Anmerkungen zum neuesten Kapitel der Stauffenberg-Rezeptionsgeschichte

Über zwei Bücher von Thomas Karlauf und Sophie von Bechtolsheim zum Thema

Von Franz Sz. HorváthRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franz Sz. Horváth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Beantwortung der Frage, warum sich eine Person der Geschichte auf eine bestimmte Art verhalten hat, gehört zu den spannendsten und zugleich ungewissesten Aufgaben der Geschichtsschreibung. Selbst wenn die Person Auskunft über ihre Motive hinterlassen hat, besteht die Aufgabe des Historikers darin, diese Selbstauskunft kritisch zu hinterfragen und nach anderen, zusätzlichen Motiven zu forschen. Diese könnten nämlich von der jeweiligen Person gerade durch die gemachte Auskunft bewusst oder unbewusst verdeckt worden sein. Die Historiker suchen also stets weiter und stets nach weiteren Antworten. Sie können sich dabei sogar auf den Philosophen Immanuel Kant berufen. Dieser begann seinen Aufsatz Mutmasslicher Anfang der Menschengeschichte mit folgenden Sätzen:

Im Fortgange einer Geschichte Mutmaßungen einzustreuen, um Lücken in den Nachrichten zu füllen, ist wohl erlaubt: weil das Vorhergehende und das Nachfolgende, als Wirkung, eine ziemlich sichere Leitung zur Entdeckung der Mittelursachen abgeben kann, um den Übergang begreiflich zu machen.

Sofern also die Vorgeschichte und die Folgen einer Handlung bekannt sind, sind auf dem Wege der Deduktion auch Aussagen über eine Handlung machbar, auch wenn wir über diese selbst wenig wissen. Es kommt stets darauf an, kenntlich zu machen, was uns an Informationen vorliegt und was wir selbst daraus abgeleitet haben. Hierzu kann man Parallelen ziehen, auf verwandte Geisteshaltungen und vergleichbare Handlungen verweisen und Annahmen und Indizien heranziehen. All dies sind legitime Mittel der Geschichtsschreibung, solange sie transparent gemacht werden.

Liegen keine direkten Quellen für die Motive und Ursachen einer Handlung beziehungsweise einer handelnden Person vor, müssen sich Historiker sogar an solche Methoden halten, wenn sie für sich beanspruchen, ein historisches Ereignis tatsächlich verstehen und erklären und es nicht nur wiedergeben zu wollen. Der Fall Stauffenberg stellt das beste Beispiel dafür dar, wie sich Scharen von Historikern abmühten, Ursachen und Ziele seines Attentats herauszufinden. Was trieb ihn zum Attentat an und welche Pläne hinsichtlich der Zeit danach gab es? Jede Antwort auf diese Frage(n) deutet gleichzeitig die Person Stauffenbergs, sein Leben und Handeln.

Der Altmeister der Erforschung der Geschichte des „Dritten Reichs“, Hans Mommsen, wies bereits in den 1960er Jahren darauf hin, dass die gesellschaftspolitischen Vorstellungen der meisten Widerständler in der NS-Zeit nur schwer mit unseren demokratischen Idealen zu vereinbaren sind. Der Antisemitismus vieler Widerständler war auch ein Thema, das jahrzehntelang von vielen nicht gerne gehört und gelesen wurde. Schmiedet man Verschwörungspläne, ist es nachvollziehbar, dass man sich bemüht, wenige Spuren und Quellen zu hinterlassen, die im Falle eines Scheiterns gegen einen verwendet werden könnten. Dies war im Falle der Verschwörer vom 20. Juli nicht anders, weshalb Johannes Hürter bereits 2004 festhielt: „Die Forschung ist hier stärker als anderswo auf Indizienketten angewiesen“.

