Naturgeschichte(n) mal anders

Karl-Heinz Göttert zeigt in „Als die Natur noch sprach“ anhand vormoderner Geschichten über Tiere und Menschen, dass es kein Zurück mehr gibt

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als die Natur noch sprach, ein hochwertig gedruckter Band mit vielfältigem Anschauungsmaterial, geschrieben von einem Literaturwissenschaftler und Sachbuchautor, dessen Name nicht unbekannt ist – auf den ersten Blick erwartet die Lesenden ein scheinbar konventionelles Buch, das romantische Natursehnsüchte bestätigt oder wach werden lässt. Doch Karl-Heinz Göttert hat andere Pläne!

Zunächst einmal räumt der Autor mit der veralteten Vorstellung auf, Menschen hätten Geschichte und die Natur eben … Natur. Gab es diese Natur überhaupt jemals, diese nährende „Mutter“, dieses ganz einfache Ding, diese friedliche und wundervolle Behausung, nach der sich jetzt, da die Erde in weiten Teilen zubetoniert und ihre Wälder gerodet wurden, alle Menschen sehnen? Treten wir heutzutage einer verstummten Natur gegenüber, deren Klänge man ehemals noch hören und sogar deuten konnte? Mit einem humorvollen Blick auf Texte von Aristoteles, Plinius, Hildegard von Bingen, Konrad von Megenberg Paracelsus und anderen Denker*innen zeigt Göttert auf, dass es ganz so einfach nicht ist. Sein Buch bietet einen populärwissenschaftlichen, aber nicht minder interessanten Überblick über Konzeptualisierungen von Natürlich- und Kreatürlichkeit in der Antike, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Dabei stellt sich unter anderem heraus, dass es eine moralische Kritik an der Nutztierhaltung und den durch sie verursachten ökologischen Problemen bereits in der Antike gab – etwas, das vielen heute so plötzlich und neuartig erscheint, wurde offenbar schon vor über 2000 Jahren heiß diskutiert. Athleten ernährten sich überwiegend pflanzlich, ganze philosophische Schulen waren vom Vegetarismus inspiriert. Göttert stellt dar, wie sich verschiedene wissenschaftliche Zugriffsmodi auf „die“ Natur seit der griechischen Antike entwickelten – etwa in Form von Meteorologie, Theologie, aber auch in der versuchten systematischen Erschließung des Tier- und Pflanzenreichs als Zoologie. Es entstanden über die Menschheitsgeschichte hinweg etliche Enzyklopädien, die teilweise an den Haaren herbeigezogene „Fakten“ über unsere tierlichen Mitgeschöpfe und deren Lebensräume präsentierten.

Doch darum, ob das alles zutreffen soll oder nicht, geht es in Götterts Buch nicht. Vielmehr soll verstehbar gemacht werden, dass vormoderne Naturbegriffe eigene Geschichten haben, Geschichten erzählen und aus Geschichten hervorgehen. Diese Geschichten bereitet Göttert auf und setzt sie miteinander in Verbindung. Dabei werden Themenbereiche wie Architektur und Technik, Sexualität, Wirtschaft, Klima und Weltkartierungen einzeln abgehandelt. Natur besitzt eigene Narrative, sie ist ein Konglomerat an längst vergessenen und doch immer wieder transformiert aufscheinenden Narrativen. Besonders spannend sind beispielsweise die Darlegungen zum berühmten Physiologus. So soll dort geschildert worden sein, dass Elefanten sich beim Schlafen an einen Baum lehnen müssen, weil sie keine Knie besäßen. Auch die Fortpflanzung der mächtigen Tiere wird dort fast religiös-mythologisch verklärt: Elefantin und Elefant reisen in das Morgenland nahe beim Paradies, das Weibchen isst von dem Baum „Mandragora“, überzeugt das Männchen, es ebenfalls zu tun, und den Rest des ganzen Dramas kennen wir ja schon. Das Elefantenbeispiel zeigt lebhaft, wie Geschichten, ob biblisch, mythologisch oder epistemologisch, stets wiederbelebt und umgedeutet wurden, um „der“ Natur irgendwie ein Stückchen näher zu kommen, sie sprechen zu lassen, wo sie schweigt. Es geht letztlich nicht um das Auffinden von Natur, sondern einer Spur, die noch dahinterliegt. Es ist diese Spur, der Göttert folgt.

Der Autor lässt spüren, dass man ihr allerdings nicht ewig und widerstandslos folgen kann. Ein Zurück zur Natur, wie es in romantischen Auswüchsen auch zeitgenössischer Naturdiskurse gern dargestellt wird, kann es nicht geben. Natur ist immer das, wozu sie eben deklariert wird. Deshalb ist Götterts Ansatz äußerst erfrischend: Das Buch bietet eine Überfülle an Wissen, ist allerdings nicht sehr streng strukturiert und will keinen wissenschaftlichen Anspruch erfüllen, es trägt nichts Neues zum aktuellen Natur/Kultur-Diskurs bei. Es vollzieht vielmehr Lebensbedingungen von Menschen, Tieren (zumindest teilweise) und ganzen Ökosystemen nach – als Geschichten, nicht als Naturgeschichte. („Natur“-)Lesarten außereuropäischer Bevölkerungsgruppen kommen allerdings kaum vor. Trotz dieses stark eurozentrischen, global betrachtet eher beschränkten Blicks handelt es sich um eine lesenswerte Zusammenstellung von („Natur“-)Wissen nicht nur für Naturromantiker*innen, sondern auch für jene, die es auf keinen Fall werden wollen.

Titelbild

Karl-Heinz Göttert: Als die Natur noch sprach. Mensch, Tier und Pflanze vor der Moderne.
Mit 45 Abbildungen.
Reclam Verlag, Stuttgart 2019.
390 Seiten, 30,00 EUR.
ISBN-13: 9783150112045

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