt-lakonischen und zwischendurch immer wieder laut oder leise explodierenden und erschütternden Johnson-Sound – zum Beispiel als der junge Chris Chase in einer der Kurzgeschichten auf einer Abendgesellschaft nach einer Diskussion um das lauteste Geräusch von einem Moment der Stille spricht: „Das Leiseste, was er je gehört habe, sei die Landmine gewesen, durch die er vor Kabul sein rechtes Bein verloren  habe.“

Immer wieder mischt sich in diese oftmals von Männern um die 60 erzählten Kurzgeschichten eine gewisse Altersmüdigkeit, das Wissen um die Endlichkeit der Tage, den körperlichen Verfall und die Angst vor dem endgültigen Scheitern. So wird ein alternder Werbefachmann in der Auftaktgeschichte von einer „solchen Traurigkeit über das Tempo des Lebens“ und der „Tatsache, dass das Scheitern imstande ist, immer wieder andere Formen anzunehmen [übermannt] –, dass ich fast den Wagen zu Schrott fuhr.“ Später führt dieser Ich-Erzähler ein langes, ergreifendes Telefonat mit seiner sterbenden Ex-Frau und muss sich am Ende fragen, welche seiner beiden Ex-Frauen, denn nun in der Leitung gewesen ist.

Eine in ihrer Abgründigkeit und trotzigen Hoffnungslosigkeit klassische Johnson-Geschichte lesen wir in Starlight: „Das Starlight ist ein Schrottplatz für Leute, die ihrer Seele einen Totalschaden zugefügt haben.“ Und in diesem Starlight schreibt der junge Ich-Erzähler Mark Cassandra als therapeutische Maßnahme irrwitzige Briefe an seine Familie, an seine Ärzte, an den Papst und an den Satan: „Lieber Satan, glaubst du, ich hätte dich damals nicht erkannt?“

Den Abschluss des Bandes bildet eine lange Kurzgeschichte über die Freundschaft eines in die Jahre gekommenen Schriftstellers und Literatur-Dozenten mit dem jungen Dichter Marcus Ahearns – dessen Gedichte als „Inbegriff des Echten, Zeile für Zeile echt“ lassen ihn akzeptieren, „dass ich nie selbst ein Dichter sein würde, sondern immer nur ein Lehrer von Dichtern“. Hieraus entspannt sich in der Folge eine ebenso verwickelte wie skurrile Geschichte um Elvis Presley und seinen totgeborenen Zwillingsbruder, um Doppelgänger und die an 9/11 fallenden Zwillingstürme in New York.

Denis Johnsons letzter Kurzgeschichtenband lässt noch einmal die ganze Bandbreite seines literarischen Könnens aufscheinen, mit dem er uns an die kleinen und großen Abgründe des Lebens führt – und mit jedem Scheitern seiner Anti-Helden ruft er uns ein lautes, lebensbejahendes „Trotzdem“ zu. Denn irgendwie geht es immer weiter.

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Denis Johnson: Die Großzügigkeit der Meerjungfrau. Und andere Erzählungen.
Übersetzt aus dem Englischen von Bettina Abarbanell.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018.
222 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783498073992

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