Newsticker und Tagesrückblicke aus Klagenfurt

Newsticker

Sonntag, 08.07.

Die Bachmannpreisträgerin 2018 steht fest! Tanja Maljartschuk gewinnt mit dem Text Frösche im Meer. Darin erzählt die aus der Ukraine stammende und in Wien lebende Autorin das Schicksal des osteuropäischen Geflüchteten Petro. Es sei ein "doppelbödiger Text über die vielen Gründe, seine Heimat zu verlassen", lobte Juror Stefan Gmünder, der Maljartschuk eingeladen hatte, in seiner Laudatio: "Schlank und schön ist er geworden, ohne Schnörkel, ein Glücksfall." 

Auf der Shortlist, für die die Jury im Vorfeld sieben der ursprünglich vierzehn teilnehmenden Autor_innen nominiert hatte, fanden sich neben Tanja Maljartschuk: Bov Bjerg, Özlem Özgül Dündar, Raphaela Edelbauer, Joshua Groß, Ally Klein und Anna Stern. Gegen sie konnte sich Maljartschuk im zweiten Wahlgang mit den Stimmen von Hildegard E. Keller, Hubert Winkels, Stefan Gmünder und Insa Wilke durchsetzen.

Zudem vergab die Jury drei weitere Auszeichnung: Bov Bjerg gewann den Deutschlandfunkpreis, Özlem Özgül Dündar den KELAG-Preis und Anna Stern den 3sat-Preis. Letzteres ist wohl die größte Überraschung des Tages, denn Stern hatte in der Jurydiskussion nach ihrer Lesung viel Kritik einstecken müssen. Über den Publikumspreis, der in einer Online-Abstimmung vergeben wurde und mit einem Stadtschreiberinnenstipendium in Klagenfurt verbunden ist, kann sich Raphaela Edelbauer freuen. 

In seiner Abschlussrede resümierte der Juryvorsitzende Hubert Winkels, dass die Tage der deutschsprachigen Literatur 2018 von relativ klassischen, gut gebauten Geschichten geprägt gewesen seien, die gekonnt mit Konventionen jonglierten. Das stark Experimentelle sieht Winkels hingegen auf dem Rückzug. Insgesamt ist sein Fazit ein positives: "Es war viel Arbeit. Es war ein Fest."

Mehr zum diesjährigen Klagenfurter Wettlesen, den Preisträger_innen und ihren Texten wird es demnächst auf literaturkritik.de zu lesen geben.

Samstag, 07.07.

Kontroversen – Parodistische Lähmungen – ästhetische Betroffenheit und Freud und Leid deutscher Räuberpistolen

Übersicht

Bericht zur Lesung von Jakob Nolte

Bericht zur Lesung von Stephan Groetzner

Bericht zur Lesung von Özlem Özgül Dündar

Bericht zur Lesung von Lennardt Loß

So votet die Redaktion

11. Lesung, Jakob Nolte

Der letzte Lesetag beginnt mit Jakob Nolte. Als Verfasser von Theaterstücken ist ihm Dramatik nicht fremd; für seine eigene Lesung hätte er sich aber wohl weniger erbeten. Etwas angespannt liest er seinen Text Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war, als plötzlich Unruhe im Saal ausbricht und die Lesung wegen einer Zuhörerin mit Kreislaufproblemen unterbrochen werden muss. Nolte lässt sich von dieser Unterbrechung nicht aus der Ruhe bringen und setzt seine Lesung nach kurzer Pause fort.

Der Autor vermag es, dafür zu sorgen, dass seine Leser_innen mit weniger Wissen als vorher aus seinen Texten herausgehen. Als Fakten getarnte Fiktionen vermischen sich mit lexikonhaften Einträgen. Sein Text handelt von einer deutschen Frau, die mit ihrer Begleitung in Mexiko verweilt. Festgehalten wird dieser surreal wirkende Ausflug in ihrem Tagebuch. Verstrickt in paranoide Wahnvorstellungen und gehaltlose Verschwörungstheorien, vermutlich ausgelöst durch Drogenkonsum, erlebt die Tagebuchschreiberin zwei niederländisch sprechende Frauen als Bedrohung.

Das Tagebuch dient der Protagonistin nach Einschätzung Stefan Gmünders als Selbstvergewisserung ihrer eigenen Wahrheit. Die Form der Tagebucheinträge wird dabei von der Jury stark kritisiert. Verkettungen und  Länge der Sätze sowie Kommasetzung führten dazu, dass es in sich nicht stimmig sei. Vielmehr sei es ein „behauptetes Tagebuch“, stellt Hildegard Keller fest. Dabei übersieht die Jury, dass saloppe und fehlerhafte Sprache Tagebucheinträge ausmacht. 

Absurdität und Fantasie vermischen sich mit der Realität zu einer einzigartigen kosmischen Erfahrung; die Protagonistin nimmt sich als zentralen Punkt in der Welt wahr: „Ja, sie alle, dieses gesamte Städtchen, ist regungslos, wenn ich nicht in der Nähe bin. Ihre Simulation wird erst durch meine Wärme und meine Bewegung ins Leben gerufen.“  Eine deutsche Frau inmitten Mexikos sieht sich selbst als eine Energiequelle, ohne die andere Menschen in Starre verharren. Unklar bleibt, ob dies auf Wahnvorstellungen oder auf kulturelle Anmaßung zurückzuführen ist; die Jury geht darauf nicht ein.

„Der Text ist ein Piranha mit aufgeklappten Maul, der darauf wartet, dass wir reinspringen“, warnte Insa Wilke ihre Jurykolleg_innen. Was man hier wohl am besten tun sollte: Sich auf das Ganze einlassen und nicht nur die einzelnen Aspekte betrachten. Dann werden Noltes „Fehler auf allen Ebenen“ (Hubert Winkels) als Teil eines poetologischen Konzeptes erkennbar. (rr)

12. Lesung, Stephan Groetzner

Wenn die Bachmann-Wettbewerb-Nominierten lesen, ist außer dem Rascheln der umgeblätterten Manuskriptseiten meist kein Ton aus dem Publikum zu hören. Nicht so jedoch bei der zweiten Lesung des heutigen Tages. Während Stephan Groetzner entspannt aus seinem Romanauszug Destination: Austria liest, ertönt immer wieder amüsiertes Kichern unter der Zuhörerschaft. Als er seine Lesung beendet, herrscht Schweigen bei der Jury. Niemand will den Anfang machen, fast schon scheint sie sich zu zieren, den ungewöhnlichen Text anzugehen. Denn Groetzner schreibt, wie man es von ihm kennt – beinahe lyrisch, in kurzen betitelten Abschnitten, parodistisch.

„Der Brabantbuntbarsch verdreifachte sich und war jetzt ein Weißpunktbrabantbuntbarsch und ein Gabelschwanzbrabantbuntbarsch. Der dritte Branbantbuntbarsch war aber dann doch kein Brabantbuntbarsch, sondern ein Schabenmaulbuntbarsch, vielleicht aber auch ein Veränderlicher Spiegelkärpfling. Viktor wusste es nicht. Er kannte sich mit Fischen ja auch überhaupt nicht aus.“

Viktor Bondarjew ist der Hauptcharakter des Romanauszugs, der sich in zwei Handlungsstränge unterteilt. In einem ist Viktor auf dem Weg von Tiraspol nach Wien, um dort einen Geldkoffer unter einem Hotelbett zu bergen. Im anderen besucht er die Miss-Marihuana-Wahl in Gagausien, einem Gebiet in der Republik Moldau. Beide Handlungen eröffnen verschiedenste, satirische Ebenen und parodieren Genres und Themen wie James Bond-Filme, die Provinzialität Österreichs und den Bachmann-Wettbewerb selbst. Durch die vielen Elemente wird der Text unübersichtlich. Der Humor des Autors hält ihn aber zusammen.

Nach dem ersten Zögern ergreift die Jury schließlich das Wort. Michael Wiederstein beschreibt den Text als „Steinbruch voller Ideen und Verweisungen“, als „bitterböse“ und „interessant von innen und außen erzählt“. Nora Gomringer stimmt zu und ist begeistert von der „Präzensierungsmaschinerie“, die der Autor gefertigt habe. Jedoch gibt sie auch zu, aufgrund der Parodie-Dichte und all der Verweise „nix mehr mitbekommen“ zu haben.

Hubert Winkels vergleicht den Humor des Textes mit dem des Filmes Borat und bezeichnet ihn als auf ähnliche Weise plakativ und „ein wenig billig“. Hildegard E. Keller stimmt zu, dass es ihr beim ersten Lesen genauso ergangen sei. Groetzners gelassene Lesart habe dem Text jedoch „eine neue Färbung“ verliehen und zu „einer anderen Atmosphäre“ verholfen.

„Der Text ist blöd!“, widerspricht Klaus Kastberger. Er ginge „ganz tief in die Klischees“, die er als Österreicher satt habe. Zusätzlich sei die Struktur „viel zu simpel“ und die immer wieder auftauchenden Dreier-Verhältnisse langweilig. Gestützt wird er in dieser Aussage von Insa Wilke: „Der Text ist ja auch ein Angriff, den man nicht unterschätzen sollte.“

Stefan Gmünder beendet die Diskussion schließlich mit den Worten: „Vielleicht nehmen wir einiges in unseren literarischen Klimmzügen etwas zu persönlich. Ich hab’s sehr gerne gelesen und ich hätte es, glaube ich, auch sehr gerne gelesen, wenn es um die Schweiz gehen würde.“ (lha)

13. Lesung, Özlem Özgül Dündar

Özlem Özgül Dündar liest als dritte Kandidatin des Tages. Sie präsentiert einen Auszug aus ihrem Prosaprojekt und ich brenne, eine Collage aus (Zeugen)aussagen von vier Müttern, die aus unterschiedlichen Perspektiven einen Wohnungsbrand verarbeiten. Dündar trägt nüchtern vor und überzeugt mit erzählerischer Raffinesse: Es spricht die Mutter des mutmaßlichen Brandstifters, es sprechen Tote – und das vorherrschende Bild des Feuers, des brennenden Holzes, dient letztlich nur zur Rahmung des Kerns der Geschichte: einer von Schmerz und Verdrängung gezeichneten Begegnung der Mütter.

„denn ich kenne deine sprache nicht und ich kenne nur die worte meiner sprache und die bleiben in meiner kehle stecken wenn unsere gesichter aufeinander treffen da bleiben die worte in mir stecken […] ich will mit dir sprechen ich will etwas sagen und dann nicken wir einander zu und der moment streift so an uns vorbei“

In Joycescher Tradition verzichtet Dündar auf Zeichensetzung – eine Technik, die bei ihr allerdings keine beschleunigende Wirkung erzielt, denn die Autorin strukturiert den Text durch ihre Lesung. Der Juryvorsitzende Hubert Winkels lobt zwar, dass der Text ohne Kausalitäten funktioniere, merkt aber an, dass er als „Litanei“ einiges an Potential verschleife.

Insa Wilke, die Özlem Dündar eingeladen hat, spricht zunächst nicht, sie greift nicht ein – und das muss sie auch nicht, denn der Ton der Jury ist ausgesprochen wohlwollend. Nora Gomringer spricht von einer Sprachwucht, ob der sie nur begeistert stottern könne und auch Hildegard Keller lobt die Kraft der Worte. Dündar hört gebannt zu und lächelt verlegen. Nach der ersten Welle des Lobs merkt Wilke an, dass sie mit Widerständen gerechnet habe, da die Frage, „wie etwas zwischen den Generationen weitergeben wird“ bereits in vorherigen Texten behandelt wurde.

Klaus Kastberger und Michael Wiederstein geben sich gegen Ende eher kritisch. Wiederstein deutet den Brand rechtsradikal motiviert – der Text an sich gebe jedoch nicht so viel her: Er sei gespannt, was Dündars Text später einmal gewesen sein werde. Wiederstein hält den Text für zu explizit, zu redundant und für teilweise zu schief – Winkels schließt sich der Meinung an: „Durch diese Form der Wiederholung des Schleifens, des Retardierens verschwimmen die Differenzen der Mütter.“ – was man auch als Qualität deuten kann. Auf den Punkt bringen es Wiedersteins anfängliche Worte: „Heiß ist der Gegenstand und kühl die Komposition.“ (nc)

14. Lesung, Lennardt Loß

Das Finale liest Lennardt Loß, eingeladen von Michael Wiederstein. Es ist eigentlich müßig, an einem offenkundig jungen Autor sein Alter hervorzuheben. Alter allein trifft keine Aussage, gibt auch nicht notwendig Auskunft über das Können eines Schriftstellers. Im Fall von Lennardt Loß ist seine Jugend dennoch gerade der bemerkenswerte Referenzpunkt, betrachtet man seine literarischen Sujets. Geboren 1992, ist Loß das diesjährige Nesthäkchen der TddL. Der gelesene Text spielt im Jahr seiner Geburt.

Die Montageerzählung Der Himmel über 9A ist, mit Wohlwollen gelesen, ein inhaltlich dichter Text, der narrativ an US-amerikanische Serienerfolge wie Lost oder Fargo anknüpft. Kritischer gesprochen liefert der Text einen Ritt durch die gesamtdeutsche Geschichte nach 1945 – das ist ein Ritt mit Übergepäck: Ein untergetauchter RAF-Terrorist zweiter Generation hat einen Chef mit SS-Vergangenheit, fliegt – ganz deutsche Tradition – nach Argentinien, um dort eine alte Schusswunde klandestin behandeln zu lassen. Er stürzt ab und treibt mit der Tochter eines Wendeprofiteurs auf offener See, vermutlich geht er am Ende unter.

Die Jury zeigt sich angesichts des Gehörten gespalten. Während Insa Wilke Spannungsaufbau, Motivik und Arbeiter-Alltagssounds lobt und gemeinsam mit Hubert Winkels einen gewissen Witz in loriotscher Manier (auch das ein sehr historisch deutscher Humor) zu entdecken vermag, verweigert sich Klaus Kastberger dem Text aufgrund der Aneinanderreihung der Themen: „So viele außergewöhnliche Ereignisse. Wenn die alle zusammenkommen, glaub ich dem Text nicht mehr, dann ist er überladen.“ Eine „Räuberpistole“ sieht auch Hubert Winkels und befindet, durch die Kumulation der verhandelten Themen gebe es „zu viele Schauknochen, zu wenig Fleisch“. Michael Wiederstein weiß das karnivore Bild aufzugreifen und vergleicht den Text mit einem Gyrosspieß, auf den alles zusammengequetscht wird, der aber trotzdem konsumierbar werde, „weil Loß eine saubere Kante abschneidet“.

Einen Erklärungsansatz für die Gesamtkomposition versucht Hubert Winkels zu geben, vielleicht handele es sich bei Der Himmel über 9A ja auch um eine paranoide Flugangstphantasie, in der ein eingebildetes Leben vor den Augen des Protagonisten vorbeizieht. Er weiß allerdings außer dem Widerspruch zwischen Textbeginn und wahrscheinlichem Handlungsausgang keine weiteren Anhaltspunkte für diese Lesart zu geben. Auch das Lob Hildegard Kellers, der Text sei „fleißig recherchiert“, lässt sich angesichts der wenigen Elemente, die über ein geringfügig erweitertes Allgemeinwissen hinausgingen, schwerlich unterfüttern. (lk)

Und so nominiert die Redaktion

Bov Bjerg

Martina Clavadetscher

Özem Özgul Dündar

Raphaela Edelbauer

Stephan Groetzner

Ally Klein

Tanja Maljartschuk

Jakob Nolte

Corinna T. Sievers

So vergäbe die Redaktion die Preise

Ingeborg-Bachmann-Preis (gestiftet von der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee in Höhe von 25.000 Euro): Bjerg

Deutschlandfunk-Preis (gestiftet von Deutschlandradio in Höhe von 12.500 Euro): Maljartschuk

Kelag-Preis (gestiftet von der Kärntner-Elektrizitäts-Aktiengesellschaft in Höhe von 10.000 Euro): Clavadetscher

3sat-Preis (gestiftet von 3sat, dem Gemeinschaftsprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ZDF, ORF, SRG und ARD in Höhe von 7.500 Euro): Dündar

BKS-Bank-Publikumspreis (gestiftet von der BKS-Bank in  Höhe von 7.000 Euro), mit dem zudem ein Stadtschreiberstipendium in  Höhe von 5.000 Euro verbunden ist (vergeben von der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee): Bjerg

Freitag, 06.07.

Storys, Plots, Rührung, Humor, Empathie, Ekel, Pathos, Emphase; Posing und Crescendi waren die Schlüsselworte des zweiten Lesetages der TddL

Übersicht

Bericht zur Lesung von Corinna T. Sievers

Bericht zur Lesung von Ally Klein

Bericht zur Lesung von Tanja Maljartschuk

Bericht zur Lesung von Bov Bjerg

Bericht zur Lesung von Anselm Neft

Der Trend zur ‚klassischen Erzählung‘

6. Lesung, Corinna T. Sievers

Corinna T. Sievers möchte provozieren. Das merkt das aufmerksame Publikum schon an dem selbstbewussten Lächeln, mit dem sich die Autorin ans Lesepult stellt. Den Titel ihrer Erzählung Der Nächste bitte! intoniert sie im Tonfall einer Arzthelferin. Sie kennt diesen Tonfall aus ihrem Alltag als Kieferorthopädin. Auch ihre Protagonistin ist Zahnärztin. In ihrer Praxis empfängt sie einen Patienten, der für den Leser nur Herr K. bleibt. Für die erotische Spannung, die sich im Laufe der Untersuchung zwischen K. und der Protagonistin entwickelt, findet Sievers deutliche Worte. „Ich will K.s Geschlecht, meine Zunge darum schlingen, den letzten Tropfen aus ihm saugen, für diese Pest hat nur er die Heilung.“ Die Pest, das ist die unstillbare Lust einer Frau, die in ihren Monologen einerseits von ihrem „Koitus“ spricht und über E.coli-Bakterien auf Männerhaut nachdenkt, sich aber andererseits einer kühlen Vulgärsprache bedient. Sie bezeichnet sich als Erotomanin, ihr Verlangen wird als krankhaft eingestuft und psychotherapeutisch behandelt. Ihre sexuellen Abenteuer bezeichnet sie als „Ficks“, die sie fast schon nüchtern aneinanderreiht wie Versuche in einem Forschungsexperiment. Achtzehnjährige lassen sich mit teuren Autos beeindrucken, ältere Männer brauchen immer mehr Perversion für ihren sexuellen Kick. Aber eines haben die Männer im Leben der Protagonistin gemeinsam: Nach dem Sex sollen sie möglichst wieder verschwinden. „Liebhaber auf die Straße zu setzen, kann anspruchsvoller sein, als sie anzuwerben.“ So geschieht es auch K., der nach dem unvermeidlich scheinenden Oralverkehr in der Zahnarztpraxis routiniert mit den Worten „Vereinbaren Sie einen neuen Termin. Sie brauchen eine Beißschiene“ herausgebeten wird.

In der Jury löst der Text hitzige Diskussionen aus. „Hier jagt eine Frau mit männlichem Kopf“, stellt Nora Gomringer fest. Sie spielt damit auf einen männlichen Sexismus an, dem Sievers mit ihrer radikalen Sexualisierung von Männern als Objekten weiblichen Begehrens etwas entgegensetzen will. Auch für Hildegard E. Keller ist die Erzählung hochaktuell: „Die MeToo-Debatte ist gerade in aller Munde und wird häufig dafür kritisiert, dass sie Frauen auf ihren Opferstatus reduziert. Hier haben wir nun eine Zahnärztin, die zur Täterin wird.“ Der Zahnarztstuhl, so argumentiert Michael Wiederstein, sei schließlich für viele ein Ort der Demütigung bei gleichzeitiger Intimität, schließlich dringt bei der Untersuchung eine fremde Person in den eigenen Körper ein. Daraus erwachse ein gewisser Ekel, der für Insa Wilke auch das Hauptthema der Geschichte sein sollte. Sexualität als Gewaltakt, als Spiel von Dominanz und Unterwerfung – das wirkt auf die Jury durchaus pornografisch, aber auch durch die Verwendung zahlreicher wissenschaftlicher Fachbegriffe grotesk. „Das wirkt auf mich wie ein Bericht für eine Akademie“, stellt etwa Hubert Winkels fest, dem es vor allem um die Frage der Adressierung geht: zu wem spricht die Erzählinstanz? Für Hildegard E. Keller könnte der „Clash der verschiedenen Sprachfelder“ allerdings noch stärker sein.

Zum Schluss bleibt noch zu klären, ob Sievers‘ Text wirklich als Beitrag zu einer Debatte über die sexuelle Macht von Männern und die Objektivierung von Frauen verstanden werden kann. Trotz der „pornografischen Kälte“, die Stefan Gmünder ihm attestiert, sei der Text nicht radikal genug. Der Blick der Erotomanin unterscheide sich letztendlich nicht so sehr von dem eines männlichen Machos. Und auch Insa Wilke wünscht sich mehr Radikalität: „Ich habe den Verdacht, dass Sie hier eigentlich nur eine Männerfantasie nachschreiben: die Frau, die es unbedingt will.“ Zudem entlarvt sich die Erotomanin im Verlauf der Geschichte als sozial geächtete Frau, die sowohl ihre Patienten als auch ihren gesellschaftlichen Ruf ihrer Lust opfern muss und die Beziehung zu ihrem Ehemann durch ihre zahlreichen Affären längst zerstört hat. Das ist vielleicht die Erkenntnis, die am Ende bleibt: Frauen mit Männerfantasien stellen sowohl in der Literatur als auch in der Gesellschaft eine Anomalie dar. (bk)

7. Lesung, Ally Klein

Die zweite Lesung des Tages ist der erste große Auftritt in der literarischen Laufbahn von Ally Klein. Von der in Berlin lebenden Autorin gab es bisher keine literarischen Veröffentlichungen und auch in ihrem Videoportrait zum Bachmannpreis spricht sie kein einziges Wort. Der Text mit dem Titel Carter, den sie nun vorliest, ist ein Auszug aus ihrem gleichnamigen Debütroman, der im August im Literaturverlag Droschl erscheint.

Es wird die bisher wohl auffälligste Lesung des Bachmannwettbewerbs 2018. Klein beginnt sehr ruhig, setzt zahlreiche Kunstpausen und blickt nicht einmal von ihrem Papier auf. Dann aber steigert sie die Intensität des Lesens extrem, beinahe anfallartig; sie vollzieht den Verlauf ihres Textes nach. Darin geht es um ein namenloses Ich, das über nächtliche Felder streift, bis es sich in der Dunkelheit einer verlassenen Scheune wiederfindet. Es dominieren Beschreibungen von Sinneswahrnehmungen. Das Ich erleidet gleich zwei krampfartige Anfälle – dies sind die Stellen, die Ally Klein durch ihre drastische Leseweise hervorhebt. Der Text endet mit dem erlösenden Auftauchen der geheimnisvollen, titelgebenden Figur Carter.

Die Art des Vortrags sorgt für Diskussionsstoff. Mehrere Juror_innen zeigen sich begeistert, darunter Michael Wiederstein, der Ally Klein eingeladen hat. Hildegard E. Keller lobt die Dringlichkeit, die dem Text durch die Lesung verliehen wurde. Die gleiche Beobachtung fasst Hubert Winkels hingegen als Schwäche auf: Hier sei ein lebloser Text durch das Sprechen belebt worden, bleibe aber redundant und öde. Stefan Gmünder hat hingegen schon beim stillen Lesen von Carter eine beeindruckende Sogwirkung empfunden. Kritisch werden sprachliche Aspekte gesehen: Hildegard E. Keller bemängelt eine Vielzahl überflüssiger Adjektive, Insa Wilke fehlende Stimmigkeit der sprachlichen Bilder.

Konsensfähig ist in der Jury, dass Carter – ganz anders als der vorangegangene Text von Corinna T. Sievers – viele Deutungsmöglichkeiten offenlasse. Dass diese Unterdeterminiertheit mal positiv, mal negativ bewertet wird, bewegt Klaus Kastberger zu einer Kritik an der Jury: Es mangele ihr an klaren Bewertungskriterien. Insa Wilke hält dagegen, dass Wertmaßstäbe immer aus dem abzuleiten seien, was der jeweilige Text vorgebe.

Letztendlich hat die große Fallhöhe, die Ally Klein sich mit dem inszenierten Nicht-Herausgeben von Informationen im Vorfeld der Lesung geschaffen hat, zumindest nicht zum Absturz geführt. Ob es zum Höhenflug reicht, bleibt abzuwarten. (lh)

8. Lesung, Tanja Maljartschuk

„Endlich Literatur!“ Nora Gomringer spricht aus, was das Publikum zu denken scheint. Nach ihrer Lesung von Frösche im Meer erhält Tanja Maljartschuk den mit Abstand am längsten andauernden Applaus der bisherigen TddL. Auch außerhalb des Studios, im Garten des ORF, stimmen Zuhörer_innen anerkennend in den Applaus ein.

Bei ihrem Text handelt es sich auf den ersten Blick um eine einfache Erzählung, klare, resolute Sätze, die Situation ist völlig klar, auf Gefühlsduselei wird verzichtet. Ein perspektivloser Migrant begegnet einer gealterten, dement gewordenen Dame; erst im Park, dann auch im Wortsinn persönlich. Klaus Kastberger verweist auf die hinter dem Anekdotischen der Geschichte verborgene Härte, auch Stefan Gmünder zeigt sich aufgewühlt angesichts dessen, was die doppelten Böden und Falltüren, die Maljartschuk eingebaut hat, offenbaren.

Petro hat sein Geburtsland verlassen, seine Papiere zerstört und lebt jetzt als Überflüssiger in einem neuen Land unregistriert. Im Park trifft er Frau Grill. „Frau Grill war sehr, sehr alt, vielleicht über neunzig. Deshalb staunte Petro, dass sie den Weg zum Park fast täglich und ganz ohne Hilfsmittel schaffte […]. ‚Sie sollten mich besuchen‘, rief sie noch, ‚dann zeige ich Ihnen meine Frösche‘“.

Ganz Literaturwissenschaftlerin, weiß Insa Wilke den Text in der Diskussion hilfreich zu strukturieren. Im Zusammenspiel motivischer Paarungen lässt sich die benannte Härte finden, zwei Arten von Selbstauslöschung sind das verbindende Element. Petro will ein Nichts sein, bewusst hat er seine Existenz ausgelöscht, als er seinen Ausweis zerschnitten und damit seine Identität und Vergangenheit aufgegeben hat. Die Altersdemenz zerstört das Gedächtnis von Frau Grill, verblieben sind einzig die Erinnerungen an Demütigungen der Vergangenheit. Zwei Arten von Einsamkeit sind so durch die beiden Hauptfiguren thematisiert: die Vereinsamung des Alters, einer verlassenen Frau ohne Verbindung zur verbliebenen Familie und die Isolation des illegalen Migranten Petro. Wer nicht gekannt wird, fällt nicht auf.

Die Jury zeigt sich einig angesichts der literarischen Qualität. Michael Wiederstein gefällt die Nähe des Lesers zu den Figuren des Textes, der durch „Empathie und Demut getragen“ werde. „Wäre ein erhobener Zeigefinger dagewesen, wäre er schiefgegangen. Die Hauptfiguren haben Fehler, haben Haken. Darum ist man nah dran.“ Auch ist er erleichtert, „endlich mal eine richtige Geschichte“ zu hören.

Eine abseitige Diskussion um die Frage, ob es sich mit Petro um einen Verlierer der Migration handelt, ob die Figur schwächlich ist oder stark, weiß Hubert Winkels qua Autorität zu beenden: „Schwach oder stark, die Frage stellt sich nicht“.

Tanja Maljartschuk vollzog ihre Lesung stehend. Im Anschluss schaut sie mit wachem Blick, ruhig lächelnd, ihrer Kritik entgegen. Nach der Besprechung ihres Textes stimmt die Jury in den Applaus des Publikums mit ein. (lk)

9. Lesung, Bov Bjerg

Den Einstieg nach der Pause macht Bov Bjerg mit seinem Text Serpentinen. Er liest ruhig, im Ton eines Geschichtenerzählers, der seine Figuren durch individuelle Stimmen zum Leben erweckt. Bjerg erzählt die Geschichte eines Mannes, der mit seinem Sohn unterwegs ist und sich dabei die Frage stellt, wie viele Einzelheiten der Familiengeschichte er dem Jungen aufbürden kann. Es ist eine Erzählung, bei der sich die Jury nicht einig ist, ob es sich nun um einen entspannten Ausflug handelt oder mehr dahintersteckt und die beiden womöglich auf der Flucht sind. Die Gefährdungen einer Eltern-Kind-Beziehung und die Fragen danach, wie viel ein Mensch an seine Kinder weiterträgt und wie man diese richtig durch das Leben bringen kann, stehen im Fokus der Diskussion.

Die Diskussion der Jury verfolgt Bjerg mit Pokerface. Erst als Klaus Kastberger, auf dessen Einladung Bjerg teilnimmt, sich am Wortspiel „große Abkürzung“ erfreut, weil dort Realitätsnähe und Fiktionalität aufeinanderträfen, lacht Bjerg gemeinsam mit Jury und Publikum. Insa Wilke bezeichnet die Erzählung als „spektakulär unspektakulären oder unspektakulär spektakulären Text“, der eine rührende Geschichte zwischen Vater und Sohn erzähle, dabei aber nicht leicht zu verorten sei. Bjerg baue damit etwas Großes, schaffe einen erstaunlichen Kosmos und stelle die zentrale Frage, wie Eltern emotionales Erbe an ihre Kinder weitergeben. Hubert Winkels lobt, dass die Geschichte sehr gut, in schnellem Tempo erzählt sei, kritisiert jedoch eine zu große Dichte der Motive. Er hebt hervor, dass es eine spezielle Kunstform und sehr positiv sei, in derartig dialoglastiger Weise eine Geschichte zu erzählen. Hildegard E. Keller spricht von einem radikalen Text, der eine raffinierte Spannung zwischen Kälte und Wärme entstehen lasse, indem der Vater einerseits versucht, sein Kind zu schützen, und andererseits vergisst, ihm wichtige Dinge beizubringen. Nora Gomringer widerspricht dieser Aussage: sie könne keine Wärme erkennen, finde den Text jedoch ebenfalls bewegend und ausgezeichnet.

„Der Junge hatte einen Knick im Ohr. Die Ohrmuschel war am oberen Rand nach unten geknickt. Wie ein Eselsohr. Ich streichle seine Wange, streichle das Ohr. Ein Lesezeichen, von Geburt an. Jedes Mal, wenn es mir wieder auffiel, dachte ich: So weit sind wir gekommen.“

Michael Wiederstein sieht in Bjergs Erzählung viel Wandlung und eine offene Zukunft, die dem Text seiner Meinung nach eine optimistische Stimmung verleihe. Kastberger hebt hervor, dass sein Autor Themen wie Suizid, Identität und Heimat anfasse, die dem Text eine unglaubliche Schwere gäben, mit der man umgehen können müsse. Jedes Detail des Textes habe mit dem Thema zu tun, sei an seinem Platz – erzähltechnisch stimme alles. Zuletzt macht Keller auf einen Punkt aufmerksam, an dem sie sich störe: In früheren Lesungen seien biografische Leerstellen bemängelt worden, hier jedoch nicht. Was dies betrifft sei die Jury inkonsequent. Einig sind sich die Jurymitglieder jedoch darin, dass es sich um einen außergewöhnlichen Text handle, Bezeichnungen wie schön, sehr gut, bewegend und ausgezeichnet fallen mehrfach. Bjerg verfolgt die Diskussion seines Textes mit einem gelegentlichen Schmunzeln. Der lange Applaus des Publikums scheint das Urteil der Jury zu bestätigen. (lb)

10. Lesung, Anselm Neft

An seinem Geburtstag liest Anselm Neft als letzter Autor des Tages seine Erzählung Mach’s wie Miltos!. Sie enthält zwei Handlungsstränge. Der eine zeigt einen Obdachlosen, der mit seinem Hund durch die Stadt streift. Der andere einen Familienvater, der alles verloren hat. Beide stehen im Kontakt miteinander, aber die Vermutung liegt nahe, dass zumindest einer von ihnen nicht real existiert.

„Immer soll man einer Macht unterworfen werden, die einer Macht unterworfen ist, die einer Macht unterworfen ist. Und an der Spitze herrschen die Hirngespinste, die alle zusammen erzeugt haben. Er macht es anders. Er macht‘s wie Miltos und erfindet seine eigenen Hirngespinste.“

Diese Hirngespinste zeigen sich in verschiedenen Motiven innerhalb der Erzählung, in zu vielen Motiven. „Überinstrumentiert“, wie Stefan Gmünder sagt. Nach der Lektüre sei man in einem seltsamen Zustand, beschreibt Hubert Winkels. Man werde empathisch angesprochen. Er fühle sich allerdings zu einer Rührung erpresst.

Dies geschehe nicht nur durch den Inhalt des Textes und seine Stilfiguren, sondern auch durch die Vortragsweise. Anselm Neft liest mit vollem Klang und düsterem Blick und verleiht seinen Figuren individuelle Stimmen. Dies gefällt allerdings nicht allen Juroren. Klaus Kastberger beschreibt es als „Posing“ und merkt an, der Text sei für eine andere Bühne gemacht. „Ich habe es trotzdem gut gefunden, solche Töne hier zu hören“, fügt er hinzu.

„Wir sind Omnivore. Was uns vorgesetzt wird, verarbeiten wir“, ist Hubert Winkels‘ Antwort. (sr, lha)

Der Trend zur ‚klassischen Erzählung‘

Bis auf den Romanauszug Carter von Ally Klein, der aus rätselhaften Gründen auf viel Wohlwollen bei der Jury stößt, waren die Texte des zweiten Tages handlungsreiche Stories, klassische Erzählungen mit berührendem oder fesselndem Inhalt und großen Themen:

Der Nächste bitte! ist Corinna T. Sievers Versuch, sich als weiblicher Houellebecq zu gerieren mit einer als Erotomanin portraitierten Zahnärztin, deren Blick auf das männliche Geschlecht so kühl wie begehrend wirken soll. Winkels weist mehrfach auf das Kühne des Verfahrens hin, das nicht im Thematischen, sondern im Sprechakt selbst und in der Frage nach dessen Adressierung liege. Auch wenn die mangelnde Radikalität und das Verharren in Geschlechterstereotypen – und im Genre des pornographischen, traditionell männlichen Blicks – zurecht kritisiert werden, die Befangenheit, die nach der Lesung spürbar war, verdeutlicht, dass Sievers mit ihrem Anspruch und mehr noch ihrem autofiktionalen Impetus die Wahrnehmungsgewohnheiten (auch der Jury) auf die Probe stellt.

