Von Buonaparte zu Bonaparte – oder: Vom korsischen Kleinadeligen zum Kaiser der Franzosen

Patrice Gueniffey und Adam Zamoyski erzählen die Geschichte Napoleons und des napoleonischen Zeitalters

Von Jens FlemmingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jens Flemming

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am Anfang war Korsika. Jenes gebirgige Eiland, das dem italienischen Festland näher liegt als dem französischen. Seit dem 14. Jahrhundert wurde es von der Adelsrepublik Genua verwaltet, 1755 erklärte es seine Unabhängigkeit und gab sich eine Verfassung. Genua verkaufte daraufhin seine Ansprüche an Frankreich, das die Insel am Ende der 1760er Jahre besetzte. Während der französischen Revolution geriet sie kurzfristig unter englischen Einfluss. Schon das zeigt, dass sie ein Spielball, ein Zankapfel auswärtiger Mächte war. Tatsächlich hatten es ihre ungebärdigen, in sich zerstrittenen halb italienischen, halb korsischen und französischen Bewohner nie zu einer unabhängigen politischen Existenz gebracht. Indes, so Adam Zamoyski, einer der beiden hier anzuzeigenden Biografen Napoleons: Korsika war „auch nie ganz Provinz oder Kolonie eines anderen Staates gewesen“, insofern so etwas wie „eine Welt für sich“. Dass daraus mancherlei Mythologie hervorwuchs, lässt sich denken. Der junge Napoleon etwa schrieb in seinen unveröffentlichten Lettres sur la Corse: „Die Geschichte Korsikas ist ein ständiger Kampf zwischen einem kleinen Volk, das frei sein will, und seinen Nachbarn, die es unterjochen wollen.“

Beide Autoren, der in London lebende Zamoyski, Spross eines alten polnischen Adelsgeschlechts, dessen Vater vor den Nationalsozialisten in die USA emigriert war, ebenso wie der Franzose Patrice Gueniffey, Historiker an der Pariser Ècole des Hautes Ètudes en Sciences Sociales, sehen in der Herkunft Napoleons sicher nicht den Universalschlüssel für seine atemberaubende Karriere, aber sie messen ihr doch ein erhebliches Maß an Bedeutung bei. Die korsischen Wurzeln hat Napoleon nie geleugnet, vor allem seine große Familie hat ihn bis zum Ende begleitet, ihn unterstützt, mit ihren nimmersatten Ansprüchen aber auch belästigt und enerviert. Stets war sie zur Stelle, wenn es etwas zu verteilen gab: Ämter, Pfründen, Geld und Einfluss. „Die Sorgen um die Familie“, sollte er später sagen, hätten ihm die „jungen Jahre vergällt“. Trotz des Ärgers über einzelne ihrer Mitglieder sah er in ihr so etwas wie die Basis für sein Bestreben, eine Dynastie Bonaparte zu begründen, damit die eigene Existenz zu fundieren, vor allem sie in die Zukunft über den Tod hinaus zu verlängern.

Geboren 1869 in der kleinen Hafenstadt Ajaccio, verbrachte er seine Kindheit in einem Umfeld, in dem der Vater Carlo Buonaparte das Heil an der Seite der französischen Besatzungemacht suchte, sich einen in Vergessenheit geratenen Adelstitel bestätigen ließ und nach einer Phase familiären Niedergangs wieder in den Kreis der korsischen Honoratioren aufrückte. Der Sohn Napoleone (noch in der italienischen Schreibweise) wurde nach Frankreich geschickt, wo er die Sprache lernte, eine Kadettenschule besuchte und nach Absolvierung der Militärakademie als Offizier in ein Artillerieregiment eintrat. Von dieser Position aus schlüpfte er in die vielen Rollen, die er seither spielte. Zunächst war es die eines Adepten der Revolution mit besonderen Sympathien für Rousseau und Robespierre. Zwischendurch ließ er sich immer wieder monatelang beurlauben, um in Korsika nach dem Rechten zu sehen, sich um die Familie zu kümmern, in politischen Händeln, nicht zuletzt in den Konflikten um die Verfügung der lokalen Ressourcen mitzumischen. Zamoyski spricht in diesem Zusammenhang von „Korsika-Obsession“. Er war, wie Gueniffey notiert, „französischer Offizier und korsischer Patriot“.

Nachdem er sich für Frankreich entschieden hatte, wollte er allerdings von dieser Vergangenheit nur mehr wenig wissen. In Toulon zeichnete er sich bei der Befreiung der Stadt von englischer Umklammerung aus, was den Beginn eines unaufhaltsamen Aufstiegs markierte. In Paris warb er um die Gunst der geschiedenen Josephine de Beauharnais, eine von der Antilleninsel Martinique stammende Frau, die in der Seine-Metropole über weitreichende Verbindungen verfügte und als Geliebte wie als spätere Gattin dem aufstrebenden Troupier gesellschaftlichen Schliff und gesellschaftliche Kontakte vermittelte. Kurz nach der Hochzeit im März 1796, als er zu seinem ersten großen Kommando nach Italien aufbrach, schrieb er ihr, wie sehr er sich nach ihr verzehre. Zum ersten Mal unterzeichnete er nicht mit Buonaparte, sondern mit Bonaparte, ein Indiz dafür, dass er seiner Zugehörigkeit zu Frankreich nun endgültig gewiss war. Sein Mentor Paul de Barras, seines Zeichens Mitglied des Direktoriums, das nach dem Sturz Robespierres an den Schalthebeln der Macht saß, hatte ihm zu diesem Schritt geraten. Durch die Hochzeit, so die Empfehlung, würde er „ganz und gar Franzose werden“, und niemand würde ihm fortan noch seinen „korsischen Namen vorhalten“. In Korsika, resümiert Gueniffey, habe Napoleon gelernt, „dass Ideen lediglich ein Alibi für Hass, persönliche Leidenschaften und konkrete Interessen“ seien: „So fiel ihm der Schluss leicht, dass Politik in der Kunst besteht die Menschen zu manipulieren, so wie sie sind, das heißt mit ihren Interessen zu rechnen, nicht mit ihren Überzeugungen.“

Nicht lange nach dem katastrophalen Ausgang des Russlandfeldzugs gab der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte im Sommer 1813 seinen Hörern an der Berliner Universität zu bedenken, dass Napoleon „der Wohltäter und Befreier der Menschheit“ hätte werden können, „wenn auch nur eine leise Ahnung der sittlichen Bestimmung des Menschengeschlechts in seinen Geist gefallen wäre.“ Was aber war die „Bestimmung des Menschengeschlechts“? Für Napoleon deckte sich diese jedenfalls nicht mit der von deutschen Intellektuellen diskutierten Vorstellung, dass jedes Volk und jede Nation aufgerufen sei, ihren je spezifischen Wesenskern zu ergründen, sich mit der historischen Tradition in Einklang zu bringen und so Raum zu legitimer Fortentwicklung zu gewinnen. Ihm ging es vielmehr darum, das eigene, 1789 in die Welt getretene Modell staatlicher und gesellschaftlicher Ordnung, die Prinzipien von Freiheit und Gleichheit zu exportieren. In diesem Punkt war er ganz Kind der Französischen Revolution. Darin steckte eine normativ gedachte, zum andern aber auch eine pragmatische, nämlich französischen Sicherheitsbedürfnissen und hegemonialen Ambitionen geschuldete Dimension. Nur die Existenz eines cordon sanitaire, wie das im 20. Jahrhundert im Blick auf Deutschland genannt werden sollte, eines von Frankreich kontrollierten Glacis abhängiger Staaten schien Frieden, Stabilität und künftige Entfaltungsmöglichkeiten zu gewährleisten. Eines allerdings änderte sich im Lauf der Jahre. „Der Internationalismus der Revolution“ wurde nach und vom „Kult der Nation absorbiert“, der seinerseits von dem des Staates überwölbt wurde. Die „Begriffswelt der Grande Nation wich der des Grand Empire“, argumentiert Zamoyski: „Irgendwo darin verbarg sich auch das Ideal eines Europas ohne Grenzen, eines gemeinsamen Vaterlandes der Aufklärung, mit einem universellen Rechtssystem und einer gemeinsamen Währung“, eines Gebildes, in dem man, wie Napoleon formulierte, „auf Reisen niemals“ aufhören würde, „zu Hause zu sein.“

Nach dem Desaster in Russland, nach der Völkerschlacht bei Leipzig und dem 1815 in Waterloo gescheiterten Comeback mochte mancher unter seinen Bewunderern glauben, es hätte so schlimm nicht kommen müssen, wenn er sich mit dem einmal Erreichten, mit den innenpolitischen Reformen und den ‚natürlichen Grenzen‘, vor allem im Osten mit der Rheingrenze, beschieden und nicht ins Imperiale ausgegriffen hätte. Das wäre ein Napoleon ohne Expansionsehrgeiz gewesen, verkannte freilich seinen Charakter ebenso wie die raison d’être seiner Herrschaft. Die nämlich speiste sich aus seinen Erfolgen, aus fortwährenden Wiederholungen und Überbietungen auf den Schlachtfeldern Europas. Ruhm und Ehre, durch immer wieder neue militärische Großtaten bestätigt, gehörten zum Wurzelgrund, aus dem Anerkennung und Legitimität hervorwuchsen. Blieben die Erfolge aus, war seine Position gefährdet. Er selber machte sich da keinerlei Illusionen. Gegenüber dem österreichischen Staatskanzler Metternich, den er Ende Juni 1813 in Dresden zu Friedensgesprächen empfing,  weigerte er sich, auch nur einen Fußbreit an Boden preiszugeben. „Ihre Souveräne, die auf dem Thron geboren wurden, können sich zwanzigmal schlagen lassen, und doch immer wieder in ihre Hauptstädte zurückkehren; ich kann das nicht, denn ich bin Soldat und Emporkömmling“, erklärte er. „Meine Herrschaft“, fügte er hinzu, „überlebt den Tag nicht, an dem ich aufhöre, stark und somit gefürchtet zu sein.“ Das war gesagt vor der Niederlage bei Leipzig, danach wurde ein Friedensabkommen dringlicher denn je. Napoleon wollte es auch. Allein, so kommentiert Zamoyski, „er hatte seinen Herrschaftsanspruch so ausschließlich auf Ruhm und seinen vermeintlich wundersamen Stern gebaut, dass er meinte ihn zu verraten, wenn er einen Frieden schloss, den er als demütigend ansah.“ Damit verspielte er zugleich, heißt es weiter, „seine letzte Chance, den Thron von Frankreich zu behalten.“

Napoleons „eigentliche Geburt“, notiert Gueniffey, erfolgte im Krieg. Kein Wunder, dass er den Schlachten und dem militärischen Ingenium seines Protagonisten mit minutiösen Schilderungen breiten Raum gewährt, breiteren als Zamoyski. Im Kampf siegreich zu bestehen, darin sind sich beide Autoren einig, war die Voraussetzung dafür, die Revolution zu beenden, deren Prinzipien im Kern nicht anzutasten, sie dabei in ein politisches System einzupassen, das die Bedürfnisse der Bürger befriedigte und zugleich die Autorität der Regierung befestigte. Das ließ sich nicht von unten, sondern nur von oben bewerkstelligen: am 18. Brumaire 1789 (nach unserer Zeitrechnung am 9. November 1789) in Gestalt eines turbulenten, leicht chaotisch ablaufenden Staatsstreichs. Napoleon ging daraus als Erster Konsul hervor, dessen Prävalenz durch die Existenz zweier Mitkonsuln nur oberflächlich verbrämt wurde. Was dann kommen sollte, kann man in einer von Gueniffey zitierten Passage aus einem unveröffentlichten Manuskript von Alexis de Tocqueville, einem der Stammväter der modernen Politikwissenschaft, nachlesen. Im Verlauf der Revolution, heißt es dort, habe sich die Armee reorganisiert und sich ausgezeichnet. Sie habe „große Generäle“ hervorgebracht und mit der Nation „ein gemeinsames Ziel“ und „gemeinsame Leidenschaften“ geteilt. Und doch hätten sich Zivilisten und Militärs zu „zwei ganz verschiedenen Gesellschaften“ entwickelt: „Das Band der einen lockert sich in dem Maße, wie sich das andere festigt.“ Seit der Niederschlagung eines royalistischen Putschversuchs am 5. Oktober 1795 durch Napoleon habe das Direktorium, jenes Kollegium, das die Geschicke Frankreichs lenkte, nicht ohne die Armee regieren können: „Bald danach wird man nur noch durch sie regieren. Sobald sie dort angekommen ist, wird sie selbst regieren wollen.“

