Eine Rede im Jahr 1968 als Startschuss für die Neue Frauenbewegung

Interview mit Helke Sander

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Ende der 1960er Jahre studierte Helke Sander an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Anfang 1968 rief sie mit den Frauen des von ihr mitbegründeten Berliner Aktionsrats zur Befreiung der Frauen die Kinderladen-Bewegung ins Leben. Am 13. September des gleichen Jahres initiierte sie mit einer flammenden Rede auf dem 23. Delegierten-Kongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes die Neue Frauenbewegung.

In den 1970er Jahren gehörte Sander der Berliner Frauengruppe „Brot & Rosen“an. Außerdem gründete sie 1974 die noch heute existierende Zeitschrift Frauen und Film. Zu ihrem umfangreichen cineastischen Werk zählen etwa die Filme Männerbünde (1973), Der subjektive Faktor (1981), Der Beginn aller Schrecken ist Liebe (1984), Mitten im Male-Stream sowie Befreier und BeFreite (1992). Darüber hinaus publizierte Sander Erzählbände und Novellen. Heute gilt sie als eine der Ikonen der Neuen Frauenbewegung.

Rolf Löchel: Frau Sander, am 13. September 1968 hielten Sie eine Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), in der Sie dem SDS vorhielten, ein „Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse“ zu sein, und kritisierten, „dass das spezifische Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen, verdrängt wird, wodurch gewährleistet ist, dass die Männer ihre alte, durch das Patriarchat gewonnene Identität noch nicht aufgeben müssen“.

Helke Sander: Hauptsächlich versprach ich mir theoretische Hilfe durch den SDS und ging davon aus, dass die Organisation auch ein Interesse daran haben müsste, die Mängel der Marx’schen Theorie, in der Frauen als Nebenwiderspruch gehandelt werden, zu beseitigen.

RL: Die später in der ersten Ausgabe des Frauenjahrbuchs – es erschien 1975 – und andernorts veröffentlichte Fassung Ihrer Rede weicht von dem auf dem SDS-Kongress erstellten Audio-Mitschnitt ab. Erinnern Sie sich noch, wie es dazu kam?

HS: Nein, das weiß ich nicht. Die Herausgeberinnen gehörten zu denen, von denen es einige gab, die ohne Absprache das abdruckten, was sie für richtig hielten, und ich habe das auch eher zufällig später erfahren.

RL: Sie hielten Ihre Rede unmittelbar vor der Mittagspause. War das ein Zufall oder vermuten Sie dahinter eine bestimmte Absicht der Genossen, welche die RednerInnen-Liste erstellten?

HS: Mit meiner Platzierung vor der Mittagspause verband sich die Hoffnung des Berliner SDS, dass die meisten dann schon hungrig seien und, wie es üblich war, wenn Frauen sprachen, vorzeitig den Saal verlassen würden. Da es sich bei den anderen Delegierten aber schon herumgesprochen hatte, dass der Berliner SDS ein Problem mit mir hatte, freuten sich schon alle darauf, blieben sitzen und hofften auf eine Blamage des Berliner SDS.

RL: Hat sich diese Hoffnung erfüllt?

HS: Nein, weil sich die ganze Situation dadurch verändert hat.

RL: Es heißt, die Herren auf dem Podium hätten Ihre Rede kommentarlos übergangen und, statt sich Ihren Forderungen zu stellen, seien sie nach der Mittagspause einfach zum nächsten Punkt der Tagesordnung übergegangen. Nun erzählte die damalige SDS-Aktivistin und heutige Journalistin Sibylle Plogstedt der taz jedoch unlängst, sie sei von den SDS-Größen aufgefordert worden, auf Ihre Rede zu antworten.  Das habe sie, völlig überrumpelt, mehr schlecht als recht getan. Wie erinnern Sie sich an den genauen Ablauf der Ereignisse?

HS: Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Ich war froh, dass ich es hinter mir hatte. Ich kannte Sibylle Plogstedt meiner Erinnerung nach damals noch nicht. Außerdem war ich keine SDS-Insiderin. Ich weiß nur, dass sich im Lauf des Nachmittags die Frauen zurückgezogen haben, um eine Resolution zu verfassen. Da war ich nicht dabei.

RL: Sie beziehen sich auf die elf Punkte umfassende Resolution, die der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen dann den Delegierten vorlegte. Wurde eigentlich überhaupt über sie abgestimmt? Und falls ja, mit welchem Ergebnis?

HS: Soweit ich weiß, wurde das Papier nur verteilt und hatte dann die entsprechenden Wirkungen in den einzelnen Städten.

RL: Ihre Rede und der anschließende Tomatenwurf von Sigrid Damm-Rüger gelten gemeinhin als die Initialzündung der im folgenden Dezennium so virulenten Neuen Frauenbewegung. Nun hatten Sie allerdings mit einigen anderen Frauen bereits Anfang des Jahres den Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen gegründet und die Kinderläden ins Leben gerufen. Und zwei Monate nach Ihrer Rede auf dem nächsten SDS-Kongress in Hannover verteilten die als Weiberrat bekannt gewordenen Sozialistischen Frauen Frankfurts um Silvia Bovenschen  das so erfolgreich provozierende Flugblatt „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen“. Zudem reklamiert Alice Schwarzer für sich, die von ihr 1971 initiierte und von der Illustrierten Stern veröffentlichte Kampagne „Wir haben abgetrieben“ habe die Neue Frauenbewegung auf den Weg gebracht. Nun lässt sich der Beginn einer Bewegung sicher nicht genau auf einen bestimmten Tag oder ein bestimmtes Ereignis festlegen und das wäre wohl auch müßig. Welche Rolle spielten diese Ereignisse jedoch für die Entwicklung der Frauenbewegung?

HS: Ich würde schon sagen, dass ab der Rede von einer Frauenbewegung gesprochen werden kann. Mit ihr verließ sie Berlin und fasste Fuß in allen Universitätsstädten, in denen danach Frauengruppen gegründet wurden. Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen war lediglich der Auslöser.

RL: Die folgenden zehn, zwölf Jahre waren ja eine ungemein ereignisreiche Zeit gerade auch für die Frauenbewegung, die sich von ihren sozialistischen, ja marxistischen Ursprüngen löste und, nun, ich will nicht sagen: aufsplitterte, aber ihre sich herausbildenden Flügel betraten doch sehr unterschiedliche theoretische Pfade mit ebenso unterschiedlichen Aktivitäten. Es wurden nicht nur Frauen-Cafés, Frauen-Buchläden, Frauen-Zeitschriften, Frauen-Verlage und natürlich auch die ersten Frauenhäuser gegründet, es entstanden zudem allerorten Selbsterfahrungsgruppen von Frauen, die Lesbenbewegung begann sich zu regen und die Hexen eroberten die Nächte zurück. Wie sehen Sie aus heutiger Perspektive die Entwicklung der Frauenbewegung in den 1970er Jahren?

HS: Nun, mich haben hauptsächlich theoretische Fragen beschäftigt. Ich war ja schon damals älter als die meisten jungen Frauen, die viel Kraft aus ihren neuen Gruppenerfahrungen zogen. Ich habe das eher mit Sympathie und manch neu entstehende Dogmatismen auch mit Erschrecken beobachtet. Was neu war und sich von allen uns bekannten Arbeiterbewegungen unterschied, war, dass alles aus Eigeninitiative entstand und niemand gefragt wurde, ob es zur irgendeiner Partei-„Linie“ passte. Das war sowohl eine Stärke als später auch eine Schwäche. Interessant war auch, wie rasend schnell sich die Bewegung internationalisierte und sich gegenseitig befruchtete. Die Siebziger waren gewissermaßen ein unglaublich erfolgreicher Aufstand der Gründerinnen, in denen auch versucht wurde, die eigenen beruflichen Perspektiven mit einer neuen Politik zu verbinden. Theorie spielte kaum eine Rolle mehr. Das führte allerdings mit der Zeit zu einem großen begrifflichen Durcheinander, weil sich z.B. die chilenischen Unterstützerinnen von Pinochet auch Feministinnen nannten, während zumindest gefühlsmäßig die deutschen Feministinnen eher links orientiert blieben.

RL: Lassen Sie uns einen Blick auf die Gegenwart werfen. Die Frauenbewegung ist so heterogen wie eh und je, vielleicht sogar mehr als jemals zu vor. Das Spektrum reicht von den Radikalfeministinnen über die von diesen als liberal angesehenen Netzfeministinnen wie etwa Anne Wizorek und die eher akademischen Gender- und Sternchen-Feministinnen bis hin zum Queerfeminismus, der von Seiten der Radikalfeministinnen auch schon mal antifeministisch gescholten wird, während die Anarchafeministin Margarete Stokowski unlängst in einer ihrer Spiegel-online-Kolumnen in Zweifel zog, dass Alice Schwarzer noch Feministin ist.

HS: Ich lese den Spiegel nicht regelmäßig.

RL: In manchen Fragen wie etwa der Prostitution oder dem islamischen Kopftuch stehen sich die Positionen der AkteurInnen geradezu diametral entgegen. Da wird KopftuchkritikerInnen von anderen FeministInnen schnell mal als RassistInnen beschimpft.

HS: Ja, das ist trostlos. Leider verlieren die Kopftuchbefürworterinnen und viele ihrer Trägerinnen nie ein Wort über die barbarischen Strafen, die Frauen blühen können, wenn sie kein Kopftuch tragen wollen. In dem Zusammenhang bewundere ich die iranischen Frauen, die immer wieder tapfer um ihre Rechte kämpfen.

Mich interessieren alle die von Ihnen genannten Auseinandersetzungen nur insofern, als sie noch was mit „Frauen mit Menstruationshintergrund“ zu tun haben. Es sind Frauen in der bisher üblichen Definition des Wortes, die nach wie vor viele Rechte nicht haben, die beschnitten oder auf andere Weise verstümmelt, werden, die die Armut repräsentieren. Es gibt sicher einzelne Aspekte in diesen Debatten, die durchaus ihre Berechtigung haben. Aber für die fühle ich mich nicht zuständig, weil ich mich nach wie vor mehr für Fragen der Kunst interessiere und mich außerdem seit 50 Jahren mit den Anfängen sozialer Verhaltensweisen auf dem Weg zum Homo sapiens befasse.

RL: Insbesondere Fragen der cineastischen Kunst nehme ich an.

HS: Nein, das ergibt sich von Fall zu Fall.

RL: Die Ergebnisse Ihrer Forschungen zu dem anderen von Ihnen erwähnten Punkt, den Anfängen sozialen Verhaltens auf dem Weg zur Menschwerdung, haben Sie in dem 2017 erschienenen Buch Die Entstehung der Geschlechterhierarchie veröffentlicht. Die männlich dominierte Fachwelt wird ihr Buch ja wohl eher mit Stillschweigen übergehen, so wie das Luise F. Pusch über lange Zeit auch auf ihrem Fachgebiet der (feministischen) Linguistik erleben musste. In der prähistorischen Archäologie gibt es aber immerhin inzwischen einige umtriebige Frauen. Gibt es von deren Seite vielleicht schon erste Reaktionen?

HS: Bisher sind mir keine bekannt, obwohl ich einen Kurztext an die entsprechenden Buchhandlungen in den Museen usw. geschickt habe. Ich bin auf diesem Gebiet eben nicht akademisch geschult, obwohl ich mich solange damit befasst habe. Das wird dann eben nicht zur Kenntnis genommen, obwohl sehr, sehr viele grundlegende Entdeckungen auf dem Gebiet der Ur- und Frühgeschichtsforschung auch von sogenannten Laien stammen. Ich habe allerdings viel positive Resonanz von mir bekannten Menschen bekommen, denen meine Herangehensweise sehr plausibel und erkenntnisfördernd erscheint.

RL: Haben Sie aus feministischen Kreisen bereits erste Reaktionen auf das Buch erhalten?

HS: Ich habe ab und zu Lesungen, die gut ankommen und es gibt ein paar enthusiastische Besprechungen bei Amazon.

RL: Ich möchte noch einmal auf die gegenwärtigen feministischen Aktivitäten zurückkommen. Was sind Ihrer Meinung nach die dringlichsten Aufgaben, die FeministInnen heute in Angriff nehmen müssen?

HS: In der BRD sind Tausende Migrantinnen ihren Familiengesetzen unterworfen und stehen nicht unter dem Schutz des Grundgesetzes. Das muss sich ändern. Außerdem würde ich mir wünschen, dass sich der Feminismus mehr mit konstruktiven Beiträgen zu Militarismus, Umweltzerstörung u.ä. befassen würde und dass die Belange der international unterdrückten Frauen ein Thema der Außenpolitik würden (Indonesien z.B.).

RL: Besondere Aufmerksamkeit wird ja gegenwärtig wieder dem Frauenrecht auf Abtreibung gewidmet. Genauer gesagt, geht es erst einmal um das Recht von ÄrztInnen, über Abtreibungen informieren zu dürfen.

HS: Der § 218 ist ja nach wie vor strafbar, aber es gibt viele Ausnahmeregelungen, über die natürlich informiert werden muss. Darum finde ich die strafrechtliche Verfolgung der Ärztin und ihrer KollegInnen, die davon Gebrauch machten, nicht hinnehmbar.

RL: Wie hoffnungsvoll sehen Sie der weiteren Entwicklung der Frauenbewegung und des weiblichen Emanzipationsprozesses entgegen?

HS: Ich sehe überhaupt relativ schwarz in die Zukunft und glaube, wie manch andere Zukunfts- und AltertumsforscherInnen auch, dass wir nicht so viele Jahrhunderttausende durchhalten werden wie z.B. die Neandertaler. Es könnte sogar relativ schnell mit der Menschheit zu Ende gehen. Evolution bedeutet nicht Fortschritt im Sinne einer dauernden Höherentwicklung. Wie ich auch in meinem Buch über die Entstehung der Geschlechterhierarchie geschrieben habe, kommen seit Anfang an immer irgendwann die vorher nicht bedachten Kehrseiten einer Entwicklung ans Licht, deren unangenehme Seiten sich potenzieren und durch die technischen Entwicklungen immer schneller ihre Wirkungen entfalten können, bevor sie erkannt werden. Allerdings erhoffe ich mir bis zum Aussterben der Spezies, dass die Frauen weltweit noch gleiche Rechte bekommen und die dringendsten Unterdrückungsmechanismen abschaffen können – als kleine Gratifikationen –, auch wenn Klimawandel und Umweltzerstörungen weitergehen.

RL: Eine letzte Frage noch, Frau Sander. Sie waren und sind in den letzten 50 Jahren auf vielfältige Weise an die Öffentlichkeit getreten. Als Schauspielerin und als Regisseurin abendfüllender Filme, wie man früher sagt, als Herausgeberin der Zeitschrift Frauen und Film und als Autorin zahlreicher feministischer Aufsätze, aber auch von Novellen wie Oh, Lucy oder Kurzgeschichten wie in dem Erzählband Der letzte Geschlechtsverkehr. Zuletzt veröffentlichten Sie ein Sachbuch über Die Entstehung der Geschlechterhierarchie. Worauf darf sich das Publikum als nächstes freuen?

HS: Das kann ich noch nicht sagen. Wenn ich die Kraft dazu habe, schreibe ich vielleicht noch Kurzgeschichten zu Ende über die Freiheit und Selbständigkeit der Kriegs- und Nachkriegskinder – bei aller Armut, Unsicherheit und autoritären Erziehung. Ansonsten bin ich mit Aufräumarbeiten befasst, was heißt, die Filme zu digitalisieren und das Geld dazu zu besorgen, alte Veröffentlichungen oder auch Unveröffentlichtes durchzusehen usw.

RL: Frau Sander, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch. – Bleibt nur noch eine allerletzte Frage, die sich allerdings natürlich nicht an Sie richtet. Annett Gröschner stellt sie in ihrem soeben erschienenen Buch „Berolinas zornige Töchter. 50 Jahre Berliner Frauenbewegung“: „Warum hat Alice Schwarzer zweimal ein Bundesverdienstkreuz erhalten, Helke Sander aber nie? Und warum ist bisher niemand auf die Idee gekommen, Helke Sander wenigstens den Berliner Frauenpreis zu überreichen, ein rauschendes Fest inklusive?“ Ja, warum eigentlich nicht?!

HS: Einen Orden würde ich nicht annehmen. Und einen Preis nur, wenn er höher dotiert wäre als mit 3.000 Euro.