Frösche Im Meer, Tanja Maljartschuks Geschichte zweier Außenseiter, des osteuropäischen Migranten ‚sans papiers‘ und der dementen Greisin, die zueinander finden und an der Bigotterie der Mitwelt scheitern, erfreut als gut gemachte Erzählung – Kastberger erinnert an das (Wiener) Genre der migrantischen Literatur mit Schelmenroman-Anflug, dessen Humor hier durch das angedeutete tragische Ende relativiert werde.

Bov Bjergs Vater-Sohn Road-Geschichte Serpentinen fragt nach der Bürde der Genealogie und zeigt die männliche Familienlinie mit Suizid-Tradition als ebenso belastendes wie bewältigbares Erbe. Das Motiv unfreiwilliger Weitergabe (in seiner weiblichen Spielart auch schon in Clavadetschers Erzählung Schnittmuster) wird vielfach variiert. Das verdichtet den Text, überinstrumentiert ihn aber auch. Wärme, Witz oder Leichtigkeit, die mit der Figur des siebenjährigen Sohnes und dem entspannten Umgang von Vater und Sohn an einem Ferientag wachgerufen werden, kontrastiert das Gefühl von Bedrohung, wenn sich die Hinweise mehren, dass Flucht nicht nur eine innere Bewegung des Protagonisten, sondern auch seine lebensweltliche Situation beschreibt. 

In Anselm Nefts Erzählung Mach’s wie Miltos! wird der zentrale Handlungsstrang, der Weg eines Obdachlosen mit Hund durch eine Stadt, zwar durch Projektionen und Erinnerungen des anderen bürgerlichen Lebens immer wieder unterbrochen – eine in diesem Wettbewerb häufiger auftretende Technik, Texte zu dynamisieren und/oder durch Leerstellen zu verrätseln (Hubert Winkels verweist auf die Komplementarität über- und unterdeterminierten Erzählens).  Trotzdem entwickelt der Text Handlungsspannung und weckt Empathie, worüber mancher Juror zugleich verstimmt ist: Pathos hat nach wie vor keine Lobby in Klagenfurt. (ap)

Donnerstag, 05.07.

Von kollektiver Schuldverdrängung über Gestaltwandlungen nach dem Tod zu rastloser Adoleszenz: Mit den fünf Texten des ersten Lesetages präsentierten sich heute die 42.Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt stilistisch und thematisch vielfältig. Zusammenfassungen und Eindrücke finden sich im folgenden Vor-Ort-Bericht.

Übersicht

Bericht zur Lesung von Raphaela Edelbauer

Bericht zur Lesung von Martina Clavadetscher

Bericht zur Lesung von Stephan Lohse

Bericht zur Lesung von Anna Stern

Bericht zur Lesung von Joshua Groß

Die neuen Stimmen der Jury

1. Lesung, Raphaela Edelbauer

Als erste Leserin der Tage der deutschsprachigen Literatur 2018 eröffnet Raphaela Edelbauer die Lesungen der Bachmann-Kandidaten mit ihrem Romanauszug Das Loch. Edelbauer ist die einzige österreichische Autorin des Vormittags. Schon einige Zeit vor der Lesung ist der ORF-Sendesaal, in dem die insgesamt 14 Kandidat_innen ihre Texte vorstellen werden, brechend voll; die Gäste und Journalisten stehen zusammengerückt an den Wänden. Während das Publikum die unverhältnismäßige Fülle mürrisch kommentiert, filmt Raphaela Edelbauer, im Türrahmen stehend, mit ihrem Smartphone den gefüllten Saal – Material für einen Instagram-Post?

Edelbauer liest einen schön geflochtenen und bildgewaltigen Text, der sich nicht nur durch ein eloquentes Erzählen auszeichnet, sondern darüber hinaus eine innovative Art der Narration aufweist. Die Handlung ist situiert in einem Dorf, dessen Mauern auf einem alten Bergwerk fußen. Die Hohlräume unter der Erde zeugen von einer Geschichte, welche die Dorfbewohner zu verdrängen versuchen. Als das Dorf einzustürzen droht, wird ein Auffüllungstechniker beauftragt, um „das Loch“ endgültig zu füllen.

Sätze wie „Alles was mich zu interessieren hat, ist die technische Machbarkeit der Dinge“ und „Auf einmal überfällt mich die Angst vor dem Unpräzisen, dem Loch in den Berechnungen“ prägen sich ein. Edelbauer liest schnell, im Mittelteil wird ihr Text brutal. Sie schreibt über die Benzininfusionen der Faschisten in die Herzen ihrer Opfer, über Todeskämpfe und lebendig begrabene Zwangsarbeiter. Ein paar ältere Damen verlassen den Saal.

Nach der Lesung ist die Autorin sichtlich angespannt, sie sitzt starr und gebeugt im Lesestuhl und stellt sich den uneinigen Urteilen der Jury. Edelbauer wurde von Klaus Kastberger zum Bachmann-Wettbewerb eingeladen, seine Kritik hat den Charakter einer Laudatio. Er lobt den „sehr dichten Text“ mit seinen starken und durchdringenden Bildern. Sein Urteil verfestigt sich im Satz: „Es kommen wirklich die zentralen Themen der deutschsprachigen Literatur nach 1945 zusammen“.

Auch die neu zur Jury hinzugekommene Kritikerin Insa Wilke lobt zunächst die gelungene und „griffige“ Figur des Ich-Erzählers, kritisiert im Anschluss aber die misslungene „Statik des Textes“, ein durch das Wortfeld des Textes inspirierter Begriff. Wilke merkt an, dass die benutzte Sprache nicht zum Protagonisten passe.

Wilkes Kritik findet jedoch keine große Zustimmung, ihre Kritik am Mittelteil bleibt unbeachtet, man fokussiert stattdessen den sprachgewandten Ich-Erzähler. Kritisiert werden Begriffe wie „mesmerisierend“. Eine Kritik, die kaum nachvollziehbar ist, da doch die Figur einen akademischen Hintergrund hat und überdies nicht jedes Wort des Textes als „Gedanke“ des Protagonisten aufgefasst werden kann: Im Jahre 2018 kann es mehrere Erzählinstanzen geben.

Neben der Sprache sei die Figur nicht gut ausgearbeitet, bemängelt Hubert Winkels, die Figur habe die nötige Distanz zur Thematik unmöglich gemacht. Im Laufe der Diskussion wird die Jury missgünstiger, die von Kastberger erwähnten starken Metaphern werden in Frage gestellt, unzusammenhängende Argumente fliegen durch den Raum, Metaphern werden mit Fakten vermischt, Edelbauer wird ins Homo-Faber-Kleid gequetscht, bis am Ende niemand in der Jury mehr weiß, was ein literarisches Bild überhaupt ist. Ab und zu versucht Nora Gomringer, ebenfalls neu in der Jury, Edelbauers Text zu labeln, in Bezug auf die Profession des Protagonisten merkt sie an: „Alle Männer sind Auffüllungstechniker.“

Zusammengefasst: Raphaela Edelbauer führt uns zielstrebig unter die Oberfläche des Landes, während sich die Jury in den tiefen Leiden des jungen Wörthersees verliert. (nc)

2. Lesung, Martina Clavadetscher

Martina Clavadetscher liest ihren Text entspannt, schaut beim Lesen von Zeit zu Zeit hoch, auf die Jury, das Publikum, in die Kamera. Sie präsentiert eine Erzählung über die 92-jährige Schneiderin Luisa, die an der Schwelle zwischen Leben und Tod steht und über verpasste Chancen spricht.
Während Luisa aus ihrem Leben berichtet, wird auf einer zweiten Ebene der Sterbeprozess im Krankenhaus, der Weg ins Krematorium und die Verbrennung beschrieben. Der Schwerpunkt in Luisas Erzählung liegt auf der sexualisierten Gewalt, die sie als Frau durch Männer erdulden musste. Deutlich wird dabei ihr Wunsch, die Enkelin möge sich, anders als sie selbst, frei und unbeschadet durch ihr Leben bewegen können und Dinge wagen, die ihr selbst nie möglich waren.

Die Diskussion der Jury verfolgt Clavadetscher gelassen, lächelnd, mit einem gelegentlichen Nicken. Ihr Text bietet der Jury viel Diskussionsstoff. Michael Wiederstein spricht davon, dass die Erzählung mit Metaphorik überfrachtet sei und „holzschnittartig“ daherkäme. Klaus Kastberger fühlt sich eingelullt von der Sprache, der es auch laut Insa Wilke an Härte und dadurch an Reibung fehle – zu duldsam, nahezu betulich erzähle die Sterbende von der erlittenen Gewalt. Trotz dieser Kritikpunkte wird auch viel Lob für Clavadetscher ausgesprochen: Stefan Gmünder sieht großes Potential in der Metamorphose der Protagonistin am Ende des Textes. Hildegard E. Keller, auf deren Einladung die Autorin teilnimmt, spricht von einer beunruhigenden und gleichzeitig einnehmenden Wirkung. Sie lobt den Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive sowie die außergewöhnliche Betrachtungsweise, die über die in der Literatur üblichen Totengespräche hinausgehe. Wilke bewertet positiv, dass nicht die bekannte Front zwischen Männern und Frauen dargestellt werde, sondern der Blick insbesondere auf Generationen von Frauen gerichtet sei, unter denen das Hinnehmen von Gewalt schweigend weitergegeben wird.

Uneinigkeit herrscht in der Jury besonders bezüglich des Endes der Erzählung: Nach ihrem Tod spricht Protagonistin Luisa von einer Verpuppung, einem Wiederauferstehen in einer anderen als der menschlichen Hülle – ein figurentypisch kleinbürgerliches Erlösungsphantasma, wie Hubert Winkels anmerkt. Während Michael Wiederstein und Nora Gomringer sich deutlich dafür aussprechen, das Ende zu streichen und den Text mit der Verbrennung der Leiche enden zu lassen, hält Insa Wilke dagegen: Das Ende dürfe auf keinen Fall wegfallen, da es noch deutlicher als der Rest des Textes über den Tod hinausweise. (lb)

3. Lesung, Stephan Lohse

Als erster Mann unter den Lesenden tritt vor der Pause Stephan Lohse mit dem Text Lumumbaland an. Der gelernte Schauspieler liest im Vergleich zu seinen Vorgängerinnen mit starker szenischer Betonung, was auch mit den hohen dialogischen Anteilen des Textes zusammenhängen dürfte. Dieser handelt von Philip, der als junger Erwachsener in der trostlosen Peripherie einer (vermutlich) deutschen Stadt lebt und seit seiner Kindheit schwarz sein möchte. Er nennt sich Lumumba, nach dem ersten Präsidenten des Kongos, der als Unabhängigkeitskämpfer gefoltert und ermordet wurde. Den beiden Lumumbas entsprechen in Lohses Text zwei verschiedene Ebenen des Erzählens: Auf der ersten wird vom deutschen Lumumba berichtet, der mit seinem Freund Mattes auf einer verlassenen Baustelle sitzt, kifft und redet. Es geht um Liebe und Sex; Lumumba ist verliebt in die Prostituierte Ramona und Mattes möglicherweise in Lumumba. Die beiden reden auch über den historischen, den kongolesischen Lumumba, über den die zweite Erzählebene Hintergrundwissen vermittelt.

Die Jury zeigt sich von Lohses Text zunächst sehr angetan. Insa Wilke findet ihn hervorragend erzählt auf allen Ebenen, die ihr wichtig sind: Setting, Dialoge und Figuren. Beeindruckt von der verarbeiteten Themenvielfalt zeigt sich Stefan Gmünder, der sich auch freut, den ersten humorvollen Text des Tages gehört zu haben. Hubert Winkels lobt die Lässigkeit von Lumumbaland bei gleichzeitiger sprachlicher Präzision. Bald finden aber auch kritische Kommentare ihren Weg in die Diskussion: Klaus Kastberger redet sich beinahe in Rage angesichts der erklärenden Passagen, die ihm wikipediahaft erscheinen. Gleich mehrere Juror_innen äußern, dass der Text unvollständig wirke und eigentlich nur als Romanauftakt funktioniere: „Das kann wirklich nur der Anfang sein“, befindet Nora Gomringer. Stephan Lohse nimmt die Diskussion der Jury zumeist mit lockerem Lächeln zur Kenntnis und lässt auf Nachfrage von Hubert Winkels offen, ob Lumumbaland noch zu einem Roman heranwachsen soll. (lh)

4. Lesung, Anna Stern

Die Schweizer Autorin Anna Stern, die auf Einladung von Hildegard E. Keller liest, scheint angetreten zu sein, um sowohl die Jury als auch das Publikum vor Rätsel zu stellen. Ihr Text Warten auf Ava erzählt die Geschichte einer Protagonistin, die zwar im Titel, aber nicht in der Handlung anwesend zu sein scheint – oder jedenfalls nur körperlich da ist, denn Ava liegt im Krankenhaus und befindet sich in einem komatösen Zustand. Über ihren Hintergrund erfährt das Publikum nur wenig, sie scheint auf einer Forschungsstation gearbeitet zu haben und bei einem Trip in die Berge verunglückt zu sein. In ihrem Zustand kann sie nicht sprechen, sich nicht bewegen, und doch bildet sie die einzige Konstante in diesem Text, der auf den winzigen Raum ihres Krankenzimmers verengt ist.

Während sich der Raum nicht verändert, schreitet die Zeit fort – Anna Stern markiert den Zeitfluss jedoch nicht durch konkrete Angaben, sondern durch die einzelnen Besuche von Avas Freunden und Bekannten. „Paul setzte sich zu Ava ans Bett“, „Patrick setzte sich zu Ava ans Bett“, „Maddie setzte sich zu Ava ans Bett“ – durch die immergleiche Wendung am Anfang eines jeden Abschnitts scheinen sich die Besuche in einer endlosen Zeitschleife zu wiederholen. „Ava wird eher besprochen als dass man mit ihr spricht“, stellt Nora Gomringer fest, denn obwohl die Patientin nicht antworten kann, regt allein ihre Präsenz die wechselnden Gegenüber zur Kommunikation an. Nur langsam erfährt der Leser spärliche Details über Ava, über das Kind von Paul, das sie in ihrem Bauch trägt, und über das Wrack eines im Jahr 1951 abgestürzten Flugzeugs, das sie in den Bergen gefunden hat. Warum sie bei der Entdeckung dieses Wracks verunglückt ist, bleibt ebenso unklar wie ihre familiären Beziehungen, die allenfalls angedeutet werden. „Diese Familiengeschichte habe ich nicht verstanden“, kommentiert Stefan Gmünder. Die Situation wird am Ende nicht aufgelöst und Ava verbleibt im Koma, auch wenn sich immer wieder Hoffnung in Form von zuversichtlichen Kommentaren der Ärzte andeutet.

Das sorgt für verwirrte Gesichter in der Jury: Während Nora Gomringer den Text als „ein zu großes Rätsel“ ansieht, hat Klaus Kastberger Schwierigkeiten, in die Erzählung hineinzufinden: „Ich habe mich beim Lesen gefragt, warum mich das alles interessieren soll!“ Die Figur habe es nicht geschafft, ihn zu berühren: „Mir hat die Geschichte von Ava gefehlt.“

Insa Wilke hingegen stand der rätselhaften Schreibweise von Stern positiver gegenüber. „Das In-die-Berge-Gehen von Ava ist vielleicht eine Metapher für das Lesen. Vielleicht müssen wir uns einfach auf diesen Text einlassen.“ Auch die Leseweise der Autorin, die lange Pausen zwischen den einzelnen Abschnitten lässt, fügt sich für Insa Wilke in das Gesamtkonzept ein. Klaus Kastberger widerspricht vehement: „Langeweile ist bei mir ausgebrochen!“ Hildegard E. Keller hingegen lobt die „unglaubliche Präzision und Sorgfalt“ von Sterns Sprache, Michael Wiederstein das „Spiel mit Unwahrscheinlichkeiten“. Alle vermuten, dass die Erzählung möglicherweise nur der Anfang eines größeren Textes ist, in dem vielleicht auch das Rätsel um Ava gelöst wird. (bk)

5. Lesung, Joshua Groß

Mit einer hitzigen Diskussion über Joshua Groß´ Auszug aus seinem Roman Flexen in Miami endete der erste Lesetag der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Ein Basketballspiel, ein erster Kuss, soziale Medien, eine Vagina, Drogen und gescheiterte Existenzen, die in ihrem Kopf um Echtheit ringen.

„Wie hätte ich damals von der Abtreibung wissen können, von der Psychiatrie in Orlando, dass Claire verschwinden würde und dass ihre Vagina nach dem Zuckerwasser in Dosenbirnen schmeckt?“ In den Gesichtern des Publikums zeichnete sich zum Teil Ratlosigkeit ab angesichts von popliterarischen Themen, die seit Jahrzehnten zur Genüge behandelt wurden: Rastlosigkeit und die Suche nach dem Sinn des Lebens, eingebettet in überladene Metaphorik, affektierte Jugendsprache und Anglizismen. „Diese gesellschaftliche Kritik kommt 20-30 Jahre zu spät“, kritisierte Michael Wiederstein in der Jurydiskussion.

Die Diskussion polarisiert: Handelt es sich hier um Popliteratur und wenn ja, inwiefern geht sie über die Popliteratur der neunziger, nuller Jahre hinaus? Oder handelt es sich bloß um schlechte Rollenprosa? Für einen Autor, der es verurteilt, dass „es so viel belanglose und austauschbare Literatur gibt“, ist diese Kritik vernichtend. Denn Groß selbst äußert seinen Ärger über moderne Autoren: Man spüre „keine Ambitionen, die Literatur oder das Denken weiter zu bringen. Es wird auf Muster zurückgegriffen, von denen man vermutet, dass sie funktionieren“ (rr/sr)

Die neuen Stimmen der Jury

Vom ersten Beitrag an bereichert Insa Wilke die Jury um kluge, oft literaturwissenschaftlich argumentierende Analysen, die das Gespräch öffnen und die Atmosphäre entspannen, etwa indem sie die lesenden Autor_innen direkt adressiert und die Kriterien ihrer Wertung transparent macht. Den übellaunig in den Tag startenden und unter seinem sonstigen Niveau polemisierenden Klaus Kastberger weiß sie durch wiederholte Gegenfragen in den Dialog zurückzuholen und auch sonst ist die – nicht nur rhetorische – Frage ihr Mittel, die Jurykolleg_innen aus der Reserve und ‚ins Offne‘ zu locken.

Lakonischer, aber ebenso überzeugend gestaltet Nora Gomringer ihren Einstieg ins Jurygeschäft des Bachmann-Preises: Dem bisher – zumindest mehrheitsfähig – stärksten Text des ersten Tages, Raphaela Edelbauers Das Loch, in der österreichischen Tradition der katastrophischen Verdrängungsmetaphorik von Bergunglücken und unheimlichen Heimsuchungen der Natur (Lebert, Jelinek), weiß sie eine ironisch-feministische Lesart abzugewinnen, und angesichts des überstark verrätselten Warten auf Ava von Anna Stern bekennt sie sich zur Rat- und  Lustlosigkeit.

Drei der heutigen Texte arbeiten mit Techniken der Collage, wie Hildegard E. Keller vermerkt, und kombinieren recherchierte historische Stoffe mit aktuellen Individualerlebnissen – zuweilen wird das Verfahren problematisiert und zum Anlass, über gekonnte Perspektivik zu streiten. Das Verhältnis zu Leerstellen ist ein anderes Schibboleth der Jury-Wertungen.

Richtig kontrovers wird es indes beim Umgang mit Popliterarischem: Ähnlich wie im letzten Jahr Verena Dürr spaltet jetzt Joshua Groß mit Flexen in Miami die Jury: einer übereuphorischen Textpatronin Insa Wilke steht jetzt ein wohlwollender, aber maßvollerer Hubert Winkels gegenüber, während Hildegard E. Keller skeptisch bleibt und Nora Gomringers Mimik Bände spricht. Klaus Kastberger, ein Ironiker seiner Affizierbarkeit durch jugendlichen Text-Groove, bringt es auf den Punkt: Man muss schon glauben wollen, dass der Autor Joshua Groß eine „coole Socke“ sei, um den Text zu feiern. (ap)

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen