Ein einziges Vergehen und Werden

Judith Schalansky veröffentlicht ein „Verzeichnis einiger Verluste“ und rechnet darin auch Gewinne mit ein

Von Beat MazenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wir reden lieber von den Gewinnen als von den Verlusten. Gewinne stehen für das Gelingen, Verluste sind Niederlagen. Die Verluste werden von der grassierenden Kultur des „mehr Mehr“ verdrängt. Bloß in nostalgischen Momenten beschleicht uns hin und wieder das Gute, Bessere, Lebenswertere in Form einer Erinnerung an früher, als es noch Telefone gab und keine Smartphones.

Um Gefühle der Nostalgie geht es Judith Schalansky aber nicht, wenn sie für ihr neues Buch ein Verzeichnis einiger Verluste zusammenstellt. Mit wachem Blick für Topografien jenseits der vorgespurten Pfade zählt sie gleich in der Vorbemerkung eine eindrückliche Reihe von Lebewesen, Dingen und Phänomenen auf, die während der Arbeit an ihrem Buch verschwunden, gesprengt und verglüht seien, wie die Raumsonde Cassini, der 2000 Jahre alte Baal-Tempel in Palmyra oder die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte. Allerdings, und das zeichnet diese Autorin aus, listet sie anschließend auch auf, was in demselben Zeitraum gewonnen werden konnte: ein verschollener Roman von Walt Whitman, die Wespenart Deuteragenia ossarium sowie ein neuer habitabler Himmelskörper im Sternbild des Schwans. So beklagenswert speziell kulturelle und ökologische Verluste sind, sie sollten nicht allein und ohne Rücksicht auf Zugewinn bilanziert werden. Alles ist einem steten Umwandlungsprozess unterworfen, der von der Erinnerung bewahrt und von der Geschichtsforschung mit Sinn bedacht wird. Folglich fragt Schalansky mit Recht, „ob die Vorstellung grauenerregender sei, dass alles ein Ende haben wird, oder die, dass es keines geben könnte“. Wer zu letzterem neigt, nimmt auch in Kauf, dass ein Schnupfen nicht mehr enden will und dass es den eigenen Kindern nurmehr schlechter ergehen könnte.

Schalansky hat zwölf Verlustgeschichten ganz unterschiedlicher Art versammelt. An ihren Atlas der abgelegenen Inseln von 2009 schließt die erste Erzählung an. Die Insel Tuanaki – die Teil war der südlichen Cook-Inseln und im Atlas nicht verzeichnet ist – verschwand von den Landkarten, weil sie vermutlich 1842/43 einem Seebeben zum Opfer fiel. James Cook, der das weit verstreute Archipel in den 1770er Jahren besuchte und ihm den Namen gab, hatte Tuanaki wohl knapp verpasst. Zum Glück für die Tuanaker, von denen erzählt wird, dass ihnen „das Kämpfen gänzlich unbekannt und das Wort Krieg in keiner seiner unguten Bedeutungsschichten geläufig gewesen“ sei. Schalanskys fantastische Reise auf die Rückseite unseres Globus endet mit einer betrüblichen Note. „Die Welt trauert nun um das Bekannte und ahnt nicht, was ihr mit jener winzigen Insel verlorenging“ – nämlich eine Friedfertigkeit, die durch einen Besuch von Cook und seiner Crew allerdings schnell zerstört worden wäre.

Der Katalog der besuchten Verlustorte und -dinge umfasst den „Kaspischen Tiger“ ebenso wie „Die sieben Bücher des Mani“, einen verschollenen Film von F.W. Murnau oder den „Palast der Republik“ in Berlin. Dem jeweiligen Kapitel entsprechend variiert die Autorin ihre Schreibweise, um sich je anders ihrem Gegenstand zu nähern. Sie imaginiert den historischen Kampf eines letzten kaspischen Tigers mit einem kapitalen Löwen im Circus Maximus vor tobenden Römern, die sich ein Vergnügen gönnen. Sie liest mit poetischer Sensibilität die lückenhaften sapphischen Fragmente und ortet gerade in den Auslassungen den Kern ihrer Faszination: „das Eigentliche“, das diese einer oberflächlichen Lesart entzieht. Oder sie wandert dem schmalen Ryck-Fluss von der Quelle bis nach Greifswald entlang, wo Caspar David Friedrich ein Hafenbild gemalt habe, das 1931 unwiederbringlich verbrannt wurde. Die pommersche Landschaft verwandelt sich dabei in eine berückende Arche Noah, die dem kundigen Blick der Autorin von allen Tier- und Pflanzenarten je ein Exemplar zeigt. In jener Gegend liegt auch der Behrenhoff, dem Schalansky persönlich verbunden ist. Mit diesem „Schloss der von Behr“ im gleichnamigen Kapitel verbinden sich biografische Reminiszenzen, etwa an einen Sprung aus dem Fenster, der übel hätte ausgehen können. Liest sich dieses Kapitel leicht und stimmig, geben sich andere Teile des Buches stilistisch enger verwoben – wie der über die verschollene Insel Tuanaki.

Der Band beinhaltet auch eine Erzählung über den verschrobenen Einsiedler Armand Schulthess, der in den 1950er und 1960er Jahren im bergigen Tessiner Valle Onsernone ein enzyklopädisches Universum errichtete. Überall in seinem Kastanienwald heftete er Schrifttafeln an die Bäume, und in seiner bescheidenen Klause collagierte er Schnipsel aus Zeitungen und Broschüren zu erotisch codierten Büchern. Das Vermächtnis dieses Freigeistes wurde nach dessen Tod 1973 zu großen Teilen vernichtet. Lediglich ein paar Bücher haben sich erhalten. Aus einer persönlichen Begegnung hat die Künstlerin Ingeborg Lüscher Jahre später aus der Erinnerung ein Hörspiel produziert. Der darauf vernehmbare ruppige, von aufgestauter Weltwut zeugende Tonfall findet sich in dem weit sanfter klingenden Monolog des Ich-Erzählers bei Schalansky nur andeutungsweise wieder. Sie hat ihn dichterisch frei gestaltet.

Verluste bergen auch Gewinne, gibt die Autorin mal offenkundig, mal unterschwellig, mal fiktiv, mal dokumentarisch zu verstehen. Das Missverständnis mit dem Namen eines Freizeit-Astronomen namens Kinau baut sie zu einer eigenen Erzählung aus. Die Suche nach dem Einhorn-Skelett von Guericke wiederum führt in die Walliser Alpen, wo sie über fantastische Monster forschen wollte. Bei ihren Recherchen entpuppte sich dieser „Kosmos der Angst“ voller Medusen, Basilisken oder Sphinxen als „nicht gerade üppig, die reale Natur war um einiges exzentrischer als die Fiktion“.

Verlust und Gewinn stehen miteinander in einer Balance, sie bedingen einander, auch wenn wir oft nur die eine Waagschale gewichten wollen. „Wie alle Bücher ist auch das vorliegende Buch von dem Begehren angetrieben, etwas überleben zu lassen“. Es ist das Verdienst der Autorin, dass sie bei ihren ganz unterschiedlichen Untersuchungen und Beobachtungen nicht das Offenkundige offenbart, sondern über die Ränder hinaus Dinge erkennt und Einsichten gewinnt, die die Leser*innen zu überraschen und anzuregen vermögen.

Zum Beispiel dieses Asterix, worüber Schalansky im Sappho-Kapitel schreibt. Das Asterix (*) ist seit altersher ein Auslassungszeichen, das nach dem Kirchenvater Isidor von Sevilla etwas Abwesendes zeigt, das „durch dieses Zeichen hell erstrahlt“; und das, in diesem Fall, gleichwohl anwesend ist, in Form des schönen Unterschieds zwischen Leserinnen und Lesern.

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Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.
252 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783518428245

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