Europäischer Gedankenraum im 20. Jahrhundert

Briefe von und an Stefan Andreas aus vier Jahrzehnten

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit mehr als einem Jahrzehnt macht sich der Göttinger Wallstein Verlag mit ansprechenden Neuausgaben einiger Werke des zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts viel gelesenen Schriftstellers Stefan Andres (1906–1970) verdient. Mit jeweils instruktiven Kommentaren versehen sind unter anderem der Roman Die Sintflut und die Moselländischen Novellen Gäste im Paradies erschienen, ebenso Prosa aus den Jahren 1933 bis 1945 unter dem Titel Wir sind Utopia oder der autobiografische Roman Der Knabe im Brunnen, auf den auch Hanns-Josef Ortheil mit seinen autobiografischen Erinnerungen Die Moselreise hingewiesen hatte, sowie der im frühen Christentum spielende Roman Die Versuchung des Synesios.

Neben den Neuausgaben des Wallstein Verlags sind es insbesondere die Bemühungen der Stefan Andres-Gesellschaft in Schweich an der Mosel, die sich um das breite Œuvre des einstigen Bestsellerautors kümmert. Und nicht zuletzt ist es der mittlerweile alle fünf Jahre verliehene Stefan Andres-Preis der Stadt Schweich mit seinen renommierten Preisträgern, der dem Werk des Autors wieder eine größere Aufmerksamkeit sichert.

Wie sehr eine solche verdient ist, zeigt die Auswahl von Briefen von und an Stefan Andres 1930–1970. Der von Günther Nicolin und Georg Guntermann, dem ehemaligen Präsidenten der Stefan Andres-Gesellschaft, herausgegebene, sorgfältig kommentierte und mit einem Namens- und Werkregister sowie den wichtigsten Daten zu Leben und Werk von Andres versehene, insgesamt fast 700 Seiten umfassende Band eröffnet einen faszinierenden Einblick in „die ganze Spannweite seines Werkes“. Erlebbar wird in der Tat, dass Andresʼ „Denken und Schreiben […] einen bleibenden europäischen Raum“ umkreist, dass es „sich zwischen moselländischer Heimat und Mediterraneum, christlichem Abendland und antiker Geisteswelt, zwischen Zeitgenossenschaft und Mythos“ bewegt.

Mit einem knappen Schreiben im November1930 an den Religionsphilosophen Adolf Dyroff, der zuvor offenbar dem jungen Studenten der Theaterwissenschaft und der Germanistik in Köln zu einer Lesung bei einem Vortragsabend der Bezirksgruppe Köln-Bonn des Schriftstellerverbandes verholfen hatte, beginnt die Auswahl des 100 Korrespondenz-Partner versammelnden Bandes, er endet am 6. Juni 1970 mit knappen Dankeszeilen des italienischen Schriftstellerkollegen Ignazio Silone. Dazwischen sind in der Tat, wie die Herausgeber betonen, sowohl der „streitbare Zeitzeuge“ als auch der „bewusst sich entfernende Zeitenwanderer“ zu finden.

So schreibt bereits der 24-Jährige selbstbewusst an den „Hochland“-Chefredakteur und -Herausgeber Carl Muth über seinen Roman Bruder Lucifer:

Mit dem Roman möchte ich mir nun zuerst ein besseres Kleid verdienen, um meinem inneren Menschen endlich eine Stütze und einigen Glauben an sich selbst einzuflößen. […] Was Sie in „Bruder L.“ vor sich haben, ist die Geschichte eines Wandels, wie ich ihn selber erlebt habe, natürlich auf einer anderen Ebene. […] Ich fühle es, daß nicht die Kapuzinerjahre und das Wandern hernach mich reifen ließen, vielmehr kam ich zu mir selber in der Einkehr meines Buches.

Als er vom Grothe-Verlag eine Absage erhält, klagt der junge Andres, immer wieder auf den Wert seiner Werke pochend, im April 1931 gegenüber Carl Muth: „Sind wir denn schon so weit, daß wir unsere Schöpfungen auch noch selbst mit wirtschaftlichen Opfern auf eigene Kosten drucken lassen sollen, um sie dem geliebten Leserkreis vielleicht sogar zu schenken.“

Wie er sich dem Kritiker und Schriftsteller Wolfgang Petzet gegenüber verwahrt („Vor Weihnachten erscheint mein neuer Roman, es wäre mir lieb, wenn Sie sich nicht um ihn bemühen, der Held ist wieder unklar, und das Ende ist wieder Qualm. Mit eingestandener Abneigung“), so macht er Verlegern wie Ulrich Riemerschmidt oder Ernst Rowohlt gegenüber seine Bedingungen klar. „Darf ich Sie bitten, eine schöne Antiqua für das Buch zu wählen“, schreibt er 1939 Riemerschmidt, während er Rowohlt im August 1937 schreibt: „Außerdem habe ich zwei Forderungen, falls Sie den Roman annehmen: ich will Anfang Sept. mit Frau und Kindern nach Positano […]. Die andere Bedingung ergibt sich daraus: die Prüfung muß wirklich umgehend erfolgen. Ich habe das Werk noch einigen Ihnen gleichrangigen Verlegern (gibt es das?) eingeschickt und warte nun geruhsam wie ein Buddha in Gold.“

Die vorliegende Korrespondenz von und an Stefan Andres, darunter Werner Bergengruen, Joseph Breitbach, Walter Dirks, Albrecht Goes, Theodor Heuss, Günter Grass, Gustaf Gründgens, Friedrich Georg Jünger, Karl Kerényi, Herman Kesten, Dolf Sternberger oder Benno von Wiese, über vier Jahrzehnte zeigt tatsächlich „das lebendige Bild einer Epoche und all der vielfältigen und widersprüchlichen Kräfte, die in ihr wirksam wurden“, wie die Herausgeber einleitend schreiben. Insofern nicht ausgespart in der vorliegenden Briefauswahl sind auch stramm konservative Korrespondenzpartner wie etwa Ernst Wilhelm Eschmann oder Joseph Vogt. Und der Volkskundler und Mediävist Friedrich von der Leyen, 1937 von den Nazis zum Senator der Deutschen Akademie der Dichtung ernannt, gibt Andres 1935 den Rat: „Und dann gehen Sie vielleicht noch zu Prof. Schulte-Strathaus, er ist der Mann von einer Tochter von Ina Seidel und ist im Stab von Rudolf Hess und mit Bertram befreundet und ein feiner Literaturkenner.“

Insbesondere in den Kriegs- und Nachkriegsjahren – Andres lebt ab 1937 mit Unterbrechungen bis 1950 mit seiner Familie in Positano in Süditalien – berichtet Andres immer wieder von seinen Sorgen um das Überleben der Familie, aber auch über seine Gedanken um das moralische Überleben Deutschlands und Europas. Hans von Hülsen, Journalist und Schriftsteller, schreibt er im September 1946:

Wir haben natürlich auch allerlei mitgemacht und wir wissen, was es heißt monatelang sich mit Mohrrüben, Blumenkohl und einem kometenhaft auftauchenden Weißbrot zu ernähren! Aber das alles drückte uns nicht wesentlich nieder, wir hatten damals Hoffnungen, daß wir uns zu einem schönen Ziele hin durchhungern würden, nämlich zu einem beruhigten und normalen Europa. Leider hat uns dieser komische Friede kein solches Europa gebracht.

Dem jüdischen Publizisten Udo Rukser schreibt Andres im November 1945 aus Positano nach Chile:

Ich bin von der heutigen Parteienwirtschaft und der sogenannten Demokratie ziemlich angewidert, und schon Jakob Burkhardt hat das sehr deutlich bemerkt, daß im selben Maße als die Menschheit von heute die Stetigkeit in der Staatsform verläßt, auch den Staat als ein Parteienobjekt mißbraucht, ihn mit Macht überfüttert und dieses gefährliche Werkzeug, das immer bestrebt ist, sich selbständig zu machen, nun mit dem demokratischsten Gewissen der Welt gegen die unterlegenen Parteien ausnutzt.

Es sind in der Tat „vielfältige und widersprüchliche Kräfte“ einer Zeitspanne zwischen 1930 und 1970, die in der versammelten Korrespondenz von und an Stefan Andres zum Ausdruck kommt. Auch in den vorliegenden Briefen ist Andres als ein facettenreicher Grenzgänger zu entdecken.

Titelbild

Stefan Andres: Briefe von und an Stefan Andres 1930–1970. Auswahl.
Herausgegeben und kommentiert von Günther Nicolin und Georg Guntermann.
Wallstein Verlag, Göttingen 2017.
696 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783835314245

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