Es ist (fast) vollbracht

Endlich erscheinen Max Webers frühe Texte über Logik und Methodik der Sozialwissenschaften in der Gesamtausgabe – in Konkurrenz mit der Marx-Engels-Gesamtausgabe vor und nach dem Wendejahr 1989?

Von Dirk KaeslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Kaesler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für die seit 2006 an dieser Stelle laufende Berichterstattung über den Fortgang der Max Weber-Gesamtausgabe (MWG) konnte zuletzt die Publikation von I/12 („Verstehende Soziologie und Werturteilsfreiheit“) vermeldet werden (https://literaturkritik.de/max-weber-gesamtausgabe-band-12-verstehende-soziologie-werturteilsfreiheit,24797.html). Erneut äußerte ich darin die Hoffnung, dass der ebenfalls seit Jahrzehnten ausstehende Band I/7 („Zur Logik und Methodik der Sozialwissenschaften“) noch vor dem Jahr 2020 – dem hundertsten Todestag Max Webers – erscheinen möge. Mit erneuter Verzögerung ist dieser Band soeben erschienen und soll hier vorgestellt werden.

Zudem ist mit Band I/7 das monumentale Unternehmen der MWG fast abgeschlossen: Die Abteilung I („Schriften und Reden“) ist nunmehr vollständig, aus der Abteilung II („Briefe“) fehlt noch Band 11 („Nachträge und Gesamtregister“) und aus der Abteilung III („Vorlesungen und Vorlesungsnachschriften“) der Band 2 („Praktische Nationalökonomie“). Insofern bietet es sich an, diese Einzelrezension mit einem Rückblick auf das gesamte Vorhaben zu koppeln, dessen erster Band im Jahr 1984 (I/3: Landarbeiterstudien) – also vor nunmehr 35 Jahren – erschien.

Überinterpretierte wissenschaftstheoretische Texte und ihre biographischen Kontexte

Als Herausgeber der frühen Texte Max Webers zu „Logik und Methodik der Sozialwissenschaften“ – nach dem Tod des ursprünglich für beide Bände vorgesehenen Herausgebers, Horst Baier (gestorben 2017) – fungiert nun der Frankfurter Soziologe Gerhard Wagner. Betreut wurde Band I/7 von Wagner zusammen mit seinen Mitarbeitern Claudius Härpfer, Tom Kaden, Kai Müller und Angelika Zahn. Wagner selbst ist in der Weber-Forschung bislang ausgewiesen durch die Mitherausgabe eines Sammelbandes zu „Max Webers Wissenschaftslehre“ (Wagner/Zipprian, Hrsg. 1994); bekannt wurde er ansonsten durch seine Bielefelder Dissertation über „Gesellschaftstheorie als politische Theologie?“ (1992) und den Roman „Paulette am Strand“ (2009), in dem er fiktiv versuchte, einer neunzehn Jahre jungen Französin einen Einstieg in soziologisches Denken zu vermitteln, wobei er sich an den „soziologischen Grundbegriffen“ Webers entlang hangelte. Die überschaubare Weber-Literatur des Hauptherausgebers wirkt sich beim vorliegenden Band überaus wohltuend aus, wird doch nicht ständig auf eigene Weber-Publikationen verwiesen, wie das bei anderen Herausgebern in teilweise extensiver Manier praktiziert wurde.

Wie bereits zu Band I/12 notiert, haben die beiden Bände, in denen Webers Texte zu methodologischen Themen versammelt werden, werkgeschichtlich eine überaus bedeutungsvolle Aufgabe. Eigentlich gilt es, mit der Neuedition ein seit bald hundert Jahren existierendes Vor-Urteil zu korrigieren: Im Jahr 1922 publizierte Marianne Weber – zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes – eine Sammlung unter dem Titel „Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre“, in der ein Gutteil der nun erneut edierten Texte von ihr zusammengestellt worden war. Diese Sammlung erlebte eine Mehrzahl von Ausgaben, ab 1967 wurde sie neu herausgegeben von Johannes Winckelmann, zudem liegt diese – immer wieder veränderte – Fassung auch als Taschenbuch vor (UTB-Band 1492) vor. Diese Fassung wird bis zum heutigen Tag von Studierenden und Lehrenden benutzt und zitiert. Dadurch herrscht seit fast hundert Jahren die durch diesen Band – und seine zahlreichen Übersetzungen in andere Sprachen – erzeugte Vorstellung, dass es eine „Wissenschaftslehre“ Max Webers gäbe. Sowohl die italienischen Übersetzungen („Il metodo delle scienze storico-sociali“) als auch die französischen Übersetzungen („Essais sur la théorie de la science“) haben dieses Verständnis übernommen. In einigen englischen Übersetzungen und Fassungen wurde diese Interpretation geteilt („The Methodology of the Social Sciences“), in anderen klingt das bis heute sehr viel weniger kanonisiert und kodifiziert, wenn dort durchgehend von „Methodological Writings“ die Rede ist.

Die Überzeugung, dass es eine „Wissenschaftslehre“ Max Webers gäbe, führte bis zum heutigen Tag zu einer problematischen Tradition der Trennung von Inhalt und Methode. Diese Sichtweise war und ist eine dem Gesamtverständnis Max Webers nicht zuträgliche. Wenn heute von einer „Methodologie“ Max Webers die Rede ist, so meint man zumeist jene methodologischen Betrachtungen, die – ursprünglich verstreut in Zeitschriften – posthum erst von Marianne Weber und danach von Johannes Winckelmann herausgegeben wurden. Es war und ist dabei festzuhalten, dass es sich bei den dort gesammelten Texten um Gelegenheits- und Auftragsarbeiten handelte, die zudem größtenteils Fragment geblieben waren. Diese Quellenlage war und ist mitverantwortlich für jene Kontroverse, die die bisherige Interpretation im Wesentlichen in zwei Lager teilte: Zum einen wurde immer wieder das Argument der Einheit der Weberschen „Wissenschaftslehre“ vertreten (Alexander Schelting 1934; Dieter Henrich 1952, Johannes Weiß 1975, Friedrich Tenbruck 1989), zum anderen das Argument einer erheblichen Diversität, einer nur sehr allmählichen Entwicklung seiner methodischen Konzepte, die allenfalls zu einer methodologischen „Sonntagsreiterei“ geführt habe (kritisch dazu Johannes Winckelmann 1968). Beide Positionen haben gute Gründe für sich vorbringen können: Ohne Zweifel präzisierten sich gerade die methodischen Positionen Webers im Laufe seiner jahrzehntelangen Sachforschung, die für ihn stets das Vordringlichste war, so dass von Veränderungen der Positionen gesprochen werden muss. Andererseits lassen sich zahlreiche durchgehende Argumentationen festmachen, ohne dass deswegen gleich von einer einheitlichen „Wissenschaftslehre“ die Rede sein muss.

Erschwerend für das heutige Verständnis ist zudem die Tatsache, dass gerade die Weberschen Arbeiten zur Methodologie der Sozialwissenschaften sehr stark ihrem historischen Hintergrund verbunden sind. Eine Reihe von Texten waren kritische Besprechungen anderer zeitgenössischer Autoren, so dass ein umfassendes Verständnis ohne die Kenntnis der von Weber behandelten Texte unmöglich ist. Zudem standen alle diese zeitgenössischen Diskussionen und Kontroversen sowohl in überlieferten philosophischen Traditionszusammenhängen als auch in aktuellen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, vor allem jedoch auch in wissenschaftspolitischen Entwicklungen. Die Formation und allmähliche Institutionalisierung der Sozialwissenschaften – darunter der Soziologie – bildeten eine weitere wichtige Folie der Weberschen Arbeiten zu methodologischen Fragen. Dass Weber es zur Einordnung als einem entscheidenden Theoretiker der Methodologie moderner Soziologie gebracht hat, verdankt sich ganz wesentlich drei Konzepten: dem Konzept des „Verstehens“, dem Konzept des „Idealtypus“ und dem Postulat der „Wert(urteils)freiheit“.

Das Bemerkenswerte an der Edition einiger der Texte Webers zu Logik und Methodik der Sozialwissenschaften aus den Jahren 1900 bis 1907 in der MWG ist die erneute Dekonstruktion der bisherigen Zusammenstellung und die gleichzeitige Aufnahme gänzlich neuer Texte. Vertraut aus der ehemaligen „Wissenschaftslehre“ (üblicherweise abgekürzt als „WL“) sind die drei Artikel „Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie“ (1903, 1905, 1906), die nun jedoch voneinander getrennt wurden, der kanonische Text „Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ (1904), der Aufsatz „Kritische Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik“ (1906), die beiden Aufsätze „R. Stammlers ‚Überwindung‘ der materialistischen Geschichtsauffassung“ (1907). Neu aufgenommen in diese Zusammenstellung wurden eine Anmerkung Max Webers zu Marianne Webers Buch „Fichte’s Sozialismus und sein Verhältnis zur Marx’schen Doktrin“ (1900), das er als Mitherausgeber der Reihe „Volkswirtschaftliche Abhandlungen der Badischen Hochschulen“ glaubte veröffentlichen zu müssen, die Entwürfe zweier Werbetexte für das „Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik“ (1903), das „Geleitwort“ beim Erscheinen des ersten Heftes des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ (1904) und eine redaktionelle Bemerkung zu einem Aufsatz von Gustav Cohn (1905). Im Anhang der Sammlung finden sich die sogenannten „Nervi-Notizen (1902/03) und Anmerkungen der Redaktion des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ (1906-1908).

An dieser Stelle erscheint es dem Rezensenten nicht sinnvoll, auf die altbekannten und zuweilen überinterpretierten Texte einzugehen: Allein zum „Objektivitäts-Aufsatz“ dürften Tausende von Seiten in vielen Sprachen geschrieben worden sein. Und beim Konzept der „Werturteils-Freiheit“ tobt bis heute der Streit der Interpreten darüber, wie Max Weber es „eigentlich“ gemeint hat.

Spannender erscheint es mir, auf zwei Texte einzugehen, von denen weder Marianne Weber noch Johannes Winckelmann glaubten, dass sie in die WL gehören.

Schon der erste Text, die „Anmerkung des Herausgebers“, hat es biographisch in sich, eröffnet er doch einen Blick auf das Binnenverhältnis zwischen Max und Marianne Weber. Marianne Weber, die als Gasthörerin an der Universität Freiburg – Weber hatte mit dem Sommersemester 1894 dort zu lehren begonnen – bei ihrem Mann und dessen Kollegen Paul Hensel, Kuno Fischer, Alois Riehl, Heinrich Rickert in den Vorlesungen und Seminaren studierte, hatte sich offenbar vorgenommen, an einer Dissertation über Johann Gottlieb Fichte zu arbeiten. Zu diesem Vorhaben hatten sie ganz offensichtlich sowohl Max Weber als auch Rickert ermutigt, obwohl beiden Freiburger Ordinarien fraglos bekannt sein musste, dass seit der Zulassung von Frauen zum Studium an badischen Universitäten im Februar 1900 das Abitur die Voraussetzung für Studium und Promotion bildete und Marianne Weber über diesen Schulabschluss nicht verfügte. Glaubten die Herren Professoren, für die Professorengattin eine Ausnahme erwirken zu können? Wurde die eifrige Gasthörerin in eine Sackgasse geführt, damit sie geistig beschäftigt war? Jedenfalls entnehmen wir der Korrespondenz zwischen Max und Marianne Weber im August 1898 überaus detaillierte Anregungen, ja „Leseempfehlungen“ für Marianne Weber (MWG II/3, S. 543) seitens ihres Gemahls. Die formalen Hindernisse auf dem Weg zu einem Promotionsverfahren wurden jedenfalls nicht überwunden, dennoch veröffentlichte die Autorin das Ergebnis ihres Lesens und Schreibens als Abhandlung „Fichte’s Sozialismus und sein Verhältnis zur Marx’schen Doktrin“ im Juli 1900 in der genannten Reihe, für die Max Weber als Herausgeber Mitverantwortung trug, neben Carl Johannes Fuchs, Heinrich Herkner und Gerhart von Schulze-Gaevernitz. Dieser „Erstlingsschrift“, wie die Autorin ihre Arbeit im Vorwort nennt und in der die Widmung „Meinem Mann“ steht, schickte der Reihenmitherausgeber eine gedruckte „Anmerkung“ voraus. „Ich glaube mich zu der Bemerkung veranlaßt, daß die Verfasserin, abgesehen von den von ihr hervorgehobenen Punkten […] ihren Weg in jeder Hinsicht selbständig hat suchen müssen und von mir nur […] Kolleganregungen ganz allgemeiner Art empfangen hat.“ Es ist kein Wunder, dass Marianne Weber diese Zeilen nicht in die WL aufnahm. Und aus heutiger Sicht wird man wohl fragen dürfen, was sie in einer historisch-kritischen Sammlung zur Logik und Methodik der Sozialwissenschaften verloren haben.

Die drei Texte anlässlich der Übernahme der Mitherausgeberschaft des ehemaligen „Archivs für soziale Gesetzgebung und Statistik“ durch Max Weber, die ebenfalls in dem hier anzuzeigenden Band aufgenommen wurden, könnten da schon als einschlägiger eingeordnet werden. Auch sie erlauben Einblicke in persönliche und biographische Zusammenhänge, auf die an dieser Stelle aufmerksam gemacht sei.

Im Sommer 1903 hatte Edgar Jaffé, auf drängendes Anraten Webers, für die stolze Summe von 60.000 Mark von Heinrich Braun diese Zeitschrift gekauft, die bei der Übernahme in „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ umbenannt wurde. Diese Zeitschrift wurde nicht zuletzt für den Mitherausgeber Weber – neben Jaffé und Werner Sombart – die entscheidende Plattform für seine eigenen Arbeiten, von denen hier ganz besonders hervorgehoben seien: der „Objektivitäts-Aufsatz“ (1904), die erste Fassung des Textes zur protestantischen Ethik und den Geist des Kapitalismus (1904/5) sowie seine religionssoziologischen Studien über Konfuzianismus und Taoismus (1916), Hinduismus und Buddhismus (1916) und das antike Judentum (1917/18). Sowohl die beiden Entwürfe eines Werbetextes für das „Archiv“ als auch, und vor allem, das „Geleitwort“ im ersten Heft stellen wichtige programmatische Formulierungen des Erkenntnisinteresses Max Webers dar. Aber eben nicht nur die von Max Weber, sondern gleichermaßen die seines Mitherausgebers Werner Sombart. Und hier wird es spannend.

Die Herausgeber des hier zu rezensierenden Bandes berichten, dass für das erste Heft der „Neuen Folge“, das im April 1904 erschien, drei Texte um die Reihenfolge miteinander konkurrierten. Und bei einem sogar um die Autorenschaft gestritten wurde! Sowohl Max Weber als auch Werner Sombart wollten als Herausgeber an prominenter Stelle im ersten Heft „ihrer“ Zeitschrift vertreten sein und zudem ein „Geleitwort“ voranstellen. Sombarts Beitrag lautete „Versuch einer Systematik der Wirtschaftskrisen“, Weber brachte seinen Aufsatz „Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ ein. Zudem wollte Sombart eine kommentierte Zusammenstellung der zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Literatur mit dem Titel „Der bibliographische und literatur-kritische Apparat der Sozialwissenschaften“ im ersten Heft unterbringen. Die weiteren Beiträge von Ferdinand Tönnies, Eduard Bernstein, Moritz Julius Bonn (halbiert), Rudolf Eberstadt wurden auf die hinteren Plätze gestellt, dann folgte die Literaturübersicht von Sombart und ihr ein Beitrag von Lujo Brentano. In der ersten Runde war die vorgesehene Reihenfolge: Geleitwort, Weber, Sombart, wie der dritte Herausgeber, Edgar Jaffé, den Verlag am 12. Februar 1904 wissen ließ. Doch schon am 19. Februar musste Jaffé diese Reihenfolge korrigieren und ließ den Verlag wissen, dass „aus inneren Gründen“ eine Verschiebung vorzunehmen sei: Geleitwort, Sombart, Weber. Im Brief heißt es: „Weber + Sombart haben also die Plätze gewechselt.“

Wer auch nur eine vage Vorstellung von den drei involvierten Herausgebern hat, weiß, dass ein harmonisches Wechseln der Plätze nicht stattgefunden haben kann. Über die „inneren Gründe“ informiert uns wenigstens andeutungsweise ein Brief von Marianne Weber an ihre Schwiegermutter, Helene Weber, vom 29. Februar 1904: „Nächstens erscheint das erste Archivheft nachdem noch allerlei Schwierigkeiten, die Sombarts Eitelkeit bereitete, glücklich beigelegt sind.“ Auch die Editoren des MWG-Bandes müssen kapitulieren, was die Details der ganzen Geschichte angeht, denn der Briefwechsel zwischen Sombart und Weber scheint verloren gegangen zu sein. An einer unzweifelhaft gegebenen „Eitelkeit“ Sombarts allein wird es nicht gelegen haben, denn auch Weber war in dieser Hinsicht nicht unbegabt. Dazu kam, dass Webers Beitrag erheblich über das vereinbarte Format hinausgegangen war, so umfangreich, dass die beiden anderen Herausgeber sogar eine Aufteilung seines Beitrags auf zwei Hefte erwogen, was Weber natürlich vehement zurückwies. So war die Änderung der Reihenfolge der erzwungene Kompromiss zwischen Weber und Sombart: Sombarts Text zuerst, dann Webers Text komplett.

Noch spannender, aber leider ebenfalls mehr im Dunkeln liegen die Zusammenhänge, was das „Geleitwort“ angeht. Unterschrieben ist es mit „Die Herausgeber“, womit eindeutig Edgar Jaffé, Werner Sombart und Max Weber gemeint sind, auf dem Deckblatt in alphabetischer Reihenfolge. Bereits bei den angesprochenen Werbetexten ist die Verteilung der Autorenschaft ebenso wenig eindeutig wie beim „Geleitwort“. Die Tatsache, dass dieser Text in die MWG aufgenommen wurde, und damit zu einem Text Webers gemacht wird, spiegelt eine Diskussion wider, die seit Jahrzehnten läuft und an der dieser Rezensent nicht unbeteiligt ist, hat er diesen Text doch auch in seine eigene Sammlung der wichtigsten Arbeiten Max Webers aufgenommen (Weber: Schriften 1894-1922). Der Streit darüber, ob Sombart oder Weber der „eigentliche“ Autor dieses programmatisch wichtigen Textes gewesen war, hat die Weber-Forschung über Jahrzehnte beschäftigt. Seit den einschlägigen Analysen von Wilhelm Hennis – die im hier anzuzeigenden Band nicht einmal angeführt werden – habe auch ich mich auf die Seite derjenigen geschlagen, die diesen Text als einen aus der Feder von Weber einschätzen (vgl. Hennis 1996).

Bedauerlicherweise bietet Band I/7 in dieser nicht gänzlich trivialen Angelegenheit keine Aufklärung, die über das schon bisher Bekannte hinausführt. Zitiert wird erneut aus dem Brief Sombarts an Julie Braun-Vogelstein vom 5. April 1927 – also sieben Jahre nach Webers Tod – in dem er schreibt: „Der Aufsatz ist von mir verfaßt und von Max Weber nur in unwesentlichen Punkten ergänzt“. Dazu formulieren die jetzigen Herausgeber lakonisch und ohne irgendwelche Belege: „Sombarts Behauptung, daß Weber den Aufsatz ‚nur in unwesentlichen Punkten ergänzt‘ habe, trifft allerdings ebensowenig zu wie Marianne Webers Behauptung, das Geleitwort sei von Weber entworfen worden.“ Salomonisch urteilen sie: „Tatsächlich enthält das Geleitwort Begriffe und Formulierungen, die sich sowohl Sombart als auch Weber zurechnen lassen. Zwischen beiden gab es auch ein hohes Maß an gemeinsamen Überzeugungen, ohne die eine gemeinsame Herausgeberschaft des ‚Archivs‘ kaum möglich gewesen wäre.“ Angesichts der fehlenden Briefe zwischen Weber und Sombart und dem fehlenden Manuskript ist wohl nicht mehr möglich.

Festzuhalten bleibt also: Die seit 1922 bekannten Texte sind nun endlich auch in der MWG ediert worden, ergänzt um kluge und informative Hinweise. Neu ist die Aufnahme einiger Texte, die bislang nicht in den bisherigen Fassungen der WL zu finden waren. Erneut ergeht der Appell, dass ab nun alle Weber-Experten – und auch jene, die sich dafür halten – sich intensiv über Max Webers Texte zu methodologischen Fragen beugen und miteinander über unterschiedliche Lesarten streiten mögen. Aber sie sollten sich ab nun auf beide Bände aus der MWG beziehen und nicht immer wieder auf die älteren Ausgaben der WL oder gar aus Textsammlungen. An den Kontroversen wird sich dadurch nichts ändern, aber vielleicht an der Abstimmung, auf welche Stelle in welchem Text man sich genau bezieht. Das würde schon helfen und wäre eines der Verdienste der MWG.

Ein Mammut-Unternehmen kommt an sein Ende

Wer verstehen will, warum der unmittelbar bevorstehende Abschluss der Arbeiten an der der „Max Weber-Gesamtausgabe (MWG)“ ein Datum nicht nur der Weber-Forschung ist, muss diesen in den Kontext der seit Jahrzehnten parallel laufenden Editionsarbeiten der „Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA)“ stellen. Es ist, als ob zwei deutsche Meisterdenker – Marx und Weber – wie in einem Wettlauf miteinander gerungen haben: Mal war der eine vorn, dann wieder der andere. Und beide zogen einander nach, sogar ihre Gesammelten Werke scheinen in der Art kommunizierender Röhren miteinander verbunden zu sein. Beide sind blau, dick und sehr teuer. Wenn sie nebeneinander stehen, kann man sie leicht verwechseln. Die einen erscheinen im Berliner Akademie Verlag, die anderen im Tübinger Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck). Ihre getrennten Produktionsstätten haben seit einigen Jahren ein gemeinsames Dach: Die „Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften“ führt sie unter den „Vorhabennummern“ II.B.16-1-3 und II.B.26-1/-2.

Die Rede ist von einem nicht nur wissenschaftspolitisch spannenden Kapitel deutsch-deutscher Geschichte (vgl. Kaesler 2008). Beide Gesamtausgaben spiegeln die mäandernde Geschichte des 20. Jahrhunderts wider. Beide monumentalisieren die Gedankenprodukte zweier Denker. Nicht zuletzt durch seine politische Instrumentalisierung überschattete Marx für lange Zeit die Bedeutung des nachgeborenen Weber. Spätestens seit dem Fall der Mauer hat Weber jedoch international reputationsmäßig stark aufgeholt, während das Werk des Älteren nur dadurch gerettet werden konnte, dass es historisiert und entideologisiert wird.

Zur Geschichte der MEGA

Das ursprüngliche Projekt einer historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe geht auf David Borisovic Rjazanov zurück. Dieser russische Gelehrte begann in den 1920er-Jahren in Moskau mit der Edition einer auf 42 Bände angelegten Ausgabe, von der zwischen 1927 und 1941 jedoch nur zwölf Bände erschienen sind. Der eskalierende stalinistische Terror der „Säuberungen“, dem neben Rjazanov, der im Jahr 1931 verhaftet und sieben Jahre später erschossen wurde, mehrere russische Editoren zum Opfer fielen, setzten diesem Unternehmen ein erstes Ende. Erst nach Stalins Tod konnte das Projekt in Moskau und Berlin wieder aufgegriffen werden. Es dauerte jedoch bis in die 1960er-Jahre, bis das Konzept für eine „zweite“ MEGA, die den literarischen Nachlass von Marx und Engels vollständig und originalgetreu darbietet, gegen den Widerstand hoher Parteiinstanzen, denen eine historisch-kritische Gesamtausgabe suspekt war, durchgesetzt werden konnte.

Das Internationale Institut für Sozialgeschichte (IISG), mit Sitz in Amsterdam, unterstützte das Projekt, da der Charakter der Edition als historisch-kritische Gesamtausgabe garantiert wurde. Zwei Drittel der für eine solche Gesamtausgabe unentbehrlichen Originalhandschriften befinden sich seit den 1930er-Jahren im Besitz des IISG, ein weiteres Drittel war nach Moskau gelangt und wird heute im Staatlichen Archiv für Sozial- und Politikgeschichte Russlands aufbewahrt.

Von den bis 1990 erschienenen 36 Bänden wurde jeweils ein Drittel am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, Moskau, am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Ost-Berlin, sowie an der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW) und einigen Universitäten und Hochschulen der DDR (Berlin, Erfurt-Mühlhausen, Halle-Wittenberg, Jena und Leipzig) bearbeitet. Da die Edition bald eine Angelegenheit der KPdSU und der SED geworden war, erfolgten Einführung und Kommentierung der Texte nach den ideologischen Grundsätzen des Marxismus-Leninismus.

Als am 3. Oktober 1990 die Teilung Deutschlands durch den Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten BRD und DDR beendet wurde, stellte sich die Frage nach dem weiteren Schicksal der MEGA erneut und grundsätzlicher. Zwar gab es bereits vorher einen breiten internationalen Konsens darüber, dass das Unternehmen weitergeführt werden solle. Dennoch nutzten einige selbsternannte Wortführer des westdeutschen Wissenschaftssystems den historischen Moment, um die Weiterführung des zwischenzeitlich einigermaßen hypertrophierten Unternehmens mit seinen angeblich bis zu 200 Forschenden, die an dem Unternehmen MEGA beschäftigt gewesen sollen, grundsätzlich in Frage zu stellen. Antimarxistische Wortführer wie der Bayreuther Politikwissenschaftler Konrad Löw sahen in Marx und Engels die „Väter des Terrors“, so dass jede Weiterführung der MEGA geradezu als Beihilfe zum Verbrechen gewertet werden musste.

Auch wer nicht so weit gehen wollte, konnte der Meinung sein, dass die MEGA auf dem politischen Schlachtfeld der untergegangenen DDR unvollendet als Ruine stehen bleiben könne. Eine Entscheidung stand an, die insgesamt größer war als die Frage nach einer historisch-kritischen Marx-Engels-Ausgabe.

Nach der Evaluierung durch den Wissenschaftsrat der BRD wurden alle Institute der AdW mit ihren insgesamt 25.000 Mitarbeitern zum 31. Dezember 1991 aufgelöst, darunter auch das Editionsunternehmen der MEGA. Am 1. August 1992 konstituierte sich die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften – vormals Preußische Akademie der Wissenschaften – neu. Wie sollte es nun weitergehen mit dem erneut unterbrochenen Unternehmen? Sollte es überhaupt fortgesetzt werden?

Zur Geschichte der MWG

Während in der DDR seit den 1960er-Jahren mit großem personellem und politischem Einsatz an der MEGA gearbeitet worden war, ergriff zu Beginn der 1970er-Jahre auf der anderen Seite der „Zonengrenze“ eine kleine Zahl westdeutscher Intellektueller die Initiative zu einem Vorhaben, in dem man unschwer ein Parallelunternehmen zu den Entwicklungen jenseits der innerdeutschen Grenze erkennen konnte. Dem ideologischen Tanker der Ostberliner MEGA sollte eine durchaus auch politisch gemeinte Antwort des Westens in Gestalt eines stolzen Segelschulschiffes erteilt werden. Es ging um die Werke Max Webers.

Nach ersten Vorbesprechungen im Herbst 1974 konstituierte sich im Juni 1975 ein „Beauftragter Editorenkreis“ einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Schriften, Briefe und Vorlesungen dieses anderen deutschen Sozialwissenschaftlers. Ihm gehörten ursprünglich an die Soziologen Horst Baier (Konstanz), M. Rainer Lepsius (Heidelberg) und Wolfgang Schluchter (Heidelberg), der Philosoph Hermann Lübbe (Zürich), der Historiker Wolfgang J. Mommsen (Düsseldorf) und der Privatgelehrte Johannes Winckelmann (München). Nach dem Rückzug von Lübbe und dem Tod von Winckelmann (November 1985) verantworteten die Universitätsprofessoren Baier, Lepsius, Mommsen und Schluchter die „Max Weber Gesamtausgabe“ (MWG). Nach dem Tod von Mommsen (August 2004) wurde dessen Schüler Gangolf Hübinger, Professor für Kulturgeschichte der Neuzeit an der Viadrina in Frankfurt an der Oder, in den Herausgeberkreis kooptiert. Heute stehen hinter der Liste der Hauptherausgeber mehr Kreuze (Baier, Lepsius, Mommsen, Winckelmann) als Hinweise auf noch lebende Kollegen (Hübinger und Schluchter).

Mit Hilfe beträchtlicher Forschungsmittel, deren Gesamtvolumen nicht leicht zu beziffern sein dürfte – auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) konnte auf Anfrage keine Angaben machen, wie viel Geld in dieses Vorhaben insgesamt geflossen ist –, und eines beachtlichen Aufwands an personellen und materiellen Anstrengungen an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München und den Arbeitsstellen der Herausgeber sind nun insgesamt 41 Bände erschienen, darunter acht mit zwei Halbbänden, ein Band in fünf Teilbänden und eine Monographie von Wolfgang Schluchter (I/24). Ohne Übertreibung kann sicherlich gesagt werden, dass dieses editionsgeschichtliche Ereignis von „autoritativer, geradezu legislatorischer Bedeutung“ (Wilhelm Hennis) für die internationale Weber-Forschung geworden ist.

Inwieweit auch politische und ideologische Gründe mitgespielt haben, dass eine stattliche Anzahl von Geldquellen für das Unternehmen MWG sprudelten, kann nicht wirklich bewiesen werden. Tatsache ist jedoch, dass das Unternehmen, das vor über 45 Jahren mit der Konstitution des Kreises der Hauptherausgeber begann, durch zahlreiche Institutionen unterstützt und finanziert wurde und (teilweise) weiterhin wird: die DFG, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, den Freistaat Bayern, die (ehemalige) Werner-Reimers-Stiftung, die Fritz Thyssen Stiftung und den Verlag Mohr-Siebeck. Die „betreuende Akademie“ ist die Bayerische Akademie der Wissenschaften; dort wurden die Bände von einer Generalredaktion koordiniert. Die eigentliche Editionsarbeit wurde dezentral an den Arbeitsstellen der Hauptherausgeber geleistet, zudem an den Dienstorten der zahlreichen Bandherausgeber. Die Selbstbeschreibung der MWG machte unmissverständlich deutlich, dass ein politischer Akzent mit diesem Unternehmen von Anfang an verbunden war: „Die Edition der Werke Max Webers (1864-1920) ist weltweit die erste und am weitesten fortgeschrittene historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke eines nichtmarxistischen Soziologen und Kulturwissenschaftlers.“

Nicht zuletzt an den bisherigen Reaktionen auf dieses Editionsunternehmen lässt sich ein Aspekt als besonders augenfällig illustrieren: Weber ist ein „umkämpfter“ Klassiker geblieben, insbesondere innerhalb der Soziologie und ihren Nachbardisziplinen, der Geschichtswissenschaft, der Philosophie und der Politischen Wissenschaft. Neben die Auseinandersetzung zwischen den Disziplinen um die „richtige“ Nutzung des Werks und der Methoden Webers trat der Streit innerhalb und zwischen den verschiedenen nationalen soziologischen Interpretationsgemeinschaften. Es ging und geht bei diesem, oft leidenschaftlichen Ringen zumeist um die eher versteckte Frage, in wessen Händen das Erbe Webers „am besten“ verwaltet wird. Dabei wird sowohl um die Frage nach einer Zugehörigkeit Webers zu innerdisziplinären „Schulen“ gestritten wie auch um Einzelfragen – beispielsweise jene, ob er nun ein tragisch-pessimistischer „Nietzscheaner“ oder ein „Liberaler“ war, der im englischen Vorbild ein Modell für die freiheitliche Entfaltung des bürgerlichen Menschen gesehen hatte.

Wie bereits im April 1964, anlässlich des 100. Geburtsjahrs von Weber, in Heidelberg und nochmals im Juni des gleichen Jahres in München bei der ebenfalls wissenschaftshistorisch bedeutsamen Gedächtnisfeier der Ludwig-Maximilians-Universität sind solche Diskussionen bis heute zumeist auch der Kampf um die beanspruchte Galionsfigur für diverse kultur- und sozialwissenschaftliche Disziplinen geblieben. Gerungen wird in diesem „Streit der Fakultäten“ vor allem zwischen Soziologen, Politikwissenschaftlern, Ökonomen, Historikern, Philosophen um die Frage: Wem „gehört“ Weber, dieser internationale Heilige der deutschen Gelehrsamkeit?

Dessen Werk wirkt seit seinem Tod im Juni 1920 als unerschöpflicher Ideenspender, als inhaltlicher Bezugspunkt und als omnipräsente, sozialwissenschaftlich-intellektuelle Herausforderung für immer neue Generationen von Wissenschaftlern, von den Erstsemestern bis zu prominenten Emeriti. Webers Arbeiten werden nicht nur ständig zitiert, sie werden von jeder wissenschaftlichen Generation immer wieder aufs Neue gelesen. Das „Faszinosum Weber“ bewegt Intellektuelle auf der ganzen Welt.

Neben dieser eigentlichen und bleibenden Bedeutung des Weberschen Werks bekam es jedoch zusätzlich eine eminent politische Symbolwirkung zugeschrieben. Nach der Selbstauflösung der DDR und damit des des Projektendes einer marxistisch-leninistischen Gesellschaftswissenschaft in Deutschland brach auch das Bild von Weber als dem Prototyp des „bürgerlichen Soziologen“ und damit eines geradezu berufsmäßigen Anti-Marxisten in sich zusammen. Die jahrzehntelang weitergegebene Metapher vom bedeutendsten Gesellschaftswissenschaftler, den die deutsche Bourgeoisie hervorgebracht hat, der jedoch als „Anti-Marx“ allenfalls als „negatives Genie“ (Jürgen Kuczynski) stigmatisiert worden war, hatte bereits im Jahr 1989 seinen bestimmenden Wert verloren.

Unter dem Motto der notwendigen „Aneignung unseres gesamten geisteswissenschaftlichen Erbes“ (Helmut Steiner) hatte auch die marxistisch-leninistische Soziologie in der DDR begonnen, sich sehr behutsam mit Person und Werk Webers nicht nur als feindlicher Gegenposition zu befassen. Sowohl ein Kolloquium anlässlich seines 125. Geburtstages in Erfurt, seinem Geburtsort, als auch eine Sammlung von Weber-Diskussionen in der damals einflussreichen Ostberliner „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ sowie die erstmalige Taschenbuch-Publikation von zentralen Texten im Leipziger Reclam Verlag kurz vor dem Fall der Mauer im Jahr 1989 waren Belege für ein Umdenken, demzufolge das Werk Webers „wichtige Anregungen und Denkanstöße [enthält], die kritisch aufzunehmen sich für einen Marxisten lohnt“ (Wolfgang Küttler). Mit dem de-facto-Verschwinden der marxistisch-leninistischen Soziologie in Deutschland jedoch verlor sich auch dieser gerade erst entstandene, möglicherweise alternative Strang einer deutschen Weber-Rezeption.

MEGA und MWG seit der Aufhebung der Teilung Deutschlands

In welchem historischen und aktuellen Verhältnis standen nun die beiden Großunternehmen der MEGA und der MWG seit der Aufhebung der Teilung Deutschlands zueinander? Ob es stimmt oder nicht, als Anekdote ist die möglicherweise entscheidende Weichenstellung für den Fortgang der MEGA so oft wiederholt worden, dass sie auch hier angeführt sei. Angeblich landete die Entscheidung auf dem Schreibtisch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, in dessen Regierungszeit immerhin auch schon eine Gedenkmünze und eine Briefmarke zum 100. Todestag von Marx im Jahr 1983 veröffentlicht worden waren. Nicht so sehr der promovierte Historiker Kohl soll es gewesen sein, der mit grünem Füller an den Rand schrieb „Weiterführen, aber auf kleiner Flamme!“, sondern der Pfälzer Kohl aus Ludwigshafen am Rhein. Karl Marx, so der immer wieder kolportierte Beweggrund, sei immerhin auch „aus der Pfalz“ gekommen. Der kam zwar aus Trier, und das liegt nicht in der historischen Pfalz, sondern in jenem Teil des Rheinlands, das damals zu Preußen gehörte, aber sei’s drum.

Ob es nun tatsächlich die persönliche Intervention des pfälzischen Bundeskanzlers war oder nicht, bereits Ende des Jahres 1989 ergriffen das IISG und das Karl-Marx-Haus Trier der Friedrich-Ebert-Stiftung im Einvernehmen mit den beiden bisherigen Herausgeberinstituten, also dem „Institut für Marxismus-Leninismus“ (IML) beim Zentralkomitee der KPdSU und dem IML beim Zentralkomitee der SED, die Initiative zur Gründung einer Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES), die im Oktober 1990 in Amsterdam realisiert wurde. Im Februar 1992 schloss die Konferenz der deutschen Akademien der Wissenschaften einen Kooperationsvertrag mit der IMES. Auf Empfehlung des Wissenschaftsrates und der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung wurde die MEGA – nicht zuletzt mit Hinweis auf die MWG – nach positiver Begutachtung durch eine internationale Kommission unter dem Vorsitz des Münchener Philosophen Dieter Henrich als Vorhaben der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in das Akademienprogramm des Bundes und der Länder aufgenommen.

Ziel des immer noch beachtlichen Unternehmens ist die vollständige historisch-kritische Ausgabe der Veröffentlichungen, der Handschriften und des Briefwechsels von Karl Marx und Friedrich Engels. Koordiniert wird das internationale Unternehmen MEGA von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften aus, der ursprünglich geplante Umfang von 164 Bänden wurde reduziert auf 114 Bände.

An der Berliner Akademie bearbeiten derzeit acht Wissenschaftler gegenwärtig die noch ausstehenden Bände und besorgen Endredaktion und Satzvorbereitung aller in internationaler Forschungskooperation edierten Bände. Das Unternehmen steht unter der Patronage des HU-Politikwissenschaftlers Herfried Münkler, ihm zugeordnet sind Forscher aus aller Welt. Die seit 1998 im Akademie Verlag erschienenen Bände fanden über die Fachwelt hinaus in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit außerordentliche Resonanz. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ bezeichnete Hans Martin Lohmann die Fortsetzung des Editionsunternehmens als einen überfälligen Akt historischer Gerechtigkeit: „Die MEGA ist im wahrsten Wortsinne ein Säkularunternehmen, und ihr Anfang, ihr Scheitern und ihr Wiederauferstehen spiegeln geradezu paradigmatisch die geschichtlichen Tragödien des 20. Jahrhunderts wider. Wenn sie, wie der Editionsfahrplan vorsieht, um das Jahr 2025 abgeschlossen sein wird, werden es ziemlich exakt hundert Jahre gewesen sein, die nötig waren, um das Werk von Marx und Engels der lesenden Öffentlichkeit originalgetreu, das heißt unzensiert, zu erschließen.“

Die Notwendigkeit des Wegfalls der „Zensur“, das heißt zugleich die „Entpolitisierung“ der Edition, zielte insbesondere auf deren Kommentierung. An die Stelle des früheren, politisch motivierten teleologischen Deutungs- und Editionsimperativs ist nunmehr das Prinzip der konsequenten Historisierung des Werkes getreten. Dies meint eine Kontextualisierung, die das Marxsche Denken im Zusammenhang seiner Zeit und ihres Problem- und Fragehorizontes einordnet. Dabei wird deutlich, dass Marx, unabhängig von der geschichtsprägenden Kraft seines Denkens, einen legitimen Ort in der Wissenschaftsgeschichte mehrerer Disziplinen besitzt: Über die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hinaus wird durch die MEGA der enzyklopädische Ansatz eines Werkes sichtbar, das sich über Philosophie und Soziologie bis hin zur Kulturgeschichte erstreckt. Der Leiter des Berliner MEGA-Unternehmens, der Leipziger Marx-Forscher Manfred Neuhaus, kommentierte: „Durch die gelungene Rekonstitution des MEGA-Projekts als Akademienvorhaben hat Marx nach dem Epochenjahr 1989 seinen Platz im Kreis der großen klassischen Denker gefunden.“

Die MWG hingegen musste nie um ihre Fortsetzung bangen, auch wenn immer wieder kritische Stimmen über die vermeintlich zu opulente und zu langsame Produktion der angekündigten 46 Bände laut wurden. Angesichts der Tatsache, dass so gut wie alles relevante an Weber-Texten bereits mehrfach gedruckt vorliegt und es de facto kaum Originalmanuskripte gibt, wurde immer wieder die Frage gestellt, wieso ein dermaßen aufwendiger Nachdruck vielfach publizierter Texte betrieben wird. So fragte beim Erscheinen des ersten Bandes im Jahr 1984 der Freiburger Weber-Forscher Wilhelm Hennis in der „F.A.Z.“, „wieso die Reproduktion alles dessen, was von Weber zum Druck gebracht wurde […], mit solch perfektionistischem Aufwand betrieben wird“.

Schon damals wurde angemahnt, dass die enorme Kraftanstrengung sich sehr viel mehr auf das bislang noch nicht Bekannte und Veröffentlichte richten sollte, so vor allem auf den gesamten Briefbestand Webers, von dem nun insgesamt zehn Bände vorliegen, die den gesamten Zeitraum 1875 bis 1920 umfassen.

Betrachtet man die bisherige Geschichte der MEGA und der MWG aus gebührender Distanz, so zeigt sich ein geradezu ironisches Muster: Zuerst verhalf die Existenz der MEGA zur Inangriffnahme der MWG als einer westdeutschen und insgesamt westlichen Reaktion auf das ostdeutsche und sowjetische Unternehmen der MEGA. Dann half die Existenz der MWG bei der Weiterführung der (stark abgespeckten) MEGA. Und heute nun stehen die Band-Kolonnen friedlich nebeneinander. Ob damit jedoch mehr als prächtige und opulente Sarkophage in Form blauer Regalwände erzeugt werden, wird sich erst in Jahrzehnten erweisen. Allein die prohibitiven Preise der einzelnen Bände, bei denen selbst Universitätsbibliotheken in die Knie gehen, machen eine nennenswerte Verbreitung eher unwahrscheinlich; auch schon angesichts der Tatsache, dass beide Werke inzwischen nicht nur in vielfältigen Versionen im Web publiziert, sondern auch benutzerfreundlich auf diversen CDs vorrätig sind. Für die spezialisierte internationale wissenschaftliche Forschung zu Marx und Weber jedoch sind beide Unternehmen unverzichtbar. Dass dabei die Erstellung einer digital verfügbaren Fassung eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, bedarf keiner sonderlichen Begründung zu Beginn des 21. Jahrhunderts; nicht zuletzt angesichts des enormen Einsatzes von öffentlichen Geldern!

Vielleicht beginnt eine neue Weber-Konjunktur: aber außerhalb Deutschlands

In der Volksrepublik China scheint derzeit der Kreislauf aufs Neue zu beginnen: Erst war es Marx – der auf Chinesisch Kaer Makesi transkibiert wird –, dessen Heilige Schriften ehrfürchtig gelesen und interpretiert wurden. Dann setzten sich plötzlich Hunderte von chinesischen Sozialwissenschaftlern mit den Schriften Webers – auf Chinesisch Makesi Weibo – auseinander. Aktuell scheint es wieder um Marx und weniger um Weber zu gehen. Es ist, als wenn sie einander nicht loslassen können. Die Fremdenverkehrsämter in Trier und Heidelberg werden sich noch lange freuen dürfen.

Und die Weber-Forscher ebenfalls. Ich selbst habe davon auch schon profitiert. Die erste deutsche Version meines Lehrbuchs über Max Weber erschien im Jahr 1979, bereits zwei Jahre später wurde eine japanische Übersetzung veröffentlicht. Wie ich erst viel später erfuhr, ist der japanische Kollege Hiromichi Morioka, der das Buch übersetzt hatte, ein namhafter Marxist, der seine Übersetzung auch dazu nutzte, einige Kerngedanken seiner materialistischen Geschichtsinterpretation auf diesem Wege zu transportieren. Und was in der im Jahr 2000 erschienenen chinesischen Übersetzung der aktuellen Version meines Buches durch den Pekinger Kollegen Feng Guo steht, die in die Reihe „Repräsentative Deutsche Rechtsliteratur der Gegenwart, Reihe des Rechtskulturellen Hintergrunds“ der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften aufgenommen wurde, weiß ich auch nicht. Vielleicht ist auch dort mehr Marx als Weber drin? Und was in der derzeit laufenden Übersetzung meiner Max Weber-Biographie stehen wird, werden mir hoffentlich chinesische Kollegen mitteilen.

In Deutschland hingegen sehe ich voraus, dass es im Jahr 2020 noch einmal ein gewaltiges Rauschen im Blätterwald der Feuilletons geben wird. Wie es danach weitergehen wird, muss sich erst noch erweisen.

Erwähnte Literatur

Wilhelm Hennis: Max Webers Wissenschaft vom Menschen. Mohr-Siebeck Tübingen 1996, S. 209ff.

Dieter Henrich: Die Einheit der Wissenschaftslehre Max Webers. Mohr-Siebeck Tübingen 1952.

Dirk Kaesler: Zwei Denker aus Deutschland. Eine deutsch-deutsche Editionsgeschichte. – In: Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 36. Jahrgang, Heft 4, Dezember 2008, S. 590-596.

Alexander von Schelting: Max Webers Wissenschaftslehre. Mohr-Siebeck Tübingen 1934.

Friedrich Tenbruck: Abschied von der Wissenschaftslehre.-In: Johannes Weiß, Hrsg.: Max Weber heute. Erträge und Probleme der Forschung. Suhrkamp Frankfurt/M. 1989, S. 90-115.

Gerhard Wagner: Gesellschaftstheorie als politische Theologie? Zur Kritik und Überwindung der Theorien normativer Integration. Duncker & Humblot Berlin 1993. (= Diss. Universität Bielefeld 1991/92)

Gerhard Wagner: Paulette am Strand. Roman zur Einführung in die Soziologie. Velbrück Weilerswist 2008.

Gerhard Wagner, Heinz Zipprian, Hrsg.: Max Webers Wissenschaftslehre. Interpretation und Kritik. Suhrkamp Frankfurt am Main 1994. (stw Bd. 1118)

Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Hrsg. von Marianne Weber. Mohr-Siebeck Tübingen 1922. 2. Aufl. Hrsg. von Johannes Winckelmann 1951. Danach bis 7. Aufl. 1988.

Max Weber: Schriften 1894-1922. Ausgewählt und herausgegeben von Dirk Kaesler. Alfred Kröner Stuttgart 2002.

Johannes Weiß: Max Webers Grundlegung der Soziologie. Saur München 1975.

Johannes Winckelmann: Vorwort des Herausgebers.-In: Max Weber: Methodologische Schriften. Studienausgabe. Fischer Frankfurt/M. 1968.

Titelbild

Max Weber: Max Weber-Gesamtausgabe. Band I/7: Zur Logik und Methodik der Sozialwissenschaften. Schriften 1900-1907 .
Herausgegeben von Gerhard Wagner in Zusammenarbeit mit Claudius Härpfer, Tom Kaden, Kai Müller und Angelika Zahn.
Mohr Siebeck, Tübingen 2018.
XV, 772 Seiten, 414,00 EUR.
ISBN-13: 9783161537769

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