Vor dem Materialismus

Die Werkausgabe Georg Lukács’ bietet mit den frühen Texten der Jahre 1902 bis 1918 Einblicke in die Vorgeschichte des großen marxistischen Philosophen und Ästhetikers

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Fangen wir von hinten an: Den deutschen Intellektuellen von 1914 hat Georg Lukács ein schlechtes Attest ausgestellt: Begeistert, unreflektiert und hochtönend seien sie gewesen und hätten den Krieg nicht als Ereignis, sondern als generellen Zustand gefeiert, der dann der gesellschaftlichen Erneuerung oder Ähnlichem zu dienen habe. Eine solche gründliche Erschütterung der kritischen Urteilskraft haben seinerzeit viele Intellektuelle erleben müssen (ohne es zu merken), und nicht alle haben sich von diesem Sündenfall wieder erholt. Für den jungen ungarischen Literaturtheoretiker und Rezensenten Lukács ist dieser intellektuelle Schwächeanfall freilich symptomatisch. Aber anders, als anzunehmen wäre. Lukács kommt in seiner wohl 1915 geschriebenen Abrechnung mit der deutschen Intelligenz, die zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde und bis jetzt nur einen anscheinend fehlerhaften Druck im Lukács-Band von text + kritik erfahren hat, zu einem denkwürdigen Schluss: Indem die Intellektuellen den anonymen, sachlich agierenden Helden des Kriegs gefeiert hätten, hätten sie unter der Hand einem alten, vormodernen Prinzip das Wort geredet, der Ritterlichkeit.

Gründlicher hätte man allerdings nicht daneben liegen können, wie sich nicht erst in den Folgejahren des Großen Kriegs zeigen würde. Ritterlichkeit hatte in der industrialisierten Kriegsführung, in der sich die europäischen Industrienationen sehr schnell einfinden, keinen Platz, ganz im Gegenteil. Auch die vermeintliche Sachlichkeit des Soldaten ist letztlich nur die Verbrämung seiner Auslieferung an seine Funktion, seine Anonymität ist mithin der absoluten Unter- und Einordnung geschuldet. Von einem wie auch immer gearteten Heldentum kann also keine Rede sein, auch nicht von einer wie auch immer geprägten nationalen Form, in der sich die intellektuelle Rede über den Krieg wiederfinden könnte – und schließlich um 1930 wiederfand. Dasselbe gilt nebenbei bemerkt allerdings auch für die Männlichkeit, der Lukács wenig später in seiner Theorie des Romans einen merkwürdigen Platz einräumt.

Lukács ist in seinem Text, in dem er sich auf das Niveau einlässt, auf das immerhin einige seiner Lehrer herabgestiegen waren, seinerseits einer eigentümlichen Verführung erlegen, nämlich dem Versuch, Intellektuellen, die ihre nationalistische Verirrung in eine wie auch immer belastbare intellektuelle Form bringen, etwas abzugewinnen. Doch menschgemachte Formen haben Lukács stets interessiert, auch wenn sie in Abgründe wie diesen wiesen. Insofern ist ihm seine eigene Schwäche nachzusehen. Selbst die verirrte Seele sucht sich Formen, wie in Abwandlung eines berühmten frühen Bandes von Lukács zu sagen wäre.

Aufgestiegen als begeisterter Analyst seiner Gegenwartsliteratur, gefeiert als Vordenker der materialistischen Literaturwissenschaft, abgesunken über den vehementen Gegner formalistischen Denkens hin zur Bedeutungslosigkeit: Die Rezeption Lukács’ hat wohl jedes denkbare Stadium durchlebt, das einem großen Denker zuteilwerden kann, was sich auch an der Werkausgabe ablesen lässt: Knapp 20 Jahre stockte die Ausgabe, bis sie ab 2005 endlich fortgesetzt wurde. Seitdem sind die Bemühungen – wenn auch nur langsam – wieder aufgelebt, und nun geht auch Lukács’ wohlverdientes Memorial halbwegs seinem Abschluss entgegen. Ein Band mit Nachkriegsschriften folgt wohl noch.

Nun ist der in der Chronologie erste Band der Werke mit den Schriften zwischen 1902 und 1918 in zwei Teilbänden erschienen. Neben einer Auswahl der Besprechungen enthalten die beiden Bände zwei der großen vormarxistischen Arbeiten Lukács’, Die Seele und die Formen (1910/11) und seine wohl wirkungsvollste Arbeit, die Theorie des Romans (1916/1920), die ursprünglich als Einleitungskapitel einer größeren Arbeit über Fjodor Michailowitsch Dostojewski geplant war, sowie weitere frühe Sammelbände.

In Die Seele und die Formen, einem Essay-Band, sei Lukács – so Werner Jung in seinem begleitenden Essay – auf der Suche nach Authentizität gewesen, habe dies jedoch als eine Art autobiografisches Projekt betrieben. Das korrespondiert nicht zuletzt damit, dass Lukács, wie er in der nachfolgenden Theorie des Romans formuliert, mit der Problematisierung des Subjekts die Beschäftigung mit ihm intensiviert. Ein Ansatz, der literarisch gewendet derzeit seine Renaissance feiert, wenngleich er höchst problematisch ist. Bereits eine oberflächliche Durchsicht der Theorie des Romans zeigt aber zugleich, warum dieser aus heutiger Sicht fast schwelgende Text derart lange – und das zurecht – gewirkt hat. Denn auch wenn man der Gattungspoetik des frühen Lukács nicht folgen mag – seine Bestimmungen von Lyrik, Dramatik, Roman und Epopöe haben doch einige Patina angesetzt, die Seele als bestimmende Instanz hat wohl an Bedeutung verloren –, hat seine Abgrenzung der Moderne von Literatur und Kultur zwischen Antike und früher Neuzeit bis heute weitgehend Bestand. Die Selbstverständlichkeit, mit der alle kulturellen Phänomene in der vormodernen Welt aufgehoben und Teil einer strukturierten Entität sind, hat sich als Denkfigur erhalten. Ganz im Gegenteil dazu die Moderne, als deren genuiner Teil der Roman erscheint, dessen Form „Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit“ sei – dem Stichwort, das wohl bis heute untrennbar mit Lukács verbunden ist.

Die gesamte Theorie des Romans ist mithin dem Versuch geschuldet, die Offenheit der modernen Kultur als spezifische Bedingung zu skizzieren, die den Roman als Form bedingt. Wenn das Epos in allen Teilen stets das Ganze enthält, muss der Roman dieses Ganze jeweils selbst und nur für sich entwerfen. In Walter Benjamin Formulierung von der „Inkommensurabilität des Subjekts“ kehrt diese Überlegung wieder. Zugleich gibt Lukács Ordnung, Struktur und Totalität nicht auf, sondern macht ihren Entwurf zur Aufgabe des Romans, stets aber mit dem Siegel der Vorläufigkeit und Unzulänglichkeit versehen. Die Offenheit der Verhältnisse, die nicht zuletzt ihrer Weitläufigkeit geschuldet ist, unterbindet das. Das sind allerdings Bestimmungen, die bis heute an Plausibilität nichts eingebüßt haben und die über den Roman als literarische Form hinausweisen. 

Denn gerade unter den gegenwärtigen Bedingungen sollte man sich seine Überlegungen zu Gemüte führen, in denen die Unhintergehbarkeit der Moderne demonstrativ formuliert werden: „Wir können“, schreibt Lukács, „in einer geschlossenen Welt nicht mehr atmen“. Gerade unter den Bedingungen des Rollback in vermeintlich gesicherte Verhältnisse entwickeln Lukács’ Überlegungen ungemeine Aktualität, bis hin zu der konkludenten Aufforderung, unabgeschlossene Verhältnisse auszuhalten. Es gibt keine Rettung aus der Offenheit der Welt, es sei denn in totalitären Verhältnissen.

Der erste Band der Werkausgabe folgt den deutschen Erstdrucken, allerdings wird eine Reihe von Texten erstmalig auf Deutsch vorgelegt. In diesen Fällen stellt die ungarische Ausgabe die Vorlage, die gelegentlich mit den Erstdrucken abgeglichen wurde. Da es sich bei der Werkausgabe, die seinerzeit bei Luchterhand begonnen wurde, aber nun bei Aisthesis in Bielefeld betreut wird, um eine Leseausgabe handelt, fehlt ein textkritischer Apparat. Lediglich die Textüberlieferung wird mitgeteilt. Die Abweichungen der Erstausgabe der Theorie des Romans zur 1963 bei Luchterhand erschienenen und über Jahrzehnte nachgedruckten Auflage, wären nicht zuletzt deshalb aufschlussreich, weil der Luchterhand-Ausgabe nachgesagt wird, sie sei unzuverlässig. Andererseits wurde der Text in dieser Fassung in die Literaturwissenschaft der späten 1960er bis in die 1980er Jahre eingespeist.

Die Texte Lukács’, die hier berücksichtigt wurden, schreiten thematisch weitgehend die Themen und Autoren ab, die man bei einem ehrgeizigen Autor kurz nach der Jahrhundertwende vermutet. Dabei ist die Orientierung des jungen Ungarn Lukács auf die deutschsprachige Literatur und Kultur offensichtlich. Einer der ersten, bislang nur auf Ungarisch vorliegenden Texte behandelt Berlin im Juli. Neben Texten zu Gerhart Hauptmann, Wilhelm Dilthey, Hermann Bang und Thomas Mann versammelt der Band beispielsweise Essays über die Ästhetische Kultur sowie zur Soziologie des modernen Dramas. Auch visiert der Autor mehr und mehr den deutschsprachigen Buchmarkt und eine Rezeption im deutschsprachigen Raum an: Während Die Seele und die Formen noch zuerst auf Ungarisch erscheint und erst im Jahr darauf auf Deutsch, wird die Theorie des Romans im Jahr 1916 gleich auf Deutsch in der Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kulturwissenschaft publiziert. Gerade die Texte zur deutschsprachigen Literatur und Kultur, die bislang nur auf Ungarisch zugänglich waren, vermehren das Wissen um eine Reihe von Themenkontexten. Dazu gehört auch die Sammlung zu Béla Balász, der im deutschsprachigen Raum eben nicht nur als Filmtheoretiker, sondern – heute fast vergessen – als literarischer Autor präsent war.

Die beiden Bände werden durch zwei umfassende Essays von Zsuzsa Bognár und Werner Jung ergänzt, denen eine präzisere Einordnung der Texte zu entnehmen ist. Drucknachweise und ein Namensregister helfen, die Beiträge zu erschließen.

Titelbild

Georg Lukács: Werke Band 1 (1902-1918). Teilband 1 (1902-1913).
Herausgegeben von Zsuzsa Bognár, Werner Jung und Antonia Opitz.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2016.
478 Seiten, 128,00 EUR.
ISBN-13: 9783849811501

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Georg Lukács: Werke Band 1 (1902-1918). Teilband 2 (1914-1918).
Herausgegeben von Zsuzsa Bognár, Werner Jung, Antonia Opitz.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2018.
392 Seiten, 128,00 EUR.
ISBN-13: 9783849811518

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