Diese Prognose war jedoch nur halb richtig, denn Napoleon war nicht das Instrument der Armee. Trotz mancher Kritik aus den Reihen seiner Generäle hielt er bis zum Schluss das Heft in der Hand. In der Rolle eines bloßen, auf die Bajonette gestützten Despoten erschöpfte er sich nicht. Im Innern trieb er zügig eine Politik der Reformen voran. Diese betraf die Administration, das Schulwesen, die Förderung der Wissenschaften, die Verbesserung der Infrastruktur und die Kodifizierung des Rechts. Das bürgerliche Gesetzbuch, der code napoléon, gehört zu den bleibenden, ihn überdauernden Leistungen. In der Pose des Retters aus Chaos und Anarchie zähmte er die Revolution, ohne freilich deren Verheißungen umstandslos preiszugeben. „Den Roman der Revolution haben wir abgeschlossen“, erklärte er: „Jetzt müssen wir mit ihrer Geschichte beginnen, dürfen nur das Reale und Mögliche bei der Anwendung ihrer Prinzipien sehen, nichts Spekulatives und Hypothetisches.“

Für die Mehrheit der Franzosen verkörperte Napoleon das Ende des Bürgerkriegs und der durch ihn erlittenen Schrecknisse. Individuelle Entfaltungsmöglichkeiten, bürgerliche Sekurität und nationale Größe, liberté und gloire, waren teils Realität, teils geweckte und fortwährend gehegte Erwartung. Flankiert wurde dies alles von einer planvoll ins Werk gesetzten Propaganda, von einem ausufernden Kult um die Person des Mannes an der Spitze wie von Elementen geschickten Aufmerksamkeitsmanagements und aufwendig inszenierter Symbolpolitik. Die Rückführung der emigrierten Aristokratie und die Schaffung eines neuen Adels sollten dazu beitragen, das alte, das vorrevolutionäre mit dem postrevolutionären, nunmehr napoleonischen Frankreich zu versöhnen. Die Presse wurde nach und nach auf den Ersten Konsul und den späteren Kaiser ausgerichtet, Erfolge wurden groß-, Misserfolge kleingeredet. Was wir heute fake news nennen, war schon damals gängige Münze. Der Revolutionskalender wurde wieder abgelöst durch den gregorianischen. Denkmäler und Gemälde eigens dafür bestallter Künstler kündeten vom Ruhm und von den Taten des Feldherrn wie des Staatsmannes. Darin steckte, wie beide Biografen betonen, ein Stück Modernität, offenbarten sich Herrschaftstechniken, die auf künftige Konstellationen des 19. und des 20. Jahrhunderts hinauswiesen.

Wie nähert man sich einer derart von Zeitgenossen und Nachlebenden ins Monumentale erhobenen Gestalt? Die Antworten der beiden Biografen sind weder eindeutig noch kongruent. Gueniffey, dessen Studie 1802 mit der Ausrufung zum Ersten Konsul auf Lebenszeit endet, betont stärker als Zamoyski die Dimension des Mirakulösen, das Napoleon anhaftete. Gewiss, er sieht in dessen Lebensweg nicht nur die strahlenden Höhen, sondern auch die Grautöne und „Einförmigkeiten“. Aber dies mindert das Erstaunen über den Mann nicht, der sich, aus der Peripherie kommend, binnen kurzer Zeit ins Zentrum der Macht katapultierte. „Vom Zusammentreten der Generalstände [im Mai 1789] bis zur Abdankung des Kaisers [im April 1814 und dann zum zweiten und letzten mal im Juni 1815]“, schreibt Gueniffey einleitend, „schreitet die Geschichte nicht voran, sie rennt. Napoleon durchquert sie wie ein Meteor: Zwischen seinem ersten Auftritt 1793 [bei der Vertreibung der Engländer aus Toulon] und dem 18. Brumaire liegen nur sechs Jahre, drei zwischen der Eroberung der Macht und der Proklamation des Konsulats auf Lebenszeit, zwei zwischen dieser und dem Beginn des Kaiserreichs.“ Zwar sei der Mythos verblasst, nicht aber das, was auch die Fantasien unserer Tage anspreche. Der Glaube nämlich, dass das „Schicksal“ dem „Willen“ nicht widerstehe, dass es individueller Gestaltung offen sei. Bonaparte sei „in gewisser Weise jedermanns Traum“, heißt es weiter, jener Traum, dass man „ohne Namen“, gestützt allein auf eigene Leistung und Talent „aus seinem Leben ein Schicksal“ machen könne. Insofern sei er eine „Verkörperung des modernen Individuums.“ Und doch: „Man wird das Rätsel seiner mannigfaltigen Fähigkeiten nie ganz ergründen.“

Aufgewachsen in einem „polnischen Elternhaus“, erzogen in „englischen Schulen“ und in den Ferien im Kontakt mit „französischen Cousins und Cousinen“, sei er, bekundet Zamoyski gleich im ersten Satz, „von klein auf mit verschiedenen Bildern von Napoleon“ konfrontiert worden. Mal sei dieser als „gottähnliches Genie“, mal als eine „romantische Kunstfigur“ erschienen, mal als ein „bösartiges Monstrum“, mal als ein „widerwärtiger kleiner Diktator“. Dem setzt der Autor eine schlichte Wahrheit entgegen. Napoleon sei zuvorderst „ein Mensch“ gewesen, an dem er jedenfalls „nichts Übermenschliches“ habe entdecken können. Seine Biografie trägt daher den Untertitel: „Ein Leben“. Dies bestimmt den Duktus des Buches, was immer wieder mit kritischen Bemerkungen über den Protagonisten untermauert wird. Militärisch sei er ein „brillanter Taktiker“ gewesen, der seine Gegner auf dem Schlachtfeld mit überraschenden Schachzügen zu verwirren und zu schlagen vermochte. Ein „Stratege“, der seine Siege in dauerhafte, politisch gesicherte Verhältnisse überführt, sei er jedoch nicht gewesen. Das rühre daher, dass Napoleon nicht in der Lage gewesen sei, sich in die Befindlichkeiten seiner Antipoden hineinzudenken oder gar deren Bedürfnisse und Interessen ernst zu nehmen und in die eigenen Kalkulationen einzubeziehen. Überhaupt sei er „in jeder Beziehung ein Kind seiner Zeit“ gewesen, ein Mann, in dem die Einsichten und Postulate der Aufklärung nachhallten, ein Zeitgenosse der Revolution, der die Rolle der Massen, des Pöbels, wie er des Öfteren formulierte, verabscheute und nichts unversucht ließ, sie einzuhegen. „Sein Ehrgeiz“ hatte, so der Zeitgenosse, Diplomat und Schriftsteller François-René de Chateaubriand, „kein abschließendes Ziel.“ Insofern mangelte es an einer in sich konsistenten Politik, deren handgreiflichster Ausdruck der Entschluss zum Angriff auf Russland war: ein militärisches und politisches Abenteuer, das nicht von ungefähr die Götterdämmerung seiner Herrschaft in Frankreich und Europa einläutete. Napoleon wähnte sich berufen, wie er gelegentlich seinem Bruder Joseph anvertraute, „das Antlitz der Welt zu verändern“. Was das im Einzelnen hieß, lässt sich am Sinnfälligsten in Deutschland studieren, dessen Landkarte er grundlegend und, wie der Wiener Kongress zeigen sollte, unwiderruflich ummodelte.

Von Goethe, der dem Franzosen mit Sympathie, zeitweilig mit Bewunderung begegnete, stammt das von seinem Adlatus Johann Peter Eckermann überlieferte Diktum, Napoleon habe „um eines großen Namens“ willen „die halbe Welt in Stücke geschlagen“. Das zielte auf die Hybris, auf den buchstäblich uferlosen Ehrgeiz, wohl auch auf den ‚Dämon‘ des Mannes. Ob die beiden Biografen diesem Urteil zustimmen, ist ungewiss. Aber dafür, dass es nicht völlig aus der Luft gegriffen war, liefern ihre durchweg anregenden Bücher eine Fülle von informativem Anschauungsmaterial.

Titelbild

Patrice Gueniffey: Bonaparte. 1769–1802.
Übersetzt aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer, Tobias Scheffel und Claudia Steinitz.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017.
1296 Seiten, 58,00 EUR.
ISBN-13: 9783518425978

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Adam Zamoyski: Napoleon. Ein Leben.
Verlag C.H.Beck, München 2018.
863 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783406724961

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