Inferno aus Zeichen und Zerstörung

A.G. Lombardo spürt in seinem Debüt „Graffiti Palast dem Aufstand der Zeichen und den Riots von Watts nach

Von RSS-Newsfeed neuer Artikel von

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit Graffiti Palast legt der als Highschool-Lehrer in Los Angeles arbeitende A.G. Lombardo ein spätes und zugleich sehr avanciertes Debüt vor, das mit expressiven Bildern und Texturen der Großstadt fasziniert – aber letztlich als Roman nicht funktioniert.

Lombardos farbige Protagonisten Karman Ghia und Monk leben Mitte der 1960er Jahre in Los Angeles am Hafen in einer illegalen „Box Town“ aus Containern mit abgezapftem Strom und tagelangen „Rent Partys“. Während die schwangere Karman Ghia in Erwartung einer solchen alkohol- und drogenreichen „Rent Party“ auf Monk wartet, ist dieser in der Stadt unterwegs und erkundet wie ein Ethnologe fremde Territorien. Er ist ein Chronist und Dechiffrierer des Zeichensystems der Stadt mit seinen Graffitis, seinen Gangzeichen, Tags und der Homeboy-Kunst: „der Semiotiker kämpft im Zwielicht der Ungewissheit: Botschaft, Sender, Empfänger und Bedeutung können sich verschieben, sich in Raum und Zeit verändern“.

Doch bei seiner neuesten Exkursion gerät Monk in die Aufstände von Watts, die 1965 Dutzende Tote und hunderte Verletzte forderten. Es ist für Monk der Beginn einer hochsymbolischen siebentägigen Odyssee durch die Metropole und ihre Untergründe, durch ihre Leidensgeschichte des Rassismus und des Rassenkrieges. Rund um ihn gehen Gebäude in Flammen auf, jaulen die Sirenen, werden Geschäfte geplündert, Straßen gesperrt und weiße Cops prügeln auf die farbigen Bewohner des Viertels ein.

In diesen sieben Tagen hat Monk aber insbesondere auch surreal-geheimnisvolle Begegnungen – mit der „Nation of Islam“, den „Sombrero“-Gangstern oder einer Vodoo-Queen. Später gerät er in eine Opium-Höhle in China-Town und wird schließlich in den Ghetto-Untergrund gespült, wo das berüchtigte „Albino-Dope“ in der Kanalisation wächst und er unter Drogen gesetzt wird. Für Monk ist es eine „unendliche Nacht aus Inferno und Zerstörung“, die vom delirierenden Sound des Jazz und des Bobs begleitet wird.

A.G. Lombardos Graffiti Palast stellt die pulsierende Metropole Los Angeles als labyrinthisches subkulturelles Zeichensystem, als Puzzle aus Diskursen und Gang-Viertelen sowie als ewige Kampfzone zwischen Schwarz und Weiß dar. Seine Prosa flutet in hochexpressiven Bildern dahin und führt den Leser ebenso in subkulturelle Metropolen wie in mythische Unterwelten. Doch letztlich findet der Roman keinen Zusammenhalt und zersplittert in viele kleine Szenen und Sinneinheiten, die zunächst faszinieren, dann aber zunehmend einen redundanten und beliebigen Eindruck hinterlassen.

Titelbild

A.G. Lombardo: Graffiti Palast. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jan Schönherr.
Verlag Antje Kunstmann, München 2019.
349 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783956142840

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch