Zur Ökumene von ‚Kimchi-Fressern‘ und ‚Japse-Piraten‘

Reinhard Zöllner erhellt die japanisch-koreanischen Beziehungen von der Steinzeit bis in die Gegenwart

Von Matthias KochRSS-Newsfeed neuer Artikel von Matthias Koch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die japanisch-koreanischen Beziehungen sind chronisch schlecht, ganz aktuell sogar wieder einmal sehr schlecht! Und das, obwohl oder weil beide Volksgruppen seit tausenden von Jahren direkte Nachbarn sind und sich wechselseitig so gut kennen und (ein)schätzen (können) sollten wie niemand(en) sonst auf der Erde. Aber mit den lieben Nachbarn ist das ja global und lokal oft so eine Sache. Der Historiker und Japanologe Reinhard Zöllner legt mit dieser ersten deutschsprachigen Gesamtdarstellung die historischen Wurzeln von aktuellen Problemen zwischen flachgesichtigen, überprivilegierten, kriminellen Kakerlaken und Kimchi-Fressern und kleinwüchsigen, krummrückigen und barbarischen Japse-Piraten frei.

Die koreanische Halbinsel und das japanische Archipel führen seit langem einen gutnachbarschaftlichen Selbstbehauptungswettbewerb, sind durch kulturellen, kommerziellen, diplomatischen und militärischen Austausch aufs Engste miteinander verbunden und pflegen zugleich eine herzliche Abneigung gegeneinander. Ausnahmen bestätigen die Regel: „Zumindest im 9., 10., 13. und 15. Jahrhundert gingen von koreanischem Territorium Interventionen gegen Japan aus.“ Aber: „Diese richteten bei weitem weniger Schaden an als die Übergriffe seitens Japan.“ Damit sind – wenn wir den Tausch von japanischer Manpower in Form von kriegerischer Kampfkraft gegen koreanisches Eisen und eiserne Waffen während der Zeit der Drei (bis fünf) Reiche im ersten Jahrtausend nach der Zeitwende und die „japanischen Piraten“ (13.–16. Jahrhundert) an koreanischen und chinesischen Küsten einmal beiseitelassen – in erster Linie der „Große Ostasiatische Krieg“ (1592–1598) Japans gegen Korea und China und die Annexion Koreas (1910–1945) gemeint.

„Noch heute ist es in Korea üblich, Japan im pejorativen Sinne als 倭 zu bezeichnen.“ Mit diesem Satz schlägt der Autor einen weiten Bogen von der erstmaligen Erwähnung des späteren Japan und seiner Bewohner als „kleinwüchsige, krummrückige Ostbarbaren“ des entlegenen Reiches Wo 倭 (ch. Wō, jp. Wa und Yamato, kor. Wae 왜) in einer offiziellen Quelle des damals die chinesischen Mittellande dominierenden Königreiches Wei (220–265) über die „japanische Zwergpiraten“-Plage 倭寇 (ch. Wōkòu, jp. Wakō, kor. Waegu 왜구) im Mittelalter und den Großen Ostasiatischen Krieg gegen Ende des 16. Jahrhunderts bis zur Annexion Koreas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieser Bogen ist zugleich der Spannungsbogen des vorliegenden Buches und das Spannungsfeld, in dem sich die japanisch-koreanischen Beziehungen tatsächlich heute noch bewegen.

Fremdenfeindlichkeit und Fremdenangst und das Verachten anderer Volksgruppen zum Beispiel als kleinwüchsig oder flachgesichtig haben eine lange Tradition in praktisch allen Kulturen: Die abstrakte Inhaltsleere und Argumentfreiheit der Xenophobie hat möglicherweise niemand schöner als das Selbstverständlichste und Normalste von der Welt formuliert als der Kelte Methusalix; er sagte fünf, sechs Jahrzehnte vor unserer Zeitrechnung beim Abwaschen zu seiner Frau: „Du kennst mich doch, ich hab’ nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!“ (Asterix. Das Geschenk Cäsars, Bd. XXI)

Naturalisierte Merkmalszuschreibungen bilden bekanntlich die Elementarform von Xenophobie und Rassismus. Ob jemand tatsächlich kleinwüchsig oder flachgesichtig ist und wofür das relevant sein soll – beim Basketball sind relativ klein gewachsene Menschen zumindest im Nachteil –, ist nicht entscheidend. Wichtig ist der Anschein eines Arguments. Aus einem wie auch immer gearteten Körperbau oder gar einer kulinarischen Vorliebe (Kimchi, Knoblauch, Spaghetti, Hanuta etc.) erwächst ganz sicher kein Rassismus. Der ist vielmehr hier schon existent und sucht sich zielsicher aus beliebigem Material seine Argumente. Subspezifische Gruppen der Spezies Mensch, wie zum Beispiel eine benachbarte oder auch entferntere Volksgruppe oder Ethnie pauschal – und nicht wegen eines inhaltlich oder sachlich bedingt wichtigen Vergleichskriteriums – als kleinwüchsig, flach-/rundgesichtig, dickbauchig, flachbrüstig oder Ähnliches zu bezeichnen, ist die Grundform der Xenophobie und nicht notwendigerweise auf den Körperbau beschränkt. Auch naturalisierte Merkmalszuschreibungen der intellektuellen Fähigkeiten von pauschal unzivilisiert oder arrogant über einfältig bis durchtrieben können durchaus als das Andere, das Fremde, das Suspekte und das Dämonische konfigurieren.

Das heutige japanische Archipel war in der letzten Kaltzeit der Erde über Landbrücken im Nordosten und Südwesten mit dem späteren eurasischen Kontinent verbunden. Die nichtsesshaften Vorläufer der heutigen Koreaner und Japaner haben deshalb zu bester Jäger- und Sammler-Zeit ein gemeinsames Binnenmeer umwandern können. Irgendwann haben die ersten Mutigen sicher auch versucht, mal mit dem Einbaum eine abenteuerliche Abkürzung zu nehmen; es gab ja auch noch viel zu entdecken. Durch Blitze und Vulkanausbrüche entstandenes Feuer – das spätere Japan lag schon damals auf dem u-förmigen Feuerring – galt es zu zähmen, als Lagerfeuer am Leben zu erhalten und durch Zubereitung von Nahrungsmitteln und Brennen von Tongefäßen die Entwicklung des späteren ostasiatischen Verdauungstraktes und Gehirns zu unterstützen. Und noch vor der Erfindung des Feuerzeugs musste auf beiden Seiten des vor etwa 20.000 Jahren dann wieder trennenden Meeres entdeckt werden, wie man eventuell mit Schwefelkies und Feuerstein oder Ähnlichem Funken und schließlich Feuer erzeugen konnte. Auf der späteren koreanischen Halbinsel hat man sich gemäß archäologischer Funde und Befunde in der Steinzeit auch sehr für vulkanisches Gesteinsglas vom späteren japanischen Archipel interessiert, weil es dort weniger davon gab und das Zeug praktisch beim täglichen Überlebenskampf war. Dafür half man von der Halbinsel oder vom Kontinent möglicherweise beim Feuermachen und Brennen von Tongefäßen aus. Auch bei Waffentechnik, Bestattungsarten und -formen und Vorstellungen von übernatürlichen Wesenheiten hat man sich offensichtlich wechselseitig befruchtet oder ist auf Vieles einfach auch selbst gekommen. Das Beeindrucken der Menschheit mit magischen Formeln, seien es schlichte schamanistische Zaubersprüche oder hochelaborierte buddhistische Sutren, gehörte schon früh zum Repertoire und Geheim- und Herrschaftswissen der geistigen Anführer und Anführerinnen. Auch in diesem Bereich waren die Eliten auf beiden Seiten der Meeresstraße mit lange Zeit unbekanntem Namen möglicherweise offen für Kulturkontakte. Vieles liegt gewiss auch noch im Halbdunkel der archäologischen Forschung und des vorschriftlichen Zeitalters.

Reinhard Zöllner will mit dieser ersten deutschsprachigen Gesamtdarstellung zur Geschichte der japanisch-koreanischen Beziehungen von den Jäger- und Sammler-Kulturen über die altertümlichen, mittelalterlichen und frühmodernen Ständegesellschaften bis zur modernen Klassen-, Informations- und Dienstleistungsgesellschaft der Gegenwart eine historiografisch-humanistische Bresche für „neue Perspektiven“ im raumzeitlichen Kontinuum und das „neue Paradigma“ einer „Ökumene des Ostasiatischen Meeres“ im engeren Sinne sowie einer „ostasiatischen Ökumene“ im weiteren Sinne schlagen. Der Autor empfiehlt den heutigen Koreanern und Japanern (sowie koreanistischen und japanologischen Historikern, die deren Treiben erforschen, wie es eigentlich gewesen) die Anwendung der Perspektive einer ostasiatischen Ökumene auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft und entdeckt nicht zuletzt auch dank seines Paradigmas eines gemeinsamen Meeres Reziprozität und Bidirektionalität in den japanisch-koreanischen Beziehungen von der Steinzeit bis in die Gegenwart. Außerdem spricht er sich als quasi-neutraler Chronist und mediatorischer Historiograf gegen eine nationalinteressegeleitete Vergangenheitsbewältigung durch patriotisch-populistische Politiker sowie Historiker und für eine faktenbasiert-wahrhaftige, geschichtsbewusst-problemorientierte und bürgerselbstbestimmt-versöhnende Lösung historischer Probleme zwischen Japan und Korea aus.

Den Begriff der „Ökumene“ gebraucht der Autor als geografischen und kulturgeschichtlichen Terminus technicus und Perspektive eines gemeinsamen Lebens- und Siedlungsraumes von Anrainern des gemeinsamen „Ostasiatischen Meeres“. Sie ist dem Autor so wichtig, dass er ihn konsequenterweise in der Überschrift aller acht Hauptkapitel benutzt. Zöllner verschriftet zahlreiche Begriffe im Hauptteil des Buches originalsprachlich sino-japanisch-koreanisch und transkribiert sie anschließend lateinisch, etwa wie im dritten Absatz dieser Rezension. Das ist alte Schule und hoher wissenschaftlicher Standard. Wem ostasiatische Schrift wenig sagt, der kann das Werk trotzdem mit Gewinn lesen, weil es durchgehend allgemeinverständlich geschrieben ist, wenn man die unbekannte Schrift gut ignorieren kann. Das Buch ist lateinisch indexiert. Bei einer Neuauflage wäre zu überdenken, ob man dem Index nicht noch ein separates Glossar ostasiatischer Schriftzeichen mit Transkription hinzufügt – mehr ist mehr. So könnte man im Hauptteil selektiver vorgehen oder gar ganz auf ostasiatische Schriftzeichen verzichten oder sich auf originalsprachliche Schlüsselbegriffe beschränken – weniger ist mehr. So wäre hoher wissenschaftlicher Standard und Lesevergnügen für beide Lesergruppen garantiert.

Der Begriff des „Ostasiatischen Meeres“ ist vom Autor mediatorisch und programmatisch als Vorschlag zur Umbenennung des Meeres zwischen Japan und Korea gemeint. Hier heißt es possessiv und exklusiv Japanisches Meer, dort wird es als (Koreanisches) Ostmeer bezeichnet. Der Name soll mit Blick auf wechselseitige zivilisatorische Befruchtung „einschließlich Kriegen und Konflikten“ die Qualität des „Meeres als Medium des Austauschs und der Kommunikation“ zum Ausdruck bringen und ist Teil eines größeren ost- und südostasiatischen maritimen Ganzen, das „die Anrainer des Ostasiatischen und des Ostchinesischen Meeres und im weiteren Sinne das Südchinesische Meer und die südostasiatischen Meere umfaßt und damit auch eine Korrektur der traditionell sinozentrischen Diskurse erlaubt.“

Zöllner spricht sich gegen die von vielen Historikern und Politikern benutzten Metaphern aus, die koreanische Halbinsel sei eine unidirektionale „Brücke“, ein „Brückenkopf“, eine „passive Leitungsröhre“ oder auch eine „Einbahnstraße“ über die wie Trittsteine im Meer liegenden japanischen Inseln Tsushima und Iki für Japan gewesen. Vielmehr erfolgte der Austausch zwischen Korea und Japan tatsächlich mehrgleisig, zum Teil in Wellen sowie in beide Richtungen. Seine Träger waren divers, zum Beispiel Waffenschmiede, Metall- und Glockengießer, Seidenweberinnen, Pferdeknechte, Bogenbauer, Schriftgelehrte, Migranten, Flüchtlinge, Adelige, Sklaven, Forschungsreisende, Mönche, Piraten, Händler, Diplomaten, Dolmetscher, Dirnen, Soldaten, Handwerker, Bauern, Abenteurer, Entrepreneure, Studenten und last but not least „Trostfrauen“/„Sexsklavinnen“/Militärbordellprostituierte sowie Arbeiter und Zwangsarbeiter.

Von der Steinzeit bis zur Moderne gab es Zeiten, in denen zwischen der heutigen koreanischen Halbinsel und der japanischen Inselkette ein reger Austausch von Waren, Gütern, Ideen und Know-how stattfand: Obsidian, Brenntechniken für keramische Massen, Nassfeldreisanbau, Bronze, Eisen, Silber, Gold, Kupfer, Zinn und daraus gefertigte Gebrauchs- und Luxusgüter, Tiger-, Bären- und Leopardenfelle, Ginseng und Honig, (chinesische) Seide, Baumwolle, Süßkartoffel, Tabak, Chili, Kürbis sowie (Feuer-)Waffen, Farbstoffe, Bücher, Bilder, Buddhismus (Tripitaka Koreana), Konfuzianismus, Daoismus, Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus und anderes mehr. Seit Chinesen, Koreaner und Japaner mit Schiffen die Meere durchquerten, gab es legalen Austausch durch Tributhandel und das offizielle Geschenkaustauschwesen mit fließendem Übergang zur Korruption, sowie legalen und illegalen privaten Handel durch Händler und Dolmetscher sowie Phasen der Abschottung und Regulierung, aber auch der er- und aufgezwungenen Kulturkontakte durch Händler, Piraten und Soldaten mit allen Begleiterscheinungen von Invasion, Krieg und Annexion, gemischt mit Zeiten ostentativen Desinteresses.

In der Zeit konkurrierender Stämme, Fürstentümer und Königreiche wie auch in der Zeit kriegerisch geeinter König- und Kaiserreiche mit von Zeit zu Zeit aufständischen Bauern ging es stets und in letzter Instanz um Herrschafts- und somit Über- und Unterordnungsverhältnisse, das heißt um Macht und Reichtum und wie beides interesse- und zweckgeleitet nach innen und außen zu mehren und zu verteilen sei. Im ersten Jahrtausend vor und im ersten Jahrtausend nach unserer Zeitrechnung gab es mehrere Einwanderungswellen mit erwünschter Migration von Kulturträgern der koreanischen Halbinsel sowie vom Kontinent aus den chinesischen Mittellanden verschiedener Dynastien auf das japanische Archipel.

Der chinesische Reichseinigungs-, Expansions- und Konzentrationsprozess hatte nach der Zeit der Streitenden Reiche im Jahr 221 v.u.Z. mit der bis dahin größten territorialen Ausdehnung unter einem Kommando sowie der Ausrufung des „Ersten Erhabenen Gottkaisers“ einen vorläufigen historischen Höhepunkt erfahren mit der Gründung der kurzen, aber für China als (Quasi-)Suzerän Koreas und Japans langfristig wegweisenden Qin-Dynastie (221–207 v.u.Z.) in Gestalt eines legalistisch-meritokratischen Beamtenstaates. Die Herstellung und Verarbeitung von Metallen, vor allem von Gebrauchsgegenständen aus Eisen, sowie der Nassfeldreisanbau waren zentral für die Existenzsicherung, die militärische Selbstbehauptung und die Erwirtschaftung von größeren Erträgen einer langsam wachsenden Bevölkerung bei gleichzeitig rascher wachsenden Ansprüchen ihrer Eliten. Bronze und Eisen gelangte im letzten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung durch Migranten, Flüchtlinge, Forschungsreisende und Auftragnehmer zunächst in Form von Fertigprodukten wie zum Beispiel Speeren und Speerspitzen, Dolchen, Schwertern, Äxten, Spaten, Angelhaken, Spiegeln und Glocken von China auf die koreanische Halbinsel. Bronze und Eisen kam mit etwas Zeitverzögerung später von Korea nach Japan in Form von Waffen (darunter auch eiserne Rüstungen, Helme und Kopfschutze für Menschen, später auch für Pferde), rituellen Gegenständen und Luxuswaren sowie Gerätschaften für die Landwirtschaft und den Fischfang.

Einmal in der Welt, war es nur eine Frage der Zeit, bis das neue Wissen als Know-how zur Herstellung und Verarbeitung sich allgemein verbreitete und nach dem einen oder anderen Jahrhundert von der koreanischen Halbinsel bis Kyūshū und im Westen der heutigen Hauptinsel Honshū zur Anwendung kam und sich von dort aus später in nordöstlicher Richtung weiter verbreitete. Das gilt auch und gerade für die Eisen- und Waffenproduktion, keramische Massen und neue Brenntechniken sowie den Nassfeldreisanbau. Wo letzterer Einzug hielt, führte er bei günstigen klimatischen Bedingungen und entsprechender bäuerlicher Arbeitsteilung in der Regel zu einem signifikanten Bevölkerungsanstieg. Für damalige Maßstäbe sogar zu einer ersten Bevölkerungsexplosion im Gebiet des heutigen Westjapan seit seiner Einführung in der Yayoi-Zeit (300 v.u.Z.–300 n.u.Z.).

In Korea sollten bis zur erstmaligen Reichseinigung – ex post ein Glanzlicht und Zwischenstopp in jeder Nationalgeschichte – noch drei, vier Königreiche ein paar hundert Jahre miteinander um die Vorherrschaft auf der Halbinsel konkurrieren. Als geeint gilt das spätere Korea seit dem Königreich Goryeo (auch Koryŏ, 918–1392), gefolgt von Joseon (auch Chosŏn, 1392–1897) und dem Kaiserreich Korea (1897–1910) kurz vor der japanischen Annexion. Am koreanischen Reichseinigungsprozess beteiligten sich im Altertum lange Zeit auch japanische Militärberater und Kämpfer mal mehr, mal auf Sparflamme. Daraus leiteten später geschichtsbewusste Japaner mit Weltherrschaftsambitionen den Anspruch ab, Korea früher oder später bestrafen und komplett annektieren zu dürfen. Bevor Korea von Japan Anfang des 20. Jahrhunderts annektiert wurde, erlaubte sich der japanische Feldherr Hideyoshi Toyotomi (1537–1598) im Großen Ostasiatischen Krieg (1592–1598) noch einen Fehlversuch. Er gilt – in japanischen Schulbüchern – als einer von drei großen japanischen Nationalhelden und Reichseinigern und ist in Korea wohl bis heute einer der bekanntesten unter den unbeliebten Japanern. Offiziell mag er sich vielleicht an die „Grundsätze einer humanen Kriegführung“ gehalten haben, aber im Ergebnis ließ er auf der koreanischen Halbinsel im letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts im großen Stil sengen und brennen, töten und versklaven, um koreanische Bauern in Japan in der Landwirtschaft arbeiten zu lassen, damit japanische Bauern irgendwann eine kritische kriegerische Masse bildeten und Zeit und Muse hätten, von Korea aus das chinesische Ming-Reich (1368–1644) zu erobern. Zum Beweis für seine militärischen Erfolge ließ Hideyoshi von seinen Soldaten und Milizionären bei wichtigen Persönlichkeiten ganze Köpfe, bei gewöhnlichen Sterblichen Ohren und Nasen als Beweis für seine militärischen Erfolge abschneiden und sammeln, in Salz einlegen und ins japanische Mutterland schicken. Solche Arbeitsnachweise sollen damals kulturübergreifend üblich gewesen sein. Im Nachhinein galt Hideyoshis Plan nicht als grausam und größenwahnsinnig, sondern nur zum Scheitern verurteilt, denn es hatte ja (noch) nicht geklappt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts holte Japan dann koreanische Bauern und Arbeiter als Zwangsarbeiter aus seiner koreanischen Kolonie oder Provinz ins japanische Mutterland, damit japanische Bauern, Arbeiter und Soldaten in Korea und in der Mandschurei zur Verfügung stünden, um das zivilisatorische Niveau Koreas stufenweise zu heben und dem japanischen Mutterland zu dienen.

Wenige Jahre nach dem Ende des Großen Ostasiatischen Krieges – die Bevölkerung war allein auf der koreanischen Halbinsel aufgrund von Gemetzeln und „Menschenjagd“ um rund zwei Millionen Menschen dezimiert worden – ließ sich das Königreich Joseon (früher Chosŏn, 1392–1897) dazu überreden, mit dem neuen japanischen Shōgun einen Versöhnungsprozess in die Wege zu leiten. Federführend dabei war das Fürstentum Tsushima, das sich aus Eigeninteresse für die Pflege der japanisch-koreanischen Beziehungen verantwortlich fühlte und vom jeweiligen Shōgun in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die Verantwortung dafür auch gern übertragen ließ. Von rund 250 japanischen Fürstentümern war es dasjenige, das unter einem Shutdown der japanisch-koreanischen Beziehungen am meisten litt, weil es schon allein wegen Reismangels auf Handel und Austausch am meisten angewiesen war. Deshalb betrieb der Fürst von Tsushima, der schon Hideyoshi treu gedient hatte, binnen eines Jahrzehnts „trickreich und mit geradezu krimineller Energie“ erfolgreich den „Versöhnungsprozeß“ zwischen Korea und Japan unter dem neuen obersten Militärführer Ieyasu Tokugawa (1543–1616).

Korea und Japan schlossen schon bald ein Friedens- und Handelsabkommen (1609). Die koreanische Seite achtete darauf, Austausch, Handel und Diplomatie streng zu regulieren, zu reglementieren, zu kanalisieren und zu monopolisieren. Die Verwaltung von Dongnae (früher Tongnae) bei Busan (früher Pusan), heute Südkoreas zweitgrößte Stadt mit dem größten Hafen des Landes, war im Namen und anstelle des koreanischen Königshofes – dort hatten Japaner fortan keinen Zutritt mehr – zuständig für die Pflege der koreanisch-japanischen Beziehungen. Jährlich wurden 8 bis 9 Tributschiffe sowie 20 bis 30 Handelsschiffe mit Patenten des Fürstentums Tsushima nach Korea geschickt. Die Entsendung von Gesandtschaften zur Gratulation zum Amtsantritt eines neuen Tokugawa-Shōgun und zur „Übermittlung vertraulicher Nachrichten“ erfolgte nicht regelmäßig, zumal sie sehr zeit- und kostenaufwendig für beide Seiten war. Korea schickte unter der Herrschaft des Tokugawa-Shogunats während der Edo-Zeit (1603–1868) insgesamt elf Gesandtschaften mit einer Personalstärke von jeweils rund 500 Personen. Die koreanischen Gesandtschaften von 1636, 1643 und 1655 erwiesen noch ihre Reverenz Shogunatsgründer Ieyasu durch einen Besuch seines Mausoleums in Nikkō, danach fiel dieser Teil des Besuchsprogramms dem Sparzwang zum Opfer. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einigten sich beide Seiten, den Aufwand zu minimieren; die letzte koreanische Gesandtschaft von 1811 reiste schließlich nur bis Tsushima. Danach dümpelten die japanisch-koreanischen Beziehungen unter dem militärischen Druck der Westmächte in Ostasien vor sich hin. In diesem Zusammenhang warnt Zöllner gegenwärtige Politiker in Japan und Korea vor einer Verklärung der guten alten Zeit der japanisch-koranischen Beziehungen; so richtig gut waren die gemäß Quellenlage nämlich noch nie. Im geistigen Überbau wurde die Stimmung in Japan gegenüber Korea während des 19. Jahrhunderts zunehmend aggressiver. Das Narrativ von der „Bestrafung“ und Unterwerfung des abtrünnigen „Korea“ als geschichtlicher und göttlicher Auftrag wurde als eine Art alter Hut neu aufgesetzt von Vertretern der japanischen Nationalphilologie (Kokugaku) wie Atsutane Hirata vehement verfochten und „1910 tatsächlich von Nationalliberalen wie Itagaki Taisuke und Ōkuma Shigenobu“ auch aufgegriffen. Hier mischen sich Reichsgründungsmythen und Überlegenheitsfantasien frühmoderner und moderner Nationalisten und Imperialisten mit überkommenen altertümlichen und mittelalterlichen Begriffen und Motiven.

Bleibt noch eine Frage: Was macht Koreaner in Japan nun eigentlich zu überprivilegierten Kriminellen? Nicht wenige Politiker – insbesondere solche der über den längsten Zeitraum seit ihrer Gründung Mitte der 1950er Jahre und auch aktuell regierenden Liberaldemokratischen Partei – können wirklich nicht verstehen, wofür sich Japan zum Beispiel gegenüber seinen koreanischen Nachbarn jemals entschuldigen sollte; denn die flachgesichtigen Kimchi-Fresser sollen sich mal nicht so haben! Wer hat sich denn recht eigentlich betrachtet dazu herabgelassen – und dabei weder Kosten noch Mühen gescheut –, diesen barbarischen Müll der Menschheit während der Zeit der kolonialen Herrschaft stufenweise auf ein höheres – fast japanisches – zivilisatorisches Kulturniveau emporzuheben?! Wer will denn ernsthaft bestreiten, dass Korea während der Zeit des japanischen „Assimilierungskolonialismus“ industrialisiert wurde, dass das Eisenbahnnetz und das Bildungswesen erheblich ausgebaut, das Land neu vermessen, die Reisproduktion erhöht, die Häfen modernisiert, die Landwirtschaft mechanisiert und die Analphabetismusrate gesenkt wurden?! Tausende von Koreanern haben sogar im Bruderland studiert und von Japan siegen lernen dürfen. Korea dankte dem japanischen Mutterland dafür unter anderem als Lieferant für Eisenerze und als Kornkammer, weshalb sich der durchschnittliche Pro-Kopf-Reiskonsum in Korea zwar erheblich verminderte, aber der Mensch lebt ja auch nicht von Reis allein. Koreaner und auch Koreanerinnen wuchsen als japanische Untertanen und Staatsbürger honoris causa jedenfalls erwiesenermaßen um durchschnittlich „mehr als zwei Zentimeter“. Cui bono? Win-Win-Situation! Oder etwa nicht?

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich 500.000 Japaner auf der koreanischen Halbinsel und 120.000 Japaner in der Mandschurei und wollten mehrheitlich so schnell wie möglich zurück nach Japan, weil Japan als Weltkriegsverlierer im Großen und Ganzen seine seit 1895 annektierten und beherrschten Gebiete einschließlich Formosa (Taiwan) verloren hatte. Rund 2,1 Millionen Koreaner in Japan und noch einmal etwa 1 Million Koreaner in der Mandschurei mussten oder wollten zurück auf die koreanische Halbinsel. Für viele koreanischstämmige Menschen in Japan war das kein „zurück in die Heimat“, sondern ein „weg aus der [ersten oder zweiten, jedenfalls] Heimat“, weil sie ganz oder zeitweilig in Japan aufwuchsen und sich in Korea noch fremder als in Japan fühlten. Und zu potenziellen Stellvertreterkriegsgebieten und anderen Pulverfässern lässt sich noch schwieriger ein Heimatgefühl entwickeln.

Etwa zwei Jahre nach der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg wurden Koreaner in Japan (Zainichi-Koreaner) – weder richtige Ausländer noch richtige Japaner, sondern Quasi-Japaner zwangsweise und ehrenhalber zugleich – auf der Grundlage eines kaiserlichen „Befehls zur Registrierung der Ausländer“ am 2. Mai 1947 (Kaiserliche Verordnung Nr. 270), also einen Tag vor dem Inkrafttreten der neuen japanischen Verfassung, zuerst „Menschen, die keine Ausländer sind“, dann „Drittstaater“ – das waren nach der Definition eines Polizeihandbuchs des japanischen Justizministeriums „außer Koreanern Menschen aus Ryūkyū oder Taiwan“– und schließlich „Staatenlose“ und „verloren alle Ansprüche auf Kriegsopferversorgung und Sozialversicherung“. Kurz: „Mit dem Inkrafttreten des Friedensvertrages von San Francisco am 28. April 1952 verloren die Koreaner in Japan durch einfache Mitteilung des Generalstaatsanwalts ihre japanische Staatsangehörigkeit.“ Koreaner in Japan wurden ab sofort von den Einwanderungsbehörden, dem Wahlrecht und dem Familienrecht als Ausländer klassifiziert, vom japanischen Kultusministerium hingegen als „bis auf weiteres“-Japaner.

Bis zum Dezember 2017 haben sich über die Jahrzehnte hinweg 371.161 aus Korea stammende Menschen in Japan naturalisieren lassen. Naturalisierte koreanischstämmige Menschen sind zwar rechtsförmlich japanische Staatsbürger, gelten aber nicht als Japaner (jp. Nihonjin) im engeren Sinne, sondern als „süd- und nordkoreanischstämmige Japaner“ (jp. Kankoku, Chōsenkei Nihonjin) oder auch „Korean Japanese“ (jp, Korian Japanīzu). Eine staatlich unterstützte Repatriierungsbewegung war bis zur ersten Hälfte der 1960er Jahre aktiv, aber nur bedingt erfolgreich, weil repatriierte Koreanischstämmige mehr als „Japaner“ denn als Koreaner wahrgenommen wurden und nicht wenige wieder nach Japan zurückkamen oder kommen wollten.

Eigentlich ist es wenig erstaunlich, dass in Japan regelmäßig festgestellt wird, dass koreanisch- und chinesischstämmige Menschen im Rahmen der Ausländerkriminalität anteilig einen der vorderen Plätze belegen; es sind ja auch die beiden größten Ausländergruppen. Da die koreanisch- und chinesischstämmigen Minderheiten in Japan als Menschen in der „Diaspora ohne Heimat“ und zwischen allen Stühlen mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Kriegsverlierer und Kriegsgewinner zugleich waren und der Mehrzahl von ihnen nolens volens ein Daueraufenthaltsrecht gewährt wurde, gelten koreanischstämmige Menschen nicht wenigen Japanern, die in den Genuss dieses Rechtes in aller Regel automatisch per Geburt kommen, pauschal als – unverdientermaßen – „überprivilegiert“.

Japan wird – Stichwort demografischer Wandel – seit etwa 2005 von japanischstämmigen Japanern, also richtigen, echten, wirklichen Nihonjin sukzessive nachhaltig und mit zunehmender Geschwindigkeit entvölkert, vor allem auf dem Land nachgerade depeupliert; es gibt nach der letzten Statistik nur noch rund 124.353.000 reinrassige Japaner und Japanerinnen. Denn so, wie man in der Kriminalitätsstatistik zwischen Inländerkriminalität – ganz normal! – und Ausländerkriminalität – sehr suspekt! – fein unterscheidet, so macht man auch in der Bevölkerungsstatistik feine Unterschiede zwischen echten Japanern und Japanerinnen und Ausländern, also zugezogenen Fremden und weiteren Unzuverlässigen anderer Volksgruppen.

Die Nationalität spielt bei einer Tat, von der niemand betroffen sein möchte, eigentlich keine Rolle. Aber in Japan unterscheiden das Justizministerium, viele Polizisten und Parlamentarier und erhebliche Teile der Massenmedien und nach so viel überzeugungskräftiger Anleitung am Ende auch viele normale japanische Staatsbürger im Rahmen der Kriminalitätsstatistik zwischen Inländerkriminalität und Ausländerkriminalität. Interessanterweise wird aus den gleichen Zahlen von einer Seite herausgelesen, dass die Kriminalitätsrate von Koreanern (und Chinesen) fünf bis zehn Mal so hoch sei wie bei Japanern und von der anderen Seite, dass 95 Prozent aller Verbrechen von Japanern begangen werden, bei Schwerverbrechen sogar 99 Prozent. Was ist da los? Chinesen sind mit rund 730.000 Menschen die größte Minderheit in Japan, Koreaner mit rund 550.000 Menschen die zweitgrößte. Beide führten 2017 auch in der offiziellen Statistik für Ausländerkriminalität die Zahl der festgenommenen Straftäter an, Chinesen mit 4.735 Menschen und Süd- und Nordkoreaner mit 3.226 Menschen. Das erstaunt wenig angesichts der Tatsache, dass es sich um die beiden größten Ausländergruppen handelt. Und hier sind die mehr als 370.000 koranischstämmigen Menschen, die sich in den letzten Jahrzehnten in Japan bis zum Dezember 2017 haben naturalisieren lassen, noch gar nicht statistisch berücksichtigt. Würde das jetzt die Inländerkriminalitätsrate oder die Ausländerkriminalitätsrate erhöhen oder senken? Liegt hier möglicherweise ein Fall von Simpson-Paradoxon vor? Wird im Rahmen der international sehr niedrigen Kriminalitätsrate – Rang 10, bei den anderen 9 Ländern handelt es sich um relativ kleine Staaten und Inseln – deshalb penetrant Inländerkriminalität mit Ausländerkriminalität verglichen, um eine kulturell bedingte erhöhte Kriminalitätsrate bei Ausländern im Allgemeinen und koreanischstämmigen (und chinesischstämmigen) Menschen im Besonderen zu suggerieren? Honi soit qui mal y pense.

Das vorliegende Buch erhellt die historische Dimension bei der Herausbildung von xenophoben Grundhaltungen durch Weitergabe von einer Generation an die nächste im Allgemeinen und pejorativen Urteilen von Japanern über Koreaner und umgekehrt im Besonderen. Gewinnbringend ist die Lektüre dieses facettenreichen Überblicks- und Standardwerkes, weil es einen wichtigen Teil des kollektiven Gedächtnisses, der Erinnerungskulturen und der gesellschaftlich-politischen Diskurse in Japan und Korea widerspiegelt. Reinhard Zöller führt eine kritische Masse an Ereignissen und Quellen älteren und jüngeren Datums an, die belegen oder nahelegen, dass man sich in Ostasien schon sehr lange mit negativen (Vor-)Urteilen, Misstrauen und Verachtung begegnet und wechselseitig für barbarisch, arrogant, moralisch minderwertig und zivilisatorisch niedrigstehend, also per Saldo für ziemlich unkoreanisch/unjapanisch hält.

Titelbild

Reinhard Zöllner: Geschichte der japanisch-koreanischen Beziehungen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.
ERGA Reihe zur Geschichte Asiens; Bd. 5.
Iudicium Verlag, München 2017.
559 Seiten, 56,00 EUR.
ISBN-13: 9783862052165

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