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Im Sammelband „Heim/Tier“ kommen wir der Verhäuslichung tierlichen Verhaltens auf die Spur

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die wenigsten Hundehalter*innen werden sich schon einmal gefragt haben, ob es moralisch gerechtfertigt ist, einem Tier vorzugeben, wann es an einer Leine läuft und wann es frei herumlaufen darf. Kaum einer, der sich einen Hamster kauft, wird sich Gedanken über die natürlichen Gewohnheiten der kleinen Tiere machen, die sich in freier Wildbahn gern ordentlich ausbreiten. Und ob sich Hirsche in einer Parallelwelt zu dekorativen Zwecken menschliches Haupthaar, Ohren oder ganze Köpfe an die Wand hängen, das fragen sich wahrscheinlich die wenigsten. Es ist einfach ganz normal geworden, mit nichtmenschlichen lebenden und toten Tieren den Wohnraum zu teilen und darüber zu bestimmen, wo sie hingehören und wie sie sich zu verhalten haben: Die Katze wird gestreichelt und bekommt einen Kratzbaum, die Stubenfliege wird erschlagen, der Kakerlake begegnen wir nur mit dem Flammenwerfer, die Spinne sorgt für einen mückenfreien Haushalt, die Hausschuhe aus Schafswolle machen es erst so richtig gemütlich und das Schwein landet gleich neben der Butter auf dem Frühstückstisch. In dem von Silke Förschler, Christiane Keim und Astrid Silvia Schönhagen herausgegebenen Sammelband Heim/Tier. Tier-Mensch-Beziehungen im Wohnen gehen die Autorinnen dem Wohnen als einer interspecies relationship auf den Grund. In der Einleitung schlagen die Herausgeberinnen einen Bogen über Wohndiskurse des 18. Jahrhunderts, die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts bis hin zu einem prominenten zeitgenössischen Filmbeispiel für mensch-tierliches Zusammenleben (Pets, 2016) – Wohnforschung solle man, so die Autorinnen, „jenseits anthropozentrischer Subjekt-Objekt-Dichotomien“ betreiben.

Denn das gemeinschaftliche Wohnen von menschlichen und nichtmenschlichen Tieren ist nicht nur eine durch menschliche Hand bestimmte Lebensform, die „Haustieren“ oder „Heimtieren“ gewaltsam aufgedrückt wird, und auch nicht nur ein von Verhätschelung und Liebkosungen geprägtes Verhältnis von oben (Mensch) nach unten (Tier). Mensch-tierliches Wohnen ist vielfältiger. Jessica Ullrich zeigt in ihrem Beitrag Den Tieren Platz einräumen deshalb unter anderem auf, dass es zwischen selbstgewählter Ko-Habitation und menschlich erzwungener (Tier-)Gefangenschaft – einer Dichotomie, die so von Chris Philo und Chris Wilbert als „animal spaces“ und „beastly places“ reformuliert wurde – noch etwas anderes gibt – etwas, das mit und durch Kunst ausgedrückt und vergegenwärtigt werden kann. So beschreibt Ullrich, dass Menschen beileibe nicht die einzigen Tiere sind, die sich Behausungen zulegen – ganz gleich, ob im Rahmen eines nomadischen oder sesshaften Lebensstils. Am Beispiel von Katzen in der Gegenwartskunst beschäftigt sich Ullrich mit der Frage, wie Katzen und Menschen miteinander leben und leben können: Welche praktischen und ästhetischen Lösungen bietet das domestizierte Miteinander? Dass es in dem Beitrag mehrmals um Katzen geht, ist vielleicht, wie in der Einleitung bereits anklingt, einem der berühmtesten Vordenker des zurückblickenden Tieres geschuldet: Jacques Derrida hat in Das autobiographische Tier (1997) bereits das Verhältnis zu seiner Katze reflektiert.

In Heim/Tier geht es nun um eine ganze Reihe verschiedenster Tiere, die ihren Wohnraum mit Menschen teilen: Auch Hunde, Vögel, Fische, Stubenfliege und (tote und lebende) Wildtiere finden Berücksichtigung. So werden sowohl tierliche Artefakte als auch lebende Subjekte in ihren einzelnen historischen (Wohn-)Kontexten verortet. Tierliche Natur wird in diesem Zusammenhang als domestiziert, als verhäuslicht und medialisiert begriffen. So soll auch danach gefragt werden, ob nicht gerade das „Heimtier“ die jahrhundertealte Dichotomie von Natur und Kultur, die schon so oft wiederholt und bekämpft wurde, längst umzustoßen imstande ist, sie vielleicht schon umgestoßen hat, bevor wissenschaftliche und künstlerische Arbeiten überhaupt auf die Aufhebung dieser vermeintlichen Gegensätze kamen.

Im ersten Teil des Bandes, „Geteilte Topografien, geteilte Räume“ geht es um die Charakteristika menschlicher und tierlicher Raum(an)ordnungen. So beispielsweise muss bedacht werden, dass menschliche und nichtmenschliche Tiere unterschiedliche subjektive Raum- und Zeiterfahrungen teilen (oder nicht teilen). Wie eng diese vermeintliche Problematik mit ökologischem Wissen – oder Unwissen – in Wohndiskursen verwoben ist, zeigt Katja Kynast in ihrem Beitrag Zimmerbilder unsichtbarer Welten anhand von Jakob von Üexkülls Streifzügen durch die Unwelten von Tieren und Menschen (1934) auf. Auch für die zoologische Praxis und Forschung haben Wohnbegrifflichkeiten eine Rolle gespielt – Anne Hölck beschreibt deshalb in Bauen für das Existenzminimum von Wildtieren, inwiefern das architektonische Paradigma der menschlichen Schaulustbefriedigung tatsächlich in den 1960er Jahren gebrochen wurde und inwiefern zeitgenössische Zooarchitektur tierliche Bedürfnisse tatsächlich miteinzubeziehen imstande ist. Die Autorinnen des ersten Teils bestechen durch eine präzise Analyse des ihnen vorliegenden Materials und durch den direkten Bezug auf zeitgenössische Fragen des mensch-tierlichen Zusammenlebens.

Darauf folgt der zweite Teil des Bandes, „Platzierungen. Von der ästhetischen Erziehung des Tieres und des Menschen“. Hier geht es nicht mehr vorwiegend um die architektonischen und räumlichen Dispositive, in denen sich die verschiedenen Spezies aufhalten, sondern um „spezifische Anordnungen und regelgeleitete Anweisungen für das Zusammenleben“ der Menschen und Tiere miteinander an einem Ort: „Das Tier oder seine (künstlerischen) Repräsentationen werden hier verstanden als Teil historisch spezifischer Naturalisierungs- und/oder Domestizierungsdiskurse, die sich mit Narrativen des Wohnens und alltäglichen Wohnpraktiken überlagern.“ Soll heißen: Die Autorinnen analysieren anhand verschiedenen Materials die Überlagerungen einzelner Diskurse, so etwa Mareike Vennen, die feststellt, dass sich im 19. Jahrhundert naturwissenschaftliche Forschungsbestrebungen, Inneneinrichtungsmodelle und bürgerliche Freizeitbeschäftigungen überlappen, wenn es um Tiere (hier in Heimaquarien) geht. Während Barbara Schrödl den Hundeliegeplatz auf seine lokalen und qualitativen Verschiebungen im nur vermeintlich menschlichen Wohnraum untersucht, beschäftigt Ellen Spickernagel sich in ihrem Beitrag mit modernen Tierskulpturen als Teil wohnlicher Ausstattung. Die Beiträge fokussieren sich also jeweils auf unterschiedliche Aspekte der Intimisierung und Funktionalisierung kreatürlicher, „natürlicher“ Elemente im Wohnraum.

Dabei fällt ein Beitrag besonders aus der Reihe: Ute Hörner und Mathias Antlfinger brechen das wissenschaftliche Textformat auf und schreiben stattdessen einen Brief von Graupapagei zu Mensch zu Graupapagei. Man erlangt Einblick in ein speziesübergreifendes Wohnprojekt zwischen Karl und Clara – so heißen die Papageien – und Hörner und Antlfinger. Wer hier wen ästhetisch erzogen hat, bleibt bewusst offen.

Der dritte Teil, „Intimisierung. Grenzziehungen zwischen Wohnsubjekten“, geht weg vom Gemeinschaftlichen hin zur Exotisierung tierlicher Wohngefährt*innen: Alice Steinbrecher zeigt beispielsweise auf, wie bereits im 16. Jahrhundert in medizinischen Lexika und Diskursen der Hund als Mitglied der menschlichen Wohngemeinschaft stilisiert wurde. Der tierliche Wohnraum unterlag hierbei einer klaren Regulierung, und die Haustierhaltung brachte im 18. Jahrhundert ihre eigenen Anweisungen, Accessoires und Teilungen in beiderlei Wortsinn hervor. Friederike Wappenschmidt konzentriert sich derweil auf die Chinoiserie-Mode, die bereits früh einen Beitrag zu einer verstärkten Emotionalisierung der verhäuslichten Mensch-Tier-Verhältnisse darstellte. Gerade Personen, die in höfische, adlige Gesellschaften eingebunden waren, pflegten sentimentale Beziehungen zu ihren vierbeinigen Gefährten. Weniger oder ganz anders sentimental ist das Sujet, dem sich Christina Theuter widmet: Im 19. Jahrhundert dienten Tiere als Teil textiler Ausstattungsprogramme. Die Felle toter Tiere beispielsweise sind, so Theuter, nicht einfach nur koloniale Trophäen, sondern sensuelle Markierungen geschlechtlicher Dichotomien. Auch hierbei geht es um Exotisierungen und die Stilisierung des Kreatürlichen zum „Animalisch-Fremden“. Theuter arbeitet heraus, wo sich der weibliche, der weiße Körper im Spiel von Materialität und Stofflichkeit einschreibt – oder einschreiben soll. Die feinen Linien des Sexismus, Rassismus und Speziesismus finden, so könnte man unter anderem schließen, ihren subtilen Ausdruck im menschlichen Wohn- und Rückzugsraum – dort, wo alles so cozy, so bequem und unschuldig ist.

Im letzten Text des Bandes geht es um Schädlinge. Maria Jana Supka liefert einen sehr persönlichen Beitrag, der auslotet, ab wenn ein Tier als Eindringling oder Störfaktor, wann hingegen als Gast gesehen wird und wie menschliche Anpassungsstrategien sich äußern können. Der asiatische Marienkäfer dient dabei als Beispiel für ein Tier, das sich an der Schnittstelle dieser Kategorien bewegt.

Was in dem Band zumindest aus einer besonders pedantischen total liberation-Perspektive fehlt, ist die eigentlich doch zu erwartende Frage, wie sich die existenzielle Zurichtung von „Nutztieren“ in diesem übergeordneten (Wohn-)Kontext verorten ließe. Vielleicht liegt die Aussparung dieses Gebietes daran, dass Tiere in der industriellen Nutztierhaltung nicht wirklich „wohnen“, sondern ständig verlagert, gemästet, ausgebeutet oder, ihrem Namen entsprechend, „genutzt“ werden. Dass sie sich nicht so recht in Wohndiskurse einordnen lassen. Dass sie gegenüber den Menschen ohnehin nicht als „wohnende“ Subjekte auftreten, nicht als symbolische Funktionsträger, sondern als unfertige Produkte, die am Ende als Milch, Ei und Fleisch auf unseren Tellern liegen, als Leder und Feder in unseren Kleidungsstücken und Kopfkissen enden. Zudem sind bereits einige Publikationen zur Räumlichkeit industrieller Nutztierhaltung und zur Unsichtbarkeit des oft nur als „livestock“ und „cattle“ bezeichneten Lebens erschienen. Dennoch wäre es sicherlich lohnend, in zukünftigen Beiträgen mehr zum „Wohnraum“ der nichtmenschlichen (Nutz-)Tiere zu hören, die immerhin 65 Prozent der Biomasse aller Wirbeltiere an Land ausmachen, denn auch sie leben und sterben unter von Menschen errichteten Dächern und sollten deshalb nicht ungehört bleiben. Der Aufbruch der Kategorien rein menschlichen und rein tierlichen Wohnens müsste bedeuten, auch die räumlichen Dispositive der Nutztierhaltung als Wohnräume zu hinterfragen. Dasselbe gilt beispielsweise auch für nichtmenschliche Subjekte in dänischen Tierbordellen, die der Sodomie zum Opfer fallen; es gilt außerdem für Tiere, deren natürlicher Lebensraum durch die fortschreitende Umweltzerstörung eingeschränkt oder vernichtet wird, oder generell für alle Tiere, denen räumliche Grenzen auf schmerzliche Weise dort gezogen werden, wo sie selbst die Grenze nie gezogen hätten.

Insgesamt bietet der Sammelband aber einen reflektierten und neuartigen Blick in eine Wohnraumforschung, die des ahumanen Lebens nicht entbehrt und es auch nicht zu einem beliebig lokalisierbaren Objekt degradiert – auch nicht auf wissenschaftlicher Ebene. So wird bei der Auswahl der Beispiele mensch-tierlichen Wohnens zunächst kein (epistemologisch relevanter) Unterschied gemacht zwischen lebenden und toten, „künstlichen“ und „natürlichen“, funktionalisierten und verhätschelten Tieren, sondern es werden die symbolischen und emotionalen Überlagerungen thematisiert, die sich in verhäuslichten Mensch-Tier-Beziehungen zeigen. Die Beiträge beziehen sich jeweils auf den neusten Forschungsstand und reagieren kreativ und produktiv auf diesen, indem sie mehrfach Vorschläge für alternative Lesarten mensch-tierlicher Wohnräume anbieten. Nicht nur jeder einzelne Beitrag ist auch für Einsteiger*innen in die Animal Studies gut lesbar und verständlich, sondern auch der Sammelband selbst überzeugt durch ein eigenartiges, aber spielerisch variables Design der Schriftarten. Nichts an diesem Band ist prätentiös, und gelesen werden sollte er allemal, gerade von jenen, die es für ganz selbstverständlich halten, ihren Wohnraum mit tierlichen Gefährten zu teilen.

Titelbild

Silke Förschler / Christiane Keim / Astrid Silvia Schönhagen (Hg.): Heim/Tier. Tier-Mensch-Beziehungen im Wohnen.
Transcript Verlag, Bielefeld 2019.
268 Seiten, 29,99 EUR.
ISBN-13: 9783837646917

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