Ein hilfreiches Nachschlagewerk, das auch zum Lesen anregt

Norman Melleins Stellenkommentar zum IV. Buch von Wolframs Parzival

Von Heribert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heribert Hoven

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eigentlich ist es ja eine Banalität. Was als 1000-jährige deutsche Kultur daherkommt, ist keine feste Größe und erst recht nicht in nationalen Dimensionen zu messen, sondern ein Prozess, der europäischen und auch orientalischen Einflüssen unterliegt, von Anfang an bis in die Gegenwart. Das gilt auch und vor allem für die große Epik des Mittelalters. Wer sich mit ihr beschäftigt, muss wissen, dass sie in einem Kontext steht, der unserer Zeit völlig fremd ist, auch, wenn ihr Wirken bis heute zu spüren ist. Es ist daher notwendig, den historischen Rahmen zu rekonstruieren und die Unterschiede für den heutigen Leser kenntlich zu machen.

Dieser Aufgabe widmen sich im Fall von Wolframs Parzival zahlreiche Studien und in besonderer Weise sogenannte Stellenkommentare. Jeder Stellenkommentar ist ein Paradefeld der Philologie, dem allerdings auch etwas von der staubig-trockenen Atmosphäre eines Kasernenhofes anhaftet, ist die Vorgehensweise doch immer die gleiche. Vers für Vers, im Idealfall Wort für Wort, werden kommentiert, je nachdem, was der Kommentator für erläuterungsbedürftig erachtet. Nur für etwa die Hälfte der rund 25.000 Verse des Parzival liegt bislang ein solcher Stellenkommentar vor.

Bereits Wolframs Zeitgenossen hatten mit dem umfangreichen Werk ihre Verständnisschwierigkeiten. So urteilt Gottfried von Straßburg über die Verse des Kollegen und Konkurrenten: „Wir können sie so, wie man sie hört und geschrieben sieht, nicht verstehen.“ Und Norman Mellein, der Autor des hier vorliegenden Stellenkommentars, meint: „Es gibt nahezu keinen Vers im IV. Buch von Wolframs Epos, der nicht einer Kommentierung bedarf.“ Allerdings basiert ein Stellenkommentar, dessen Ursprung in den Erläuterungen zu den Heiligen Schriften der Buchreligionen liegt, in den meisten Fällen – so auch hier – auf einer Fülle von Vorarbeiten, welche andere Philologen und Interpreten geleistet haben. Trotzdem ist die Aufgabe, der sich ein Kommentator gegenübersieht, noch durchaus beachtenswert.

Zunächst einmal konstatiert Mellein in der Einleitung seiner Dissertation, dass „ein gründlich vorgebildeter Benutzerkreis […] in den meisten Fällen nur punktuell auf den Kommentar als weiterführendes Nachschlagewerk zugreifen wird“. Aus Gründen der Übersichtlichkeit teilt er deshalb das IV. Buch in 17 Handlungsabschnitte ein, die jeweils mit einer kurzen Inhaltsangabe beginnen. Sodann werden bis zu fünf Verse des Originals (Lachmann, 6. Auflage) abgedruckt, welche in Anlehnung an die Verfahrensweise der bereits publizierten Stellenkommentare nach folgenden Kategorien – je nach Notwendigkeit und subjektivem Empfinden – analysiert werden:

1. Lexik, Semantik, Grammatik, Syntax und Stilfiguren,

2. spezielle Aspekte mittelalterlicher Kultur,

3. Vergleich mit der Hauptquelle, interne Bezüge und literarische Anspielungen,

4. verschiedene Lesarten und editorische Eingriffe,

5. Deutungsaspekte.

Etwas oberflächlich gesehen kommen auf 40 Verse des Originals rund zehn Seiten Kommentar. Der ist für den Leser dort besonders anregend, wo er auf Kontroversen eingeht, und die sind zahlreich. Da es für den Parzival, wie für die meisten mittelhochdeutschen Texte, noch keine historisch-kritische Ausgabe gibt, sind wir auf die 1833 von Karl Lachmann erstmals editierte Ausgabe angewiesen, die durchaus idealisierende Züge trägt. Umstritten sind daher weiterhin die Urfassung und auch die Frage, ob es eine solche überhaupt gegeben hat.

Problematisch ist ebenso die Ermittlung einer Autorenintention. Hier sind wir auf Schlüsse angewiesen, die auf Evidenz beruhen. Etwa bei der Frage, wie die Zuhörer- beziehungsweise Leserschaft zusammengesetzt war und wie sie reagierte. Teilte sie zum Beispiel unsere Art des Humors? Hierbei und auch bei Wolframs Tendenz, sein Personal zu psychologisieren, greift der Kommentator sehr weitgehend ein in den Bereich der Interpretation, allerdings auch immer mit Hinweisen auf aktuelle Forschungsergebnisse, die sich in 2198 Fußnoten niederschlagen. Häufig finden sich daher Formulierungen nach dem Muster: „Gemeint ist wohl“ oder „Denkbar sind mehrere Übersetzungsmöglichkeiten“.

Als sehr nützlich erweist sich der Kommentar auch bei der Entschlüsselung der nahezu unübersichtlichen Verwandtschaftsbeziehungen der Personen, die zumeist eine Erfindung Wolframs sind und die neben den lokalen Informationen einen wichtigen Baustein des Parzival-Kosmos bilden. Außerdem zeigen sie einmal mehr, wie sehr sich die mittelalterliche Gesellschaft als hierarchisch gegliederter Personenverband verstand, für den sprachliche oder gar nationale Grenzen keine Wesensmerkmale waren. Mellein gelingen viele Einzelbeobachtungen, die Wolframs angeblich dunklen Stil erhellen, die Raffinesse der Dichtung hervorheben und die insgesamt den Rang des Dichters Wolfram verdeutlichen, dessen historische Person ja nur in sehr groben Zügen bekannt ist. Als Beispiel sei Vers 179,22 genannt, der die gewöhnliche Reihenfolge der Wahrnehmung, den Augen/Herz-Topos, umkehrt: „Das Herz zwingt den Augen etwas mit solcher Intensität auf, dass die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit nahezu aufgehoben scheint. […] Wolfram beschreibt hier hingegen, wie etwas Negatives aus dem Herzen (die Sehnsucht) das Sinnenhafte (den Blick auf die Umwelt) verfremdet.“

Überdies erhöht die Versform den poetischen Charakter des Epos, etwa wenn der Name der Königin Condwiramurs metrisch hervorgehoben wird und damit einen ganzen Vers ausfüllt. Dass dadurch zugleich aber auch das Verständnis erschwert wird, verschweigt Mellein nicht, ebenso wenig wie manch weiterhin rätselhafte Textstelle. Etwas kurz kommt der soziopolitische Kontext. Das mag am IV. Buch liegen, in dem die Idealität der Artuswelt beziehungsweise der Gralsgesellschaft keine wesentliche Rolle spielt. Der Kommentar, der an vielen Stellen auch konkurrierende Übersetzungen anbietet, zeigt einmal mehr die Problematik, die mit jeder Übersetzung verbunden ist. Er hilft aber, historische Eigenheiten eines großen Kunstwerkes zu erkennen.

Wer aber jenseits der kleinschrittigen Kommentierung lieber eine inhaltlich geschlossenere Darstellung des gesamten Textkomplexes lesen will, der sei auf Joachim Heinzles gerade erst erschienenes Werk Wolfram von Eschenbach – Dichter der ritterlichen Welt. Leben, Werke, Nachruhm verwiesen.

Mit Sicherheit wird es Mellein ärgern, dass ausgerechnet dort, wo zum ersten Mal der Name des wichtigsten Wolfram-Editors Karl Lachmann genannt wird, der Name gänzlich in „Lachamman“ verdorben ist. Störend und irritierend ist auch, dass es Fehler bei der Wiedergabe des Originaltextes gibt, so etwa „saleden“ statt „saelde“.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

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Norman Mellein: Kommentar zum IV. Buch des „Parzival“ Wolframs von Eschenbach.
Reichert Verlag, Wiesbaden 2019.
430 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN-13: 9783954903467

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Joachim Heinzle: Wolfram von Eschenbach. Dichter der ritterlichen Welt.
Schwabe Verlag, Basel 2019.
334 Seiten, 58,00 EUR.
ISBN-13: 9783796539558

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