Das Attentat vom 20. Juli 1944 jährte sich 2019 zum 75. Mal. Es war zu erwarten gewesen, dass der Anlass viele Publikationen hervorbringen würde, nicht jedoch, dass sich diese so kontrovers und spannend aufeinander beziehen würden. Im Folgenden soll auf die Stauffenberg-Biografie von Thomas Karlauf und die kurze Erwiderungsschrift der Stauffenberg-Enkelin Sophie von Bechtolsheim eingegangen werden. Karlauf selbst war in seinen Jugendjahren einer „Affiliation“ des Stefan-George-Kreises verbunden gewesen. Nachdem er sich davon lösen wollte, gelang ihm dies nicht ganz: Zuerst verfasste er eine viel beachtete Biografie über den „Meister“, den Ahnherrn und Akteur der „konservativen Revolution“. Darin sparte er auch das von den George-Jüngern bis dahin verschwiegene Thema nicht aus, die Homosexualität des Dichters, was ihm die breite Aufmerksamkeit des Feuilletons sicherte. Anschließend widmete er sich unter anderem der Biografie Helmut Schmidts, um sich nun folgerichtig mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu beschäftigen. Deshalb folgerichtig, weil die Verneigung vor großen historischen Persönlichkeiten eines der Charakteristika des George-Kreises war. Diese Haltung machte Karlauf hingegen bereits mit seiner George-Biografie nicht mit, und auch sein Werk über den bekanntesten Attentäter des deutschen Widerstands lässt sich nicht als Verneigung bezeichnen.

Denn in seiner Darstellung konzentriert er sich auf Stauffenbergs Zugehörigkeit zum Militär. Dessen Jugendjahre wie auch der familiäre Hintergrund kommen nur beiläufig zur Sprache. Stärker betont wird dagegen seine Zugehörigkeit zum George-Kreis, was insofern nicht verwunderlich ist, als dessen Elitismus, Standesdünkel, Konservatismus und Distanz zur Demokratie jene Werte waren, die Stauffenbergs Ansichten entsprachen; diese Einstellung teilten auch viele seiner Offizierskollegen. Karlauf thematisiert offen, dass die Forschung über wenige zeitgenössische Quellen zur Motivation Stauffenbergs aus den 1940er Jahren verfügt. Deshalb sei er genötigt gewesen, auf die Einstellung und Gedankenwelt von Stauffenbergs Bekannten und Offizierskollegen einzugehen, um so, von Indizien geleitet, auf Stauffenberg schließen zu können. Grundsätzlich zu begrüßen ist die Quellenkritik, die Karlauf den nachträglichen Egozeugnissen vieler am Widerstand direkt, indirekt oder gar nicht beteiligten Personen zukommen lässt, doch hierzu später mehr. Mit seiner Methode, nach Analogien in anderen Biografien und nach Indizien zu suchen, steht Karlauf nicht alleine. Er verweist auf eine weitere Offiziersbiografie, deren Autor ähnlich vorgegangen sei und er kennt natürlich das obige Zitat Johannes Hürters.

Bedingt durch diese kritische Herangehensweise weigert sich Karlauf, Stauffenbergs Biografie von den Anfängen an als auf das Attentat zulaufend zu zeichnen. Er stellt vielmehr die rasche Militärkarriere ins Zentrum und die (mehr oder weniger plausibel nachgewiesene) Übereinstimmung mit den innen- wie außenpolitischen Zielsetzungen des Regimes. Der Autor betont dabei die innere Distanz, die der Wehrmachtsoffizier gegenüber der NSDAP und der Instrumentalisierung der Armee durch die Partei empfand. Als Beginn der oppositionellen Gedanken und Aktivitäten erscheint Karlauf das Jahr 1942 das plausibelste. Bis dahin sei Stauffenberg mit dem Krieg einverstanden gewesen und habe sich beispielsweise beim Einmarsch in Polen sehr abfällig über die Juden und die Polen geäußert. Aufgrund seiner unzähligen Reisen an die Front muss er zwar über viele Grausamkeiten im Bild gewesen sein, doch sind keine Äußerungen von ihm dazu nachgewiesen. 1942 sei dann Stauffenberg aufgegangen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei, dass er zum Untergang der Deutschen führen würde und, schließlich, dass er mit außerordentlich verbrecherischen Methoden geführt werde. Deshalb habe er die Idee gefasst, eine Verschwörung gegen Hitler zu initiieren. Im darauffolgenden Jahr, 1943, habe Stauffenberg beschlossen, dass Hitler beseitigt werden müsse. Ab Herbst 1943, nach dem Scheitern mehrerer Attentatsversuche auf Hitler, koordinierte Stauffenberg dann selbst als Hauptfigur die Planung und Durchführung des Attentats. Allerdings sei ihm erst im Juli 1944 klar geworden, dass er selbst es würde durchführen müssen.

Zwar geht Karlauf auf Stauffenbergs Kontakte zu dem sozialdemokratischen Politiker Julius Leber und dem ehemaligen Leipziger Bürgermeister Carl Goerdeler ein, doch zeigt er ihn insgesamt als einen Offizier, der zusammen mit anderen Offizieren aus einem militärischen Ethos heraus letztlich einen Militärputsch herbei- und durchführen wollte. Auf die Pläne nach einem erfolgreichen Attentat geht er hingegen kaum ein, nur kurz verweist er unter anderen auf den berühmten „Schwur“, den Claus Stauffenberg zusammen mit seinem Bruder Berthold verfasste. Dieser atme, betont Karlauf mehrfach in seiner Analyse, den Geist des George-Kreises: Der Autor spricht hierbei von den Elitevorstellungen und den Idealen der Ständeordnung, die propagiert wurden, sowie von der Betonung der kulturellen Hegemonie durch die Stauffenbergs, die die Deutschen dazu berufen würde, die europäischen Völker zu führen. Der Text des Schwurs lässt zweifellos keine demokratische Einstellung erahnen, eher einen Konservatismus des 19. Jahrhunderts. Indem Karlauf in Stauffenberg den konservativen Adligen und Offizier zeigt, der sich auf verlorenem Posten in einem verlorenen Krieg wähnt, rückt er die ethisch-moralische Komponente und Wurzel des Attentats in den Hintergrund. So bestreitet er den ethischen Bezug des Attentats, denn wenn es Stauffenberg darum gegangen wäre, hätte er alles auf ein Gelingen des Attentats gelegt und hätte die Wolfsschanze nicht lebend verlassen. Stauffenbergs „Ethos der Tat“ verbindet Karlauf erneut mit George beziehungsweise bindet ihn an diesen zurück.

Doch darin irrt der Autor, denn aus der George-Biografie ist die Zurückweisung und Ablehnung Georges überliefert, als er von dem Selbstmord von zweien seiner Jünger 1918 hörte, die desertierten und somit das Vaterland „verrieten“. Denn „Vaterland“, „Nation“, „Treue“ und „Aushalten/Haltung zeigen“ waren jene Termini, die unlösbar zur Ethik und Lebensauffassung Georges gehörten. George hätte dementsprechend das Attentat niemals gutgeheißen und daher täuschten sich die Stauffenbergs, wenn sie 1944 dachten, sie würden im Sinne und Geiste Georges handeln. Das Attentat von 1944 aus dem Geiste Georges abzuleiten und damit den Dichter, dessen Lyrik und Kreis aufzuwerten, ist ein Trugschluss und Fehler, den man einem Thomas Karlauf nicht zugetraut hätte. Dies ist der Grundirrtum seines Werkes, einer ansonsten spannend geschriebenen und lesenswerten Biografie, die das berühmteste Attentat der deutschen Geschichte um des Markterfolgs willen weitgehend monokausal aus der Gedankenwelt Georges ableitet.

Das Buch Thomas Karlaufs ließ bei Sophie von Bechtolsheim, einer 1968 geborenen Enkelin Stauffenbergs, den Geduldsfaden reißen. Die Familie sei zwar gewohnt, dass die Figur Stauffenbergs auf das Attentat reduziert werde und er als Projektionsfläche für alle möglichen Deutungen herhalten müsse, doch nun werden in den Feuilletons nicht die gründlichen und ernsthaften wissenschaftlichen Werke einer Linda von Keyserlingk-Rehbein oder eines Ulrich Schlie diskutiert, sondern „eine neue Biografie […], die nahelegt, Stauffenbergs Handeln, und insbesondere das Attentat, sei direkt den Einflüssen des Dichters Stefan Georges entsprungen. Diese Komposition basiert auf fragwürdigen wissenschaftlichen Methoden, auf ‚Indizienketten‘ und ‚Analogien‘, die der Autor aus den Quellen zusammensammelt, wenn sie zu seiner These passen“. Auf diese Weise, beklagt die Enkelin, blieben die anderen Verschwörer auf der Strecke. Zudem gehe so jedes moralische Verständnis für die Motive des Attentats verloren. Sophie von Bechtolsheim befürchtet, die Person Stauffenbergs könnte in den vielen „Deutungen untergehen“. Sie selbst könne zwar keine neuen Quellen aufbieten, um ein adäquateres Bild Stauffenbergs als die bisherigen und zumal als das Karlaufs zu konstruieren, gesteht sie, doch auch wenn die Historiker das Geschriebene mehr schätzten als das Gesprochene, habe dieses seine eigene Wahrheit und seinen eigenen Zugang zum Gewesenen, was man ebenfalls schätzen müsse. Zudem sei sie als Historikerin bestens gerüstet für den Umgang mit dem Gesprochenen. Sie verweist dabei besonders auf die Gespräche mit ihrer Großmutter, der Witwe Stauffenbergs, die sie vor allem in den 1980er Jahren geführt habe.

Ins Zentrum ihres Buchs stellt die Autorin damit ihre Großmutter und deren in vielen undatierten Gesprächen, zwischendurch oder auf Nachfrage, mitgeteilten Erinnerungen an Claus Graf von Stauffenberg. Ebenfalls zentrale Stellung nimmt sie selbst ein sowie die Genese ihres Umgangs als Kleinkind, als Schülerin und als Studentin mit dem riesigen Schatten ihres Großvaters. Die Enkelin ist nun sichtlich bemüht, den Menschen Stauffenberg vorzustellen, was ihr jedoch weniger gut gelingt. Sie geht auch auf Stefan George ein, dem sie zwar einen prägenden Einfluss auf Stauffenberg zugesteht, jedoch sei dieser Einfluss nicht der einzige gewesen. Sophie von Bechtolsheim behauptet, nach dem Attentat sei das Ziel der „Neubeginn unter rechtsstaatlicher Ordnung“ gewesen. Sie wehrt sich dagegen, Stauffenberg Antisemitismus zu unterstellen und beruft sich auf ihre Großmutter, die ihr in Bezug auf 1934 und 1938 mehrfach von Stauffenbergs Abscheu wegen der antisemitischen Ausschreitungen berichtet habe. Hinsichtlich des Stauffenbergʼschen Briefes von 1939, in dem dieser sich abfällig über die Juden und Polen äußerte, betont von Bechtolsheim die „quellenkritische Vorsicht“, die angebracht sei. Interessanterweise ist von einer solchen keine Spur, wenn es um die Erinnerungen ihrer Großmutter geht. Dabei ist ein wesentlicher Teil der Oral History, darüber nachzudenken, warum sich jemand gerade in einem bestimmten Moment an ein bestimmtes Ereignis auf eine bestimmte Art und Weise erinnert. Wenn die Erinnerungen von Zeitzeugen einen Wert haben, dann liegt dieser darin, zu eruieren, warum sich jemand an etwas Bestimmtes erinnert. Leider unternimmt die Verfasserin, trotz ihrer eigenen Verweise auf ihre Ausbildung als Historikerin, kein einziges Mal den Versuch, die Aussagen ihrer Großmutter zu kontextualisieren, mit anderen Quellen zu vergleichen oder auch nur zu überlegen, warum ihr in einem bestimmten Moment ein Sachverhalt so wichtig war. Zuzustimmen ist der Autorin hingegen, wenn sie ihren Vater zitiert, der sich gegen eine derzeitige Inflation des Begriffes „Widerstand“ wandte. Zuletzt betont sie die moralische Dimension des Attentats und die demokratische Einstellung der Attentäter, die sie daran festmacht, dass ihr Großvater doch Kontakte zu Julius Leber hatte. Auf der letzten Seite schließlich wendet sie sich gegen den Gebrauch des Begriffs „Attentäter“, mit der seltsamen Begründung, dass er die komplexe Persönlichkeit ihres Großvaters vereinfachen würde.

Sophie von Bechtolsheims Buch ist zweifellos eine engagierte Verteidigungsschrift ihres Großvaters, den sie in der Literatur, vor allem in Karlaufs Biografie, vielfach verzerrt dargestellt sieht. Anstelle geschriebener Quellen rückt sie ein Egozeugnis in den Mittelpunkt: die Auskünfte ihrer Großmutter, für die es natürlich keine Belege und nachprüfbare Angaben gibt. Nimmt man die Quellenkritik Karlaufs ernst, der so gut wie alle nach dem Krieg entstandenen Egozeugnisse unter den Verdacht der Selbststilisierung stellt, so muss man natürlich auch das Buch der Enkelin als unseriös zurückweisen. Es enthält keine einzige Literaturstelle, was auch mit keinem Wort erklärt wird – eine seltsame Vorgehensweise einer Person, die im Buch und den Medien als Historikerin dargestellt wird, von der es sonst jedoch (bis 2019) keine weitere Publikation zu geben scheint. Ihr Buch folgt dem dezidierten Vorsatz, den Großvater von Verzerrungen und Missverständnissen freizusprechen. Wenn freilich die Autorin am Anfang und Ende mehrfach die Fokussierung auf ihren Großvater kritisiert, sie selbst jedoch durch die Auskünfte ihrer Großmutter nur von ihm spricht, dann macht sie auch nichts anderes. Obwohl sie angeblich fürchtet, die Person Stauffenbergs könnte in den vielen Deutungen untergehen, legt sie eine weitere Deutung seiner Person vor. Wenn sie zudem Karlauf vorwirft, in seiner Darstellung blieben die anderen Verschwörer auf der Strecke, führt sie Schattenboxen durch, denn dass in Karlaufs Biografie Stauffenberg als Hauptperson im Zentrum steht, versteht sich von selbst. Dieser wollte nun einmal eine Stauffenberg-Biografie schreiben und keine monografische Darstellung des NS-Widerstandes. Zweifelsohne betont Karlauf den Einfluss Georges zu stark und übertreibt damit genauso wie mit der pauschalen Zurückweisung aller Erinnerungstexte, die nach 1945 entstanden waren. Zudem ist die Erklärung Stauffenbergs aus dem George-Geist so neu gar nicht, denn auch die berühmte Biografie Peter Hofmanns betont dessen Einfluss stark genug und auch er setzt die ersten Gedanken an eine Widerstandsaktion auf das Jahr 1942. Nun ist die Tatsache, dass Karlauf durch eine besondere Deutung auffallen und sich in der Forschung einen Namen machen will, ein ganz gewöhnlicher Vorgang, der einen nicht weiter überraschen dürfte. Jedoch dürfte die Betonung der Bedeutung des George-Kreises für die Widerstandsforschung nicht viel Neues enthalten. Die Kritik der Enkelin an der „Indizienkette“ Karlaufs ist schließlich kaum nachvollziehbar, läuft sie damit doch lediglich gegen eine anerkannte wissenschaftliche Vorgehensweise an, wie es das Hürter-Zitat beweist. Nicht nachvollziehbar ist schließlich auch die Aussage, die Widerständler hätten einen „Neubeginn unter rechtsstaatlicher Ordnung“ angestrebt. Hierfür gibt es weder Belege, noch bestätigen die wenigen vorhandenen Quellen diese Aussage. Bei der Behauptung scheint also der eigene Wunsch der Verfasserin Pate des Gedankens gewesen zu sein.

Was bleibt nun nach dieser Kontroverse? Es handelt sich zweifellos um zwei spannende Bücher, die (zudem hintereinander und kontrastierend) zu lesen, lohnenswert ist. Karlaufs Darstellung entspricht eher wissenschaftlichen Gepflogenheiten, auch wenn sie zweifellos um die Zuspitzung einer wenig originellen These herum aufgebaut wurde, denn die Nähe der Stauffenbergs zum George-Kreis ist in der Forschung bereits vielfach thematisiert worden. Die Ausführungen Sophie von Bechtolsheims unterstreichen den Aspekt persönlicher Erinnerungen und die Spannung, die entsteht, wenn subjektive Betroffenheit auf kontroverse Deutungen stößt. Letztlich gehören beide Bücher zusammen und bilden komplementär ein wichtiges Stück der neuesten Rezeptionsgeschichte des NS-Widerstands. Als solches sollten sie etwa an Universitäten untersucht und behandelt werden, denn der jeweils eingenommene Blickwinkel verrät viel über unseren heutigen Umgang mit dem Erbe des Widerstands.

Titelbild

Sophie von Bechtolsheim / Sophie von Bechtolsheim: Stauffenberg – mein Großvater war kein Attentäter.
Herder Verlag, Freiburg 2019.
144 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783451072178

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Sophie von Bechtolsheim / Sophie von Bechtolsheim: Stauffenberg – mein Großvater war kein Attentäter.
Herder Verlag, Freiburg 2019.
144 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783451072178

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch