Literaturkritik in literaturkritik.de

Zur Februar-Ausgabe 2019 – mit Rückblicken auf die vergangenen 20 Jahre und Zukunftsperspektiven der Zeitschrift

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Geburtstage sind willkommene Anlässe zum Feiern, Erinnern, Nachdenken und Wünschen. Die Februar-Ausgabe von literaturkritik.de greift sie gleich vielfach auf. Und in gewisser Weise kommt es dabei zu Überschneidungen: Während wir Dieter Lamping, dem fachlichen Leiter der Komparatistik-Redaktion, zum 65. Geburtstag gratulieren, veröffentlicht er selbst hier einen Beitrag zum 125. Geburtstag von Ludwig Marcuse. Und während wir wie viele andere jetzt mit mehreren Rezensionen auch schon an Theodor Fontanes 200. Geburtstag erinnern, obwohl dieser erst am 30. Dezember geboren wurde, feiern wir gleichzeitig unseren eigenen 20. „Geburtstag“. Denn vor 20 Jahren ist die erste Ausgabe von literaturkritik.de erschienen.

Dem Archiv der Zeitschrift, die seitdem in jedem Monat mit mindestens einem Themenschwerpunkt in einer neuen Ausgabe erscheint, ist leicht zu entnehmen, wie häufig wir unsere Leserinnen und Leser dabei mit selbstreflexiven Rückblicken und auch mit dem konfrontiert haben, was schon der Name der Zeitschrift in ihr Zentrum stellt: die Literaturkritik. Die Zeitschrift praktiziert sie und macht sie gleichzeitig mit Blick auch auf andere literaturkritische Medien historisch, systematisch und kritisch immer wieder zum Gegenstand der Reflexion. Ein erster Schwerpunkt zur Debatte über die „Krise der Literaturkritik“ ist in der September-Ausgabe 2000 erschienen – mit Beiträgen von Matthias Politycki, Ulrich Rüdenauer, Kolja Mensing und Hinweisen auf Sigrid Löfflers Verteidigung der Literaturkritik gegen Missbrauch und Verachtung.

Ein umfangreicher Überblick zu den vielen im Laufe der Jahre fortgesetzten Themenschwerpunkten und Beiträgen zu dem Thema steht am Ende des Schwerpunktes unserer jetzigen Jubiläums-Ausgabe, die sich erneut der Literaturkritik widmet. Der Horizont reicht dort vom späten 17. Jahrhundert, in dem ein Beitrag über den literaturkritischen „Kannibalismus“ ihre Geschichte beginnen lässt, über den jungen Goethe, der mit seinem (allerdings nicht ganz ernst zu nehmenden) Appell „Schlagt ihn tot den Hund! Es ist ein Rezensent“ noch gut zweihundert Jahre später den bekanntesten Literaturkritiker deutscher Sprache zum Zurückschlagen provozierte, über den alten Goethe, der sich nicht zuletzt als Rezensent für seine Idee der Weltliteratur einsetzte, bis hin zu den jüngsten Auseinandersetzungen mit Michel Houellebecqs Roman Serotonin und Takis Würgers Roman Stella.

Ein Beitrag mit quantitativen Untersuchungen über „Geschlechterverhältnisse in der Literaturkritik“ und ein weiterer über ihre „Provokationen, Krisen, Wandlungen und Möglichkeiten“ sind im Zusammenhang mit Forschungen zur Literaturkritik entstanden, die am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck mit ihrem „Zeitungsarchiv zur deutsch- und fremdsprachigen Literatur“ (IZA) kontinuierlich betrieben und seit 2007 auch in dem Internetportal www.literaturkritik.at präsentiert wird. Einer der Beiträge ist dem ehemaligen Leiter dieses Archivs Michael Klein von seinem Nachfolger Stefan Neuhaus zum 80. Geburtstag gewidmet. Nach einer Chronik des Archivs begann Michael Klein 1960 privat damit, „eine Zeitungsausschnittsammlung zur Literaturkritik der internationalen Gegenwartsliteratur anzulegen.“ Nach mehr als einem Jahrzehnt wurde sie eingebunden in die Lehre und Forschung, laufend erweitert und seit Beginn des neuen Jahrhunderts digitalisiert.

Das Innsbrucker Zeitungsarchiv für Literaturkritik, mit dem wir seit vielen Jahren kooperieren, hat vor einiger Zeit die ursprüngliche Version der ersten Ausgaben von literaturkritik.de in einem amerikanischen Internet-Archiv entdeckt und gespeichert. Anders als in der Präsentation dieser Ausgaben in unserem eigenen Archiv gewinnt man dort einen authentischen Eindruck von unseren Anfängen und sieht sich – auch in medientechnischer Hinsicht – in eine andere Zeit versetzt.

Über diese Anfänge, ihre Vorgeschichten und die weiteren Entwicklungen haben die Februar-Ausgaben vor fünf und vor zehn Jahren ausführlich und zum Teil sehr persönlich berichtet. An den dort ausgeführten Sachverhalten, Problemen und Konflikten hat sich seither nicht viel verändert, auch nicht an dem Konzept, mit dem die Zeitschrift in die akademische Forschung und Lehre der Universität Marburg und Partnerschaften mit fachlich einschlägigen Instituten der Universitäten in Mainz und Duisburg-Essen eingebunden ist.

Der Studienschwerpunkt „Literaturvermittlung in den Medien“ (LVM) im Fach Deutsche Sprache und Literatur, der seit dem Wintersemester 1999/2000 an der Philipps-Universität Marburg vom Institut für Neuere deutsche Literatur im Zusammenhang mit der Zeitschriftengründung und im Rahmen unterschiedlicher Studiengänge angeboten wird, existiert nach wie vor. Er ist unlängst sogar mit einem Master-Studiengang „Literaturvermittlung in den Medien“ erweitert worden und vermittelt Qualifikationen, die den Zugang zur Berufspraxis vor allem in Bereichen des Verlagswesens und des Kulturjournalismus erleichtern sollen. Zugleich versteht er sich als ein Versuch, die Praxis der Literaturvermittlung mit der Forschung darüber zu verbinden. Die Zeitschrift folgt darüber hinaus der Absicht, der Literaturwissenschaft Möglichkeiten anzubieten, ihre Forschung einer breiteren, auch außeruniversitären Öffentlichkeit zu vermitteln und dabei in wissenschaftsjournalistische Fähigkeiten einzuüben.

Dies geschieht ähnlich auch in den Redaktionen der genannten Partner an anderen Universitäten, an denen inzwischen ebenfalls Übungen zum journalistischen Schreiben durchgeführt werden, deren Ergebnisse in literaturkritik.de zu lesen sind. Als wir vor genau zwei Jahren, in den Vorbemerkungen zur Februar-Ausgabe 2017, kritisch auf einen Artikel im Spiegel über das angebliche Elend der gegenwärtigen Germanistik und ihre mangelnde Präsenz in der Öffentlichkeit eingegangen sind, haben wir bei allen verärgerten Vorbehalten dem Journalisten Martin Doerry in einem Punkt partiell Recht gegeben und angemerkt: „Zu den Aufgaben der Wissenschaft, allerdings nicht bloß der Germanistik, gehört es, ihr Wissen nicht nur fachintern, sondern auch einem breiteren Publikum zu vermitteln. Darum bemüht sich literaturkritik.de seit inzwischen 18 Jahren. Das gehört zum Programm dieser Zeitschrift. Und Hunderte der angeblich ,schweigenden‘ Germanisten und Literaturwissenschaftler haben daran mitgewirkt.“ Seit September 2015 kann man übrigens viele Artikel aus literaturkritik.de nicht nur lesen, sondern auch hören – in Literatur Radio Bayern (seit Januar 2019 in Literatur Radio Hörbahn umbenannt).

Zu den Nachwirkungen dieses Spiegel-Artikels gehört es, dass die studentische Fachschaft Germanistik an der LMU München eine Tagung Zur Zukunft der Germanistik initiierte, die am 18. und 19. Januar 2019 stattfand (hier das Programm). Die Initiatoren, zu denen auch Kay Wolfinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Münchner Institut für Deutsche Philologie und seit 2014 als Rezensent an unserer Zeitschrift beteiligt, gehört, haben das Angebot dankbar aufgegriffen, einige Tagungsbeiträge in einer Sonderausgabe von literaturkritik.de zu veröffentlichen. Die Ausgabe mit den ersten Beiträgen und Ankündigungen, die bald ergänzt werden, ist seit einigen Tagen unter der Adresse https://literaturkritik.de/public/inhalt2.php?ausgabe=54 zugänglich.

In diesem Zusammenhang sind mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Instituts auch erste Gespräche über Möglichkeiten einer Beteiligung der Germanistik in München an unserer Zeitschrift geführt worden, aber noch ohne konkretere Ergebnisse. Die offene Zukunft der Zeitschrift ist derzeit mit vielen Problemen und Ungewissheiten konfrontiert. An der Universität Mainz steht die Emeritierung Dieter Lampings bevor. Die Zukunft des zusammen mit ihm für die fachliche Leitung der Komparatistik-Redaktion zuständigen Privatdozenten Sascha Seiler ist von den oft fatalen universitären Befristungen der Stellen des wissenschaftlichen Nachwuchses abhängig. An der Universität Marburg wiederum ist vor einem Jahr der als Mitherausgeber sowie mit etlichen Beiträgen und mit den seiner Professur zur Verfügung stehenden Mitteln an der Zeitschrift engagiert beteiligte Jürgen Joachimsthaler gestorben. Eine Nachfolgerin ist zwar inzwischen berufen worden und wird voraussichtlich im kommenden Sommersemester die auch für „Literaturvermittlung in den Medien“ zuständige Professur besetzen, doch zu Gesprächen des Herausgebers mit ihr und mit den InstitutskollegInnen über die Zukunft der Zeitschrift an der Universität ist es noch nicht gekommen.

Die derzeitige Leiterin der Mittelalter-Redaktion Alissa Theiß, der wir bei der Gelegenheit für ihre bisherige Mitarbeit herzlich danken, beendet in Marburg Ende Februar ihre Tätigkeit. Die Stelle des jetzigen Leiters der Marburger Redaktionszentrale Stefan Jäger, ohne den die Zeitschrift nicht mehr kontinuierlich erscheinen könnte, ist ebenso befristet und damit gefährdet, wie es die seines langjährigen Vorgängers Jan Süselbeck war (siehe dazu das Editorial zur Juni-Ausgabe 2015). Jan Süselbeck, derzeit DAAD Associate Professor of German Studies an der University of Calgary, Alberta, Kanada (wiederum befristet), ist nach wie vor an der Redaktionsleitung in Marburg beteiligt und er hat die Möglichkeit, bei einer festen Anstellung an einer deutschsprachigen Universität dort die Redaktion der Zeitschrift mit zu übernehmen, aber ob das gelingt, bleibt ungewiss.

Der Herausgeber und geschäftsführende Organisator der Zeitschrift selbst bemüht sich nun nach zwanzig Jahren, bald ein Team mit jüngeren Personen zu finden, das seine Arbeit übernimmt und fortführt und das er bei Bedarf beratend unterstützt. Die Zeitschrift gehört einerseits zur Universität, aber sie gehört ihr nicht. Sie ist zusammen mit dem Verlag LiteraturWissenschaft.de, in dem sie erscheint, Bestandteil des TransMIT-Zentrums für Literaturvermittlung in den Medien in der TransMIT GmbH, zu deren Trägern die mittelhessischen Hochschulen in Marburg und Gießen gehören. Die Gesellschaft ermöglicht und unterstützt unternehmerische Aktivitäten an Universitäten und bietet Hochschulangehörigen Möglichkeiten zu unternehmerisch selbständigen Existenzgründungen an. Personen, die an der Universität für literaturkritik.de tätig sind und deren befristete Stellen an der Universität auslaufen, könnten auch als Angestellte oder freie Mitarbeiter dieser GmbH weiterbeschäftigt werden – wenn die Einnahmen zur Deckung der Kosten ausreichen. Ein Teil unserer Personalkosten für die Redaktionsarbeit sowie die Kosten für Redaktionstechnik und ihre Betreuung werden denn auch durch unsere Einnahmen aus Anzeigen, aus der inzwischen von anderen wiederholt kritisierten und auch von uns selbst in Frage gestellten Partnerschaft mit Amazon und vor allem aus finanziellen Beiträgen unserer Online-Abonnenten gedeckt. Wir sind allen, die uns durch ihr Abonnement unterstützen, sehr dankbar. Die Zahl der Abonnenten ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, doch müsste sie noch erheblich höher sein, um längerfristig unsere finanzielle Unabhängigkeit und die Spielräume zur Modernisierung und Qualitätssteigerung unserer Angebote zu vergrößern.

Eine Abhängigkeit von akademischen „Drittmitteln“, deren Beantragung mit hohem bürokratischem Aufwand verbunden ist und die ebenfalls immer nur befristet sind, haben wir bisher vermieden. Und auch ein Bezahlsystem, das den bisher kostenlosen Zugang einer breiten Öffentlichkeit zu den allermeisten Beiträgen in literaturkritik.de einschränken würde, kam für uns bislang nicht infrage. Gibt es Alternativen? WissenschaftlerInnen an Universitäten sind ökomische Aktivitäten, Ideen, Experimente und Planungen, wie sie für die finanzielle Unabhängigkeit der Zeitschrift und ihres Verlags nötig sind, in der Regel fremd und sie sind, soweit sie verbeamtet oder fest angestellt sind, nicht persönlich davon abhängig. Sie können dabei aber für Forschungen zum „Literaturbetrieb“ viel lernen und ihren Horizont erweitern. Wie in der Literaturkritik sind in diesem Bereich Praxis-Erfahrungen, verbunden mit der ständigen Beobachtung von literaturvermittelnden Medien anderer Institutionen, der Forschung und Lehre förderlich – und die Forschung wiederum kann der Praxis zugute kommen.

Wäre für literaturkritik.de vielleicht eine Kooperation mit einem professionellen Verlag oder einer für Literatur und Wissenschaft relevanten Zeitung sinnvoll? Wäre es für Online-Abonnenten reizvoll, sie in eine literarisch und literaturwissenschaftlich interessierte Kommunikationsgemeinschaft einzubinden, die unabhängig von Twitter oder Facebook und ohne Befürchtungen der Datenobservation agiert? Wären regelmäßig wiederkehrende Spendenaufrufe wie bei Wikipedia oder beispielsweise Perlentaucher hilfreich? Könnte unser jüngeres Experiment mit einem „Offenen Rezensionsforum“ für Abonnenten, ähnlich wie bei Wikipedia, mit einer vergrößerten Zahl freiwilliger Mitarbeiter ebenfalls redaktionell betreut und dadurch attraktiver werden?

Eine der in den vergangenen Jahrzehnten prominentesten literaturkritischen Sendungen im Fernsehen beendete früher jede Folge bekanntlich mit den Bertolt Brecht entlehnten Versen: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“. Der Vorhang öffnete sich dann wieder mit der nächsten Sendung. – Anregungen unserer Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter, Leserinnen und Leser zu Antworten oder zu neuen Fragestellungen schon vor der nächsten Ausgabe von literaturkritik.de sind willkommen. Allen, die unsere Zeitschrift mit ihrer Arbeit, ihrem Interesse und ihrer Anteilnahme unterstützt haben oder künftig unterstützen, sind wir sehr dankbar.

Erweiterungen und Überarbeitungen dieses Beitrags bis zur Herstellung der gedruckten Februar-Ausgabe am Monatsende sind nicht ausgeschlossen.