Verborgenen Stimmen „unverbrämt“ Gehör verschaffen

Feridun Zaimoglu ist mit seiner „Geschichte der Frau“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert

Von Anna Christina KöbrichRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anna Christina Köbrich und Carina MergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Carina Merg

Feridun Zaimoglu gilt als einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren mit Migrationshintergrund. Wenn er mit seiner Geschichte der Frau – zehn Episoden aus der Sicht von Frauen – als Nominierter in den Wettbewerb um den Preis der Leipziger Buchmesse am 21. März geht, kann er als Schriftsteller auf eine lange Liste an Veröffentlichungen mit Bestsellerstatus zurückblicken. Werke, mit denen ihr Autor, der sich seit längerem immer wieder zu gesellschaftspolitischen Diskursen äußert, zu einem gefragten Intellektuellen der Republik avancierte. Sorgte sein Debüt Kanak Sprak 1995 aufgrund der als obszön empfundenen sprachlichen Gestaltung für Wirbel, gelang ihm spätestens 2003/2004 mit der Erzählung Häute und dem damit verbundenen Gewinn des Jury-Preises beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb der Durchbruch als anerkannter Gegenwartsliterat. Zahlreiche weitere Auszeichnungen, wie etwa der Adelbert von Chamisso-Preis (2005), welcher das deutschsprachige Werk von Autoren nichtdeutscher Sprachherkunft würdigt, oder auch der Preis der Literaturhäuser (2012) folgten. Fünf Mal schaffte es der in Kiel lebende Schriftsteller in den vergangenen 13 Jahren mit seinen Romanen auf die Longlist des Deutschen Buchpreises – und auch auf den Preis der Leipziger Buchmesse darf er 2019 bereits zum zweiten Mal hoffen.­

Seine Werke sind interkulturell angelegt, erheben einen Aktualitätsanspruch und vereinen kunstvolle mit roher Sprache. Zaimoglu, der Sprachschönheit, aber auch Ruppigkeit und insgesamt die mannigfaltigen Möglichkeiten der Sprache preist, wird zum Sprachrohr türkischstämmiger Männer und Frauen in zweiter Generation in Deutschland.

Auch die Theaterstücke, unter denen sowohl Neubearbeitungen von Klassikern wie Nathan der Weise, Antigone oder Romeo und Julia als auch eigene Kreationen wie Schwarze Jungfrauen oder Schattenstimmen vertreten sind, reihen sich als Werke von bildmächtiger Sprache und gesellschaftskritischen Elementen ein. Kritik erntete Zaimoglu – was die Bearbeitungen betrifft – für seine teils gravierenden Einschnitte gegenüber dem Original und den verflachten sowie pamphlethaften Charakter der Stücke. Skandalträchtiges Aufsehen erregte sein 2006 erschienener Roman Leyla, der die Geschichte einer türkischen Einwanderin erzählt. Nach einer Welle von Lobeshymnen begegneten die Feuilletons großer Zeitungen Leyla auf den Hinweis einer Literaturwissenschaftlerin hin mit Plagiatsvorwürfen. Zu nah seien die Motive  dem bereits 1992 erschienenen Roman Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus von Emine Sevgi Özdamar. Entlastend wirkten im Sommer 2006 die Kassetten seiner Mutter Güler Zaimoglu, auf deren Lebensgeschichte Leyla beruht. In den folgenden Jahren erschienen neben den bereits genannten Werken Ferne Nähe, Hinterland, Ruß, Isabel, Siebentürmeviertel und Ich gehe durch das Deutschland meiner Tage: 27 Erfahrungen in meinem Land.

Gehört wird seine Stimme auch außerhalb der schönen Literatur, sein Schaffen ist – nicht zuletzt aufgrund der Sujets seiner Werke – ebenso politisch von Bedeutung. Immer wieder äußert er sich öffentlich zu gesellschaftspolitischen Debatten: in seiner Rede zur Eröffnung des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt 2018 bezog er zuletzt Stellung gegen Rechts. 2009 und 2017 nahm er auf Einladung der Grünen und der SPD als Ländervertreter des Landes Schleswig-Holstein an der Wahl des Bundespräsidenten teil.

Der 54-jährige ist überaus produktiv – zu seinen persönlichen Ambitionen als Schriftsteller äußerte er sich 2012 im Rahmen seiner in Salzburg gehaltenen Poetikvorlesung: „Besser werden, gut werden. Das ist mein Wunsch.“ Und auf die Frage, ob es für ihn als Mann schwer gewesen sei, eine Frauenstimme zur Sprache zu bringen, antwortete er im Rahmen eines Interviews zu seiner Romanheldin „Leyla“, dass man Einfühlungsvermögen erst erreiche, wenn man auf die eigene Identität verzichte. Dieses Credo der Selbstvergessenheit wiederholte er 2018 gegenüber dem NDR Kultur: „[…] der Schriftsteller sollte sich nicht wichtig nehmen, sondern immer das Buch und die Geschichte, an der er schreibt.“ Doch inwieweit der Autor sich überhaupt zum weißen Blatt machen kann, ist aus hermeneutischer sowie projektionstheoretischer Perspektive umstritten, schöpfen Schriftsteller doch immer auch aus ihrer eigenen Einfühlung – aus teils bewussten, teils unbewussten Setzungen und Erfahrungen.

Zaimoglu geht es um das Sichtbarmachen von Menschen und Dingen – und dazu bedarf es seiner Meinung nach einer dienlichen Sprache:

Die Wirklichkeit ist hart, die vielen Wirklichkeiten sind hart. Mit Verbrämung, mit Verschleierung kommen wir überhaupt nicht weiter. […] Man darf nicht den Versuch scheuen, in den richtigen Begriffen und in den richtigen Worten die Dinge sichtbar zu machen, und dann stößt man natürlich immer wieder auf die eine oder andere hässliche Fratze.

Diese unverbrämte Sichtbarmachung betrifft insbesondere auch die Frauen, die Zaimoglus Ansicht nach viel zu lange zur Unsichtbarkeit verdammt waren. In seinem neuesten, für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman bricht er auf 400 Seiten anhand von zehn Vertreterinnen eine Lanze für die Sicht der Frau. Der Jury um Jens Bisky, Gregor Dotzauer, Tobias Lehmkuhl, Wiebke Porombka, Marc Reichwein, Elke Schmitter und Katrin Schumacher imponierte vor allem das Sujet und die sprachliche Wandlungsfähigkeit Zaimoglus:

Feridun Zaimoglu gräbt sich mit berserkergleicher Kraft in die Weltgeschichte hinein und findet diejenigen, die bislang hinter den Stimmen ihrer Männer verborgen blieben: die Frauen. Ein Roman, sprach- und bildmächtig und zugleich voll zarter Empathie für jene, die er zu Gehör bringt.

Schon die erste Episode der Geschichte der Frau, „Zippora 1490 v. Chr. – schwarzhäutige Frau des Moses“ steht fern jeder Verkitschung. Zippora, die all ihre Vorteile aufgibt, ist mit einem asketischen Visionär verbunden, der für seine Gottesnähe die Fleischeslust töten muss. Geschildert wird die Benachteiligung einer wegen ihrer schwarzen Hautfarbe zum Sündenbock gemachten Frau, die zudem als Zielscheibe für den Hass auf ihren Mann Moses herhalten muss – aber klug genug ist, sich anzupassen und die Stimmungslage des Volkes einzuschätzen. Zaimoglu zeichnet eine Protagonistin zwischen Entscheidungsstärke, Machtbewusstsein, Empathie und Selbstlosigkeit. Dennoch bewegt die Figur sich stark am Rande der Typisierung, zu schwer nachvollziehbar sind ihre Gefühle, stark entrückt wirkt der biblische Stoff. Einerseits ist zu begrüßen, dass sie nicht zugunsten sprachlicher Gefälligkeit angepasst wird. Der alttestamentarisch anmutende Ton besticht durch seine Bildhaftigkeit, kurze Sätze und altertümliche Worte. Doch gleich zu Beginn der Episode irritiert, dass der betrachtete Moses von seiner Frau stark idealisiert wird – ein recht traditioneller Einstieg. Schonungslos wird weiter das blutige Beschneidungsritual des ältesten Sohnes durch die Mutter erzählt. Ein Zwiespalt in der Figur, ein Gewissenskonflikt, wenn die Mutter zur Rettung des Ehemannes den Sohn verletzt, würde moderner wirken – doch sie zögert keine Sekunde. Gleichzeitig setzen ihr das Leiden ihres Mannes und das der verfluchten Prophetin Miriam zu. Für Letztere erstreitet die zum Ende der Episode im Wortwechsel mit Moses willensstark auftretende Mitleidende erfolgreich die Beendigung des ihr auferlegten Fluches.

Mit Eigensinn, Schlagfertigkeit und Charakterstärke ausgestattet ist auch die Protagonistin der sechsten Episode der Geschichte der Frau: „Lore Lay 1799 – Magd, die sich vom Dichter nicht bannen lässt“. Im Gegensatz zu Lore wirken die Männerfiguren, Dichter Wenzeslaus und Dorfjunge Hannes, blass und wenig standhaft. Auffällig ist der Drang Wenzeslaus‘, Lore nach seinen Vorstellungen umzugestalten, dem Lore allerdings unbeeindruckt schroff gegenübersteht. Die Figuren verbleiben, ähnlich der ersten Episode, am Rande der Typisierung. Durchgängig eingeflochtene romantische Motive korrespondieren mit der abgebildeten Zeit. Am Ende imponiert der Selbsterhaltungswille Lores – auch, wenn die von ihr ergriffenen Mittel rigoros anmuten.

Ob sich Zaimoglu schlussendlich mit seiner Geschichte der Frau gegen die weiteren vielversprechenden Nominierten Jaroslav Rudiš mit Winterbergs letzte Reise, Anke Stelling mit Schäfchen im Trockenen, Matthias Nawrat mit Der traurige Gast und Newcomerin Kenah Cusanit mit Babel wird durchsetzen können, entscheidet sich bei der Verkündigung des neuen Gewinners des Preises der Leipziger Buchmesse am 21. März 2019 – bis dahin und darüber hinaus bleibt abzuwarten, welchen Nachhall Zaimoglus neueste Frauentöne erzeugen.

Literaturangaben

http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/Nominierungen/Belletristik/Feridun-Zaimoglu/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/schriftsteller-feridun-zaimoglu-bei-dem-wort.1008.de.html?dram:article_id=421952

https://www.ndr.de/kultur/Feridun-Zaimoglu-ueber-Wert-der-Worte,journal1358.html

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen