Zwischen Ideal und Realität: ein Orden bricht mit der Tradition

Der Zisterzienserorden und sein Vermächtnis

Von Lina SchröderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lina Schröder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im 21. Jahrhundert scheinen Klöster und Ordensgemeinschaften kaum noch präsent zu sein. So schloss im Sommer 2017 das 178 Jahre lang von den Ursulinen geführte Kloster Calvarienberg (Ahrweiler). Wie so häufig ist das Nachwuchsproblem der Grund: „Wir sind nur noch 18 Ordensschwestern mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren“, erklärte die Generaloberin Schwester Maria Monheim dem Bonner General-Anzeiger bereits im September 2016. Dabei sind kirchliche Einrichtungen auch im 21. Jahrhundert nicht bedeutungslos, die Ursulinen waren bis dato beispielsweise Träger von insgesamt vier Schulen in den Städten Ahrweiler, Aachen, Krefeld und Trier, welche nun über Stiftungen weitergeführt werden sollen. Die Idee der Ordensgemeinschaft weist eine lange Tradition auf (vgl. beispielsweise die im Jahr 529 gegründete Abtei Monte Cassino), welche in den Blick genommen werden muss, wenn es um Verständnis und Bedeutung von Kirche und Religion im multikulturellen Europa des 21. Jahrhunderts geht. Neben der historischen Forschung besitzen in diesem Zusammenhang für ein breites Publikum angelegte Ausstellungen einen hohen Informationscharakter, so z.B. auch die erst kürzlich beendete, durch das LVR-Landesmuseum Bonn organisierte Präsentation über die Zisterzienser (29.6.2017–28.1.2018). Ihr Ausstellungskatalog enthält neun kurze, wissenschaftlich gut aufgearbeitete Abhandlungen (im Band heißt es Essays, wenngleich die Texte strukturell und aufbautechnisch nichts mit einem Essay gemein haben), vier interessante Beiträge aus der aktuellen Forschung, einen Katalog mit den zehn Themenbereichen der Ausstellung (Gründung, Kirche, Liturgie, Stifter, Klausur, Frauenklöster, Konversen, Wirtschaft, Skriptorium, Bernhard von Clairvaux), eine Zusammenfassung, eine Übersicht über verschiedene Zisterzienserabteien und einen Anhang mit Glossar, Literaturverzeichnis und Bildnachweis.

Georg Mölich eröffnet mit einer Skizze, welche kurz und knapp in die klimatischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des hohen Mittelalters einführt, da diese sozusagen den Ausgangsrahmen für die sich 1097/98 gründenden Zisterzienser bilden. Gert Melville analysiert anschließend die Anfänge und den damit verbundenen Erfolg des Ordens: Bereits 50 Jahre nach dessen Gründung gab es um die 340 Abteien mit ca. 11.000 Mitgliedern, insbesondere der Investiturstreit und die damit verbundenen Auseinandersetzungen um die Ausübung des Glaubens bereitete dem Orden den Weg. Dessen eigentliche Geschichte beginnt im Benediktinerkloster Molesme, von dem aus sich einige Mönche mit einer neuen Idee vom klösterlichen Leben abspalteten. Die wichtigsten Vorgaben waren dabei zunächst die konsequente Ablehnung von Prunk und Reichtum sowie die Selbstversorgung: Die Konventsmitglieder bauten selbst Getreide an, fertigten selbst ihre Kleider, sie waren also Bauern und Handwerker im klassischen Sinne. Damit brachen sie mit den Benediktinern, die ihren Reichtum aus Zehntabgaben bezogen. „Die Zisterzienser hatten es ausgezeichnet verstanden“, so Melville, „Grundprinzipien der religiösen Avantgarde mit dem Traditionalismus der Benediktinerregel zu verbinden, um damit zu einer eigenständigen und individuell verantwortlichen Spiritualität der Weltentsagung in klarer normativer Rahmung zu gelangen, die Willkürlichkeit ausschaltete.“ Diese Einheit und Einfachheit, auch und gerade im Sinne eines hohen Wiedererkennungseffektes, demonstrierte der Orden gleichfalls mit seiner Architektur in abgeschiedener Lage, wie Markus Thome in der folgenden Abhandlung zeigt. Entgegen ihrem Selbstverständnis, die eigene Hand anzulegen, bauten die Zisterzienser ihre Klöster jedoch nicht selbst. Jens Rüffer widmet seinen Beitrag der Alltagsroutine der zisterzienserschen Gemeinschaft innerhalb der Klausur, wobei ein jeder Versuch einer Beschreibung, so der Autor, immer eine Konstruktion historischer Wirklichkeit darstellt. Als Quellen zieht Rüffer neben Realien, Rechnungen, Verträgen und Testamenten vor allem erzählende, normative, moralisierende, belehrende oder fiktionale Texte heran. Die Liturgie und die damit in Verbindung stehenden Objekte (u. a. Kelche, Kreuze, Muttergottesfiguren, die Altargestaltung) stehen in der Abhandlung von Stefanie Seeberg anhand verschiedener Beispiele im Vordergrund. Auch hier bemühte sich der Orden grundsätzlich darum, Gold, Silber und Edelsteine auf ein Minimales zu begrenzen. Nigel F. Palmer setzt den Reigen der Beiträge mit Überlegungen zur Schriftlichkeit fort, für welche sowohl männliche als auch weibliche Zisterzienserkonvente eine gewisse Vorreiterrolle einnahmen: „Das Anfertigen von Handschriften gehörte in den seit 1098 neu gegründeten Abteien neben der Entwicklung besonderer Formen der Landwirtschaft, der Bautätigkeit und der Einübung ihrer neu gestalteten Liturgie zu den fundamentalen Aufgaben der Zisterziensermönche.“

Harald Wolter-von dem Knesebeck widmet seinen anschließenden Beitrag dem mit am bedeutendsten, nach dem französischen Zisterzienser-Zentrum Clairvaux benannten Mönch Bernhard von Clairvaux (* um 1090; † 1153) und in diesem Zusammenhang dem Bild- und Kunstverständnis dieses, wie er schreibt, „ersten modernen Ordens des Mittelalters“. Bezüglich des bisher Gelesenen überrascht es nicht, dass die zisterziensischen Capitula lapidar zunächst keine Bildwerke (Skulpturen und Malerei) duldeten, bemalte hölzerne Kreuze allerdings erlaubt waren. Vor allem von Clairvaux vertrat nachhaltig diese Position. Allerdings konnte sich der Orden der stets wachsenden Bedeutung des Bildes im Spätmittelalter nicht entziehen. Emilia Jamroziak verlegt den Fokus anschließend in ihrer englischsprachigen Abhandlung auf die direkte Umwelt der Zisterzienser. Diese war für den Orden trotz der angestrebten Abgeschiedenheit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch im Sinne der kulturellen und spirituellen Verbreitung seiner christlichen Weltanschauung von großer Bedeutung. Bereits Wilfried Schich verwies 2015 z.B. darauf, dass auch wenn der Besitz weiterer Mühlen für die Versorgung umliegender Dörfer ausdrücklich verboten war, sich viele Abteien nicht daran hielten. So erwarben die Klöster im 13. Jahrhundert zusätzliche Getreidemühlen, um diese im Zuge steigender Bevölkerungszahlen gewinnbringend zu nutzen. Diese Einschätzung bestätigt auch Jamroziak, wenn sie darauf verweist, dass viele Klöster Begräbnisse dazu nutzten, externe Beziehungen aufrecht zu erhalten und zu kontrollieren. Diesen Aspekt ebenfalls aufgreifend schließt Christian Hillen unter dem Motto „Ora et labora“ mit seinem Aufsatz über das zisterziensische Wirtschaften den ersten Teil des Katalogs ab. Dieser der Benediktsregel entnommene Leitsatz sollte mit Nachdruck realisiert werden, so Hillen. Entsprechend lehnte der Orden die traditionelle Grundherrschaft, den Besitz von Dörfern und abhängigen Bauern, Zehnteinkünfte und solche von Grundbesitz, Immobilien, fremden Kirchen oder Altären ab. Stattdessen war eigenständiges Wirtschaften mithilfe von in unmittelbarer Klosternähe befindlichen Grangien vorgesehen. Diese Wirtschaftsgehöfte enthielten Ställe, Wohnhäuser, Scheunen, Mühlen, Backstuben oder Brauhäuser, ferner Anbauflächen für Getreide, Obst- und Weinbau. Wurden mit den eigenen überschüssigen Erzeugnissen anfänglich noch lokale Märkte der nächstgelegenen Städte beliefert, so vergrößerte sich der Radius vieler Klöster schon bald auch hin zu Märkten weiter entfernter Städte. Auch hier wird also die Diskrepanz zwischen Statuten und Realität einmal mehr deutlich, so Hillen.

Mit der Rubrik „Aus der aktuellen Forschung“ werden vier aktuelle Forschungsprojekte vorgestellt. Ersteres ist den drei Marienstatter Tafeln gewidmet, welche u.a. aufgrund ihrer gesicherten Entstehungszeit (14. Jh.) eines der wichtigsten Zeugnisse der gotischen Malerei und des Bildgebrauchs im Zisterzienserorden sind, so die drei Autorinnen Ulrike Bergmann, Katharina Liebetrau und Doris Oltrogge. Die Tafeln wurden kürzlich erstmals kunsttechnologisch untersucht, derzeit werde u.a. der Frage nach dem Entstehungsort nachgegangen. Sabine Lepsky beschäftigt sich auf der Basis jüngster (seit 2013) archäologischer Grabungen mit der Klausur Altenberg – über deren Gründung 1133/45 sind nur wenige Daten überliefert. Die Ergebnisse zeichnen, so die Autorin, ein differenziertes Bild von der Beschaffenheit der hochmittelalterlichen Zisterzienserabteien des Rheinlands: „Es ist ein Bild des ständigen Weiterplanens und Anpassens an die Dynamik eines expansiven Ordens…“ Der nächste Beitrag von Reinhard Karrenbrock fokussiert die Kamper Abteikirche und ihre mittelalterliche Ausstattung. 1123 als älteste Niederlassung der Zisterzienser im deutschsprachigen Raum gegründet, musste sie 1585 aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen aufgegeben werden. Erst 1640 konnte das Kloster erneut besiedelt werden, so Karrenbrock. Von der mittelalterlichen Ausstattung der Kirche ist nur wenig bekannt, das bisher Rekonstruierte beschreibt der Autor in seinem Beitrag anschaulich. Der letzte Aufsatz widmet sich den vier nachgewiesenen Grangien des westfälischen Klosters Hardehausen. Rolf Bergmann bemüht sich um eine Rekonstruktion der in einem Umkreis von 1,5 bis 4,7 km entfernten Wirtschaftshöfe.

Der folgende Katalogteil zeigt, dass es den Kuratoren gelungen ist, interessante, sehenswerte und außergewöhnliche Objekte in ihrer Ausstellung zu präsentieren. So verwies bereits Joachim Werz (Tübingen) in seiner Rezension (erschienen auf H-Soz-Kult) auf u.a. den spätmittelalterlichen Kamper Hochaltarretabel (Kat. 18, Abb. S. 160–163), einen Ziegel mit einem mittelalterlichen Mühlespiel (Kat. 42, S. 220), den Latrinensitz aus Heisterbach (Kat. 65, S. 232) oder auf die äußerst gut erhaltenen Handschriften, u.a. aus Cîteaux (Kat. 118–121, S. 276ff.). Gerade anhand der Ausstellungsstücke zeigt sich die von vielen Autoren thematisierte Problematik, dass die Zisterzienser auf der einen Seite mit der vorherigen Tradition brechen wollten, es ihnen letztendlich langfristig jedoch nicht gelang. Dies wird u.a. sowohl bei den liturgischen Geräten als auch bei den gezeigten Ornamentscheiben mit Teppichmuster, welche bunte Punkte in rot, grün und blau gefärbtem Waldglas aufweisen (um 1251–68, Kat. 7, S. 184), sichtbar: Dem Ordensideal zufolge sollten die Fenster farblos sein. Auch der konsequente Verzicht auf Gold wurde bereits früh verworfen, wie beispielsweise der älteste mittelalterliche Kelch aus dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts (Kat. 34, S. 208, Kloster Marienstatt) zeigt. Inwieweit diese Diskrepanz zwischen Ideal und Realität auch in der Ausstellung selbst deutlich wurde, vermag die Rezensentin nicht zu beurteilen.

Der gesamte Katalog ist auf hochwertigem Glanzpapier gedruckt, die Qualität der Abbildungen sowohl bezüglich der Größe als auch der Schärfe ist geradezu vorbildlich, dies gilt ebenso für die ausführlichen Objektbeschreibungen und Bildunterschriften. Allerdings ist es mit Blick auf den Ausstellungstitel „Das Europa der Klöster“ fragwürdig, ob sich eine europäische Perspektive allein dadurch erzielen lässt, dass die Exponate aus ganz Europa herbeigeschafft worden sind. Denn der Titel suggeriert als Ziel die Einbettung der Zisterzienser in die Ordenslandschaft Europas, in den Beiträgen werden jedoch lediglich die Benediktiner erwähnt. Ebenso irreführend ist die Schlussbemerkung „Ecclesia semper reformanda est“ von Mölich: Der Leser könnte fast den Eindruck erwerben, dass sich der Zisterzienserorden im Zuge der Reformation auflöste, zudem scheint dieser Schlusspunkt der Ausstellung in der Gesamtkonzeption etwas willkürlich.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Georg Mölich / Norbert Nußbaum / Harald Wolter-von dem Knesebeck (Hg.): Die Zisterzienser. Das Europa der Klöster.
Begleitbuch zur Ausstellung „Die Zisterzienser – das Europa der Klöster“.
Böhlau Verlag, Köln 2017.
456 Seiten, 50,00 EUR.
ISBN-13: 9783412507183

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