Gott und der Manufactumkatalog

Nora Gomringers „Gottesanbieterin“ zeigt neue Seiten der Lyrikerin

Von Herbert FuchsRSS-Newsfeed neuer Artikel von Herbert Fuchs

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der neue Gedichtband von Nora Gomringer kommt mit seinen silbrig-strahlenden Hochglanzdeckeln im wahrsten Sinn des Wortes spiegelglatt daher. Man kann sich darin tatsächlich sehen, ein wenig verzerrt zwar, aber gut erkennbar. Gedichte, die den Lesern einen Spiegel vorhalten wollen? So weit muss man nicht gehen. Aber verstörend anders als die Gomringer Hochglanztexte der letzten Jahre sind die Gedichte, wenn man anfängt zu blättern und zu lesen, schon. Nur wenige – die gibt es auch – erinnern an den Sprachgestus von Moden (2017) zum Beispiel oder an den der Monster Poems (2013) oder von Morbus (2015) mit verführerisch „schönen“ Verszeilen und Illustrationen, besonders präsent im Sammelband Monster Morbus Moden, die manchmal Litfasssäulen entnommen sein könnten, alles glatt und shiny.

Die Hochglanztexte allerdings öffnen – wie könnte es bei Gomringer anders sein? – Abgründe hinter den oft allzu heilen Fassaden der Menschen und konfrontieren die Leserinnen und Leser mit grotesk-verzerrten Bildern des Alltags. Sie stellen bloß, statt Klischeebilder zu verbreiten, prangern an, statt zu bewundern, sind kritisch, statt Frauen- und Männerbilder einfach zu übernehmen, verunsichern, statt die Leserinnen und Leser zu bestärken, stellen zwischen den Zeilen Fragen, anstatt mit vorschnellen Antworten zu beruhigen.

Die Lyrikerin macht die Unterdrückung der Frau zu einem ihrer wichtigen Themen und kritisiert in Illustrationen und Texten das machohafte Gebaren vieler Männer, zuweilen aber auch die, die sich gegen die Männer nicht genug wehren und zu früh klein beigeben, die Frauen. Auf der Peng Peng Peng-CD rezitiert und singt sie einen Text der großen amerikanischen Lyrikerin Dorothy Parker, der mit provozierenden Zeilen beginnt:

If I had a shiny gun
I could have a world of fun
Speeding bullets through the brains
Of the folks who give me pains.

Gomringer zielt mit ihrer geschliffenen assoziationsreichen, oft bissig-scharfen Sprache auf alles, was sie stört und erschreckt.

Der neue Band, das wurde oben bereits angedeutet, überrascht, weil er Gedichte in das Blickfeld des Publikums rückt, die dieses so sicherlich nicht erwartet hätte: Gedichte voller Ernst und religiöser Überzeugung, ohne Scheu, Gott anzusprechen oder über ihn zu schreiben, mit festen Grundsätzen des Glaubens. Das Missionarische ist ihnen dabei fremd. Im Gegenteil: Das Religiöse kennt kritische Grundtöne und zweifelnde Fragen. Aber die Selbstverständlichkeit in der Behandlung christlicher Themen, der gebethafte Ton mancher Zeilen und die Freimütigkeit, sich zum christlichen Glauben zu bekennen, verblüffen und verstören auch in gewisser Weise. Sie unterlaufen die Erwartungen an Gomringer-Verse entschieden und zwingen dazu, sich neu und anders mit ihren Gedichten auseinanderzusetzen.

Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass religiöse Themen in neuerer Literatur von vielen Autorinnen und Autoren eher gemieden werden. Natürlich gibt es Ausnahmen. Felicitas Hoppe und Sibylle Lewitscharoff gehören zu den etablierten Autorinnen, die sich in ihren literarischen Veröffentlichungen intensiv mit religiösen Problemen befassen. Es verwundert von daher nicht, dass Nora Gomringer gerade mit Felicitas Hoppe gelegentlich zusammenarbeitet und in ihr eine Gleichgesinnte sieht. Außerdem war sie beispielsweise Gastdozentin bei den Wiener Poetikvorlesungen, die seit mehreren Jahren zum Thema Religion und Literatur veranstaltet werden.

Den Titel des Bandes, Gottesanbieterin, kann man wörtlich verstehen: In vielen Versen wird von Gott gesprochen, wird ein Angebot gemacht, sich auf religiöse Zusammenhänge einzulassen. Es ist natürlich kein „Angebot“ in einem streng kirchlichen Sinn. Von Anfang an mischen sich in die religiös gefärbten Zeilen kritische Töne. Diese Ambiguität – hier der Hinweis auf Religion, da Fragezeichen dazu – durchzieht den Gedichtband und gibt ihm eine aufrecht-bekennende und gleichzeitig schillernde, zwiespältige Seite.

Das beginnt bereits mit dem Titelbild: Zwei Gliedmaßen des Insekts Gottesanbeterin reichen von zwei Seiten in das Umschlagbild hinein, so als wollten sie sich berühren, was sie aber nicht können. Die haarigen Insekten-Gliedmaße erinnern an Michelangelos berühmtes Fresko in der Sixtinischen Kapelle in Rom mit dem Titel Die Erschaffung Adams. Es ist, wenn das im Titelbild mitgedacht ist, eine befremdende Assoziation, die beim Lesen der Gedichte im Hinterkopf mitschwingt. Aus Gottvater und Adam werden haarige Insektengliedmaßen und aus dem kleinen Abstand zwischen den Händen im Zentrum des Michelangelo-Gemäldes wird ein unüberbrückbarer Zwischenraum. Das Titelbild allein ironisiert manches im Buch und gibt ihm einen unterschwellig fragenden und zweifelnden Ton.

Wahrscheinlich will Gomringer die Distanz zu religiösen Auffassungen nicht in jedem Fall vermeiden. Das letzte Gedicht des Bandes, das als Schlussgedicht eine prominente Stelle einnimmt, trägt den Titel Applaus, der auf Show und Vorführung verweist. Der Text beginnt mit der Zeile „Ich bin die Christin“, einer Zeile, die auf der Seite siebzehnmal wiederholt wird und so einen starken Akzent setzt. Es sind zum Teil kirchenkritische Bekenntnisse, die das lyrische Ich von sich als „Christin“ macht, aber auch Zeilen, die in ihrem klaren, selbstsicheren Ton aufhorchen lassen: „Ich bin die Christin, / die zu ihrem Gott hält, wenn er sich outet und alles sich wendet.“ – Das Gedicht endet allerdings alles andere als unkritisch: „Ich bin die Christin, / die verzückt bei der Wandlung klatscht, weil die Show so täuschend, perfekt.“ Die Wandlungszeremonie während einer katholischen Messe mit einer Show gleichzusetzen, setzt mehr als nur ein Fragezeichen.

Viele religiös konnotierte Gedichte bestechen durch ihre einfache, aber vollkommene Form und ihren zuversichtlichen Ton. Dazu gehört der Text Des Architekten Zumthor Bruder-Klaus-Kapelle. Sprachkarg wird ein Bild der Kapelle, die auf einem einsamen Feld in der Eifel steht, entworfen. Gerade die seltsame, auffällige Lage verführt dazu, einzutreten und den Raum zu „erleben“. In einprägsamen Versen steht da:

[…] tastet die Hand
raue Wände
teilt sich das Heilige
durch dein Betrachten
deinen Sinnen mit
wirst Teil eines Wandelns
wirst Teil eines Wunderns
wirst, wirst, wirst
weit
über dich hinaus

Die nachhaltige Wirkung eines sakralen Gebäudes auf den Seelenzustand der Besucherin oder des Besuchers kann nicht einfacher und gleichzeitig, weil sprachlich wie selbstverständlich, überzeugender dargestellt werden.

Übrigens besteht der Gedichtband nicht nur aus Texten, sondern wird ergänzt durch Illustrationen von Zara Teller. Nora Gomringer hat in ihren letzten Veröffentlichungen regelmäßig mit Illustratoren oder Musikern zusammengearbeitet. Der Grafiker und Illustrator Reimar Limmer und der Musiker und Jazz-Drummer Philipp Scholz erwiesen sich dabei als kongeniale Partner der Lyrikerin. Diesmal also Zara Teller, eine freischaffende Gestalterin. Mit einfachen geometrischen, meist kugelförmigen oder quadratischen Formen, auf denen immer ein Insekt – die Gottesanbeterin hat offensichtlich eigenwillige visuelle Ideen ausgelöst – zu sehen ist, „antwortet“ sie auf Gomringers Texte. Dazu kommen vor allem im zweiten Teil des Buchs Fotografien, schwarz-weiß-Bilder, leicht verwischt, wie mit einer einfachen Kamera aufgenommen. Nicht immer erschließen sich den Betrachtern enge Zusammenhänge zwischen der sprachlichen Vorlage und dem Foto oder der Illustration. Aber immer ermöglichen Zara Tellers gestalterische Anregungen ein „Weiterlesen“ der Gedichte.

Im Zusammenhang mit dem Zumthor-Text gestaltet Zara Teller ein Quadrat, dessen eine Hälfte von zackigen, bergähnlichen Formen ausgefüllt wird. Ein Käfer erklettert die steilen Seiten dieser Formationen und wird, wenn oben angekommen, eine Öffnung aus dem Quadrat heraus finden. Die Illustration könnte auf Zeilen wie „ist innen das Dunkel“ oder „über dich weit hinaus“ verweisen, auch auf den Schluss. Vielleicht greift die Öffnung oben im Quadrat die letzten Verse des Gedichts auf: Wer die Zumthor-Kapelle auf sich wirken lässt und sich darauf meditierend einlässt, kann neue Perspektiven – „Teil eines Wandelns“ und „Teil eines Wunderns“ – für sich entdecken, neue „Türen“ in andere Lebenssituationen hinein öffnen.

Natürlich ist auch die aus vorausgegangenen Veröffentlichungen vertraute Nora Gomringer zu erleben: die vielseitige Lyrikerin, die mit einmal satirisch-sarkastischer, dann wieder spielerisch-assoziativer Sprache unterhält, angreift, bloßstellt und feministische Haltungen demonstriert. Bereits das erste Gedicht des Bandes rückt ein typisches Gomringer-Motiv in den Vordergrund: das des unzuverlässigen, treulosen Mannes in einer Beziehung. Die Schlusszeilen An die Neue – so der Titel des Texts – sind vielsagend:

Du gehörst jetzt ihm.
Lass ihn das niemals wissen,
denn wisse:
Er vergisst alles.

Wer sich die CD anhört, die dem Buch beiliegt – auch das mittlerweile eine Gepflogenheit bei Gomringer-Veröffentlichungen –, merkt die bissigere Haltung allein am Wechsel der Tonlage. Man erlebt die Lyrikerin als begnadete Rezitatorin: gestikulierend sicherlich, halb redend, halb singend: Sie macht aus einer Lesung eine packende Rezitationsshow.

Der erste Teil des Buches ist mit „Widmung“ überschrieben. Einige der Texte verweisen auf Felicitas Hoppe, Michael Lentz, den Komponisten Arvo Pärt und Eugen Gomringer. Das Gedicht, das mit der Zeile „nach Eugen Gomringer“ schließt, ist besonders interessant. Nora Gomringer greift die Form des berühmten Avenidas-Textes ihres Vaters auf, der die Hauswand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin „schmückte“. Der Text musste von dort entfernt werden, weil Studierende ihn als unerträglich sexistisch interpretierten. Die Aktion löste bundesweit eine große Kontroverse über Freiheit der Kunst aus. Die Mehrzahl derjenigen, die sich mit dem Fall befassten, kritisierte die Haltung der Studierenden heftig. Mittlerweile übrigens steht der Text von Eugen Gomringer wieder auf einer Hauswand nicht allzu weit von der Alice Salomon Hochschule entfernt.

Nora Gomringer ironisiert in ihrem Gedicht das Vorgehen der Studierenden. Sie konnten die Assoziationen zwischen den Wörtern „avenidas“, flores“, „mujeres“ und „un admirador nicht ertragen. In ihrem Text zeigt sie, welche aberwitzige Verbindung zwischen drei Wörtern, eines davon „gott“, hergestellt werden kann, ohne die Grundfesten religiöser Überzeugungen lächerlich zu machen. Sie stellt „gott“, „toast“ und „butter“ in einen überraschenden Zusammenhang, der verschiedene Sichtweisen eröffnet. Etwa: Gott ist auch Teil des Alltags, banaler Verrichtungen, kann aus dem Leben nicht „weggedacht“ werden; oder: Gerade die Zusammenführung von „toast“ und „butter“ mit dem, was im Wort „gott“ mitschwingt, zeigt, dass Gott nicht „klein“ gemacht oder gering erachtet werden sollte. Wie dem auch sei: Die Zeilen verletzen nicht den religiösen Respekt und können nicht als blasphemisch abgetan werden.

Das Schlusswort des Gedichts lautet „manufactumkatalog“. Es spielt auf den berühmten Katalog mit schönen alten Dingen des alltäglichen Lebens an. Gomringer stellt mit dem Schlusswort an jeden die Frage, ob „Gott“ wirklich zwischen Warenhauskatalogen oder Hochglanzseiten von Büchern, so darf man weiterfragen, gut aufgehoben ist. Zara Tellers Illustration dazu zeigt, recht einsichtig, eine Raupe, die aus einem käfigähnlichen weißen Geviert hinausfällt oder hinauskriecht.

Besonders eindrucksvoll in diesem Widmungs-Teil sind zwei andere Gedichte. Eines „erzählt“ in kargen, poetisch eindringlichen Versen den Überfall auf die satirische Zeitung Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 in Paris. Das andere ist ein kurzer Text, der gerade in seiner scheinbaren Einfachheit und lapidaren Sprache, die eine hohe Künstlichkeit besitzt, voller Emotionalität und latenter Traurigkeit, berührt. Er lautet:

Sie aßen und tranken am Teetisch
Am Tische war noch ein Kindersitz.
Mein Liebchen,
da hast du gefehlt!
Du hättest so eindringlich,
mein Schätzchen,
von deiner
Abtreibung erzählt.

In wenigen Verszeilen zwingt Nora Gomringer die Leserinnen und Leser zu einer Selbstbefragung, welche Haltungen sie zu Abtreibungen einnehmen. Dass der Text direkt hinter dem Charlie Hebdo-Gedicht steht, entbehrt nicht einer Brisanz, die Fragen aufwirft: Mord etwa hier wie dort? Oder was ist das eine im Gegensatz zum anderen? Wie sollte man mit Themen wie Abtreibung in der Literatur umgehen?

Die bemerkenswertesten Texte des Buches sind vielleicht die, die das Thema des Verlusts eines geliebten Menschen aufgreifen, die Trauer und die Einsamkeit der Zurückgebliebenen thematisieren und Tod und Sterben überhaupt in das Blickfeld der Leserinnen und Leser rücken. Diesem Komplex ist ein ganzes Kapitel, unübersehbar eingeleitet durch zwei schwarze Seiten, gewidmet. Die Lyrikerin hat diesen Teil – biblische Anklänge sind unüberhörbar – Das Buch Tim genannt. Tim, einem engen Freund Nora Gomringers, der 2019 verstarb, ist auch der gesamte Gedichtband gewidmet.

Die Texte wirken so eindringlich und überzeugend, weil Gomringer es vermeidet, den Ton der Trauer zu „laut“ werden zum lassen, ihn eher hinter alltäglichen Verrichtungen verbirgt oder erst in den Schlusszeilen vernehmbarer werden lässt. So heißt es in einem Gedicht, das davon spricht, wie der Vater die Wohnung des verstorbenen Sohnes leerräumt:

Das Letzte, was der Vater ablöst, nach den Bildern, Leisten,
auch die Birnen schraubt er fassungslos,
ist sein Name von der Klingel dieser Wohnung seines Sohnes.
Eine Hand noch nimmt er voll und wirft das Vogelfutter aus dem Fenster,
kommen Eichhörnchen und fressen diese letzte Hand ihm ab vom Leib.

Und in dem beeindruckendsten Gedicht dieses Teils kommen Zeilen vor wie „ […] seh und les ich dich, so muss ich weinen“ oder

Die [Augen] sehen mich,
die wissen von der Sprache, die ich für dich sprach,
von den Wörtern, aus denen ich das Sprechen löste.
Die sehen auch, wie angefressen, wie wenig ich geworden bin.
Sie sagen: Das Vergessen hat die Zähne eines Haifischs.
Ich tipp dir leise: das Erinnern auch.

Das Erinnern an einen geliebten Menschen als schmerzliche, lebenszehrende Erfahrung: ein verstörendes Bild.

Die Dorothy Parker-Gedichte, die Nora Gomringer 2019 auf einer CD veröffentlicht hat, erinnern in ihrer Aufmüpfigkeit, aber auch tiefen Melancholie an einige Gedichte in Gottesanbieterin. Der neue Band stimmt nachdenklich, ist kritisch und klagt an. Nora Gomringer steht eine breite Palette lyrischer Ausdrucksformen zur Verfügung, die viele Seiten menschlicher Erfahrungen abdecken können: Solche, die sich mit dem Vorgefundenen nicht zufriedengeben, die aus der Enge des Lebens ausbrechen wollen, aber auch solche, die zu einer Haltung innerer Einkehr führen, voller Melancholie, Stille und Nachdenklichkeit. Der spiegelnde Silbereinband des Buchs macht den Leserinnen und Lesern ein Angebot, sich, wenn sie mögen, selbst in den Texten zu suchen und sich vielleicht in dem ein oder anderen Gedicht mit den eigenen Befindlichkeiten zu entdecken.

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Nora Gomringer: Gottesanbieterin.
Verlag Voland & Quist, Berlin 2020.
96 Seiten, mit einer CD, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783863912505

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