Fatale Allianz

Ein vom Verein „Frauen & Geschichte Baden-Württemberg“ herausgegebener Band beleuchtet das unheilvolle Zusammenwirken von Antisemitismus und Antifeminismus

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Arisch ist der Zopf – jüdisch ist der Bubikopf“, wenn nicht gar „Deutsche Mädchen tragen Zöpfe, deutsche Schweine Bubiköpfe“, reimte und hetzte die nationalsozialistische Propaganda vor und nach der Machtergreifung. Damit wurde der Antisemitismus mit dem Antifeminismus verbunden, denn der Bubikopf war ein Merkmal moderner, emanzipierter Frauen. Zwar nicht der Nazi-Hetze, doch dem „Streit um den Bubikopf“ in völkischen Turnverbänden der Zwischenkriegszeit widmet sich ein Aufsatz von Martin Klement. Auch dort gingen Antisemitismus und Antifeminismus Hand in Hand.

Nachzulesen ist Klements Text in dem vom Verein Frauen & Geschichte Baden-Württemberg herausgegebenen Sammelband Antisemitismus – Antifeminismus, dessen Beiträge dem Zusammenwirken beider „Ausgrenzungsstrategien“ über einen weit längeren Zeitraum nachgehen. Denn beide miteinander zu verknüpfen, war keineswegs eine Idee der Nazis. Ihre Ursprünge liegen vielmehr im 19. Jahrhundert.

Zwar bedienten sich nicht alle AntifeministInnen „antisemitischer Stereotype“, doch hegen die AutorInnen den zweifellos begründeten „Verdacht“, „dass Antisemiten in der Regel ebenso im antifeministischen Lager beheimatet sind“. Die beiden menschenfeindlichen Ideologien sind allerdings nicht gleich zu gewichten. Wie die VerfasserInnen der Einführung weiter betonen, „hatte und hat der Antisemitismus eine sehr viel tiefgreifendere Reichweite als Antifeminismus“, und begründen dies mit der „eliminatorischen Ausprägung des Antisemitismus in der deutschen Geschichte“. Dessen einmalige Menschheitsverbrechen begründen zwar die in der Weltgeschichte einzigartige Qualität des mörderischen Antisemitismus, haben aber nichts mit dessen Reichweite zu tun. Vielmehr treiben sowohl Antisemitismus wie auch Antifeminismus ihr Unwesen in aller Herren Länder. Vijin Saša Vukadinović zeigt in seinem Beitrag beispielsweise, dass „sowohl die Feindschaft gegenüber den Juden als auch gegenüber der Frauenemanzipation konstitutiv“ für das Selbstverständnis der ägyptischen Moslembruderschaft war.

Wie in der „Einführung zum Thema“ erklärt, besteht der „Leitgedanke“ des auf eine Tagung im Sommer 2017 zurückgehenden Bandes und seiner neun Beiträge darin, die „Verzahnung von Antisemitismus und Antifeminismus“ vom 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein „näher zu analysieren“. Dabei gehen sie sowohl den „Gemeinsamkeiten und Unterschiede[n]  von Antisemitismus und Antifeminismus“ wie auch den „Interdependenzen der beiden Ideologien“ nach. Zudem beleuchtet Ruth Nattermann den „antifeministischen Antisemitismus in den Schriften der italienischen Aktivistin Elena da Persico“.

Der erste Aufsatz, Karin Stögners Analyse der „Konstellationen von Antisemitismus und Sexismus“, schließt sich unmittelbar an den einführenden Text des herausgebenden Vereins an und wird so mit einem Alleinstellungsmerkmal ausgezeichnet. Denn alle anderen Beiträge sind in drei Rubriken unterteilt: „Frauen als Akteurinnen“, „Antisemitismus und Antifeminismus. Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Verschränkungen“ und drittens „Ausgrenzungsstrategien“. Gerechtfertigt ist diese Hervorhebung durch den grundsätzlichen und umfassenderen Charakter von Stögners Text. Sie befasst sich allerdings nicht speziell mit dem Zusammenwirken von Antisemitismus und Antifeminismus, sondern mit deren „Verschränkung“, „Ineinandergreifen und gegenseitige[m] Verstärken“. Insbesondere einer von Stögners zentralen Befunden ist erhellend. Er besagt, dass Frauen und JüdInnen in den entsprechenden „Phantasmagorien des Kapitalismus“ die Gemeinsamkeit haben, nicht der produktiven Sphäre anzugehören. Die Frauen nicht, weil sie der reproduktiven (Haus-)Arbeitssphäre zugerechnet werden. JüdInnen nicht, weil sie „in erster Linie als Spekulanten und Finanzkapitalisten gesehen werden“. Ihr Beitrag ist insgesamt zwar sehr aufschlussreich. Von der Lebenswirklichkeit Prostituierter weiß die Autorin allerdings wenig, wenn sie meint, „die Sexarbeiterin […] tritt als Subjekt auf, das sich dem unmittelbaren männlichen Zugriff einzieht und den Freier mit Vertragsverhandlungen konfrontiert“.

Susanne Wein wendet sich einem engeren Themenfeld zu und beleuchtet den Antisemitismus und Antifeminismus, mit denen „Parlamentarierinnen jüdischer Herkunft in der Weimarer Republik“ konfrontiert waren, anhand der „Spuren“ einiger dieser Frauen. Sie macht eine „klare Trennung der beiden Ausgrenzungsmuster“ aus.

Andreas Huber geht den verhinderten Karrieren von jüdischen Habilitandinnen an der Universität Wien bis 1938 nach und kommt zu dem Ergebnis, dass das Geschlecht der Frauen „ein weniger verbreitetes Ausschlusskriterium“ war als ihre „jüdische Herkunft“.

Susanne Asche begibt sich am tiefsten in die Vergangenheit zurück und zeichnet in ihrem Beitrag über „Antisemitismus und Antifeminismus in der Romantik“ den um 1800 einsetzenden „Weg vom weiblich geprägten Salon von Jüdinnen zur männlich antisemitisch ausgerichteten Tischgesellschaft“ nach. Zu den Gründern der letzteren zählten Achim von Arnim und Clemens Brentano. Zwar nahmen die Tischgesellschaften weder Frauen noch JüdInnen auf und waren somit ebenso eindeutig antisemitisch wie misogyn. Wie Asche jedoch anmerkt, war der „politische Antisemitismus“ der Zeit allerdings schon allein darum nicht „dezidiert antifeministisch“, weil es in Deutschland keine Frauenbewegung gab.

Das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ganz anders. Anne-Laure Briatte wendet sich dem minoritären Flügel der damals virulenten Frauenbewegung zu und geht der Frage nach „wie die radikale Frauenbewegung […] auf Ausgrenzungen auf Grund der Geschlechter- und Religionszugehörigkeit, also auf Antifeminismus und Antisemitismus reagierte“. So formuliert ist das allerdings etwas ungenau ausgedrückt. Denn Ausschlüsse aufgrund des (weiblichen) Geschlechts sind nicht (nur) antifeministisch, sondern ganz allgemein sexistisch. Zunächst einmal hält die Autorin fest, dass die Frauenrechtlerinnen des radikalen Flügels „religiöse Interessenvertretung“ innerhalb der Frauenbewegung grundsätzlich als reaktionär ablehnten. Sodann wertet sie sämtliche Jahrgänge der von der „Bannerträgerin der radikalen Frauenbewegung“ Minna Cauer herausgegebenen „Ideenzeitschrift“ Die Frauenbewegung aus, bei der es sich um das wichtigste Organ der Radikalen handelte.

Bemerkenswert ist, dass über den „Jüdischen Frauenbund“ in der Zeitschrift weit weniger berichtet wurde als über den „katholischen Frauenbund“ und den „Deutsch-Evangelischen Frauenbund“, die beide oft scharf kritisiert wurden. So etwa wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber dem Frauenwahlrecht und der Abschaffung des § 218. Hingegen „blieb der Jüdische Frauenbund oft unerwähnt, wenn die Rede von der konfessionellen Frauenbewegung war“. Aus einem Bericht über die vierte Delegiertenversammlung des „Jüdischen Frauenbunds“ 1913 spreche hingegen immerhin „Respekt vor der Arbeit“ des Bundes. Auch wurde Antisemitismus, wenn er in der Zeitschrift überhaupt einmal thematisiert wurde, „immer in ein sehr negatives Licht gestellt“. Dass sich die Radikalen kaum mit ihm befassten, erklärt Briatte mit den zahlreichen Fronten, an denen sie ohnedies zu kämpfen hatten. Auch haben sie sich nicht „zusätzlich unbeliebt machen“ wollen, indem sie die „jüdische Sache“ vertraten. Und schließlich, so die Autorin weiter, wollten in der radikalen Frauenbewegung aktive assimilierte Jüdinnen nicht als solche identifiziert werden.

Quasi das Pendant zu Briattes Beitrag liefert Sarah Kleinmann. Sie widmet sich der Frage, wie die Themen „Frauenbewegung, Antisemitismus und Geschlecht in den Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ verhandelt wurden. Wie sie zeigt, spielten die Frauenbewegung und ihre Anliegen dort eine ebenso geringe Rolle wie der Antisemitismus in der Zeitschrift der radikalen Frauenrechtlerinnen. Tatsächlich bildeten sogar ausgesprochen „konservative Gendervorstellungen den Referenzrahmen“ der Politik des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, was sich auch in ihren Mitteilungen niederschlug.

Der Erwähnung wert ist, dass die Autorin einen Vorwurf gegenüber zwei führenden Radikalen, Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, erneuert und sie „antisemitischer Äußerungen“ beschuldigt. Die von den beiden Vegetarierinnen geübte Kritik an der „Schlachtpraxis des Schächtens“ sei „in Teilen antisemitisch“. Zwar ist die Anschuldigung heute nur noch wenig bekannt, neu ist sie allerdings nicht. Vielmehr wurde sie bereits in der Ausgabe vom 18. Dezember 1912 der Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus erhoben. Dort werden, anders als bei Kleinmann, auch längere Passagen aus dem inkriminierten Text der beiden Frauenrechtlerinnen zitiert. Dafür erwähnt Kleinmann einen in den Mitteilungen abgedruckten Leserbrief zu den Vorwürfen und verweist auf zwei Artikel in der Zeitschrift Frauenstimmrecht, in denen Heymann und Clara Heinemann eine Kontroverse zu der Frage der Legitimität der „öffentlichen Äußerung zum Thema“ austragen. In einem polemischen Artikel der Sonderausgabe der Mitteilungen, dem Abwehr-ABC, aus dem die Autorin nun auch zitiert, wird die Anschuldigung 1920 noch einmal wiederholt.

Mit der Frage nach den historischen und ideologischen Verschränkungen von Antisemitismus und Antifeminismus setzen der vorliegende Band und seine oft instruktiven Beiträge ein denkbar relevantes Thema auf die Tagesordnung. Bleibt angesichts des zur Zeit zu verzeichnenden Wiedererstarkens der beiden hasserfüllten Ideologien zu hoffen, dass andere Forschende verschiedener Disziplinen seinem Beispiel folgen und dabei auch gegenwärtige Entwicklungen in den Blick nehmen werden.

Titelbild

Frauen & Geschichte Baden-Württemberg e.V. (Hg.): Antisemitismus – Antifeminismus. Ausgrenzungsstrategien im 19. und 20. Jahrhundert.
Herausgegeben für Frauen & Geschichte Baden-Württemberg e.V. von Liselotte Homering, Sybille Oßwald-Bargende, Mascha Riegl-Schmidt und Ute Scherb.
Ulrike Helmer Verlag, Roßdorf 2019.
238 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783897414389

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