Laßt es Euch gut gehen, heult weiter

Der lebhafte Briefwechsel zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf hält Aufschlüsse über die tragischen Auswirkungen der zweiten deutschen Diktatur bereit

Von Volker StrebelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Volker Strebel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ende der 1950er Jahre lernten sich die schriftstellernden Paare Sarah und Rainer Kirsch sowie Christa und Gerhard Wolf in Halle kennen. Christa Wolf (1929-2011) hatte zusammen mit ihrem Ehemann bereits erste Veröffentlichungen vorbereitet, während der 1928 geborene Gerhard Wolf, Lektor beim Mitteldeutschen Verlag in Halle, der Ältester von ihnen, als Essayist und Kritiker in Erscheinung getreten war. In Halle hatte er zudem im Rahmen des Schriftstellerverbandes gewirkt und als Herausgeber Publikationen vorbereitet, in denen Sarah(1935-2013) und Rainer Kirsch(1934-2015) vertreten sein sollten.

Getragen von gegenseitiger Sympathie entspann sich alsbald ein Briefwechsel, gekennzeichnet von heiterem Vertrauen, was nicht zuletzt die verspielten Grußformen zum Ausdruck brachten: „Laßt es Euch gut gehen, heult weiter“ oder „Viele Grüße für die Wölfe von den Kirschen“. 1987, ein Vierteljahrhundert später, waren auch die Grüße von Sarah Kirsch von ihrem inzwischen herausgebildeten Slang herzlicher Schnoddrigkeit geprägt: „Gestern Bäume gepflanzt, alles paletti – Eure Sarah“.

Alle Beteiligten an diesem Briefwechsel hatten in der einen oder anderen Weise die Naziherrschaft noch erlebt, den Weltkrieg oder auch die Vertreibung aus der Heimat nach Kriegsende, in der DDR abgemildert als „Umsiedlung“ bezeichnet. Die beiden Wolfs intensiver noch als die beiden etwas jüngeren Kirschs. Insofern lässt sich in ihrer Korrespondenz der 1960er Jahre ein wenig der Optimismus dieser Nachkriegsgeneration ablesen. Noch wirkte die Aufbaustimmung in der DDR nach, auch wenn die ersten zermürbenden Erfahrungen mit dogmatischen Kulturfunktionären frühe Schatten geworfen hatten.

In den ersten Jahren schickt Sarah Kirsch immer wieder Abschriften ihrer Gedichte an Gerhard Wolf, um sich dessen kritischen Rat einzuholen. Dieser nimmt sich wiederholt viel Zeit zur Analyse und spätestens 1967 lobt er Sarah, „wie Du plötzlich(…)für Dich Deinen Ton gefunden hast, und nun in ihm fortlebst, spielst, liebst, traurig bist oder nicht(…)“. Das war lange vor der berüchtigten Formel des „Sarah-Sound“, welche der Dramatiker Peter Hacks über Sarah Kirschs Dichtung in Umlauf gesetzt hatte.

Dabei waren vor allem für Sarah Kirsch jene Jahre auch in privater Hinsicht nicht einfach. Die Ehe mit Rainer Kirsch wurde im August 1968 geschieden, es folgte eine äußerst komplizierte Beziehung mit dem Schriftsteller Karl Mickel(1935-2000) und im März 1969 wurde ihr Sohn Moritz geboren. Vor allem Christa Wolf schildert Sarah Kirsch in intensiven Briefen ihr völlig verfahrenes Verhältnis zu Karl Mickel, schüttet ihr Herz aus und denkt in unnachahmlicher Weise über Liebe und Vertrauen nach. Einig sind sich die Briefpartner, neben der Ermutigung zu literarischen Plänen und Büchern, die in der DDR zum Teil erst nach jahrelanger Verzögerung erscheinen konnten, zudem in ihrer Einschätzung, was die Engstirnigkeit der politischen Verhältnisse betrifft.

Als im November 1976 der kritische Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert worden war, hatten namhafte Schriftsteller und Künstler der DDR dagegen protestiert. Für viele von ihnen wurden die Bedingungen im Lande daraufhin immer unerträglicher. Als auch Sarah Kirsch am 28. August 1977 von Ost nach West übersiedelte, hatte die Korrespondenz mit „den Wölfen“ diesen Ortswechsel dennoch überstanden, wenngleich sich bald erste Haarrisse in der gegenseitigen Wahrnehmung einstellen sollten. Aufgrund diesbezüglich angedeuteter Sorgen von Christa Wolf bestand Sarah Kirsch darauf, sich auch im Westen nicht „verändert“ zu haben. Sie lässt es sich nicht nehmen, klar anzudeuten: „Der Fühmann sagt so etwas nie“. Eine schleichende Entfremdung klingt im Zuge der Friedensbewegung der 1980er Jahre an, als sich Sarah Kirsch über die Unterschriften der beiden Wolfs wunderte, die sich im Mai 1983 unter dem offiziösen Aufruf „Autoren und Verleger der DDR zur Friedensförderung“ in der Parteizeitung Neues Deutschland fanden. Ausdiskutiert wurde das allerdings nicht, stattdessen schickte man sich Urlaubgrüße, teilte sich Neuigkeiten über Kinder oder Enkelkinder mit, berichtete von Lesereisen oder Krankheiten.

Mit dem Amtsantritt von Michail Gorbatschow im März 1985 setzte sich in der Sowjetunion ein Prozess der Umgestaltung in Gang, der für die DDR und ihrer Kulturpolitik Auswirkungen zeitigte und sich nicht zuletzt auch in der gemeinsamen Korrespondenz niederschlug. Die Dramatik jener Ereignisse, die letztlich zur Beendigung des Ost-West-Konfliktes führen sollte, hatte ihren Lauf genommen. Zugleich begannen sich die unterschiedlichen Perspektiven der Briefschreiber herauszuschälen. Während im späten Herbst 1989 in Mitteleuropa im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlose Freude über die erlangte Freiheit herrscht, senden Christa und Gerhard Wolf Mitte Dezember 1989 „einen kleinen Jahres-End-Gruß aus finsterer werdenden Zeiten“. Während im Nachbarland ČSSR wenige Tage später der Dramatiker Václav Havel zum Staatspräsident gewählt wird, sehen die Wolfs dem kommenden Jahr eher sauertöpfisch entgegen: „Mal sehn, was wird. Noch nationalistischer, noch intelligenzfeindlicher…“.

Vorausgegangen war Christa Wolfs Aufruf „Für unser Land“, in welchem sie am 28. November 1989 zur Reformierung und Bewahrung der DDR aufgerufen hatte, ganz im Gegensatz zum zeitgleich veröffentlichten „Zehn Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“ von Bundeskanzler Helmut Kohl. Im Unterschied zu Helmut Kohl hatte sie jedoch die Zeichen der Zeit in ihrem Land nicht erkannt.

Folgerichtig wunderte sich Christa Wolf im März 1990 aufrichtig über die Ergebnisse der ersten freien Wahl der Volkskammer nach dem Fall der Mauer: „Die Erde bleibt ja, während das Gemeinwesen schwindet, hinweggewählt von der Mehrheit seiner Bewohner. Sehr merkwürdig.“ Sarah Kirsch versucht, Distanz zur geschichtlichen Dramatik zu halten, indem sie einerseits Christa Wolf bittet, nicht so „depressiv“ zu sein, und andererseits einen perspektivischen Ausweg anbietet: „Die Grenzen gehen ja nicht kreuz sondern quer, das hat gar nix mit Ost und West zu tun“. Nüchtern orientiert sich Sarah Kirsch an der Realität und schreibt im Mai 1990: „Volk willes ja so, Volk is im Recht, denn nur Volk hat gelitten, wer anders ja nicht. Glaube ich wirklich. Isses nich komisch?“

Die intensive Stärke dieser Briefe liegt nicht zuletzt darin begründet, dass hier wie in einem Brennglas die Tragödie der deutsch-deutschen Teilung gebündelt wird. Es liegen somit Einblicke in Verletzungen vor, in enttäuschte Hoffnungen und bei manchen nicht zuletzt in das Unvermögen einzugestehen, einem fundamentalen Irrglauben angehangen zu haben.

Ein sorgfältig recherchierter Fußnotenapparat sowie das kundige Nachwort von Sabine Wolf ergänzen diesen Briefwechsel, der aufgrund der zeitlichen und geschichtlichen Umstände zu einem deutsch-deutschen Dokument geraten ist.

Am Ende war die langjährige Freundschaft zweier bedeutender deutscher Schriftstellerinnen doch noch einer totalitären Gesellschaftsordnung zum Opfer gefallen. Auf tragische Weise hatte das unselige Wirken der Staatssicherheit und ihrer zahlreichen inoffiziellen Mitarbeiter sein Gift noch nach der deutsch-deutschen Vereinigung zur Entfaltung gebracht. Nach einem letzten Brief Sarah Kirschs an Gerhard Wolf vom August 1992, in welchem sie sich dagegen verwahrte, Christa Wolf als Informelle Mitarbeiterin denunziert zu haben, ist keine Antwort mehr überliefert.

Titelbild

Sarah Kirsch / Christa Wolf: »Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt«. Der Briefwechsel.
Herausgegeben von Sabine Wolf unter Mitarbeit von Heiner Wolf.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019.
438 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783518428863

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