Was tun mit dem Erbe von 1968?

Zur Neuauflage einer Text-Sammlung von Rudi Dutschke und zu Willi Jaspers Erinnerungen an die deutsche „Kulturrevolution“

Von Sebastian SchreullRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sebastian Schreull

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die ersten Abrechnungen mit dem Ereignis 1968, mit der antiautoritären Phase des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und mit den langen Haaren kamen aus den eigenen Reihen. Sie waren unversöhnlich, verspotteten das Vorherige als kleinbürgerlichen Aktionismus, dem nun durch den Wiederaufbau der einen wahren Kommunistischen Partei zu begegnen sei. Deshalb gab es auch plötzlich sehr viele dieser Zwergparteien (K-Gruppen), die alle von sich behaupteten, dass sie die Avantgarde im weltrevolutionären Klassenkampf seien. Diese autoritäre Wende der Student*innenbewegung ist schon auf der letzten Delegiert*innenkonferenz des SDS im November 1968 spürbar – im Wunsch nach einer „strafferen Organisierung“, einer klaren Generallinie, einer Wendung zur Arbeiter*innenklasse, die nicht von einem „feministischen Aktionswahn“ oder kleinbürgerlichen Fragen der Basisdemokratie verschreckt werden dürfe.

Rudi Dutschke kritisierte schon früh diese Sehnsüchte nach einer „emanzipierten“ Autorität, schließlich waren die Debatten des SDS in seiner Hochphase geprägt von Texten eines dissidenten Marxismus, einer kritischen Theorie, die sich gegen den Stalinismus aussprachen und die real existierenden Sozialismen kritisierten. Willi Jasper hingegen wurde Funktionär einer dieser Retraditionalisierungsprojekte, die gut ein Drittel der Aktivist*innen des SDS erfassten. Dessen KPD/AO verstand sich als nichtrevisionistische Organisation, die sich positiv nicht nur auf Mao Tse-tung berief, sondern auch auf Josef Stalin. Die Aufklärung der KPdSU, die zumindest auf ihrem 20. Parteitag die Verbrechen des Stalinismus und den Personenkult benannte (sie allerdings auch nicht wirklich aufarbeitete), war nach Ansicht der KPD/AO bereits eine Abkehr vom rechten Weg.

Jaspers und Dutschkes Wege kreuzten sich wieder. Waren sie zu Anfang des roten Jahrzehnts noch in Fraktionen der Neuen Linken tätig, die sich feindlich gegenüberstanden, so kamen sie wieder zusammen, als sich die K-Gruppen aufgerieben hatten. Jasper diskutierte damals mit Dutschke, Karl Schlögel und anderen offen und selbstkritisch, was in dieser Situation passieren könnte: ob man den Grünen beitreten, ob man sich auflösen und verschwinden oder ob man der Linie treu bleiben sollte.

Mit Christian Semler, Antje Vollmer, Rüdiger Safranski oder Alan Posener verfügt die Partei noch heute über „erfolgreiche Renegat*innen“. Sie sind Beispiele dafür , dass das Erbe von 1968 gerade in jenen unversöhnlichen Brüchen zu suchen ist, in der Fragmentierung der Linken, aber auch in der Integration der einstigen Aktivist*innen in die bestehenden Institutionen. Und letzteres betraf ebenso diejenigen, die sich besonders rabiat mit einer grundlegenden Kritik der bürgerlichen Institutionen gebrüstet hatten und nicht den „langen Marsch durch die Institutionen“ antreten wollten.

Mit dem Ende des roten Jahrzehntes schlug dieser Hass auf Revisionismus oder Reformismus bei vielen Kadern in ein Abschwören jedweder radikalen Gesellschaftskritik um. Mit der gleichen Emphase wurde nun der Totalitarismus oder Extremismus gegeißelt, der bereits in den blauen Bänden von Marx und Hegels schlummere: Dieses Erbe sei insgesamt auszuschlagen, standen doch für Renegat*innen ökonomisch und sozial wesentlich lukrativere Positionen bereit – gerade wenn sie ihre „Selbstoptimierung“ in autoritären Parteiexperimenten ausgebildet hatten.

Von diesem Furor des Abschwörens, der die letzten Jubiläen um das Jahr 1968 prägte, ist Willi Jaspers autobiographische Selbstreflexion weit entfernt. Er legt einen Finger in diese Wunde, die darin besteht, dass jene Renegat*innen nur in Scham oder Verachtung über ihre einstigen Leidenschaften sprechen können (höchstens loben sie technokratisch die organisatorische Effektivität oder die produktive Professionalisierung). Die Gründe für ihr Engagement für das Proletariat und die Weltrevolution werden meist durch solche Stereotype wie „jugendliche Verblendung“ oder „individuelle Verfehlung“ erklärt. In der Psychoanalyse nennt man dies Verdrängung, da meist eine Konkretion vermieden wird, die in die Abgründe der eigenen Biographie führen müsste. Jaspers langer Marsch, dessen Resultat dieses Werk auch ist, bricht in gewisser Weise mit diesem Erbe von 1968, indem es dieses Erbe(n) mit all seinen Problemen von Neuem versammelt. Darin besteht vermutlich die – wie auch immer komplizierte – Nähe zu den hier besprochenen Schriften Rudi Dutschkes.

Mao Tse-tungs Gespenster

Willi Jaspers KPD/AO wurde zum Gegenstand vieler Kneipenwitze: „KPD ohne Arbeiter“, „KPD A-Null“, weil schließlich nie mehr als 0,7% bei einer Wahl erreicht werden konnten. Dies traf etwas am Bierernst, der diese Kaderparteien durchherrschte. „Wir waren die stärkste der Parteien“ ist die Losung all dieser Grüppchen gewesen und zugleich Titel einer Sammlung von Erfahrungsberichten, die im Westberliner Rotbuch zu einer Zeit erschien, als sich die Versprechen verbraucht hatten, erneut an die Tradition der zerschlagenen kommunistischen Arbeiter*innenbewegung anzuknüpfen. In diesem gewichtigen Buch ist in aller Abgründigkeit dargelegt, welche Idiotien sich in diesen Strukturen ausbildeten. Sie verweisen auf eine Sackgasse in der Entwicklung einer Neuen Linken, zu der Willi Jaspers „Der gläserne Sarg“ Erinnerungen, Reflexionen hinzufügt.

Der Titel ist einem deutschen Märchen entnommen. Das tapfere Schneiderlein erringt die Erlösung; bei den K-Gruppen ging es etwas anders aus. Es ist also die Frage, ob diese Gruppen wirklich mit dem armen Schneiderlein zu identifizieren sind. Dafür spricht, dass auch die K-Gruppen in elenden Verhältnissen hausten: Zu Zehntausenden stürzten sie sich in Flugblattverteilorgien, plakatierten in streng eingeteilten Schichten in „Arbeitervierteln“, schnitten sich die Haare, lebten in Ehen, die am imaginären, aber umso tugendhafteren Proletarier ihr Idealbild fanden.

Das tapfere Schneiderlein gerät eher zufällig an seine Mission, im Gegensatz dazu wussten die K-Gruppen um diesen großen Hirsch, der im Märchen dem Protagonisten ermöglicht, die Erlösung zu erringen. Der Hirsch bringt ihn zu dem Ort, wo jener gläserne Sarg samt schönem Mädchen ruht. Nehmen wir diesen Wiederkäuer als Symbol für diese großen „Bruderparteien“, denen man bedingungslos die Solidarität bekundete, die mit ihren Richtlinien und Erlässen den Weg zum weltrevolutionären Sieg schon weisen würden. Was zu tun sei, war so immer schon geklärt. Auch das Schneiderlein hat ja keine Wahl, es tut schon immer irgendwie das Richtige. Nur leider war die Wirklichkeit nicht so einfach, wie es die Parolen der K-Gruppen suggerierten.

Und dieser Kontrast: die K-Gruppen als marginale Erscheinung innerhalb einer radikalen Linken, von der die Parteiapparate sich unbedingt abgrenzen mussten, und dann dort die prachtvolle Bruderpartei, die entscheidenden Schlachten des Proletariats in südlicheren Gefilden. Die Marginalisierung der K-Gruppen war selbstverordnet, da sich solche autoritären Projekte ohne Massenbasis relativ rasch in immer kleinere Einheiten zersplittern. Schließlich findet sich immer ein besserer Interpret der Weisungen des Genossen Generalsekretärs. Und diese Zentralkomitees machten es den westdeutschen Genoss*innen wirklich nicht einfach.

Der organisierte Maoismus versprach zwar, die märchenhafte Einheit der Linken endlich zu erzeugen, konnte aber die Geister nicht bändigen, die er mit aufrief, als er die Auflösung des SDS, die Totsagung der „Restlinken“ betrieben hatte. Eine unüberschaubare Vielfalt hatte dieser Einheitsprozess zum Ergebnis: KPD/AO, KPD/ML, die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands, den Kommunistischen Bund, den Kommunistischen Bund Westdeutschland oder den Bund Westdeutscher Kommunisten. Es lässt sich erahnen, dass der Scherz Monty Pythons, der die unüberwindbare Feindschaft zwischen der Volksfront von Judäa und der Jüdäischen Volksfront zum Gegenstand hat, nicht von der Wirklichkeit dieser Gruppen zu unterscheiden ist.

Fiel all den Renegat*innen der Bruch mit dem Linksradikalismus deshalb so leicht, weil sie ihn bereits in all den Grabenkämpfen wieder und wieder trainiert hatten? In den K-Gruppen war die Rede von der Linken allgegenwärtig: Wir, die Fackel der Aufklärung, das Flackern der Morgenröte der Weltrevolution gegen den kapitalistischen Sumpf und gegen die alternative Borniertheit dieser faulen Existenzen. Und wie anders man doch selbst war, geradezu auserwählt: Die Funktionäre von Jaspers KPD durften vor dem deutschen Botschafter an den Sarg Mao Tse-tungs treten. Das waren diese merkwürdigen Momente, in denen es sich so anfühlen konnte, als wäre diese weltweite kommunistische Bewegung Wirklichkeit.

Jasper ist diesem Märchen nicht treu geblieben. Er empfand die organisierte Langeweile und Traurigkeit unter den Kadern der Kommunistischen Partei Chinas, das Elend des Landlebens. Kein schöner Hirsch, nirgends.

Die Lehren des deutschen Maoismus

Jaspers Schrift ist keine Apologie von 1968, sondern eine kritische Aufarbeitung. 1968 hat nicht nur emanzipatorische Prozesse in Gang gesetzt, sondern auch regressive: Die K-Gruppen sind dafür, neben den blutigen Experimenten der Stadtguerilla, die deutlichsten Zeugnisse. In den K-Gruppen wurde für ein Funktionärsleben trainiert: In  apokalyptischem Ton wurde die Sowjetunion zum Hauptfeind, zum „Sozialimperialismus“ erklärt, der in einem Dritten Weltkrieg auszulöschen sei; und zugleich war diesen Gruppen bewusst, dass ihre Handlungen wenig dazu beitragen konnten. Ihre Hauptaufgabe bestand deshalb in der Legitimation von etwas, was anderswo bereits beschlossen worden war: so etwa diese unschöne Sache mit der Sozialistischen Republik Vietnam, für die man einst auf die Straßen gegangen war und die nun mit den Roten Khmer bzw. der Volksrepublik China im Krieg lag! Ob dies die Öffnung der chinesischen Märkte für US-Konzerne oder der Bruch mit der Volksrepublik Albanien war: Wer all diese außenpolitischen Volten affirmieren wollte, der hatte viel zu tun, besonders um den eigenen Genoss*innen zu erklären, warum diese Entscheidung des Zentralkomitees doch gerechtfertigt sei. Diese endlosen Debatten um die nichtrevisionistische Linie zerrieben diesen Klüngel.

Diese bedingungslose Aufgabe für den Parteiapparat, die durchgearbeiteten Wochenenden, die harten Fraktionskämpfe und deren Verschweigen nach Außen, all diese hard und soft skills waren die Lehren, die man bei seiner Rückkehr in die bürgerlichen Familien, in die Weltanschauungen der Väter und Großväter vorweisen konnte. Japser belegt eindrucksvoll, wie die K-Gruppen „deutsche Tugenden“ wieder priesen; sie waren schließlich Verkörperungen jener unguten Tradition des Antiintellektualismus. Diskussionen an der Basis waren verpönt, der „Bummelstudent“ und „Seminarmarxist“ das Feindbild für die Freund*innen der Werktätigen. Der deutsche Maoismus stellte die Nähe zu konservativen Milieus wieder her, nicht nur bezogen auf die Lebensführung: Manche plädierten für ein temporäres Bündnis mit der NATO, um den Hauptfeind, die Sowjetunion, zu zerschlagen. Diese antisowjetischen Maoisten konnten ihre Revisionismuskritik in einen traditionellen Antikommunismus transformieren, als sie wieder zum Bürgertum zurückkehrten.

Hätte man den Weg in die Chefetagen und in die Regierungsverantwortung wirklich ohne diesen „fundamentalen politischen Irrtum“ (Winfried Kretschmann) gefunden? Dieses „Stahlbad“ der endlosen Plena, der Feindschaften auf Grund von Fußnoten in Flugblättern oder von geostrategischen Sandkastenspielen schufen eine Borniertheit, die zum Aufstieg verhalf, – nicht die Erkenntnis über die Verbrechen der real existierenden Sozialismen.

Jasper schlägt einen anderen Weg ein. Jasper ist kein Renegat. Er blendet aber auch nicht in Nostalgie diese Verbrechen aus, sondern er hat sie aufgearbeitet: „War die Ausbeutungssituation der ‚kommunistischen’ Ölarbeiter nicht ähnlich wie die der Bergarbeiter in Hunan, die Mao als junger Agitator angeprangert hatte? Und unterschieden sich Datjings ‚Helden der Arbeit’ wirklich von denen, die in Stalins Fabriken ausgezeichnet wurden?“ Von staatskapitalistischer Ausbeutung ist hier zu sprechen. Die „Peking Rundschau“ aus dem Jahr 1977 verkündet stolz, dass China eben noch nicht so weit sei: „Aber wie beim Radfahren können nicht alle gleichauf sein. Auch unseren Bauern kann es nicht allen auf einmal besser gehen. Einigen geht es früher besser als anderen; aber wir dürfen nicht zur Gleichmacherei zurückkehren, sonst würde es niemandem gutgehen.“ Eine aufgeklärte Modernisierungsdiktatur ist die Volksrepublik China, die im Jargon des klassischen Liberalismus die Gerechtigkeit auf den St. Nimmerleinstag verschiebt. Erstaunlicherweise sind die Renegat*innen eher der Linie der staatlichen Erben Maos treugeblieben, zumindest wenn es um kapitalistische Ausbeutung geht.

Halfen die Weisungen der KP China nicht auch den deutschen Genoss*innen, ihren Frieden mit der kapitalistischen Produktionsweise zu schließen? Schließlich waren es bald auch westdeutsche Konzerne, die in den ausgewiesenen Sonderhandelszonen ihre Investitionen tätigten. Das müssen sonderbare Begegnung gewesen sein, als die chinesischen Genoss*innen auf diese Renegat*innen trafen, die jetzt mit Mandaten für die grüne Partei dem Volk dienten.

Von ihnen hatten sie gelernt, dass es nur auf den Willen ankam, denn trotz aussichtsloser Lage stand man schließlich einem „Papiertiger“ gegenüber, ob nun dem „Imperialismus“ oder den anderen Standortkonkurrent*innen. Die Weisungen einer KP, die ihren ökonomischen Kurs zur historischen Tatsache erklärt, unterscheidet sich nicht sonderlich von den heutigen Standortfreund*innen, die mit grünem oder sozialdemokratischem Parteibuch die Alternativlosigkeit einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik predigen. Ist es nicht eine Vorwegnahme neoliberaler Selbstoptimierung, wenn in der KPD/AO oder dem KBW gelehrt wurde, was es heißt, dem Denken eine Weltanschauung zu verordnen, so dass es nur noch auf den Willen der Einzelnen ankommt? Die historische Schuld lastet auf den Schultern jedes Einzelnen: Wer es nicht schafft, der war eben faul oder verblendet. Alternativlosigkeit war damals auch schon die Maxime. Als die nun grünen oder sozialdemokratischen Renegat*innen für Hartz IV oder das Engerschnallen des Gürtels Partei ergriffen, war ihre Haltung zu den politischen Gegner*innen eine ähnliche: Wer dagegen sei, stelle nur ein Relikt einer Vergangenheit dar, das der Lauf der Geschichte auf den Kehrichthaufen geworfen habe.

Und wie hatten die Kader das vollendete Scheitern gelernt: Trotz der Verausgabung aller Kräfte, trotz härtester Parteidisziplin, trotz Gehorsam und trotz der Prophezeiung, dass die Verhältnisse reif für die große Umwälzung seien, gelang es nicht, die Steigbügelhalter des Imperialismus vernichtend zu schlagen. Charaktere, die dies aushalten können, sind darauf trainiert, unpopuläre Politik zu betreiben.

Und doch bewirkte das Scheitern nach vielen Jahren, dass diese Kommunist*innen, so Jaspers Formulierung, „nach einem längeren Marsch durch die leninistische Wüste ungläubig innehalten – als stünden sie nicht vor den versprochenen grünen Ebenen, sondern vor neuen Wüsten, die den alten beängstigend ähneln“. Jaspers Werk ist Zeugnis für eine Strategie, mit dem Erbe umzugehen: Diese Strategie ist ein Zweifeln an den politischen Gewissheiten, die die Renegat*innen vor sich hertragen: Sie können auch noch die traurige neoliberalen Wüste als bald wieder blühende Landschaften verkaufen.

Das Versprechen des Dutschkismus

Rudi Dutschkes politische Schriften erinnern nicht nur daran, dass er gemäß seiner linkssozialistischen Überzeugungen das Sektenwesen des deutschen Linksradikalismus kritisiert. Dutschke war nicht unempfänglich für die Versprechungen der maoistischen Kulturrevolution, schließlich schwärmte er noch 1968 vom „neuen Menschen“, der nun zu verwirklichen sei. Dieser marxistisch-leninistische Humanismus produziere autoritäre Charaktere, so war seine Diagnose, als er in den frühen 1970ern nach dem Attentat wieder mit dem Schreiben begann.

Dutschke war eine Generalabrechnung mit der Linken suspekt, wie sie von den K-Gruppen oder auch undogmatischeren Vereinigungen wiederholt proklamiert wurde. Wenn eine so vielfältige und in sich zerstrittene Akteurin zu einem monolithischen Block zusammenschmilzt, dann geht es um Propaganda. Wer von seinem eigenen Grüppchen so spricht, als wäre es der letzte Haufen der Aufrechten, der ist nicht nur eitel, sondern ist schon mitten im Sektenwesen angekommen, das sich an den Rändern der politischen und kulturellen Linken tummelt. Solche Sekten üben nicht nur einen ungeheuren Druck auf ihre Mitglieder aus, sie verausgaben sich auch in der beständigen Polemik gegen andere linken Gruppen. Sie klagen die Linke dafür an, dass sie nicht gesellschaftlich wirkmächtig sei oder theoretisch immer noch denselben Irrtümern anhänge. Für sie ist das Problem der Linken ein zu lösendes Rätsel der Theorie oder des eigenen Willens.

Eine solche Haltung ist anfällig für Frustrationen. Während ein undogmatischer Marxismus noch für die Selbstbestimmung eintritt, für die Offenheit der geschichtlichen Kämpfe, richteten sich beträchtliche Teile der Neuen Linken in alternativen Selbstgewissheiten ein, vertrauten den Mackern in der Gruppe oder der Parteileitung. Dies als Bequemlichkeit oder als Unfähigkeit dieser Linken zu kritisieren, führt nicht allzu weit. Das Versprechen der Orthodoxie, endlich den richtigen Weg gefunden zu haben, wirkt gerade in Situationen der Krise befreiend. Wie ein Gespenst folgt dieses Sektenwesen all den Versuchen, eine politische Linke in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu organisieren. Und wenn es nicht existiert, dann wird es leidenschaftlich beschworen: „Ein Gespenst geht um…“ Ob zur Abgrenzung oder Selbstversicherung: Dogmatismus gehört zur politischen Linken, sie wird ihn in ihrer Praxis nicht einfach loswerden. Sie ist anfällig für diese Gespenster, weil die Übertreibung und  Anmaßung wesentlich zur radikalen Politik gehören und es nicht theoretisch zu prophezeien ist, wie ein Flugblatt oder eine Aktion in gesellschaftlicher Praxis wirken wird. Das Ignorieren des Dogmatismus ist eine allzu angenehme Angelegenheit, schließlich vergeht dieses Phänomen nicht wie eine Kinderkrankheit. Wer solche Gruppen und die durch sie ausgedrückten Leiden als lächerliche Spinnerei abtut, bereitet die „Wiederkehr des Immergleichen“ vor.

Wenn man sie verurteilt, dann muss man dies angemessen und selbstkritisch tun, Strohmänner helfen uns da nicht weiter, theoretisch wie praktisch. Die Kulturrevolution des deutschen Maoismus ist eines dieser Probleme, die es aufzuarbeiten gilt, weil sie ein Moment des Erbes von 1968 sind. Eine solche Aufarbeitung der Vergangenheit schließt mit ein, dass man sich nicht durch die Klugheit des Nachgeborenen adelt, sondern jene Kritiken in der Neuen Linken ernst nimmt, die etwa mit dem Werk Rudi Dutschkes verflochten sind.

Und es ist schon bemerkenswert, wie wenig diejenigen Dutschke gelesen haben, die ihn heute bewundern oder verteufeln. Dutschkes Schriften sind ein Symbol für den Umgang mit dem Erbe, dem Ereignis von 1968 überhaupt: Heute haben Deutungen Auftrieb, die mit 1968 den „Untergang des Abendlandes“ oder die Machtübernahme durch ein „Linkskartell“ beginnen lassen, welches bis zum heutigen Tage die BRD beherrsche. Die gesellschaftlichen Debatten sind wieder von einer Hysterie geprägt, als ob es erneut um das große Ganze ginge. Vielleicht ist jetzt die beste Zeit dafür, Dutschke im Original zu lesen.

Immer diese Schwierigkeiten der Praxis

Dutschke reflektiert früh über die strategischen Fehler der Neuen Linken. Er antizipiert die Verführung zur Partei, die Institutionalisierung und Dogmatisierung der Linken. Solche Kritiken kommen in der gegenwärtigen Aufarbeitung von 1968 nur selten vor. Sie setzten voraus, dass man sich auf diesen „langen Sommer der Theorie“ (Philipp Felsch) noch einmal einlassen müsste. Liest man die Texte Dutschkes, die nun von Wagenbach endlich wieder veröffentlicht wurden, dann hört man daraus einen Stil, einen Habitus, der so nicht mehr öffentlich ist: Sätze, die so wirken, als bestünden sie aus einer hyperakademisierten Sprache, die nur im Oberseminar verstanden werden könnte. Aber zugleich werden sie so verdichtet, dass sie zu Parolen wurden. Dutschke wurde stilbildend für einen neuen Typus des linken Intellektuellen.

Dutschkes Schriften liegen unter Staub: Die Referenzen, die er vollkommen selbstverständlich fallen lässt, all die Theoreme Blochs, Marcuses und vieler anderer, sie sind uns nicht mehr geläufig. Dutschkes Marx-Rezeption ist geprägt von den Debatten um den Begriff der Entfremdung, um die Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse, die Frage, welche Position die neue Intelligenz einnehmen könnte. Bizarr daran ist, dass diese Debatten uns sehr fremd und doch sehr nah sind. Das Fremde: Noch 1968, kurz vor dem Attentat, spricht Dutschke mit einer Siegesgewissheit, dass es eben nur auf unseren Willen ankäme, – also bei der Sache mit der Einführung des libertären Sozialismus, weltweit. Dutschke plädiert radikal für den subjektiven Faktor, für die Grenzerfahrungen, die nun Revolutionäre machen müssten. Und doch ist uns an Dutschkes Gedanken nah, dass er mit all den Konsequenzen bedenkt, was nun in den bestehenden Verhältnissen zu tun sei.

Dutschke zeigt uns eine Ahnengalerie auf, die sich radikal vom Marxismus-Leninismus der 1970er unterscheidet. Mit Leo Trotzki und Anton Pannekoek kritisiert er den Verrat an der Revolution in der Sowjetunion, der die Räte abhanden gekommen seien. Für Dutschke ist der real existierende Sozialismus der SU oder der VR China in seinen Verstaatlichungen der Produktionsmittel nicht weit genug gegangen: Statt einer wahrhaften Vergesellschaftung hätte ein „Funktionärsstaat“ das Kommando übernommen und die herrschaftsfreien Elemente der Revolution exiliert oder umgebracht. Dieser Antistalinismus setzte sich den K-Gruppen entgegen, die plötzlich sich massenhaft ausbreiteten. Dutschkes Verzweiflung ob der dogmatischen Rückschritte ist in Briefen und Reden gegenwärtig, gerade in den 1970ern. Das schmale Büchlein enthält eine Vielzahl an Eindrücken, an unterschiedlichen Schwerpunkten, die stets wieder auf politische Ereignisse oder Strömungen reagieren, die neu formuliert, überdacht werden. Dutschke bleibt bis zu seinem Tod 1979 ein beweglicher Denker, der das Erbe von 1968 reaktualisieren will, weil es radikal verändert werden muss, um der Jetztzeit angemessen zu sein.

Wie unglaublich ist es, dass sich die Selbstzerfleischung oder ewige Aufspaltung der politischen Linken so lange hinziehen, dass Rudi Dutschke dies schon als Ende vom Anfang darlegen konnte. Die Aktualität Dutschkes zeigt sich in seiner Kritik des Sektierertums und der Kryptodogmatismen, den unreflektierten Resten des falschen Ganzen, die Leiden verursachen und Aktionen scheitern lassen. Dutschkes Weg zu den Grünen ist von einer Kritik der (staatlichen) Institutionen geprägt, so dass ihm der Parlamentarismus zu keinem Heilsversprechen wird, sondern zur strategischen Möglichkeit – angesichts der damaligen „Rechtswende“ die Bestände zu sichern, um irgendwie so zu überleben, dass etwas aus diesen Kämpfen bleibt.

1968 wäre einfach zu erledigen, wenn nur voluntaristisch erklärt werden müsste, dass nun ein neues Zeitalter angebrochen sei, wir heute unter gänzlich anderen Bedingungen lebten. Und genau in diesem Zug sind sich Parteikommunist*innen und Neoliberale, aufrechte Demokrat*innen und verwegene Neurechte einig: 1968 ist Geschichte. Wir stünden am Grab von 1968 und wüssten nicht, ob wir uns schämen sollten oder ob wir einfach weggingen. Das Erbe von 1968 wird immer wieder zu Grabe getragen, um dessen Gespenster dann wieder auferstehen zu lassen. Und das so Beschworene kehrt stets wieder, besonders aufgeblasen in der eigenen Rede als großes Übel oder längst überwundene Dummheit. Dafür ist das eigene Milieu zu zerstritten, zu anfällig für das Andere. Gerade das massenhafte Renegatentum Ende der 1970er steht für diesen plötzlichen Wandel der Weltanschauungen, der untergründig schon lange vorbereitet wurde.

Der Bruch mit 1968 ist nicht zu vollziehen: Er beschwört das Übel von 1968 in einer Weise, dass wir es gar nicht vergessen können. Revisionist*innen, Renegat*innen und Reaktionäre malen dieses Ereignis in so grellen Farben, dass sie dabei nicht merken, wie faszinierend es wird, alten Herren beim Pöbeln zuzusehen. Letztlich vergeht die Attraktivität älterer Herren, Väter oder Großväter. Das Ereignis, die Erinnerung daran bleibt. Allein wegen des Briefes an Dieter Schütt lohnt die Lektüre Dutschkes, der nicht zur Vaterfigur taugt, zu jugendlich seine Pullover oder seine Frisur, zu sehr ins Grübeln verstrickt, trotz aller Parolen. In diesem Brief kritisiert er die Tendenz der Linken, die Vergangenheit reanimieren zu wollen: Sie sprechen dann wieder eine Sprache, die exkludiert und wie die eines weisen Großvaters klingen will, aber einfach nur angezählt wirkt und durchgenudelt ist.

Dutschke schreibt dem Hamburger Herausgeber eines marxistischen Magazins, „Der Funke“, das den schönen Untertitel trug: „Ein ML-Organ ohne doppelte Waschkraft. Kein Rotmacher“. Ist damit nicht die unendliche Aufgabe formuliert? „Sich weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“ (Theodor W. Adorno). Dutschkes Weg, Theorie und Praxis gemeinsam zu vollziehen, endete zu früh. Aber seinen Werken steht eine produktive Rezeption erst noch bevor.

Titelbild

Willi Jasper: Der gläserne Sarg. Erinnerungen an die deutsche ‚Kulturrevolution‘.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2018.
255 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783957575302

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Rudi Dutschke: Geschichte ist machbar. Texte über das herrschende Falsche und die Radikalität des Friedens.
Mit einem Nachwort von Jürgen Miermeister.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018.
125 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783803127877

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