Kurz belichtet und ohne Stütze

Claudio Magris enttäuscht mit seinen „Schnappschüssen“

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Klippen an der Riviera von Barcola in Triest, eine tote Taube unterhalb einer Habsburgerstatue, ein Wirt, der von seiner Zeit im Krieg erzählt, ein deutscher Bankmanager, der seine Frau für die Ex-Frau von Willy Brandt verlässt, eine moderne Kunstgalerie in New York, Paare bei einem Kongress, die Vorlesungen eines berühmten Mathematikers, die früher so schweigsame Witwe eines Wirts, die nach seinem Tod plötzlich mitteilsam und neugierig geworden ist. Die Anlässe für die kleinen Erzählungen des Triestiner Schriftstellers und Germanisten Claudio Magris sind so vielfältig wie zufällig. Es sind Schnappschüsse: Fotos, „mit einer sehr kurzen Belichtungszeit aufgenommen und ohne Verwendung einer Stütze“ – so jedenfalls ein italienisches Wörterbuch. Kurz belichtet und ohne Stütze sind auch diese kleinen Betrachtungen von Magris, die er in seinem neuen Buch präsentiert.

So erzählt er vom Mathematiker, der erstaunt ist, dass seine Vorlesungen im berühmten Collège de France bis auf den letzten Platz besetzt sind, obwohl doch kaum jemand seine hochentwickelten Theorien verstehen wird. Bis er einmal eine Zuhörerin anspricht und sie ihm erzählt, warum sie hier ist: „Weil nach Ihnen in diesem Hörsaal Roland Barthes spricht, und sonst bekommt man keinen Platz mehr.“ Für Magris die Möglichkeit für den Mathematiker, „eine unerreichbare metaphysische Würde“ zu erlangen, wenn er nämlich sicher wäre, dass ihn überhaupt niemand versteht, „eine schwindelerregende Freiheit, eine glorreiche Sinnlosigkeit“. Magris erzählt von schlafenden Kollegen bei Kongressen und von getöteten, eingefrorenen Embryonen, von der Unkenntnis mancher Menschen in Bezug auf moderne Kunst und von „Abendessen eines bestimmten Niveaus“, womit er die teuren Speisen meint, nicht die niveauvollen Unterhaltungen.

Stets bemüht er sich, den kleinen Beobachtungen einen großen Sinn zu geben, was ihm nicht immer gelingt. Öfter verheddert er sich in seinem mitunter zwanghaften Bemühen darum, und oft spricht eine gewisse Überheblichkeit aus seinen Prosastücken, wenn er sich über die anderen erhebt und sogar lustig macht, wie in ganz billiger Weise über die Galeriebesucherin, die den schwarzen Stoff, mit dem die Bilder aufgrund eines politischen Protests verhängt sind, für die Kunst hält, oder über Brigitte Seebacher und ihre „etwas kitschigen Behauptungen über die Liebe auf den ersten Blick und das Leben, das natürlich schön ist“, sie „lassen nicht viel erhoffen.“ Solche eitlen Anmaßungen verleiden einem dann doch sehr schnell die Lektüre.

Titelbild

Claudio Magris: Schnappschüsse.
Übersetzt aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend .
Carl Hanser Verlag, München 2019.
208 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783446261747

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