Montaigne

oder Ichsein im Alleinsein

Von Dieter LampingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Lamping

Der Seigneur Michel de Montaigne war 37 Jahre alt, als er 1570 sein Amt als Gerichtsrat in Bordeaux aufgab. Im folgenden Jahr zog er sich auf das Gut seiner Familie in der Dordogne zurück, das ihm sein drei Jahre zuvor verstorbener Vater vermacht hatte. Für den Rückzug aus dem öffentlichen Leben ins private, von der Stadt aufs Land mag Montaigne mehrere Gründe gehabt haben. Er selbst nennt vor allem den einen: fortan nur noch für sich zu leben, nachzudenken, zu lesen und zu schreiben: „Genug für andere gelebt, leben wir wenigstens dieses letzte Endchen des Lebens für uns!“, schreibt er im Essay „Von der Einsamkeit“. Er folgte damit der delphischen Maxime des „Erkenne dich selbst“, die er allerdings auf seine Weise auslegte.

Montaigne tat so, als bliebe ihm nicht mehr viel Zeit. Tatsächlich lebte er noch 21 Jahre – länger, als er im Dienst verbracht hatte. Dass er sich bei seinem Entschluss auf das Alter berief, war Imitatio: So hatte schon Seneca die Aufgabe seiner politischen Ämter begründet, allerdings als Mann von über 60. Bei Montaigne war es neben einer gewissen Amtsmüdigkeit wohl weniger das Alter, das ihn bewog, sich zurückzuziehen. Vielmehr hatte er den Ort dafür gefunden:  den Turm seines Schlosses. „Diese Wohnung der süßen Weltflucht“ nannte er ihn in der Inschrift, die er bei seinem Einzug anbringen ließ. Der Turm ist das einzige, was von dem Château noch einigermaßen unverändert erhalten ist. Im Erdgeschoß war eine Kapelle untergebracht, im ersten Stock das runde Zimmer, in dem der Schlossherr auch starb, im obersten Stock die Bibliothek. Hier schrieb Montaigne an seinen Essais. Die Familie hatte zu diesen Räumen keinen Zutritt.

Wenn Montaigne von Einsamkeit spricht, meint er Allein- und Fürsichsein. Er war kein Eremit. Er verwaltete seine Güter selbst – und beklagte sich, dass er dafür ungeeignet sei –, er hatte Bediente, Familie und Freunde, er hielt sich gern in Paris auf, hatte gelegentlich Umgang mit Herzögen und Königen, unternahm noch große Reisen, und von Zeit zu Zeit ließ er sich wieder auf die Politik ein, nie für lange allerdings. Die Wahl zum Bürgermeister von Bordeaux nahm er zwar an, gab das Amt aber ab, ohne in die Stadt zurückzukehren, als die Pest ausbrach. Heinrich IV., den er zuvor schon beraten hatte, bot ihm an, in seine Dienste zu treten. Montaigne lehnte ab. Regieren und Dienen waren ihm gleich beschwerlich.

„Mein Vorsatz“, heißt es im Essay „Über Bücher“, „ist es, den Rest meines Lebens gemächlich und ohne Mühsale zu verbringen“. Denn: „Das Größte in der Welt ist, sich selbst gehören zu können“. Das verlangt allerdings, auf Karriere zu verzichten, auf Erfolg und Fortkommen und sich wenigstens zeitweise aus der Welt zurückzuziehen. In „Von der Einsamkeit“ heißt es bündig: „Der Hang, der sich am allerwenigsten mit der Einsamkeit verträgt, ist der Ehrgeiz. Der Ruhm und die Ruhe sind Dinge, die nicht unter einem Dache wohnen können“. „Herrschen, Schätzesammeln, Bauen“ galten ihm nur als „Anhängsel und Beiwerke“ des Lebens. Er zog es vor, sich selbst kennenzulernen, ohne dabei von anderen und anderem gestört zu werden. Das machte seine Souveränität als Subjekt aus.

Sich für seinen Rückzug eine „wahre Freistatt“ zu schaffen, schien ihm unerlässlich. Damit war buchstäblich ein Frei-Raum gemeint – ein Raum nur für einen selbst: „Hier müssen wir unser tägliches Gespräch von uns zu uns selbst führen, so abgesondert, daß keine andere Geselligkeit oder fremde Beziehung darin Zutritt finde […]. Unsere Seele kann sich auf sich selbst zurückwenden, sie kann sich selbst Gesellschaft leisten“.

Wie gut Montaigne sich in diesem Dialog mit sich selber kennengelernt hat, belegt sein Buch – in seiner Lebendigkeit, seiner Klugheit und gelegentlichen Weisheit, in seiner literarischen und philosophischen Bildung. „Dieses Buch ist aufrichtig, geneigter Leser“, heißt es in der berühmt gewordenen Vorrede. „Ich will, daß man mich darin in meiner schlichten, natürlichen und gewöhnlichen Art sehe, ohne Gesuchtheit und Geziertheit: denn ich bin es, den ich darstelle“. Wenn Montaigne sich gelegentlich stilisiert, dann macht er sich eher kleiner als größer. Gern gibt er sich als einen durchschnittlichen Menschen aus, der er zweifellos nicht war. 

Von sich selber sprach er, anders als viele Große vor ihm, umstandslos in der ersten Person Singular. Er tat das aber nicht als reuiger Sünder wie Augustinus in den Confessiones. Seine „vornehmste Bitte an Gott“, schreibt er, sei: „er möge mich mit mir selbst und mit den Gütern, die in mir selbst liegen, zufrieden halten“. Montaigne wollte sich erkennen, um sich annehmen zu können: „Es ist eine höchste und gleichsam göttliche Vollendung, seines eigenen Wesens redlich froh werden zu können“.

Das heißt für Montaigne zugleich, auf die richtige Weise, seiner selbst angemessen, zu leben. In dem großen und großartig abschweifenden Essay „Von der Erfahrung“, der sein Buch beschließt, stellt er fest: „Unser großes und herrliches Meisterwerk ist: richtig leben“. Diesem Ziel unterwarf er auch seine Lektüren. Wenn er sich in die Bücher anderer „versenke“, schreibt er, suche er „darin nur die Wissenschaft, die von der Erkenntnis meiner selbst handelt: und die mich lehrt, recht zu leben und recht zu sterben“.

Sich erforschen wollte Montaigne nicht, weil er die eigene Persönlichkeit für großartig gehalten hätte – sondern nur, weil sie eben seine war. Sich selber beschrieb er denn auch ohne Pathos als ein widersprüchliches Wesen, das „nichts Ganzes, Einheitliches und Festes“ sei:

Alle Widersprüche finden sich in mir, je nach Gesichtswinkel und Umständen. Schamhaft und unverschämt; keusch und geil; geschwätzig und schweigsam; tatkräftig und zimperlich; geistreich und blöde; mürrisch und leutselig; lügnerisch und wahrhaftig; kenntnisreich und unwissend, freigebig und geizig und verschwenderisch, von allem finde ich etwas in mir, je nachdem ich mich drehe. 

Er drehte sich oft und sah sich von verschiedenen Seiten an.

Bei den Gegenständen, die er wählte, war ihm wichtig, was er über sie dachte. So schweift er Mal um Mal ab, verliert den Faden, findet ihn wieder, verliert ihn abermals und hört irgendwann auf. „So wie meine Einfälle sich einfinden“, schreibt er, „so staple ich sie auf; zuweilen drängen sie sich zu Haufen, zuweilen schleichen sie im Gänsemarsch. Ich will, daß man meinen natürlichen und gewöhnlichen Gang sehe, so stolpernd er auch ist“. Seine Essays sind deshalb subjektiv in einem starken Sinn: Sie folgen seinen Gedanken. Indem er sie denkt, kommt er zu sich.

Für einen Leser fällt dabei genug ab. Montaigne spricht die unterschiedlichsten Themen an. Manche sind historisch, viele zeitlos wie: Furcht, Tod und Sterben, Freundschaft, Alter, Gewissen, Ruhm, Reue und Eitelkeit. Zwar behauptet er, manchmal „dreist aufs Geratewohl“ über sie zu reden, tatsächlich sind seine Gedanken aber durchdacht. Oft äußert er Zweifel: ein Skeptiker, der sich vorbehält, zu prüfen, was andere denken und meinen, um herauszufinden, ob es für ihn stimmt. Das war durchaus zur Nachahmung gemeint.

Montaignes Prosa ist durch die ihr eigene Stilmischung immer noch frisch, vor allem seine Vergleiche und Metaphern sind ebenso anschaulich wie geistreich und witzig. Bei aller Aufmerksamkeit, die er sich gönnt, ist er ein Meister der Selbstironie, allerdings einer freundlichen Selbstironie. Auch das ist ein Teil seiner Souveränität. Eine Probe davon gibt er gleich im ersten Buch, am Ende des Essays „Vom Müßiggang“:

Als ich mich unlängst in mein Hauswesen zurückzog, fest entschlossen, mich hinfort so viel wie möglich mit nichts mehr abzugeben, als das Wenige, was mir noch an Leben bleibt, in Ruhe und für mich hinzubringen: da meinte ich, ich könnte meinem Geiste mit nichts gefälliger sein, als daß ich ihn in aller Muße sich selbst unterhalten, mit sich selber beschäftigen und verweilen ließe; was ihm, wie ich hoffte, fortan leichter sein würde, da er mit der Zeit schwerfälliger und reifer geworden sei. Aber ich finde:
variam semper dant otia mentem […],
daß er im Gegenteil wie ein entlaufener Hengst sich selber hundertmal mehr Plackereien macht, als er je für andere auf sich nahm; und heckt mir so viele Fabelwesen und phantastische Ungeheuer aus, eins übers andere, ohne alle Ordnung und Zusammenhang, daß ich, um sie in ihrer Verschrobenheit und Wunderlichkeit in aller Ruhe betrachten zu können, über sie Register zu führen begann und hoffe, ihn mit der Zeit dahin zu bringen, daß er sich des Unfugs selber schämen soll.

Das hat sein Geist offensichtlich nicht getan.

Literaturhinweise

Die Essais kann man heute in verschiedenen Ausgaben lesen, übertragen etwa von Johann Joachim Bode oder neuerdings von Hans Stilett. Hier wurden sie nach der zuerst 1953 im Manesse Verlag erschienenen Übersetzung von Herbert Lüthy zitiert.
Eine besondere Ausgabe ist 1992 im Diogenes Verlag erschienen. Sie bietet den Text der ersten deutschen Übertragung, die der Schriftsteller und Physiker Johann Daniel Tietz, als junger Mann, angefertigt hat. Auch Goethe gehörte zu ihren Lesern. Ediert hat sie Winfried Stephan, nach der ersten und bis dahin einzigen Ausgabe von 1753.

Scherenschnitt von Simone Frieling

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