Mord vor Hitlers Haustür

Im 12. Band der Bernie-Gunther-Reihe des 2018 verstorbenen Philip Kerr ermittelt der Held unter Nazigrößen auf dem Obersalzberg

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nein, Bernhard „Bernie“ Gunther, der Held von insgesamt 13 Romanen des britischen Schriftstellers Philip Kerr (1956 – 2018), von denen mittlerweile zwölf in deutscher Übersetzung erschienen sind, ist kein Nazi. Der hervorragend beleumundete Ex-Kriminaloberkommissar der Berliner Polizei zählt eher zu denen, die das Ende des „Dritten Reichs“ herbeisehnen. Zu brutal und skrupellos sind für ihn diejenigen, die 1933 in Deutschland an die Macht gekommen sind. Gegen Ende von Berliner Blau, denkt er sogar darüber nach, aktiv Widerstand zu leisten. „Du musst etwas tun, um diese Leute aufzuhalten, Gunther, selbst wenn es bedeutet, Adolf Hitler zu erschießen“, sinniert er im Angesicht der korrupten Berghofgesellschaft rund um den Hitlervertrauten Martin Bormann, die für den eigenen Vorteil über Leichen geht.

Adolf Hitler selbst begegnet Gunther nicht im Verlauf des Falls, der ihn im Auftrag Reinhard Heydrichs auf den Obersalzberg bei Berchtesgaden führt. Die Handlung spielt im Jahr 1939 unmittelbar vor Hitlers 50. Geburtstag, den der auf seinem bayerischen Herrensitz feiern will. Der ein gutes halbes Jahr später beginnende Weltkrieg liegt auch bereits in der Luft. Da macht es sich aus Gründen der Sicherheit nicht gut, dass gerade ein paar Tage vor der Ankunft des Jubilars und seiner Entourage ein heimtückischer Mord direkt vor dessen Tür geschehen ist: Mitten auf der Terrasse des Berghofs wurde ein einheimischer Bauingenieur von einer Gewehrkugel tödlich getroffen. Zwar geht niemand von einem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler aus, aber der Täter soll dingfest gemacht werden, bevor der Hausherr aus Berlin eintrifft und die versammelte Clique in Ungnade zu fallen droht. Bernie Gunther, übernehmen Sie!

Wer sich in der Welt von Kerrs Romanen ein wenig auskennt, der weiß, dass der Autor seinen Helden gern auf mehreren Zeitebenen agieren lässt. Und so beginnt auch Berliner Blau in den 1950er Jahren und schließt nahtlos an den vorangegangenen Bernie-Gunther-Roman Kalter Frieden (2017) an. In dem hatte sich Kerrs Protagonist, nachdem er nach Kriegsende und russischer Gefangenschaft für eine Weile auf Kuba untergetaucht war, unter dem Namen Walter Wolf als Concierge im Grand Hôtel du Saint-Jean-Cap-Ferrat an der französischen Côte dʼAzur eine neue Existenz aufgebaut. Jegliches Aufsehen meidend und nur wenigen Menschen vertrauend, brachten eine unversehens auftauchende geheimnisvolle Frau und ein Mann, der Gunther gegen Kriegsende unter anderem Namen als skrupelloser SS-Scherge begegnet war und mit dem er aus dieser Zeit noch eine Rechnung offen hatte, sein geruhsames Leben plötzlich durcheinander.

Es ging um den am Kap lebenden englischen Schriftsteller und ehemaligen MI6-Agenten William Somerset Maugham, dessen Leidenschaft für das Bridgespiel und den Versuch, ihn mittels kompromittierender Fotos in eine gefährliche Konfrontation zwischen westlichen und östlichen Geheimdiensten hineinzuziehen. Da die Intrige – nicht zuletzt dank der geschickten Strategie Gunthers, den Somerset Maugham angeheuert hatte – letztlich aber scheiterte, taucht nun, zu Beginn von Berliner Blau, Erich Mielke höchstpersönlich an der Côte dʼAzur auf und verlangt von Kerrs Helden, dass er die britische Agentin Anne French ausschaltet, die nach der Maugham-Affäre zum Sicherheitsrisiko für die kräftig im Kalten Krieg mitmischende Staatssicherheit geworden ist.

Natürlich denkt Gunther nicht im Traum daran, sich vor den Karren des ostdeutschen Geheimdienstes spannen zu lassen. Stattdessen begibt er sich auf die Flucht quer durch das Frankreich des Jahres 1956. Sein Ziel: die Bundesrepublik Deutschland. Immer dicht auf seinen Fersen: der Mann, mit dem er 17 Jahre zuvor den Mord an dem Bauingenieur Karl Flex auf dem Obersalzberg aufgeklärt hat, Friedrich Korsch, der inzwischen für den ostdeutschen Geheimdienst arbeitet.

Während im Vorgängerroman Kalter Frieden der Akzent stärker auf der Gegenwartshandlung lag, steht diese in Berliner Blau nicht im Mittelpunkt. Die Jagd einer Handvoll Stasiagenten und der französischen Polizei auf den Helden, der sich den ihm gestellten Fallen immer wieder geschickt entzieht, wird zweifellos routiniert erzählt und endet mit einem spannenden Showdown zwischen Gunther und seinem Ex-Kollegen Korsch in den Schlossberghöhlen des kleinen saarländischen Städtchens Homburg, wo Kerrs Held schon einmal einem Mörder gegenüberstand. Wesentlich akribischer aber hat sich der Autor mit jener dubiosen Gesellschaft auseinandergesetzt, die sich auf dem Obersalzberg um Hitler scharte und auf jede nur erdenkliche Weise davon profitierte, dass mit der Machtergreifung der Nazis Zeiten angebrochen waren, in denen Recht und Gesetz, wie man sie bis dahin kannte, außer Kraft gesetzt waren und allein die Nähe zu den Paladinen der Partei ausreichte, um sich in deren Machtbereich ungehemmt persönlich bereichern zu können.

Das alles ist sorgfältig recherchiert. Die Schauplätze und die auftretenden Personen der Zeitgeschichte – von den miteinander verfeindeten Brüdern Martin und Albert Bormann bis zu der Architektin und Hitler-Verehrerin Gerdy Troost, von Reinhard Heydrich, der in Berlin seine intriganten Fäden spinnt und Gunther nicht nur der Aufklärung eines Mordes wegen an den Obersalzberg schickt, sondern auch, weil er sich von ihm kompromittierende Erkenntnisse über den sich in Hitlers Vertrauen schleichenden Martin Bormann und andere innerparteiliche Kontrahenten verspricht, bis zu Karl Brandt, seit 1934 Hitlers Begleitarzt und der spätere Leiter des Euthanasieprogramms der Nazis –  sind plastisch erfasst. Eine kleine – letztendlich platonisch bleibende – Liebesgeschichte darf nicht fehlen. Und immer wieder wird der Leser mit den unterschiedlichsten Vertretern eines mörderischen Systems konfrontiert, das, von seiner Spitze bis hinunter zu jenen vielen Willfährigen, die sich nach dem Ende der Hitlerdiktatur lediglich als ohnmächtige Befehlsempfänger gerierten, von Gier und Grausamkeit getrieben war.       

Titelbild

Philip Kerr: Berliner Blau.
Übersetzt aus dem Englischen von Axel Merz.
Wunderlich Verlag, Reinbek 2019.
638 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783805203296

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